Lienzer Kosakentragödie

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Als Lienzer Kosakentragödie bzw. Tragödie an der Drau werden Vorgänge im Frühling und Sommer 1945 bezeichnet, als militärischen Kosakenverbänden, die nach ihrer Kapitulation vor der britischen Armee bei Lienz in Osttirol lagerten, die Zwangsrepatriierung in die Sowjetunion drohte. Eine unbestimmte Anzahl von Soldaten und von Familienmitgliedern, die im Tross den Kosakenverbänden gefolgt waren und auf neue Siedlungsgebiete im Friaul gehofft hatten, starb durch Selbstmord, erweiterten Selbstmord und Gewaltanwendung durch britische Soldaten.[1]

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Vor dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten]

Im Russischen Bürgerkrieg beteiligte sich ein großer Teil der Kosaken auf der Seite der zaristischen „Weißen“. Unter Lenin (1920) und danach Stalin wurde die Mehrheit der Kosaken daher kollektiv als „Anti-Bolschewiki“ verfolgt. Es gab aber auch Kosaken auf Seiten der Bolschewiken. Es hat viele Kosaken gegeben, die öfter die Seiten gewechselt haben.

Kosaken in der Wehrmacht[Bearbeiten]

Wie während der Revolution fanden sich die Kosaken während des Krieges auf beiden Seiten wieder, wobei ein großer Teil aufgrund ihrer antibolschewistischen Einstellung offene Sympathien für das nationalsozialistische Deutschland hegte, welches sie als Bollwerk gegen Stalin betrachteten. Im Vorrücken der Wehrmacht glaubte man eine Möglichkeit zu erkennen, alte Rechte und Privilegien wieder zu erhalten bzw. die orthodoxe Religion wieder offen zelebrieren zu können. Deshalb bot ein Teil der Kosaken Hitler ihre Dienste an. Dieser schlug zunächst das Angebot aus, betrachtete er sie entsprechend der nationalsozialistischen Rassenideologie doch als „Untermenschen“.

Ein Kosake leistet einen Eid auf Hitler
Kosakeneinheit der Wehrmacht

Die ersten Sicherungs- und Kavallerieformationen der Kosaken, die auf deutscher Seite eingesetzt wurden, entstanden im Herbst 1941 und dienten zunächst der Partisanenbekämpfung. Während der Sommeroffensive der Wehrmacht 1942 billigte Hitler den Einsatz von Kosakenverbänden nicht nur bei der Partisanenbekämpfung, sondern auch an der Front.

Weil Bedenken bestanden, dass die Kosaken möglicherweise gegen ihre Landsleute nicht zuverlässig kämpfen würden, wurden später Kosakeneinheiten insbesondere in Jugoslawien eingesetzt. Die Beweglichkeit der berittenen Kosakenverbände und ihr Kampfesmut bewährten sich bei der Bekämpfung der Titopartisanen. Gleichzeitig kam die 1. Kosaken-Kavallerie-Division im jugoslawischen Aufstandsgebiet durch eine Vielzahl von Plünderungen, Vergewaltigungen und Erschießungen in Verruf.[2]

Umsiedlung[Bearbeiten]

Bedingt durch den Rückzug der Wehrmacht im Osten ab 1943 sahen sich auch die Familien der Kosaken gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Den Kosaken-Stans unter ihren aus der Zarenzeit berühmten Anführern, wie den Atamanen und Generalen Krasnow, Kulakoff, Schkuro, dem Sultan Klytsch, oder Vasilieff und Domanow, wurden neue Siedlungsgebiete in der oberitalienischen Provinz Friaul, in der Gegend von Tolmezzo in Karnien, als ein neues „Kosakia“, von der deutschen Reichsregierung zugewiesen. Im Sommer 1944 wurden in 50 Eisenbahnzügen etwa 35.000 Kosaken aus dem Osten evakuiert und in dieser Gegend angesiedelt. In Tolmezzo residierte ein Stab mit 2.800 Offizieren und 20.000 Soldaten, die zur Partisanenbekämpfung eingesetzt wurden. Auf einem in Virovitica (Kroatien) zusammengerufenen Allkosakenkongress wurde unter dem Vorsitz des Obersten Kononov am 29. März 1945 dort General Helmuth von Pannwitz, Kommandeur des XV. Kosaken-Kavallerie-Korps, zum Obersten Feldataman aller Kosakenheere gewählt und ihm die Funktion übertragen, die seinerzeit nur dem Zarewitsch vorbehalten war.[3]

Unter dem Druck italienischer Partisanenbewegungen und um sich mit den nach Österreich ausweichenden Kosakeneinheiten des Kosaken-Kavallerie-Korps zu vereinigen, flüchteten die Kosaken-Stans in riesigen Trecks mit Pferd und Wagen nach Norden in das Gebiet von Oberkärnten und Osttirol, wo sie vom Zusammenbruch des Deutschen Reichs eingeholt wurden. Gemäß einer Vereinbarung der Alliierten, Kriegsgefangene an ihre Herkunftsländer zu überstellen, wurden die Kosaken von den britischen Truppen an die Sowjetunion ausgeliefert und dort vielfach deportiert und zu Zwangsarbeit verurteilt. General Helmuth von Pannwitz wurde in der Sowjetunion zum Tode verurteilt und am 16. Januar 1947 in Moskau hingerichtet.

Die Kosaken in Lienz[Bearbeiten]

Die bevorstehende Niederlage Deutschlands brachte die Kosaken als Kämpfer auf Seiten Deutschlands in arge Bedrängnis. Stalin betrachtete sie als Nazikollaborateure und Verräter und drohte ihnen mit dem Tod. Um nicht in Gefangenschaft der Roten Armee bzw. der Titoarmee zu gelangen, flüchteten die Kosaken-Stans Anfang Mai 1945 unter dem Kommando von General Domanov über den Plöckenpass, wo sie vom SS-Funktionär Odilo Globocnik empfangen und nach Kötschach-Mauthen geleitet wurden.[4] Die Kosaken gelangten so in das Gebiet von Oberkärnten und Osttirol. In Lienz wurde das Hauptquartier aufgeschlagen und in den Wiesen und Wäldern rund um die Dolomitenstadt lagerten ca. 25.000 Männer, Frauen und Kinder, der Großteil von ihnen bestand aus Angehörigen der Kampfeinheiten. Dazu kamen noch mehr als 5.000 Pferde, die innerhalb kurzer Zeit die Wiesen kahl fraßen. Dies erklärt u.a. die zurückhaltende und angsterfüllte Aufnahme durch die Einheimischen, die sich durch die Anwesenheit der Kosaken oft bedroht fühlten.

Entgegen anderslautenden Zusagen verluden die Briten, nachdem die Kosakenoffiziere bereits einige Tage zuvor durch eine fingierte Konferenz in Spittal an der Drau vom übrigen Stan getrennt worden waren, die Kosaken und Kaukasier gewaltsam auf LKW und Eisenbahnwaggons. Man berief sich auf den Vertrag von Jalta, in dem unter anderem die Rückführung aller Sowjetbürger in die Sowjetunion vereinbart worden war, die sich am Kriegsende in alliierter Gefangenschaft befanden (Zwangsrepatriierung). Die britische Regierung befürchtete, dass Stalin die beim Vormarsch durch die Sowjets befreiten britischen Kriegsgefangenen als Faustpfand zurückbehalten könnte, solange die Kosakeneinheiten nicht repatriiert worden wären. Das Gleiche galt auch für zehntausende von jugoslawischen Bürgern und Soldaten beim Massaker von Bleiburg, die – vor allem in den Reihen der faschistischen kroatischen Ustascha-Verbände – auf deutscher Seite gestanden hatten.

In den Lagern um Lienz und Oberdrauburg spielten sich im Zuge der Auslieferung erschütternde Szenen ab. Mütter sprangen mit ihren Kindern in selbstmörderischer Absicht in die hochwasserführende und eiskalte Drau. Männer erschossen oder erhängten sich. Die Ereignisse gingen als „Tragödie an der Drau“ in die Geschichte ein.

Der Großteil der Kosaken und Kaukasier wurde in Judenburg den sowjetischen Truppen übergeben. Viele überlebten den Sommer 1945 nicht mehr. Andere nahmen sich aus Furcht vor Verfolgung durch die sowjetischen Organe das Leben bzw. töteten ihre Kinder und Verwandten oder überlebten die Transporte in die Gefangenenlager nicht. Offiziere wurden in der Regel nach kurzen Prozessen hingerichtet, General von Pannwitz wurde am 16. Januar 1947 in Moskau mit fünf weiteren Kosakengenerälen und Atamanen hingerichtet. Am 23. April 1996 erfolgte seine Rehabilitierung durch den russischen Generalstaatsanwalt, die jedoch schon am 28. Juni 2001 von der Obersten Militärstaatsanwaltschaft als Fehlurteil wieder rückgängig gemacht wurde. Heute wird vermutet, dass ein weiterer Grund für die Auslieferung der Kosaken die Rückführung der SS-Division „Galizien“ gewesen sein könnte, weil sich Churchill von deren Einsatz im aufkommenden Kalten Krieg Vorteile erwartet hatte.[5]

Spuren und Rezeption[Bearbeiten]

In Lienz erinnern heute der Kosakenfriedhof in der Peggetz und ein Gedenkstein für den General Helmuth von Pannwitz und das XV. Kosakenkavallerie-Korps in Tristach an das damalige tragische Geschehen. Jährlich finden dort Gedenkfeiern der Überlebenden und der Nachkommen statt. Mit einer Andeutung im James-Bond-Film „GoldenEye“ fanden die Ereignisse von Lienz auch Eingang in die Populärkultur: Der Gegenspieler Bonds erklärt sich als Sohn eines Lienzer Kosaken (in der deutschsprachigen Version wird fälschlicherweise von „Linzer Kosaken“ gesprochen).

Während die Auslieferung der Kosaken 1945 eine bedeutende Rolle im rechtsextremen Geschichtsdiskurs (Revisionismus) spielt, wird von anderer Seite kritisiert, dass in der Betonung der Opferrolle bewusst der Aspekt ausgeblendet werde, dass der Kampf der Kosaken an der Seite der deutschen Wehrmacht bedeutete, dass sie sich an Hitlers Vernichtungskrieg beteiligten. Ganz unabhängig von der Frage ihrer ursprünglichen Motivation, da sie aus Sicht Stalins seit der Oktoberrevolution als Feinde des sowjetischen Systems galten und von diesem in ihrer Mehrheit als Anti-Bolschewiki verfolgt wurden. Nach ihrer Darstellung hatten sie keine Wahl, als sich gemeinsam mit den Deutschen gegen Stalin zu wenden, obwohl in Wirklichkeit nur ein sehr kleiner Teil zu den deutschen Truppen überlief, während die überwiegende Mehrheit der Kosaken sich in den Verbänden der Roten Armee der Wehrmacht entgegenstellte.

Literatur[Bearbeiten]

  • Nikolai Tolstoy: Die Verratenen von Jalta: Englands Schuld vor der Geschichte, Langen-Mueller Verlag, ISBN 3-7844-1719-1.
  • Jana Bürgers: Bohdan Chmel’nyc’kyj und der Kosakenmythos in der postsowjetischen Ukraine. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 50 (2002), H. 1. S. 62–86.
  • Andreas Kappeler: Die Kosaken-Aera als zentraler Baustein der Konstruktion einer national-ukrainischen Geschichte: Das Beispiel der Zeitschrift Kievskaja Starina 1882–1891. In: Robert O. Crummey, Holm Sundhaussen, Ricarda Vulpius (Hg.): Russische und Ukrainische Geschichte vom 16.–18. Jahrhundert. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2002 (Forschungen zur osteuropäischen Geschichte, Bd. 58), ISBN 3-447-04480-2, S. 251–262.
  • Stefan Karner: Zur Auslieferung der Kosaken an die Sowjets 1945 in Judenburg, in: Johann Andritsch (Hg.): Judenburg 1945 in Augenzeugenberichten. Judenburger Museumsschriften XII. Judenburg 1994, S. 243–259.
  • Erich Kern: General von Pannwitz und seine Kosaken, Göttingen 1964.
  • James D. Sanders; Mark A. Sauter; R. Cort Kirkwood: Soldiers of Misfortune. The Cold War Betrayal and Sacrifice of American POWs. New York 1994, S. 86 f. und 92 f.
  • Carsten Kumke: Führer und Geführte bei den Saporoger Kosaken. Struktur und Geschichte kosakischer Verbände im polnisch-litauischen Grenzland (1550–1648). Berlin; Wiesbaden: Harrassowitz, 1993 (Forschungen zur osteuropäischen Geschichte; Band 49). ISBN 3-447-03374-6.
  • Susanne Luber: Die Herkunft von Zaporoger Kosaken des 17. Jahrhunderts nach Personennamen. Berlin: Otto Harrassowitz (Wiesbaden), 1983 (Veröffentlichungen der Abteilung für slawische Sprachen und Literaturen des Osteuropa-Instituts an der Freien Universität Berlin, Bd. 56). ISBN 3-447-02381-3.
  • Harald Stadler, Martin Kofler, Karl C. Berger: Flucht in die Hoffnungslosigkeit. Die Kosaken in Osttirol. StudienVerlag, Innsbruck-Wien-Bozen 2005 ISBN 3-7065-4152-1.
  • Harald Stadler, Rolf Steininger, Karl C. Berger (Hrsg.): Die Kosaken im Ersten und Zweiten Weltkrieg. StudienVerlag, Innsbruck-Wien-Bozen 2008 ISBN 978-3-7065-4623-2.
  • Günter Stökl: Die Entstehung des Kosakentums. München, Isar-Verlag 1953 (Veröffentlichungen des Osteuropa-Institutes München, Bd. 3).
  • Andreas Hilger/G.Wagenlehner: Sowjetische Militärtribunale. Böhlau, Köln 2001.
  • Peter Rostankowski: Siedlungsentwicklung und Siedlungsformen in den Ländern der russischen Kosakenheere, Berlin 1969 (Berliner Geographische Abhandlungen. Heft 6).
  • Gertraud Patterer (Prosatext und Lyrik) und Adi Holzer (Collagen, Zeichnungen und Glasskulpturen): Die Kosakentragödie in Kärnten und Osttirol. Verlag Storm Tryk, Dänemark 2007. ISBN 978-87-90170-29-5.
  • Philip Longworth: Die Kosaken. Legende und Geschichte, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1977, ISBN 3-436-02478-3.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lt. Zeitzeugenbericht in Henry Bernhard: Die Lienzer Kosaken. Feature, Gesendet in Ö1 am 30. November 2013, 9:00
  2. Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 5/2: Organisation und Mobilisierung des deutschen Machtbereiches, Stuttgart 1999, ISBN 3-421-06499-7, S. 160
  3. Kriegstagebuch von Erwein Karl Graf Eltz, 1970 Eigenverlag, S. 205
  4. Chronik der Kosaken-Tragödie von Josef Kiniger, in: Osttiroler Heimatblätter, 2001.
  5. Lit.: Sanders et. al, S. 86f. und S. 92f.