Kairos

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Wechseln zu: Navigation, Suche
Kairos auf einem Fresko des manieristischen Malers Salviati

Kairos (griech. καιρός) ist ein religiös-philosophischer Begriff für den günstigen Zeitpunkt einer Entscheidung, dessen ungenütztes Verstreichen nachteilig sein kann.

In der Philosophie ist es der entscheidende Augenblick selbst, in der Religion steht Kairos auch für die Entscheidung zwischen Glauben und Unglauben.

Der Name kommt aus der griechischen Mythologie, wo Kairos der Gott der günstigen Gelegenheit, der besonderen Chance und des rechten Augenblicks ist. Laut dem Dichter Ion von Chios (490–421 v. Chr.) ist Kairos der jüngste Sohn des Zeus.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Beschreibung

Vom Bildhauer Lysippos wird Kairos als blühender Jüngling mit geflügelten Schuhen dargestellt, dem eine Haarlocke in die Stirn fällt, während er am Hinterkopf nur spärliche Anzeichen von Haarwuchs erkennen lässt. Von dieser Statue weiß man, weil der griechische Dichter Poseidippos (3. Jahrhundert v. Chr.) sie in einem Epigramm in Dialogform beschreibt:   „Wer bist du?“   „Kairos, der alles bezwingt.“   „Warum gehst du auf Zehenspitzen?“   „Ich laufe unablässig.“   „Warum hast du Flügel an den Beinen?“   „Ich fliege wie der Wind“ etc.   In Trogir (Kroatien) findet sich im kleinen Museum des Nonnenklosters St. Nikolaus ein Relief (3. Jahrhundert v. Chr.) mit einer Darstellung des Kairos als nackter Jüngling, der offenbar in den Händen eine Waage vor sich her trägt. (Nicht ganz sicher, weil ein Teil abgebrochen ist.) Eine andere Deutung dieses Fragmentes sieht den Jüngling als Wagenlenker eines schnell fahrenden, leichten und einachsigen Pferdewagens. Es wird vermutet, dass dieses Relief der verlorenen Statue des Lysippos nachgebildet ist.

Die Redensart, „die Gelegenheit beim Schopf“ zu packen, wird auf diese Darstellung des Gottes zurückgeführt: Wenn die Gelegenheit vorbei ist, kann man sie am kahlen Hinterkopf nicht mehr fassen. Dementsprechend bezeichnet man in der Psychologie die Angst, Entscheidungen zu fällen, als Kairophobie.

Im Altgriechischen wird im Gegensatz zum Zeitabschnitt chronos der Kairos als der rechte Zeitpunkt erfasst. Beispielsweise wird in den biblischen Texten Kairos für einen von Gott gegebenen Zeitpunkt, eine besondere Chance und Gelegenheit, den Auftrag zu erfüllen, verwendet. Immanuel Wallerstein nimmt diesen Begriff in seinem Buch „Unthinking Social Science“ wieder auf, um eine postmoderne Theorie gesellschaftlichen Wandels zu formulieren.

[Bearbeiten] Literatur

  • Klaus P. Fischer: Heute, wenn ihr Seine Stimme hört. Beiträge zu einer Theologie des Kairós. Passagen, Wien 1998 ISBN 3-85165-299-1

[Bearbeiten] Referenzen

  • Hans-Georg Gadamer: Kairos. Ein Diskurs über die Gunst des Augenblicks und das weise Maß. Radiointerview von Bernd H. Stappert, SWR 1989, Auditorium Netzwerk Original Vorträge, Jokers Hörsaal, auf der CD: Hans-Georg Gadamer: Von der Lust am Dialog. (2008).

[Bearbeiten] Weblinks

Wiktionary Wiktionary: καιρός – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik
Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen