John Retcliffe

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Sir John Retcliffe, eigentlich Hermann Ottomar Friedrich Goedsche (* 12. Februar 1815 in Trachenberg, Schlesien; † 8. November 1878 in Bad Warmbrunn), war ein deutscher Schriftsteller. Er benutzte auch das Pseudonym Theodor Armin.

John Retcliffe

Leben[Bearbeiten]

Goedsche wurde als Sohn des Bürgermeisters von Trachenberg geboren und besuchte in Breslau das Gymnasium. Die Abschlussprüfung bestand er als einer der Besten. Da seine Eltern kein Studium finanzieren konnten, wurde er 1833 Postsekretär in Stralkowo. Nach Stationen in Suhl, Bocholt und Düsseldorf kam er 1838 nach Berlin. In diese Zeit fallen auch seine ersten schriftstellerischen Tätigkeiten und seine Heirat.

Goedsche war ein Agent Provocateur für die Preußische Geheimpolizei. Er fälschte Briefe, die als Beweise gegen demokratisch Gesinnte benutzt wurden. 1849 wurde er ertappt mit Fälschungen im Prozess gegen Franz Leo Benedikt Waldeck und musste den Postdienst verlassen.[1]

1848 trat er in die Redaktion der neu gegründeten Neuen Preußischen (Kreuz-)Zeitung ein. Er war ein Anhänger der Konservativen und kämpfte in scharfer Form gegen die Anhänger des Fortschritts. Im selben Jahr wurde er Geschäftsführer des „Vereins für König und Vaterland“, leitete das Pressebüro unter dem Ministerium Brandenburg und gab zugleich den Kalender für den Preußischen Volksverein heraus. Unter den Kollegen in der Schriftleitung der Kreuzzeitung befanden sich so prominente Persönlichkeiten wie Theodor Fontane, Otto von Bismarck und George Hesekiel. 1853 reiste er in die Türkei und berichtete über den Krimkrieg. 1874 beendete Goedsche seine Mitarbeit für die Kreuzzeitung und zog nach Warmbrunn, wo er die Verwaltung des Militärkurhauses übernahm.

Er starb am 8. November 1878 im Alter von 63 Jahren in Warmbrunn.

Wirken[Bearbeiten]

Die "Historisch-politischen Romane aus der Gegenwart" von Sir John Retcliffe sind mit Abenteuern angereicherte Tendenzromane, die das gesamte politische Geschehen seiner Zeit zum Inhalt haben. Literarisch steht er in der Tradition des historischen Romans, wie ihn Walter Scott, Charles Sealsfield und Theodor Mügge pflegten, den er allerdings mit sensationellen Elementen anreicherte und sich dabei von Autoren wie Eugène Sue, Alexandre Dumas dem Älteren und George Hesekiel leiten ließ. Weitere Impulse gaben die Reise- und Kriegsberichte Friedrich Wilhelm Hackländers und Hans Wachenhusens sowie sein Freund Louis Schneider, der ein Fachmann auf dem Gebiet der Diplomatie an Fürsten- und Königshäusern war.

Goedsche stand zum Hof von Friedrich Wilhelm IV. von Preußen in dienstlicher und gesellschaftlicher Beziehung und kannte deshalb zahlreiche Interna. Der Blickwinkel seiner Romane ist durch und durch preußisch. Obwohl er sich ein englisches Pseudonym zugelegt hatte, hegte er eine starke Abneigung gegen England, und seine politischen Ansichten gegen das perfide Albion kommen auch in seinen Romanen deutlich zum Ausdruck. Ebenso nahm er in ihnen Partei gegen Kolonisation und die Unterdrückung von Völkern.

Nach der Jahrhundertwende wurden nur noch bearbeitete Ausgaben seiner Romane publiziert. Ab 1926 erschien im Retcliffe-Verlag, einer Gründung des Karl-May-Verlags, die sogenannte Barthel-Winkler-Ausgabe. Diese Ausgabe ist entsprechend den Gepflogenheiten des damaligen Radebeuler Karl-May-Verlags weitgehend gegenüber dem Original verändert, so dass sie mit diesem nur mehr wenig zu tun hat.

Quelle antisemitischer Verschwörungstheorien[Bearbeiten]

Das Kapitel „Auf dem Judenkirchhof in Prag“ aus seinem Roman Biarritz (1868) bildet die wesentliche Quelle des späteren antisemitischen Pamphlets Die Protokolle der Weisen von Zion. Geschildert werden die Vertreter der Zwölf Stämme Israels bei einer ihrer jährlichen Zusammenkünfte auf dem jüdischen Friedhof in Prag. Sie berichten über die Fortschritte ihres langfristigen Plans, die Weltherrschaft zu errichten. Zu den Methoden, dieses Ziel zu erreichen, zählen der Erwerb von Grundbesitz, die Umwandlung von Handwerkern in Industriearbeiter, die Infiltration in hohe Staatsämter, die Beherrschung der Presse usw. Der Vorsitzende Levit drückt am Ende der Sitzung den Wunsch aus, in 100 Jahren die Könige der Welt zu sein. Diese Rede („Rede des Rabbiners“) wurde später häufig rezipiert und zu einem elementaren Bestandteil der Protokolle. In der Epoche des Dritten Reichs erschien das Judenfriedhof-Kapitel als eigenständiger Text in einer Vielzahl von verschiedenen Ausgaben.

In einem russischen Pamphlet ("Die Juden, Herrscher der Welt", 1873) wird Goedsches fiktionale Beschreibung so wiedergegeben, als hätte sie tatsächlich stattgefunden. In Deutschland gab der völkische Politiker und Publizist Richard Kunze den Roman im Jahr 1919 unter dem Titel Das Geheimnis der jüdischen Weltverschwörung als Tatsachenbericht heraus.[2]

Goedsche griff bei der Erstellung des Kapitels auf eine Szene in der Novelle Joseph Balsamo von Alexandre Dumas der Ältere zurück. In dieser Szene planen Alessandro Cagliostro und andere Verschwörer die Halsbandaffäre.

Literarische Bearbeitungen[Bearbeiten]

Umberto Eco lässt in seinem Roman Der Friedhof in Prag Goedsche als Nebenfigur auftreten. Goedsche agiert in dem Werk als Geheimagent und Plagiator, wird schließlich im Zusammenhang mit einem Erpressungsversuch ermordet.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • (Theodor Armin) Der letzte Wäringer. Historisch politische Novelle aus den letzten Tagen Constantinopels, 1835
  • (Theodor Armin) Burg Frankenstein. Vaterländische Romaneske aus den Zeiten Kaiser Friedrich Barbarossas, 3 Bde., 1836
  • Die Sage vom Ottilien-Stein, 1836
  • Die steinernen Tänzer. Romantische Sage aus Schlesiens Vorzeit, 2 Bde., 1837
  • Nächte. Romantische Skizzen aus dem Leben und der Zeit, 2 Bde., 1838-1839
  • Schlesischer Sagen-, Historien- und Legendenschatz, 1839-1840
  • (Willibald Piersig) Mysterien der Berliner Demokratie, 1848
  • (Anonym) Enthüllungen, 1849
  • Die Russen nach Constantinopel! Ein Beitrag zur orientalischen Frage, 1854
  • Sebastopol. Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart, 4 Bde., 1855-57
  • Nena Sahib, oder: Die Empörung in Indien. Historisch-politischer Roman, 3 Bde., 1858/59 (1963 wurde die ursprüngliche Trilogie in zwei Bänden erneut in der Buchreihe Welt der Abenteuer veröffentlicht)
  • Villafranca, oder: Die Kabinette und die Revolutionen. Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart, 3 Bde., 1860/61
  • Zehn Jahre! (Fortsetzung von Villafranca), 4 Bde., 1861-64
  • Magenta und Solferino (Fortsetzung von Villafranca und Zehn Jahre!), 4 Bde., 1864-66
  • Puebla oder Die Franzosen in Mexiko, 3 Bde., 1865-67 (1964 wurde die ursprüngliche Trilogie in zwei Bänden erneut in der Buchreihe Welt der Abenteuer unter den Titeln Die Abenteurer und Goldfieber veröffentlicht)
  • Biarritz. Historisch-politischer Roman, 8 Bde., 1868-76
    • Auszug: Auf dem Judenkirchhof in Prag. Hg. & Einl. Johann von Leers Steegemann 1933 (aus dem Bd. Die Erhebung.)
  • Um die Weltherrschaft (Fortsetzung von Biarritz), 5 Bde., 1877-79

Literatur[Bearbeiten]

  • Volker Klotz: Abenteuer-Romane. Sue, Dumas, Ferry, Retcliffe, May, Verne. Hanser, München u.a. 1979. ISBN 3-446-12690-2
  • Ralf-Peter Märtin: Wunschpotentiale. Geschichte und Gesellschaft in Abenteuerromanen von Retcliffe, Armand, May. Hain, Königstein/Taunus 1983. (= Literatur in der Geschichte, Geschichte in der Literatur; 10) ISBN 3-445-02302-6
  • Volker Neuhaus: Der zeitgeschichtliche Sensationsroman in Deutschland 1855-1878. "Sir John Retcliffe" und seine Schule. Schmidt, Berlin 1980. ISBN 3-503-01628-7

Quellen[Bearbeiten]

  • Will Eisner: Das Komplott. Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion. Mit einer Einführung von Umberto Eco, DVA, München 2005, 152 S., 124 s/w Abb., Gebunden, ISBN 3-421-05893-8.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Keren, David, Commentary on The Protocols of the Elders of Zion, 10 February 1993. siehe Seite 4 der pdf Datei.
  2. Walter Mohrmann: Antisemitismus : Ideologie und Geschichte im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1972, S. 124f.