Historischer Roman

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Ein historischer Roman ist ein fiktionales Prosawerk, dessen Handlung in einer historischen Zeit spielt und geschichtliche Vorgänge und Personen ohne Anspruch auf wissenschaftliche Richtigkeit in belletristischer Form behandelt.

Allgemeines und Abgrenzung[Bearbeiten]

Der historische Roman kann wie ein anderer Roman nach allgemeinen Kriterien analysiert, interpretiert und bewertet werden: Ist er spannend, werden die Charaktere vertieft, ist die Handlung stimmig? Zusätzlich macht es einen guten historischen Roman aus, wenn die behandelte Epoche nicht nur als Kulisse dient, sondern ihre Eigentümlichkeiten herausgestellt werden.

Wie bei allen Romanen muss der Autor die Milieus kennen, die er beschreibt. Die Recherche kann bei einem historischen Roman sehr aufwendig sein; zusätzlich muss der Autor sich überlegen, wie er den Leser angemessen an die charakteristischen Merkmale der Epoche heranführt. Schwierig ist es vor allem, die Mentalität einer fremden Epoche zu vermitteln. Deshalb sind in historischen Romanen häufig Anachronismen zu beobachten, also aus späteren Zeiten oder der Zeit des Autors stammende Sprechweisen und Verhaltensweisen, selbst Gegenstände, die in der erzählten Zeit nicht möglich oder nicht üblich waren.

Ein historischer Roman kann von fiktiven Personen handeln, die in einer bestimmten Epoche leben, oder von historischen Personen. Im letzteren Fall werden tatsächliche Erlebnisse der Person narrativ aufgearbeitet oder Erlebnisse erfunden. Da Romane den Gesetzen der Erzählkunst folgen und nicht denen der Geschichtswissenschaft, kann ein Schriftsteller dazu neigen, von historischen Fakten stark abzuweichen. Zur Abgrenzung von Gesellschaftsromanen, die häufig in der Vergangenheit angelegt sind (z.B.: Thomas Manns Buddenbrooks, Joseph Roths Radetzkymarsch), liegt der beschriebene Handlungszeitraum in der Regel weit vor dem Leben des Autors und damit außerhalb seiner persönlichen Lebenserfahrung.

Es wird erwartet, dass die behandelte Epoche für den Autor eine wirklich historische Epoche ist, die er nicht selbst miterlebt hat. Daher werden Romane mit zeitgeschichtlichem Hintergrund nicht unbedingt zu den typischen historischen Romanen gerechnet, wie zum Beispiel Sansibar oder der letzte Grund von Alfred Andersch oder Die Blechtrommel von Günter Grass. Die klassischen historischen Romane etwa des 19. Jahrhunderts, wie Der Glöckner von Notre-Dame von Victor Hugo, spielen oftmals im Mittelalter, in diesem Fall, um das Andersartige und Schaurige zu zeigen.

Nicht zu den historischen Romanen zählt man die Fantasy-Romane, die mit Versatzstücken aus dem Mittelalter spielen und oft auch übernatürliche Elemente einführen. Auch die Neubearbeitungen von Sagen und Legenden gehören nicht dazu, ebenso wenig stark schematisierte Genres wie Wild-West- oder Rittergeschichten. Einer von vielen Grenzfällen ist die Romantetralogie Joseph und seine Brüder von Thomas Mann, die um den biblischen Joseph herum angelegt ist.

Populärwissenschaftliche oder feuilletonistische Darstellungen, die sich auf reale Personen und Ereignisse beziehen, sind ebenfalls nicht historische Romane. Beispiele sind die Biografien von Stefan Zweig über Marie Antoinette oder Joseph Fouché. Werden aber Personen und Ereignisse hinzuerfunden (etwa weil die Faktenlage sehr dünn ist), handelt es sich wiederum um Romane, wie die Romanbiografien I, Claudius von Robert Graves und Geliebte Theophanu von Eberhard Horst.

Geschichte (allgemein)[Bearbeiten]

Der historische Roman hat seinen Ausgangspunkt in Deutschland mit der Schriftstellerin Benedikte Naubert (1752–1819). Ihre historischen Romane wurden teilweise auch ins Französische und Englische übersetzt, so dass Walter Scott sie kennenlernte und von ihnen inspiriert wurde. In Romanen wie Ulrich Holzer, Walter von Montbarry und anderen nutzt sie bereits das Prinzip, Nebenpersonen der Geschichte zu Hauptpersonen ihrer Romane zu machen, die von Walter Scott übernommen wurde. Heute ist Benedikte Naubert im Gegensatz zu Walter Scott weitgehend unbekannt.

Die frühen historischen Romane in Europa gehören zu einem allgemeinen Strom, zum romantischen Interesse für die Geschichte, das auch andere Kunstgattungen und auch die Geschichtswissenschaft und Sprachwissenschaft gefördert hat. Das Erscheinen des Glöckners von Notre Dame von Victor Hugo förderte in Frankreich die Bewegung zur Erhaltung des gotischen Kulturguts, was zur Gründung der staatlichen Behörde Monuments historiques führte. Charles Dickens Roman Eine Geschichte aus zwei Städten beschreibt die Französische Revolution aus britischer Perspektive.

Historische Romane haben außerdem in vielen Fällen das Nationalgefühl gefördert. Der Pole Henryk Sienkiewicz, 1905 Literaturnobelpreisträger, beschrieb in seinen Romanen die Konflikte zwischen Polen und dem Deutschritterorden, rebellierenden Kosaken und den Schwedeneinfällen. Die Waverley-Romane von Scott (siehe unten) förderten das Interesse an der Geschichte Schottlands. Eine ähnliche Bedeutung für die norwegische Geschichte erlangte Sigrid Undset mit dem Roman Kristin Lavransdatter, mit dem sie 1928 ebenfalls einen Literaturnobelpreis gewann, sowie Franz Werfel für das armenische Volk mit seinem Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erreichte der historische Roman im deutschen Sprachraum auch die breiten Massen (Unterhaltungsliteratur). In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Genre als Kunstform wieder belebt, u. a. mit Romanen der Autoren Lion Feuchtwanger (z. B. Jud Süß, die Josephus-Trilogie), Leo Perutz (z. B. Die dritte Kugel, Der Marques de Bolibar, Der schwedische Reiter), Heinrich Mann (vor allem Die Jugend des Königs Henri Quatre), sowie Alfred Döblin Wallenstein .

Seit den 60er Jahren ist der historische Roman eines der beliebtesten Genres der postmodernen Literatur. Für diese Spielart wurde der Begriff der historiografischen Metafiktion geprägt.

Sir Walter Scott[Bearbeiten]

Der historische Roman beginnt in der englischen Literatur mit dem schottischen Schriftsteller Sir Walter Scott (1771- 1832). Romane, die vor einem geschichtlichen Hintergrund handeln, gab es bereits vorher; die Personen handelten allerdings entsprechend den Sitten und Normen der Gegenwart der Schriftsteller, so dass man hier nicht von historischen, sondern von Schlüsselromanen o.ä. spricht. Es stellt sich die Frage, warum der Romantyp des historischen Romans erst am Anfang des 19. Jahrhunderts entstand und sofort erfolgreich war – der erste historische Roman Walter Scotts „Waverley“ wurde 1814 veröffentlicht.

Die Kriege, die der Französischen Revolution folgten, die Feldzüge Napoleons und die darauf folgende Restauration hatten großen Teilen der europäischen Bevölkerung den Einfluss von Geschichte auf ihr persönliches Leben vor Augen geführt, und dies in kürzerer Zeit und in größerem Maße als je zuvor.

Die Veränderung der Kriegsführung – Massenheere statt kleine Söldnertruppen – ließ Geschichte zu einem Massenerlebnis werden, verpflichtete die Staaten aber auch, die Ziele der Kriege den kriegsführenden Massen zu kommunizieren, was unter Rückgriff auf die nationale Geschichte und deren Höhen und Tiefen geschah.

Man kann davon ausgehen, dass Walter Scott „Waverley“ nicht geschrieben hat, um diesen Bedürfnissen der Staaten gerecht zu werden. Aber er war sich gewiss des Interesses seiner Leser an dem Thema des "Waverley", dem Jakobitenaufstand 1745/46, bewusst und hat seine Romane absichtlich so gestaltet, dass sie der Vermittlung des historischen Stoffs dienen konnten.

Charakteristika des historischen Romans Walter Scotts[Bearbeiten]

Walter Scotts historischen Roman zeichnen nun einige Besonderheiten aus, die es erst erlauben, von einem eigenen Romantypus zu sprechen. Ziel dieses Romantypus soll eine Verlebendigung der Vergangenheit sein. Die Geschichtsschreiber liefern die Fakten, die der Schriftsteller mit Leben füllt. Im konkreten Fall des „Waverley“, der eine damals noch nicht weit zurückliegende Epoche beschreibt, soll der Held zwischen der Gegenwart der Leser und der Vergangenheit vermitteln. Dieser Held, und hier liegt der große Unterschied zum Epos, ist nun der so genannte „mittlere Held“. Personen, die nicht an der Spitze der Gesellschaft stehen und geschichtliche Ereignisse nicht auslösen, sondern darin verstrickt werden. Der Protagonist ist moralisch einigermaßen gefestigt, opfert sich selbst auf, eine menschliche Leidenschaft, die den Leser mitreißt, entsteht allerdings nie. Scotts Hauptfiguren sind: „…national typische Charaktere, aber nicht im Sinne des zusammenfassenden Höhepunktes, sondern in dem der tüchtigen Durchschnittlichkeit.“

Die historischen Persönlichkeiten sind nur Nebenfiguren, treten aber ihrer Rolle entsprechend in bedeutsamen Situationen auf. Zwischen den Auftritten der historischen Persönlichkeiten ist der Schriftsteller innerhalb der historischen Gegebenheiten relativ frei in der Gestaltung des Lebensweges seiner Protagonisten. Dialoge, die der Verlebendigung der Vergangenheit dienen, nehmen ebenso an Wichtigkeit zu wie die Nebenfiguren, die entlang historischer Konfliktlinien verfeindete Seiten vertreten. Scotts Romane beeinflussten eine ganze Reihe von Autoren:

„Balzac, Hugo, de Vigny und Mérimée in Frankreich, Manzoni in Italien, Puschkin und Tolstoi in Russland, Stifter und Fontane im deutschen Sprachraum. (...) In Nordamerika wurde Coopers Lederstrumpf-Saga zum Resonanzboden für Scott.“ (Lukács)

Die Rezeption Scotts in Frankreich und der romantische historische Roman[Bearbeiten]

Während aber Manzoni, Puschkin und andere der Tradition Scotts folgten, sich teilweise als dessen Schüler ansehen, wurde in Frankreich, und auch in Spanien, das Scottsche Modell eher reflektiert als reproduziert. Georg Lukács spricht sogar von geistigen Kämpfen um den historischen Roman in Frankreich und einer theoretischen Formulierung des romantischen historischen Romans auf einem höheren Niveau als in den anderen europäischen Ländern.

Die Gründe dafür, dass die Debatte über den historischen Roman in Frankreich am intensivsten war, sind in der französischen Geschichte zu suchen. Während in England die größten Teils unblutig verlaufenen Kämpfe um mehr Rechte für die Bürger ein eher optimistisches Verständnis des Ablaufs von Geschichte ermöglichten, waren die Franzosen mit den weniger optimistisch stimmenden Erfahrungen der Revolution, der darauf folgenden „terreur“ und des Aufbaus einer postrevolutionären Gesellschaft konfrontiert. So war die Diskussion um den historischen Roman in Frankreich dann auch im Grunde eine Debatte über die Geschichtsauffassung, kurz gesagt über die Frage, ob die französische Revolution ein „Betriebsunfall“ der Geschichte, oder die logische Folge früherer Entwicklungen war.

Alfred de Vigny[Bearbeiten]

Alfred de Vigny war maßgeblich an dieser Diskussion beteiligt. Sein Geschichtsverständnis äußert sich bereits in dem 1826 veröffentlichten Roman „Cinq-Mars ou une conjuration sous Louis XIII.“, der in der Ära Richelieu spielt. Seine theoretischen Grundlagen hält er dann im Vorwort der vierten Auflage (1829) fest, das Lukács als das bezeichnendste theoretische Manifest der romantischen Richtung im historischen Roman bezeichnet. Vigny lehnt Scott als leicht ab, da hier erfundene Figuren agieren, geschichtliche Figuren nur am Rande vorkommen und nur der Datierung des Zeitraums dienen. Dementsprechend sind die Hauptfiguren seines Romans Kardinal Richelieu, der Gestalter des Absolutismus, und Cinq-Mars, der als Verteidiger feudaler Privilegien auftritt. De Vigny wendet sich also wieder den „Geschichte machenden großen Männern“ dieser Epoche zu. Wichtig sind laut de Vigny nicht die Fakten, sondern deren Fiktionalität. Der Schriftsteller muss die Fakten deuten und ihnen einen Sinn verleihen, ihre moralischen Folgen darstellen, und darf deswegen historische Tatsachen umwandeln. Insofern ist der Schriftsteller auch nicht unbedingt an die reale historische Persönlichkeit beispielsweise Richelieus gebunden, wichtig ist die zu vermittelnde Idee. De Vigny, der sich als Kämpfer für den mittlerweile untergegangenen zweiten Stand sieht und den Absolutismus als Irrweg der Geschichte versteht, der zwangsläufig zur Revolution führen musste, betrachtet die Fakten mit einer „subjektivistischen-moralischen Apriori“, wie Georg Lukács es formuliert.

Das Ziel der romantischen Geschichtsschreibung ist also aus der Reife heraus, die Frankreich erreicht hat, zurückzuschauen und über die Irrtümer der Jugend Rechenschaft abzulegen. Im Unterschied zum Scottschen historischen Roman wird Geschichte nicht nur verlebendigt, sondern gedeutet. Dies geschieht unter Rekurrierung auf die großen Personen der Geschichte. Auch wenn de Vignys Interpretation der französischen Geschichte und seine Wahrnehmung ihrer Jugendirrtümer nicht von allen geteilt wird, ist sein Verständnis des Typus des historischen Romans durchaus verbreitet und wird von anderen Autoren wie z. B. Victor Hugo geteilt.[1]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Vilmar Geppert: Der historische Roman. Geschichte umerzählt – von Walter Scott bis zur Gegenwart. Francke Verlag, Tübingen 2009, ISBN 978-3-7720-8325-9.
  • Kian-Harald Karimi: Die Historie als Vorratskammer der Kostüme. Der zeitgenössische spanische Roman und die Auseinandersetzung mit der Geschichte vor dem Bürgerkrieg. In: Iberoamericana. 1999, Nr. 3–4, S. 5-37.
  • Georg Lukács: Der historische Roman. Berlin 1955
  • Heinz-Joachim Müllenbrock: Der historische Roman des 19. Jahrhunderts. Winter, Heidelberg 1980, ISBN 3-533-02920-4.

Beispiele[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zitate aus: Lukács, Georg: Der historische Roman, Berlin 1955.

Weblinks[Bearbeiten]