Marshall Amplification

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Marshall Amplification
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Rechtsform plc
Gründung 1962
Sitz Bletchley, Milton Keynes, Vereinigtes Königreich
Branche Musikelektronik
Website www.marshallamps.com (engl.)
Ehrentafel für Jim Marshall anlässlich des 40. Unternehmensjubiläums im Jahr 2002
Marshall Full Stack mit 1960-Boxen und 2203-Top
Ein 3×6 Stack von Marshall Lautsprecherboxen. Diese gehörten Jeff Hanneman von Slayer.

Das britische Unternehmen Marshall Amplification zählt zu den bedeutendsten Herstellern von Gitarrenverstärkern. Das Unternehmen stellt aber auch Lautsprecherboxen, Bassverstärker, Gitarreneffektgeräte und weitere gitarren- und bassspezifische Produkte her.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Gründer des Unternehmens war Jim Marshall, der 1960 seinen ersten Schlagzeugladen in Hanwell, London eröffnet hatte und außerdem Lautsprecherboxen für Musikinstrumente in seiner Garage baute. Da er auch Unterricht gab, brachten viele der Schlagzeuger ihre Gitarristen und Bassisten mit, und so erweiterte Jim schon bald sein Sortiment um Bass- und Gitarrenverstärker. Nach Gesprächen mit seinen Kunden, welche auf der Suche nach einem anderen, nicht so „cleanen“ Ton waren (Townshend, Brian Poole und Jim Sullivan), baute sein Angestellter Ken Bran ab 1962 die ersten Marshall-Röhrenverstärker. Als Basis wählten sie die elektrische Schaltung des (5F6A) Fender-Bassman,[1] welcher klangliche Eigenschaften mitbrachte, die ihren Vorstellungen am nächsten kamen.

Hieraus entstand in gleichen Jahr der Marshall Plexi (JTM45). Im Jahr 1964 folgte der legendäre „Bluesbreaker“ Combo-Verstärker (Typ 1962), welcher erstmals dem typischen Marshall-Klang zum Durchbruch verhalf.[1] Dieser Verstärker war es, welcher von Eric Clapton auf dem später in der Blues-Szene legendären John Mayall-Album „Bluesbreakers“ von 1966 verwendet wurde. Bei der Suche nach mehr Lautstärke und Leistung entstand auf Anregung einiger Musiker auch das erste 100-Watt-Topteil mit der Bezeichnung „JTM 45/100“. Später folgten weitere 100-Watt-Versionen der Verstärker JTM 100 MK V und JMP 1959 und etablierten diese als heute noch akzeptierten Standard für bühnentaugliche Verstärkerleistung.

In Zusammenarbeit mit Pete Townshend, dem Gitarristen der Band The Who, wurde auch das berühmte „Marshall-Stack“ entwickelt. Zunächst wurden für Townshend 8×12" Boxen hergestellt. Diese waren jedoch viel zu unhandlich für dessen Roadies. Jim Marshall schlug daraufhin vor, die Lautsprecher in zwei Gehäusen unterzubringen, welche sich stapeln lassen.[2] Ein solches Marshall- oder Full-Stack wird seither aus zwei 4×12" Lautsprecherboxen und einem Verstärker-Topteil aufgebaut. Eine einzelne 4×12"-Box mit Verstärker-Topteil bezeichnet man analog als „Halfstack“.

1976 führte Marshall die „MK II Master-Series“ ein, deren wohl beliebtestes Modell – das „2203“-Topteil – auch in der ab 1980 erschienen „JCM-800“ Serie nahezu unverändert weitergebaut wurde.[3]

Die Unternehmensgeschichte von Marshall wird von zahlreichen Gitarristen wie zum Beispiel von Stevie Salas, Eddie van Halen, Randy Rhoads, Jimi Hendrix, Eric Clapton, Angus Young (AC/DC), Jeff Beck, Gary Moore, Pete Townshend, Lemmy Kilmister (Motörhead), Slash (ex-Guns N’ Roses, Velvet Revolver), Joe Satriani, Yngwie Malmsteen, Kerry King (Slayer), Zakk Wylde (Black Label Society), Bryan Adams, Dave Murray, Adrian Smith, Janick Gers (alle 3 Iron Maiden), John Frusciante (ex-Red Hot Chili Peppers) und vielen anderen begleitet.

Die klassischen Geräte aus den 1960er Jahren hatten einen grün/bzw. blau-schwarzfarbenen Bezug mit goldfarbenen Zierleisten und goldenem Unternehmenslogo. Die Boxen, wie zum Beispiel die „1960TV“, waren mit einem grauen Bezugsstoff bespannt. Seit Mitte der 1970er Jahre sind bis auf einige Sonderanfertigungen sämtliche Marshall-Modelle in schwarz-weißem Design mit Messingbedienpanelen gehalten und mit einem weißen Unternehmensschriftzug versehen.

1998 kam die „JCM-2000“-Serie auf den Markt, bestehend aus verschiedenen Röhrenverstärkern, die neben dem typischen „Marshall Brown Sound“ auch fendertypische Cleansounds und moderne Nu-Metal-Sounds anbieten. Jüngstes Mitglied der Marshall-Familie ist der neue „JVM“, (Jim and Victoria Marshall), der viele moderne Features wie MIDI und 4 Kanäle bietet.

Zum 25.Firmenjubiläum 1987 erschien die Silverjubilee Serie, mit den Topteilen 25/50 und 25/53 und dem Combo 25/54.

Marshall-Sound[Bearbeiten]

Die Aufgabe eines Gitarrenverstärkers ist es zunächst, nur den natürlichen Klang des Instrumentes zu verstärken. Der Klang der Gitarre wird bei einer linear wirkenden Verstärkung als „rein“ („clean“) wahrgenommen. Da es für elektrische Gitarren und Tonabnehmer unterschiedlichste Bauarten und Varianten gibt, haben diese auch elektrisch unterschiedliche Charakteristika. Viele Verstärker haben und hatten hierfür separate Eingänge mit unterschiedlichen Empfindlichkeiten (Hi für Gitarren mit geringer Ausgangsspannung und Lo für Gitarren mit höherer Ausgangsleistung).[3]

Ist die Ausgangsleistung der Gitarre nun höher, als dies bei der elektrischen Dimensionierung des Verstärkers vorgesehen war, oder wird der „falsche“ Eingang verwendet, beginnt der Verstärker zu „übersteuern“. Hierbei entstehenden nicht-lineare Verzerrungen, welche den natürlichen Klang mit dem Grad der Übersteuerung in zunehmender Stärke verändern. Näheres hierzu unter Nichtlineare Verzerrung. Einige Musiker, die auch zum Publikum aus Jim Marshalls Ladengeschäft gehörten, empfanden diesen „aggressiveren“ Klang als vorteilhaft für ihre Musik.[1]

Obwohl dieser Effekt prinzipiell bei geeigneter Eingangsleistung mit jedem Verstärker erreicht werden kann, war es Marshall, der sich bereits Anfang der 1960er Jahre zuerst systematisch mit der gezielten Erzeugung dieses Effektes und der „Gestaltung“ von Verzerrung in seinen Produkten auseinandersetzte. Hierbei wurde besonderer Wert auf die Erforschung der Entstehung und der Charakteristika von Verzerrungen an den unterschiedlichen Punkten in der Signalkette gelegt. Die Übersteuerung der Vorstufe wird als Distortion bezeichnet, die Übersteuerung der Endstufe wird als Overdrive benannt. Beides zusammen ergibt den klanglichen Gesamteindruck der Verzerrung.

Erstaunlicherweise wurden diese Eigenschaften der Marshall-Produkte zunächst nicht von anderen Herstellern von Gitarrenverstärkern kopiert. Die Hörgewohnheiten des breiten Publikums hatten sich zu diesen Zeitpunkt wohl noch nicht an diese Verzerrung und den aggressiven Klang eines Pete Townshend oder Jimi Hendrix gewöhnt. Gerade deshalb aber kamen Musiker, welche Ende der 1960er Jahre Marshall-Produkte einsetzten, bei ihrem Publikum auch „härter rüber“. Speziell europäische Musiker und Bands, welche von dieser Art der Musik inspiriert wurden (z. B. Deep Purple, Black Sabbath, Led Zeppelin oder Judas Priest), halfen seit Ende der 1960er Jahre mit, den „Marshall-Sound“ populär zu machen.[1]

Da es für den charakteristischen Marshall-Sound wünschenswert ist, eine Verzerrung sowohl in der Vorstufe als auch in der Endstufe zu erreichen, war es bis Mitte der 1970er Jahre üblich, die Verstärker mit maximaler Lautstärke zu spielen.[4][5] Einem Vorschlag von Eddie van Halen folgend, wurde jedoch ein zweiter Lautstärkeregler (Master Volume) am Ende der Vorstufe eingefügt, welcher das Audio-Signal in seiner Stärke begrenzt, bevor es die Endstufe erreicht.[6][3] Somit konnte die Vorstufe nun wie vorher durch das Aufdrehen des Volume-Reglers in die gewünschte Verzerrung gebracht werden, jedoch die effektive Verstärkerleistung (Lautstärke) der Endstufe mit dem neuen Master-Volume getrennt reguliert werden. Hierbei verzichtete man natürlich auf die charakteristische Endstufenverzerrung, welche nach wie vor nur bei voller Leistung des Verstärkers erreicht wird. Aus dieser Idee entstand ab 1976 die Marshall „MK II Masters Series“ Verstärkerbaureihe. Diese Modifikation war so erfolgreich, dass sie mittlerweile in allen Vollröhren-Gitarrenverstärkern ab einer gewissen Leistungsklasse zu finden ist.[3]

Unternehmen[Bearbeiten]

Marshall ist heute der weltweit führende Hersteller von Gitarrenverstärkern. Die Produkte werden im englischen Bletchley von einem Team von Technikern und Musikern entwickelt und gefertigt. Marshall unterhält darüber hinaus auch Fertigungsstätten in China und Südkorea, vornehmlich für die Einsteigermodelle der „MG“-Serie. Marshall bezieht seine nach speziellen Vorgaben gefertigten und selektierten Elektronenröhren mit „Marshall“ Schriftzug von der New Sensor Corporation. Jim Marshalls Tochter Victoria Marshall ist Managing Director des Unternehmens, sein Sohn Terry aktiver Saxophonist. Für interessierte Besucher, welche sich im Voraus anmelden, werden auch Führungen durch die Fertigung, die hauseigene Probe- und Konzerthalle, sowie durch ein kleines Museum mit Exponaten aus der Geschichte des Unternehmens durchgeführt. Speziell für Profis, aber auch alle anderen Besitzer von Marshall-Produkten existiert ein eigenes Customer-Support Center, welches Geräte zur Reparatur entgegennimmt, Fehlerdiagnosen durchführt („while you wait“) und auch Ersatzgeräte vermittelt.

Über Jim Marshall, seine Unternehmen und sein Leben sind inzwischen mehrere Bücher verfasst worden, unter anderem The History of Marshall von Michael Doyle und The Father of Loud (deutscher Titel: „Pionier des Rocksounds“) von Rich Maloof. Dr. Jim Marshall, OBE, geboren 1923, starb am 5. April 2012.[7]

Trivia[Bearbeiten]

  • Die ab 1981 verwendete Handelsbezeichnung „JCM 800“ für den Verstärker vom Typ 2203 stammte vom Nummernschild von Jim Marshalls Wagen.[8]
  • Nigel Tufnel, der Gitarrist der fiktiven, englischen Rockband Spinal Tap, ließ im Film This is Spinal Tap seine Marshalls derart modifizieren, dass deren Drehregler eine Skala von „0“ bis „11“ anstelle des sonst üblichen Maximums von „10“ hatten – mit der Begründung, 11 sei „one louder“ („eins lauter“).[1]
  • Marshall brachte in der JCM 900 Hi-Gain-Serie einen eigenen „Gain“-Regler an, der sogar eine Skala von „0“ bis „20“ aufwies. Darüber hinaus engagierte Marshall den Darsteller von Nigel Tufnel, um Werbung für diesen Verstärker zu machen. … that’s nine louder innit![1]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Marshall – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. a b c d e f Michael Doyle: The History of Marshall. Hal Leonard Corporation, Milwaukee, ISBN 0-7935-2509-8
  2. Marshall Webseite: Historie der Entwicklung der Marshall Produkte
  3. a b c d 2203, Owner’s Manual, Marshall Amplification Zitat: …it was also our first amplifier to house a Master Volume (MV) control. This simple but groundbreaking feature allowed the user to overdrive the preamp valves into desirable distortion without having to turn the amp full up. This proved to be incredibly popular and practical because, as you probably know, a 100 Watt Marshall is extremely loud when on full volume!…
  4. Eric Clapton, Guitar Player Magazine, 1985, Zitat: I was probably playing full-volume to get that sound. I was playing a Marshall 50-watt
  5. Murray Engelhart mit Arnaud Durieux: AC/DC, Maximum Rock ’n’ Roll. Heyne Verlag, München, ISBN 978-3-453-12115-7. Zitat: Um diesen Sound zu bekommen nahmen wir einfach ein paar Marshalls und drehten sie voll auf…
  6. Eddie Van Halen in der englischsprachigen Wikipedia
  7. http://orf.at/#/stories/2113857/ Verstärkerpionier Jim Marshall gestorben, ORF.at 5. April 2012
  8. 2203, Owner’s Manual, Marshall Amplification Zitat: …If you’re wondering about the origin of the JCM 800 name, it’s an interesting tale – it came from the registration/license plate of Mr. Marshall’s car which was, wait for it, JCM 800! The ‘JCM’ part of it referred to Jim’s initials (James Charles Marshall), the ‘800’ was merely the number on the plate – no more, no less!…