C/1956 R1 (Arend-Roland)

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C/1956 R1 (Arend-Roland)
Comet Arend-Roland 1957.jpg
Eigenschaften des Orbits (Animation)
Epoche: 9. Juli 1957 (JD 2.436.028,5)
Orbittyp hyperbolisch
Numerische Exzentrizität 1,00025
Perihel 0,316 AE
Neigung der Bahnebene 119,9°
Periheldurchgang 8. April 1957
Bahngeschwindigkeit im Perihel 74,9 km/s
Geschichte
Entdecker Sylvain Arend, Georges Roland
Datum der Entdeckung 8. November 1956
Ältere Bezeichnung 1957 III, 1956h
Quelle: Wenn nicht einzeln anders angegeben, stammen die Daten von JPL Small-Body Database Browser. Bitte auch den Hinweis zu Kometenartikeln beachten.

C/1956 R1 (Arend-Roland) war ein Komet, der im Jahr 1957 mit dem bloßen Auge gesehen werden konnte. Er wird aufgrund seiner außerordentlichen Helligkeit zu den „Großen Kometen“ gezählt.

Entdeckung und Beobachtung[Bearbeiten]

Sylvain Arend und Georges Roland vom Königlichen Observatorium in Uccle entdeckten diesen Kometen am 8. November 1956 auf zwei 50-minütigen Aufnahmen eines 40-cm-Astrographen.[1] Sie schätzten die Helligkeit auf 10 mag. Erst am 20. November konnte die Entdeckung durch eine Kontrollaufnahme bestätigt werden. Kurz darauf fand Sigeru Kaho vom Tokyo Astronomical Observatory ein Abbild des Kometen auf einer Photoplatte, die er bereits am 7. November belichtet hatte.

Da sich die Erde auf ihrer Umlaufbahn noch einmal vom Kometen entfernte, nahm seine Helligkeit bis Ende des Jahres und noch bis Mitte Februar 1957 nicht nennenswert zu. Gegen Ende Februar hatte die Helligkeit etwa 7,5 mag erreicht. Am 20. März ging der Komet von der Erde aus gesehen im Abstand von 14° an der Sonne vorbei und erreichte seine südlichste Deklination am 1. April, wodurch er für einige Zeit nur von der Südhalbkugel beobachtbar war. Wenig später bewegte er sich rasch nordwärts und seiner größten Annäherung an die Erde entgegen.

Am 6. April hatte die Helligkeit 3 bis 4 mag erreicht und es hatte sich ein Schweif von 3 bis 5° Länge ausgebildet. Am 10. April wurde der Komet auch mit bloßem Auge gesehen, erreichte am 13. April 1 mag Helligkeit und ging am 16. April von der Erde aus gesehen ein weiteres Mal an der Sonne vorbei, diesmal in 5° Abstand. Wenig später wurde er auch wieder von mehreren Observatorien der Nordhalbkugel beobachtet. Die Helligkeit nahm nun langsam wieder ab, da sich der Komet von der Sonne und ab 20. April auch von der Erde wieder entfernte, aber die Schweiflänge des Kometen nahm weiterhin größere Werte an, die in der zweiten Aprilhälfte 30° erreichten. Am interessantesten war jedoch das Erscheinen eines sonnenwärts gerichteten Schweifs. Dieser Gegenschweif von „speerartiger“ Gestalt erreichte Längen von 10 bis 15°.

In den letzten Apriltagen war die Helligkeit des Kometen auf etwa 3 bis 4 mag gesunken, der Schweif war noch etwa 17° lang und der Gegenschweif war fast verschwunden. Mitte Mai war die Helligkeit bis auf 5 bis 6 mag gefallen und der Schweif war nur noch 1 bis 2° lang. Der Komet konnte bis in das folgende Jahr teleskopisch verfolgt werden. Am 15. Februar 1958 ging er in nur 0,1° Abstand am Polarstern vorbei. Die letzte Beobachtung erfolgte mit einem 102-cm-Reflektor am 11. April bei einer Helligkeit von etwa 21 mag.[2][3]

Der Komet erreichte eine Helligkeit von 1 mag.[4]

Wissenschaftliche Auswertung[Bearbeiten]

Durch die frühzeitige Entdeckung und da sich durch erste Bahnberechnungen gute Beobachtungsbedingungen ab dem Frühjahr 1957 abzeichneten, empfing der Komet bereits im Vorfeld große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und bei den Astronomen. Dieser Komet war wahrscheinlich auch der erste, der von der Antarktis aus beobachtet werden konnte, da sich dort anlässlich des Internationalen Geophysikalischen Jahres mehrere Expeditionen aufhielten.

In Belgien wurde zu Ostern 1957 durch H. de Thier eine Fairchild C-119 der Luftstreitkräfte für die Beobachtung des Kometen eingesetzt. Erst oberhalb 3000 m konnte die Wolkendecke durchstoßen und der Komet beobachtet werden. Am selben Abend wurde ein zweiter 90-minütiger Flug unternommen, an dem neben dem belgischen König Baudouin auch der Mitentdecker Georges Roland teilnahm.[1]

Von dem Kometen konnten zahlreiche Spektrogramme erhalten werden. Sie zeigten „eine extreme Variabilität des Spektrums und eine abnormal erhöhte und variable Intensität der doppelten Natrium-Linie“. Aus der Stärke des durch den Schweif gestreuten Kontinuums konnte eine mittlere Größe der Staubpartikel von 0,5 bis 4 µm und eine Masse des sichtbaren Schweifs in der Größenordnung von 1011 kg abgeschätzt werden.[2] Auch Untersuchungen der Polarisation[5] und der Radiostrahlung des Kometen wurden unternommen.[6]

Umlaufbahn[Bearbeiten]

Für den Kometen konnte 2014 aus etwa 56 Beobachtungsdaten über einen Zeitraum von 15 Monaten eine sehr genaue hyperbolische Umlaufbahn bestimmt werden, die um rund 120° gegen die Ekliptik geneigt ist.[7] Der Komet läuft damit im gegenläufigen Sinn (retrograd) wie die Planeten durch seine Bahn. Im sonnennächsten Punkt der Bahn (Perihel), den der Komet am 8. April durchlaufen hat, befand er sich mit etwa 47,3 Mio. km Sonnenabstand im Bereich innerhalb der Umlaufbahn des Merkur. Bereits am 3. Januar hatte er den Mars in 117,0 Mio. km Abstand und am 22. März die Venus in 69,2 Mio. km Abstand passiert. Am 20. April erreichte er mit 0,57 AE = 85,1 Mio. km die größte Annäherung an die Erde. Zwei Tage später ging er noch in 37,8 Mio. km Abstand am Merkur vorbei.

Der Komet bewegt sich auf einer hyperbolischen, d. h. einer nicht geschlossenen Bahn durch das Sonnensystem. In einer Untersuchung kam Zdenek Sekanina zu dem Ergebnis, dass es sich wahrscheinlich um einen „dynamisch neuen“ Kometen aus der Oortschen Wolke handelte.[8] Vor seiner Annäherung an die Sonne lag die Exzentrizität seiner Bahn bereits bei etwa 1,00004. Durch die Anziehungskraft der Planeten wurde die hyperbolische Gestalt seiner Bahn noch verstärkt, sodass die Exzentrizität nach dem Verlassen des inneren Sonnensystems bei etwa 1,00021 liegt. Der Komet wird somit nicht wieder in das innere Sonnensystem zurückkehren.[9]

Rezeption in den Medien[Bearbeiten]

Über den Kometen wurde weltweit in vielen Zeitungen und Zeitschriften berichtet. In der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ erschien am 4. April 1957 ein ausführlicher Artikel über den Kometen Arend-Roland und über den Stand der Kometenforschung im Allgemeinen.[10] Auch Fernsehsendungen, wie die damals neue Serie der BBCThe Sky at Night“ trugen sehr zur Popularität des Kometen bei.

Max Frisch überarbeitete die ursprüngliche Fassung seines Romans Homo faber vor der Veröffentlichung 1957, um die Erscheinung des Kometen in die Handlung aufzunehmen.

In Belgien wurde am 28. Mai 1966 eine Sondermarke zu 6 Franc zum 10-jährigen Jubiläum der Kometenentdeckung herausgegeben.[11]

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Georges Roland: Les cinq comètes « belges ». In: Ciel et Terre. Vol. 101, 1968, S. 123–128 (PDF; 3,71 MB).
  2. a b Gary W. Kronk: Cometography - A Catalog of Comets. Volume 4: 1933–1959. Cambridge University Press, Cambridge 2009, ISBN 978-0-521-58507-1, S. 508–521.
  3. Michael J. Hendrie: The two bright comets of 1957. In: Journal of the British Astronomical Association. Vol. 106, No. 6, 1996, S. 315–330 (PDF; 836 kB).
  4. P. Moore, R. Rees: Patrick Moore’s Data Book of Astronomy. Cambridge University Press, Cambridge 2011, ISBN 978-0-521-89935-2, S. 271.
  5. M. K. Vainu Bappu, S. D. Sinvhal: Polarization Measures of Comet Arend-Roland (1956h) and Comet Mrkos (1957d). In: Monthly Notices of the Royal Astronomical Society. Vol. 120, No. 2, 1960, S. 152–162 doi:10.1093/mnras/120.2.152.
  6. R. Coutrez, J. Hunaerts, A. Koeckelenbergh: Radio Emission from Comet 1956 h on 600 MC. In: Proceedings of the IRE. Vol. 46, No. 1, 1958, S. 274–279 doi:10.1109/JRPROC.1958.286787.
  7. NASA JPL Small-Body Database Browser: C/1956 R1. Abgerufen am 29. September 2014 (englisch).
  8. Zdenek Sekanina: A Dynamic Investigation of Comet Arend-Roland 1957 III. In: Bulletin of the Astronomical Institute of Czechoslovakia. Vol. 19, No. 6, 1968, S. 343–350 (PDF; 1,04 MB).
  9. SOLEX 11.0 von A. Vitagliano. Abgerufen am 2. Mai 2014 (englisch).
  10. Leo Nitschmann: „Arend Roland“ nähert sich. In: Die Zeit. 4. April 1957, abgerufen am 13. Oktober 2014.
  11. Colnect. Abgerufen am 16. Oktober 2014.