Massaker von Bleiburg

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Orte, an denen im Mai und Juni 1945 Massentötungen stattfanden
Gedenkstätte für die Opfer von Bleiburg

Die Massaker von Bleiburg waren eine Serie von Kriegsverbrechen, die 1945 von der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee an kroatischen Truppen des faschistischen Unabhängigen Staates Kroatien (NDH), serbischen und montenegrinischen Tschetniks und an slowenischer Heimwehr verübt wurden, die mit dem nationalsozialistischen Deutschen Reich und faschistischen Italien verbündet waren.

Die Bezeichnung bezieht sich auf den Ort Bleiburg (Kärnten). Die genannten Truppen, die noch nach dem 8./9. Mai 1945 die Kampfhandlungen gegen die jugoslawische Volksbefreiungsarmee fortsetzten, wurden nach ihrer Kapitulation und Entwaffnung ohne jedes Gerichtsverfahren Opfer von Massenerschießungen oder auf „Todesmärsche“ geschickt.[1] Auch Zivilisten und deutsche Kriegsgefangene wurden ermordet. In Slowenien werden diese Ereignisse als „Tragödie von Viktring“, in Kroatien als „Tragödie von Bleiburg“ bezeichnet. In der sozialistischen jugoslawischen Erinnerungskultur waren sie als „Endkesselschlachten“, „abschließende militärische Operationen“ oder „das große Finale in Kärnten“ bekannt.

Die geschlagenen Verbände des Unabhängigen Staates Kroatien hatten versucht, das von alliierten Truppen besetzte Österreich zu erreichen. Kärnten war aber sowohl von britischen Truppen als auch durch die Jugoslawische Volksarmee besetzt, wodurch es dort noch nach Kriegsende zu Gefechten mit Partisanen kam. In Bleiburg kapitulierte die Führung der kroatischen Verbände vor britischen Truppen bedingungslos und musste ihre Auslieferung an die jugoslawische Volksarmee akzeptieren. Mit dem beabsichtigten Rücktransport in Gefangenenlager in Jugoslawien nahm eine Kette von summarischen Hinrichtungen ihren Anfang. Sie wurden weiter südlich auf jugoslawischem Territorium fortgesetzt. Im gleichen Zeitraum wurden Gefangene aus diesen Lagern in Slowenien und Nordkroatien in Märschen in Lager in der Vojvodina getrieben, wo ihnen der Prozess gemacht wurde, der meist mit einer Verurteilung zu Zwangsarbeit endete. Bei diesen „Todesmärschen“ kam es zu einer großen Zahl von Opfern, darunter waren Tausende von deutschen Kriegsgefangenen. Unter den Opfern der Bleiburger Massaker, die mehrere Monate andauerten, befanden sich Angehörige des Staatsapparates des Unabhängigen Staates Kroatien, Einheiten der Slowenischen Landwehr sowie serbische und montenegrinische Tschetniks.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Nach der Besetzung und Aufteilung Jugoslawiens 1941 kam es sowohl zur Kollaboration als auch zum bewaffneten Widerstand. Die Folge war eine starke Polarisierung in der Bevölkerung. Die Politik des „Unabhängigen Staates Kroatien“ sah einen Genozid[2][3][4][5][6] an der serbischen Bevölkerung vor.[7] Juden und Roma wurden ausgelöscht, es kam zu Massakern der Tschetniks an Kroaten, Albanern und Muslimen sowie zu Racheakten von Partisanen an ganzen Bevölkerungsgruppen.[8]

Der Kampf der deutschen und italienischen Besatzungsmächte gegen den bewaffneten jugoslawischen Widerstand wurde mit großer Brutalität geführt. Die jugoslawische Zivilbevölkerung wurde dabei Opfer vieler Kriegsverbrechen. Als Waffen-SS und Kosakenverbände auf dem jugoslawischen Kriegsschauplatz erschienen, wurde die Gewalt gegen die Bevölkerung weiter entgrenzt.[9] In Kroatien kam es zur Kollaboration des Ustascha-Regimes, dessen Ziel ein „ethnisch gesäuberter“ großkroatischer Staat war, mit den Besatzungsmächten. Es stellte den Besatzern einheimische Sicherheitskräfte für die Bekämpfung der Partisanen zur Verfügung. Gefangene Partisanen wurden erschossen, für „Sühnemaßnahmen“ wurden willkürlich völlig unbeteiligte Opfer ausgesucht. Die Regeln der Wehrmachtsverbände schlossen dabei die Tötung von Frauen und Kindern ausdrücklich mit ein.[10]

Parallel zum Kampf unterschiedlicher Widerstandsgruppen gegen die Besatzungstruppen entwickelte sich vor allem im Nordwesten Jugoslawiens ein blutiger Bürgerkrieg zwischen national und politisch verfeindeten Gruppen um die künftige politische Macht in Jugoslawien.[11] Tschetniks strebten als Monarchisten und serbische Nationalisten die Restauration des früheren jugoslawischen Regimes an. Sie kollaborierten auf taktischer Ebene mit den italienischen, aber auch mit deutschen Truppen gegen die kommunistischen Partisanen.[12]

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs begann der Unabhängige Staat Kroatien zu zerfallen. Soldaten der Domobrani wechselten zu den kommunistischen Partisanen über. Die gemäßigten Ustascha-Minister Ante Vokić und Mladen Lorković versuchten, die radikalen Führer der Ustascha-Bewegung von der Spitze zu verdrängen, um mit den Alliierten Verhandlungen über ein unabhängiges Kroatien aufzunehmen. Der Putschversuch wurde jedoch von Ante Pavelić mit deutscher Hilfe im Keim erstickt, die Verschwörer wurden verhaftet und hingerichtet.

Am 6. Mai 1945 konnte die südlich von Zagreb verlaufende „Zvonimir“-Stellung nicht mehr gehalten werden, die kroatischen und die deutschen Verbände mussten sich zurückziehen. Angesichts der drohenden Niederlage versuchten die Streitkräfte, die Ustascha und die Regierung des Unabhängigen Staates Kroatien außer Landes zu kommen, um nicht Titos Volksbefreiungsarmee in die Hände zu fallen. Die Rückzugsbewegung der Wehrmacht und ihrer Hilfstruppen, Kosaken, slowenische Landwehr, Serbisches Freiwilligenkorps sowie der selbständig operierenden Tschetniks geriet zur Flucht. Die kroatischen Streitkräfte, Ustascha-Milizen und die muslimischen Einheiten aus Bosnien und der Herzegowina wurden in Nordkroatien zusammengezogen, um von dort aus durch Slowenien nach Österreich zu marschieren.

Die Kolonne aus Menschen und Fahrzeugen soll insgesamt 45-65 Kilometer lang gewesen sein. Teile der Marschkolonnen erreichten die slowenisch-österreichischen Alpenübergänge nicht, wurden in Kämpfe mit Partisanen verwickelt, lösten sich auf oder gerieten in Gefangenschaft. Die übrigen marschierten über Dravograd (Unterdrauburg) und Prevalje (Prävali) Richtung Kärnten und stießen bei Bleiburg auf britische Verbände, aber auch auf Einheiten der Volksbefreiungsarmee, die in Kärnten eingedrungen waren.

Bereits am 8. Mai 1945 hatten Truppen und Partisaneneinheiten der 4. Jugoslawischen Armee den Südosten Kärntens besetzt und waren in Klagenfurt einmarschiert, wenige Stunden nach der 8. Armee des britischen Feldmarschalls Harold Alexander. Generaloberst Alexander Löhr hatte mit der Heeresgruppe E der Wehrmacht am 10. Mai in der slowenischen Untersteiermark vor der 4. Jugoslawischen Armee kapituliert.

Verlauf der Ereignisse[Bearbeiten]

Kapitulation und Zwangsrepatriierung[Bearbeiten]

Schematische Darstellung der Situation auf dem Loibacher Feld (auch Bleiburger Feld)

In Bleiburg baten die Kommandeure der Truppen des Unabhängigen Staates Kroatien am 14. Mai 1945 einen britischen Brigadekommandeur, General Patrick Scott, um Übernahme in britische Kriegsgefangenschaft und um Asyl für die Flüchtlinge. Scott, der mit einem Kommando der Volksbefreiungsarmee in Verbindung stand, lehnte ab, woraufhin die kroatischen Unterhändler angesichts des militärischen Drucks der Briten und der Volksbefreiungsarmee sich mit einer bedingungslosen Kapitulation abfinden mussten.[13]

In einem britisch-jugoslawischen Militärabkommen vom 19. Mai wurde nicht nur der jugoslawische Truppenabzug aus Kärnten bis zum 21. Mai 1945, 19 Uhr, festgelegt, sondern auch die Auslieferung aller „Yugoslav Nationals“ an Jugoslawien. Einer der beiden jugoslawischen Vertreter versicherte, die Zivilflüchtlinge würden in ihre Herkunftsgebiete zurückgebracht und die Angehörigen der Streitkräfte nach den Bestimmungen des Völkerrechts behandelt. Er kündigte jedoch auch an, dass Offiziere, die Kriegsverbrechen begangen hätten, mit einem Kriegsgerichtsverfahren zu rechnen hätten.

Zuerst wurde der Großteil der Kroaten und Serben der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee übergeben, Ende Mai/Anfang Juni 1945 der Großteil der Slowenen aus dem Lager Viktring bei Klagenfurt. Die Volksarmee trieb die ihr aus britischem Gewahrsam übergebenen Soldaten und Zivilisten hauptsächlich über Dravograd in Richtung Maribor. Auch die Briten beteiligten sich an der Rückführung, im Wesentlichen per Eisenbahn über den Karawankentunnel nach Jesenice oder über Bleiburg und Lavamünd in Richtung Maribor, teils auch über Arnoldstein.

Die Gefangenen wurden an die jugoslawischen Truppen teils noch auf österreichischem Boden, teilweise an der Landesgrenze übergeben. Die britischen Soldaten ließen sie in dem Glauben, sie würden nach Italien gebracht, so dass die Übergaben ohne Widerstand stattfinden konnten. Nach der Übergabe wurden die Gefangenen in Fußmärschen weitergetrieben und in Lager in Slowenien und im nördlichen Kroatien verbracht, die dort im Mai und Juni 1945 in großer Zahl entstanden. In den Lagern wurden sie in unterschiedliche Gruppen aufgeteilt, zwischen Militärangehörigen und Zivilisten getrennt sowie nach Truppenteilen, Dienstgraden und nationaler Zugehörigkeit. Bei den Kroaten wurde vor allem auf die Aufteilung in Domobrani und Ustascha Wert gelegt, was aber wie bei den anderen Aufteilungen nicht immer genau vorgenommen wurde.

Hinrichtungen[Bearbeiten]

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Doppelte Karsthöhle am Zinkkreuz (Dvojno brezno pri Cink križu) im Gottscheer Hornwald, wo Opfer eines Nachkriegsmassakers liegen (Mai und Juni 1945)
Gedenkstätte an der Karsthöhle Jazovka
Vertikale Karsthöhle Jazovka

Rund um das Bleiburger Feld nach der Kapitulation der militärischen Flüchtlingsverbände am 15. Mai 1945 kam es zu zahlreichen Übergriffen und Massakern.[14] Noch in Kärnten kam es außerhalb der Sichtweite der Briten zu zahlreichen Hinrichtungen. Es wurden Einzel- und Sammelgräber gefunden, das größte in Homberg (Holmec) am Grenzübergang mit etwa 200 Toten.[15]

Die Exekutionen auf jugoslawischen Territorium haben Dimensionen, die bis heute nicht überschaubar sind. Von Hinrichtungen auf den Märschen und Transporten gibt es viele Augenzeugenberichte. Auf dem Weg von Bleiburg nach Dravograd (Unterdrauburg) sollen Hunderte getötet worden sein. In Leše (Liescha) wurden rund 800 Tote gefunden – darunter auch in Kärnten verhaftete Österreicher[16] -, bei Slovenj Gradec (Windischgraz) gibt es viele Einzelgräber. In einem Massengrab bei Opicina (Opčine) bei Triest, das damals ebenso wie Kärnten britisches Besatzungsgebiet war, fand man neben deutschen und italienischen Hunderte von kroatischen Opfern.

Eines der wohl größten Massaker ereignete sich in Tezno nahe Maribor. Möglicherweise ganze Truppeneinheiten wurden dort exekutiert und liegen in ausgedehnten ehemaligen Panzergräben begraben. Die vor vielen Jahren begonnenen Ausgrabungen wurden nach den ersten Funden bisher nicht fortgeführt.

Weitere Orte, bei denen Hinrichtungen vermutet werden, sind die ehemaligen Konzentrationslager Tüchern (Teharje) bei Celje (Cilli) und Sterntal (Strnišče, heute Kidričevo) bei Ptuj (Pettau), bei Šentvid nordwestlich von Ljubljana, bei Slovenska Bistrica, bei Škofja Loka und ganz besonders mehrere Karsthöhlen im Berggebiet der Gottschee (Kočevje). Dort wurde im Gottscheer Hornwald (Kočevski Rog) in einer Karsthöhle das bisher größte Massengrab mit Opfern der jugoslawischen Partisanenarmee gefunden.[17] Karstspalten und -höhlen waren geeignet, Leichen in der Tiefe verschwinden zu lassen, und durch Sprengungen leicht zu verschließen.

Auch über die Erschießungen in und um die Lager gibt es viele Augenzeugenberichte, von denen etliche von John Prcela und Stanko Guldescu in ihrem Buch Operation Slaughterhouse[18] abgedruckt wurden. Sie sind aussagekräftig, erlauben jedoch keine Schlussfolgerungen über die Zahl der Opfer und ihre Herkunft.

Todesmärsche[Bearbeiten]

Von Mai bis August 1945 wurden aus den Gefangenenlagern in Slowenien und Nordkroatien große Marschkolonnen, vorwiegend deutsche Kriegsgefangene und Kroaten, nach Südosten in Bewegung gesetzt, meist zu Fuß, einige Strecken auch per Eisenbahn. Die Marschrouten erstreckten sich über Ostkroatien (Slawonien) etwa entlang der ungarischen Grenze, dann in Richtung Belgrad und in das Westbanat bis in die Nähe der Grenze zu Rumänien. Einige zweigten in Richtung Bosnien ab. Viele der Marschierenden sollen an Entkräftung, Krankheiten oder Folgen von Misshandlungen gestorben sein, willkürlich oder aus nichtigen Anlässen erschossen worden sein. Nach Zeugenberichten wurden in manchen Orten den durchziehenden Kolonnen von den Bewohnern Kleidungsstücke, vor allem die Schuhe weggenommen. Wer das Marschtempo nicht mehr halten konnte, wurde umgebracht.[19]

Ziel dieser Todesmärsche (smrtni put, bei den Kroaten auch križni put, Kreuzweg) war die Vojvodina, wo in der südlichen Batschka und vor allem im Westbanat bereits seit Ende 1944 Lager für die dort ansässigen Donauschwaben errichtet worden waren. Spätestens hier wurden die Gefangenen einzeln verurteilt, meist zu Zwangsarbeit, schwerer Belastete wurden in Gefängnisse verbracht, meist nach Belgrad. Ein Teil der Gefangenen aus den Lagern, darunter aber keine Deutschen und nur wenige Kroaten, fiel unter eine im August 1945 erlassene Amnestie.[20]

Anlässe für Massenhinrichtungen und Todesmärsche[Bearbeiten]

Der Hintergrund dieser Ereignisse ist die vorangegangene Kollaboration der militärischen Verbände des Unabhängigen Staates Kroatien (Nezavisna država Hrvatska) mit den Besatzungsmächten.

Der Unabhängige Staat Kroatien wurde von der in London residierenden Exilregierung nicht anerkannt. Sie hatte sich in einem Abkommen mit Tito am 16. Juni 1944 verpflichtet, alle „Volksverräter und Kollaborateure“ öffentlich zu ächten. Die Truppen des Unabhängigen Staates Kroatien waren aus ihrer Sicht keine Kriegsgegner, sondern Deserteure und Verräter, die mit dem Feind zusammenarbeiteten. Folglich war für die Truppen des Unabhängigen Staates Kroatien allenfalls die Militärgerichtsbarkeit zuständig. Nach den Liquidierungen in der ersten Zeit nach der Kapitulation, die umstandslos ohne irgendwelche Verfahren durchgeführt wurden, wurden folgerichtig Schnellverfahren vor Militärgerichten eingerichtet, in denen ohne besondere Formalitäten Urteile gefällt wurden.

Opferzahlen und Gerichtsverfahren[Bearbeiten]

Gesicherte Angaben über die Zahl der Flüchtenden und die Gesamtzahl der Opfer liegen bisher nicht vor; die genauen Zahlen sind strittig. Weder von jugoslawischer noch von britischer Seite gibt es offizielle Opferzahlen, da die Ereignisse in der SFR Jugoslawien nicht öffentlich thematisiert werden durften und auch von Seiten der Westalliierten keine amtliche Untersuchung erfolgte. In den Nachfolgestaaten Jugoslawiens Kroatien und Slowenien finden weitere Ausgrabungen nur selten statt, obwohl die Lage einer großen Zahl von Gräbern bekannt ist. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, aus der Gesamtzahl der Opfer den Personenkreis derer herauszufiltern, die aus dem NDH-Staat kamen. Neben deutschen Kriegsgefangenen aus Wehrmacht und Waffen-SS fielen auch italienische Kriegsgefangene, die überwiegend in Dalmatien im Einsatz gewesen waren, den Abrechnungen zum Opfer. Die Zahl der deutschen Kriegsgefangenen, die die Todesmärsche das Leben kostete, wird auf 10.000 geschätzt.[21] Über das Schicksal des deutschen Personals der kroatischen Legionen, die in der Wehrmacht dienten, gibt es keine offiziellen Berichte.

Nach dem Ende der nationalsozialistischen Besatzung, der Beseitigung des Ustascha-Regimes und der Kapitulation in Bleiburg kam es ab Ende Mai 1945 einige Wochen lang zu „spontanen Abrechnungen“ und „wilden“ Säuberungen. Sie richteten sich pauschal gegen uniformierte Verbände, vor allem die kroatische Ustaša.[22] Auch die kroatische Heimwehr, slowenische, montenegrinische, serbische (Tschetniks) und deutsche Verbände fielen Massenexekutionen zum Opfer oder starben auf „Todesmärschen“. Als politische Gegner eingestufte Zivilisten wurden in diesen Wochen umstandslos ohne Gerichtsverfahren liquidiert.

Bereits im Sommer 1944 war zwar ein formalisiertes Schnellverfahren eingeführt worden, das in die Kompetenz der Militärgerichte fiel. Juristische Grundlage bildeten die Militärstrafgesetze und das Strafgesetzbuch von 1929, in dem die Zusammenarbeit mit einem Feind unter Strafe gestellt war. Solche Militärgerichte sind aus Zagreb, Osijek und Karlovac bekannt. Angesichts der großen Zahl der Gefangenen nach der Kapitulation wären aber Prozesse gegen alle kaum durchführbar gewesen. Der Dissident Milovan Djilas formulierte es so: „Es gab keine ordentlichen Gerichte. Es gab keine Möglichkeit, die 20.000 bis 30.000 Fälle zuverlässig zu untersuchen. So war der einfachste Ausweg, sie alle zu erschießen und damit das Problem los zu sein.“[23] Nach der Kapitulation blieben die Militärgerichte weiter in Funktion. Ab 1945 gingen die Schnellverfahren mit dem Aufbau ziviler Gerichte in den Bereich der Zivilgerichtsbarkeit über. Am 25. August 1945 wurde das Gesetz „Über Straftaten gegen Volk und Staat“ erlassen, in dem auch Tatbestände aufgeführt wurden, die sich auf die Kriegszeit bezogen. Dieses Gesetz wurde rückwirkend angewandt. Es hatte Gültigkeit bis zur Einführung des neuen Strafgesetzbuches (1947 bzw. 1951), das die Grundtatbestände des Landesverrats und der „Kollaboration mit dem Feind“ neu fasste.

Beurteilung der Ereignisse[Bearbeiten]

Die parteigelenkte Geschichtsschreibung Jugoslawiens idealisierte den Partisanenkampf gegen die faschistischen Besatzer und deren Verbündete, die Ustasche und Tschetniks. Der Bürgerkriegscharakter der Kämpfe zwischen Partisanen und Tschetniks wurde verschwiegen. Die blutige Abrechnung mit den Gegnern, zu der die Massaker von Bleiburg zählen, durfte nicht thematisiert werden. Erst in den 1980er Jahren begann eine differenzierte Erforschung des Zweiten Weltkriegs in Jugoslawien. Sie war jedoch häufig an nationalistische Sichtweisen gekoppelt, vor allem in Kroatien und Serbien.[24]

Gedenkstätte für die Opfer der Massenhinrichtungen auf dem Mirogoj-Friedhof

In der kroatischen Emigration wurden und werden die Bleiburger Ereignisse nationalistisch instrumentalisiert und als Nationaltragödie dargestellt. In Bleiburg stand bereits zu Zeiten Jugoslawiens ein Denkmal, das von Bleiburg-Überlebenden und Exilkroaten finanziert und errichtet wurde. Es trägt die Inschrift „U čast i slavu poginuloj hrvatskoj vojsci – svibanj 1945" (Zum Gedenken an die gefallenen Kroaten – Mai 1945). Die korrekte deutsche Übersetzung der kroatischen Inschrift lautet jedoch „Zu Ehren und zur Feier der gefallenen kroatischen Armee – Mai 1945“.

Die Ereignisse um Bleiburg stellen seit 1945 einen wichtigen kroatischen Geschichts- und Nationalmythos dar. Jedes Jahr finden am 15. Mai auf dem Loibacher Feld bei Bleiburg und in vielen Städten Kroatiens Gedenkmessen und Kranzniederlegungen statt, bei denen Kroaten und Bosniaken aus aller Welt der Gefangennahme und der Ermordung der Opfer gedenken. Die Feiern wurden zunächst von kroatischen Emigranten zelebriert, seit dem Ende des kommunistischen Regimes nehmen auch offizielle Regierungsvertreter aus Zagreb teil. Bei den Veranstaltungen wurden allerdings auch regelmäßig Personen gesichtet, die durch das Tragen von Ustascha-Uniformen und faschistische Abzeichen und Embleme auffielen.[25]

1999 erschien in Kroatien der Film Četverored (Viererreihe), der sich mit den Leiden der an den Todesmärschen teilnehmenden Soldaten befasst. Der Film enthält zahlreiche Gewaltszenen.

Besonders in Großbritannien entstand eine Kontroverse um die Rolle, die die britische Armee bei der Übergabe der Kroaten an Jugoslawien und der aus dem kroatischen Raum geflüchteten Kosaken an die Sowjetunion gespielt hatte. Eine Kommission unter dem Vorsitz des Brigadegenerals Anthony Cowgill erarbeitete 1990 zwei Berichte, worin unter anderem festgestellt wird, es habe sich kein Hinweis ergeben, dass die britischen Kommandostellen bei der Übergabe der Gefangenen deren anschließende Liquidierung bewusst in Kauf genommen hätten.[26][27]

Aktuelle Untersuchungen[Bearbeiten]

Erst seit wenigen Jahren werden die Vorgänge um den Massenmord der jugoslawischen Kommunisten nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges wissenschaftlich erfasst und Massengräber gekennzeichnet sowie untersucht. Im März 2011 waren in Slowenien 600 Massengräber erfasst, doch war von diesen bis dahin kein einziges als Kriegsgräberstätte mit ordentlicher Bestattung sämtlicher Opfer hergerichtet, so Marko Štrovs, der Leiter der Abteilung für Kriegsgräberstätten beim slowenischen Ministerium für Arbeit, Familie und Soziales.[28]

Zu den Orten, an denen die meisten Opfer liegen sollen, gehören die Karsthöhlen Pod Krenom, Macesnova gorica, Rugarski klanci und Dvojno brezno pri Cink križu im Gottscheer Hornwald (Kočevski Rog), Bodoveljska grapa, pod Blegošem, Repičnikova jama (Krvava peč pri Golem), Krvava peč pod Sv. Primožem (Velike Lašče), das Lager Teharje, Griže (Savinjska dolina), Stari Hrastnik-Zasip, der Barbara-Stollen (Barbarin rov) von Huda Jama bei Laško, Marno (Straße Rimske Toplice-Hrastnik), Krištandol, das Bergwerk Ana pod Jelenico, Praprotno, die Steinbrüche Rikelnik und Klembas, das Bachergebirge (Pohorje), Maribor (Tezno) und das Lager Sterntal (Strnišče, heute Kidričevo).[29]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ivo Goldstein: Hrvatska povijest. Novi Liber, Zagreb 2003, ISBN 953-6045-22-2.
  • Martina Grahek Ravančić: Controversies about the Croatian Victims at Bleiburg and in „Death Marches“, Review of Croatian History 2,1 (2006), S. 27-46, PDF 193 KB
  • Tamara Griesser-Pečar: Das zerrissene Volk. Slowenien 1941–1946. Okkupation, Kollaboration, Bürgerkrieg, Revolution. Böhlau Verlag, Wien 2003, ISBN 3-205-77062-5.
  • Eva Menasse: Der Holocaust vor Gericht. Der Prozess um David Irving. Berlin 2000, ISBN 3-88680-713-4, S. 66 ff.
  • Tatjana Šarić: Bleiburške žrtve na stranicama 'Hrvatske revije. In: Časopis za suvremenu povijest. 2, 2004, S. 505–521.
  • Mladen Schwartz: Bleiburg i Haag; Kako propadaju hrvatske države. Iuvenalis Samizdat, Zagreb 2009, ISBN 978-953-98181-6-8 (formal falsche ISBN).
  • Jozo Tomasevich: War and revolution in Yugoslavia, 1941–1945. Bd. 2: Occupation and collaboration. Stanford Univ. Press, 2001, ISBN 0-8047-3615-4.
  • Ekkehard Völkl: Abrechnungsfuror in Kroatien. In: Klaus-Dietmar Henke, Hans Woller (Hrsg.): Politische Säuberung in Europa. Die Abrechnung mit Faschismus und Kollaboration nach dem Zweiten Weltkrieg. München 1991, ISBN 3-423-04561-2, S. 358–394.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Tomislav Pintarić: Die rechtliche Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Kroatien. In: Friedrich-Christian Schroeder, Herbert Küpper (Hrsg.): Die rechtliche Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Osteuropa. Peter Lang GmbH Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-631-59611-1, S. 99-126, hier S. 113..
  2.  Michael Phayer: The Catholic Church and the Holocaust, 1930–1965. Indiana University Press, Bloomington 2000. S. 35 ff.
  3.  Mihran Dabag, Kristin Platt: Genozid und Moderne, Band 1. Leske + Budrich, 1998. S. 348.
  4.  Holm Sundhaussen: Geschichte Serbiens. Böhlau, 2007. S. 316.
  5.  Dieter Pohl: Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933–1945. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2008. S. 123.
  6.  Lutz Klinkhammer: Der Partisanenkrieg der Wehrmacht 1941–1944. In: Rolf-Dieter Müller, Hans-Erich Volkmann (Hrsg.): Die Wehrmacht – Mythos und Realität. Oldenbourg, München 1999. S. 822.
  7. ↑ Konrad Clewing: Keine Befreier: Deutsche und Italiener als Besatzungsmacht im Zweiten Weltkrieg in: Agilolf Keßelring (Hrsg. im Auftrag des MGFA): Wegweiser zur Geschichte. Bosnien-Herzegowina, Paderborn 2007, ISBN 978-3-506-76428-7, S. 45.
  8. http://www.hagalil.com/archiv/98/06/kroatien.htm
  9. Konrad Clewing: Keine Befreier: Deutsche und Italiener als Besatzungsmacht im Zweiten Weltkrieg in: Agilolf Keßelring (Hrsg. im Auftrag des MGFA): Wegweiser zur Geschichte. Bosnien-Herzegowina, Paderborn 2007, ISBN 978-3-506-76428-7, S. 54.
  10. Konrad Clewing: Keine Befreier: Deutsche und Italiener als Besatzungsmacht im Zweiten Weltkrieg in: Agilolf Keßelring (Hrsg. im Auftrag des MGFA): Wegweiser zur Geschichte. Bosnien-Herzegowina, Paderborn 2007, ISBN 978-3-506-76428-7, S. 51 ff.
  11. Holm Sundhaussen: Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs in: Agilolf Keßelring (Hrsg. im Auftrag des MGFA): Wegweiser zur Geschichte. Bosnien-Herzegowina, Paderborn 2007, ISBN 978-3-506-76428-7, S. 105 ff.
  12. Holm Sundhaussen: Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs in: Agilolf Keßelring (Hrsg. im Auftrag des MGFA): Wegweiser zur Geschichte. Bosnien-Herzegowina, Paderborn 2007, ISBN 978-3-506-76428-7, S. 112 ff.
  13. http://www.hic.hr/books/seeurope/015e-tolstoy.htm The Bleiburg massacres by Count Nikolai Tolstoy
  14. Christa Zöchling: Verleugnete Massaker, Nachrichtenmagazin für Österreich profil 39 • 26. September 2011 (PDF; 665 kB)
  15. Ekkehard Völkl: Abrechnungsfuror in Kroatien in: Klaus-Dietmar Henke, Hans Woller (Hrsg.): Politische Säuberung in Europa. Die Abrechnung mit Faschismus und Kollaboration nach dem Zweiten Weltkrieg, München 1991, ISBN 3-423-04561-2, S. 368.
  16. M.N., Koroška: V na novo potrjenem povojnem grobišču 700 žrtev? [Im neu bestätigten Nachkriegsmassengrab 700 Opfer?], RTV Slovenija, 5. September 2010.
  17. Bor M. Karapandžić: Tito's bloodiest crime, 1945–1965, Cleveland 1965
  18. John Prcela und Stanko Guldescu (Hrsg.): Operation Slaughterhouse. Eyewitness Accounts of Postwar Massacres in Yugoslavia, Philadelphia 1970
  19. Ekkehard Völkl: Abrechnungsfuror in Kroatien. In: Klaus-Dietmar Henke, Hans Woller (Hrsg.): Politische Säuberung in Europa. Die Abrechnung mit Faschismus und Kollaboration nach dem Zweiten Weltkrieg, München 1991, ISBN 3-423-04561-2, S. 367f., S. 370f.
  20. Ekkehard Völkl: Abrechnungsfuror in Kroatien. In: Klaus-Dietmar Henke, Hans Woller (Hrsg.): Politische Säuberung in Europa. Die Abrechnung mit Faschismus und Kollaboration nach dem Zweiten Weltkrieg, München 1991, ISBN 3-423-04561-2, S. 371, S. 391
  21. Kurt W.Böhme: Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs I/1: Die deutschen Kriegsgefangenen in Jugoslawien 1941–1949, München 1962, S. 134.
  22. Ekkehard Völkl: Abrechnungsfuror in Kroatien. In: Klaus-Dietmar Henke, Hans Woller (Hrsg.): Politische Säuberung in Europa. Die Abrechnung mit Faschismus und Kollaboration nach dem Zweiten Weltkrieg, München 1991, ISBN 3-423-04561-2, S. 371.
  23. zitiert nach Ekkehard Völkl: Abrechnungsfuror in Kroatien. In: Klaus-Dietmar Henke, Hans Woller (Hrsg.): Politische Säuberung in Europa. Die Abrechnung mit Faschismus und Kollaboration nach dem Zweiten Weltkrieg. München 1991, ISBN 3-423-04561-2, S. 374.
  24. Katrin Boeckh: Jugoslawien und der Partisanenmythos in: Agilolf Keßelring (Hrsg. im Auftrag des MGFA): Wegweiser zur Geschichte. Bosnien-Herzegowina, Paderborn 2007, ISBN 978-3-506-76428-7, S. 119-127
  25. Kroatiens Präsident "verwundert", Artikel auf ORF.at vom 17. Mai 2007
  26. Anthony Cowgill (Hrsg.): The Repatriations from Austria in 1945. Report of an Inquiry. London 1990
  27. Anthony Cowgill (Hrsg.): The Repatriations from Austria in 1945. The Documented Evidence Reproduced in Full from British, American, German and Yugoslav Sources. London 1990
  28. Štrovs: V Sloveniji od 600 prikritih grobišč ni niti eno urejeno kot vojno pokopališče žrtev komunizma, Politikis.si, 3. März 2011
  29. Tamara Griesser-Pečar (2003): Das zerrissene Volk. S. 516.