Milonga
Milonga bezeichnet:
- eine rioplatensische Musikrichtung, meist mit Gesang
- eine Tanzgattung – Vorläuferin und Untergattung des Tango Argentino (Tango rioplatense)
- eine Tango-Veranstaltung, auf welcher zu drei Rhythmen getanzt wird: Tango, Vals und Milonga (Musikrichtung)
- der Ort dieser Tanzveranstaltung (Tango-Tanzlokal)
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Etymologie [Bearbeiten]
Laut José Gobello (Präsident der Academia Porteña del Lunfardo) entstammt das Wort milonga der südwestafrikanischen Bantu-Sprache Kimbundu und ist der Plural von mulonga „Gerede“. Ganz in diesem ursprünglichen Sinne bedeutet milongas (pluralisch gebraucht) im heutigen Umgangsspanisch noch „Lug und Trug“. [1]
Milonga als Musikrichtung und Lied [Bearbeiten]
Einerseits geht die Milonga auf den afroamerikanischen Candombe zurück; ihr Rhythmus lässt sich lautmalerisch als „borocotó, borocotó, borocotó, chas, chas“ beschreiben.[2]
Andererseits sind ihre Liedtexte eine Weiterentwicklung der improvisierten Payadas der Gauchos, oftmals mit Wechselgesang.[3]
Notiert wird die Milonga im 2/4- oder 4/4-Takt.
Man unterscheidet:
- Milonga candombe, auch M. candombera; z. B. Lucio Demare „Carnavalito“, Juan Carlos Cáceres „Tango negro“. Candombe-ähnlich; eine Besonderheit dieser Spielart ist die Verwendung von Percussion-Instrumenten (Trommeln etc.)
- Milonga campera ('ländlich'), auch M. pampeana, M. criolla, M. sureña oder M. surera („südlich“); z. B. Francisco Canaro „Milonga criolla“. Payada-ähnlich, eher melodisch
- Milonga ciudadana ('städtisch'), auch M. urbana oder M. porteña ('hafenstädtisch'); z. B. Francisco Canaro „Milonga sentimental“. Jüngste Variante, eher Staccato
Beispiel: Text einer Milonga [Bearbeiten]
„Milonga sentimental” (Komponist: Sebastián Piana; Textdichter: Homero Manzi, 1931)[4]
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Selbstbezüglich erzählt das Lied davon, dass es geschaffen wurde, um an eine gescheiterte Liebesbeziehung zu erinnern, steter Topos der Tango-Lyrik. Während jedoch in der Tango-Poesie das lyrische Ich in machistischem Selbstmitleid verharrt (und oft aus Kummer „stirbt“)[6], findet es in der Milonga-Lyrik im beschwingten Rhythmus dieses musikalischen Genres Trost, um immer wieder über ein Scheitern hinwegzukommen:
- “Yo canto por no llorar (Ich singe, um nicht zu weinen).“
Insofern kann man die Milonga als die fröhlichere Schwester des Tangos bezeichnen.
Milonga als Tanz [Bearbeiten]
Schon im 19. Jahrhundert erfreut sich die Milonga als Volkstanz großer Popularität.[7] Tänzerisch gilt die Milonga als die schnelle Vorläuferin des Tangos; sie wird mit ausgewählten Tangobewegungen getanzt:
- „In der Milonga sind die Takte schneller, deshalb werden Ochos (Achten) und komplizierte Figuren seltener getanzt.“[8]
Heutzutage unterscheidet man zwei Hauptstilarten:
- Milonga Lisa – man tanzt auf dem Takt und nutzt dabei den Tanzraum voll aus; und
- Milonga (Con) Traspié – man tanzt auf engem Raum mit schnellen Trippelschritten (Schrittverdopplung)[9].
Milonga als Tango-Tanzveranstaltung [Bearbeiten]
Seit 1872 ist der Begriff Milonga in der Bedeutung „Tanzveranstaltung“ belegt.[10] Heutzutage treffen sich Tangotänzer (traditionell als Milonguera und Milonguero bezeichnet - aktueller als Tanguera und Tanguero) zu Milongas, um zu den drei Rhythmen zu tanzen: Tango, Vals und Milonga (Musik). Jeweils drei bis fünf Stücke eines Typs bilden sogenannte Tandas, die durch kurze musikalische Intermezzi (Cortinas) unterbrochen werden können. Der Ablauf einer Milonga wird durch verschiedene Sitten (Códigos) geordnet, diese können durchaus von Veranstaltung zu Veranstaltung differieren.
Traditioneller Ablauf [Bearbeiten]
Rund um die Tanzfläche sind Tische angeordnet. Zum Tanz eingeladen wird durch Aufnahme von Blickkontakt (Mirada) und das Kopfnicken (Cabeceo[11]); in der Regel fordert der Mann die Frau auf. Am Ende einer Tanda bedankt und verabschiedet man sich, der Mann geleitet die Frau zu ihrem Platz zurück (sehr traditionell). Sich zu trennen, während eine Tanda noch nicht zu Ende gespielt wurde – oder gar vor dem Ende eines Stückes – gilt als unhöflich und demütigend.[12]
Die Queer-Tango-Bewegung versucht, diese heteronormative Geschlechterrollenverteilung aufzubrechen, um dadurch auch Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen eine Heimat im Tango zu geben; es haben sich auch eigenen 'Queer-Milongas' und Queer-Tango-Festivals[13] entwickelt.
Milonga als Ort des Tangos (Tanzlokale) [Bearbeiten]
Tanzveranstaltungen für Tango Argentino finden regelmäßig in denselben Lokalen statt, die in diesem Kontext ebenfalls Milonga genannt werden. Solche Tango-Tanzlokale tragen auch in Deutschland oft spanische Namen, wie z. B. La Bruja, Cafetín de Buenos Aires, Milonga Orillera, La Calesita…[14] Häufig finden vor Beginn Tanzkurse oder Prácticas (Übungsstunden) statt und manchmal gibt es Show- oder Orchestereinlagen während einer Milonga.
Milongas (Tango-Tanzlokale) in Buenos Aires [Bearbeiten]
In Buenos Aires ist die Milongakultur, bedingt durch das von der argentinischen Militärdiktatur verhängte Versammlungsverbot, lange Zeit nur im Untergrund gepflegt worden. Seit Anfang der 1990er Jahre nimmt hier der Tango Argentino eine sehr dynamische Entwicklung. Viele neue Milongas wurden ins Leben gerufen, so dass heute täglich ein Angebot an mindestens 15 verschiedenen Veranstaltungen besteht, donnerstags bis sonntags sind es sogar bedeutend mehr. Alle aktuellen Informationen über Milongas in Buenos Aires findet man in der Zeitschrift El Tangauta[15]; zu den wichtigsten Veranstaltungsorten in Buenos Aires zählen:
- Confitería Ideal: Im holzvertäfelten Obergeschoss des „Ideal“, unter goldenen Lüstern und bröckelndem Verputz trifft sich das eher ältere Publikum zum Tanz.
- Salón Canning: Freitags ist die von Omar Viola unter dem Namen Parakultural[16] ausgerichtete traditionelle Milonga der Treffpunkt für die besten Tänzer der Stadt. Hier wird vor allem der Estilo Milonguero (enges Tanzen mit viel Körperkontakt) gepflegt.
- La Nacional: Eine weitere Traditions-Milonga.
- Sunderland Club: Hier treffen sich die alteingesessenen Milongueros und zelebrieren den traditionellen Tango mit all seinen strengen Verhaltensregeln (códigos).
- La Viruta: Tanzparkett für Nachwuchstänzer, Massen-Tanzstunden mit bis zu 300 Teilnehmern, Tango wird regelmäßig durch Salsa- und Rock-’n’-Roll-Tandas unterbrochen: Electrotango ist hier stark vertreten.
- La Marshall: Dieser erste Queer Tango-Salon eröffnete im Jahre 2002. Hier sind vor allem gleichgeschlechtliche Tanzpaare willkommen.[17]
Siehe auch [Bearbeiten]
Literatur [Bearbeiten]
- Beutler, Anna: Der Tango Argentino im heutigen Buenos Aires: Motive, Orte und Beziehungen. GRIN-Verlag Norderstedt 2002, ISBN 978-3-638-72302-2 (siehe dort, S.56ff, das Kapitel: "El Cabeceo")
Weblinks [Bearbeiten]
- Geraldine Rojas und Javier Rodriguez zur Milonga “Flor de Monserrat”
- Stil "Milonga Lisa" - aus einem Workshop von El Flaco Dany
- Stil "Traspié" - El Flaco Dany und Silvina tanzen eine Milonga candombera: "Tango negro" (Juan Carlos Cáceres)
- Stil "Canyengue": "El Porteñito”
- Liste von Milonga-Musikstücken (zu Tandas angeordnet)
- Die Milonga, ihre Verhaltensnormen und Gebräuche
- Ein flammendes Plädoyer für den "Cabeceo"
- Lista de las milongas en Buenos Aires
- Tango Secrets - (auf Englisch) Analyse der Rhythmus des Milongas
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Maria Moliner, Diccionario de uso español, Artikel ' milonga ': 1 Cierto canto y danza popular de la Argentina (Volkstümliches Lied und volkstümlicher argentinischer Tanz) 2 Mentira, engaño: ‘No me vengas ahora con milongas’(Lüge, Betrug: Komm mir jetzt nicht mit Lügen!)
- ↑ Ein Beispiel dafür ist der Liedtext des 'Tango negro' von Juan Carlos Cáceres: Tango negro, tango negro, te fuiste sin avisar, los gringos fueron cambiando tu manera de bailar. Tango negro, tango negro, el amo se fue por mar, se acabaron los candombes en el barrio de Monserrat. Más tarde fueron saliendo en comparsas de carnaval, pero el rito se fue perdiendo al morirse Baltasar. Mandingas, Congos y Minas repiten en el compás, los toques de sus abuelos borocotó, borocotó, chas, chas... Borocotó, borocotó borocotó, borocotó borocotó, borocotó, chas, chas...
- ↑ (siehe spanische Wikipedia) Payada
- ↑ spanischer Milonga-Liedtext mit Hörprobe und Klavier-Partitur der "Milonga sentimental"
- ↑ Ins Deutsche übersetzt vom Wikipedia-Autor dieses Abschnitts, Diego de Tenerife
- ↑ In Lateinamerika kursiert die spöttische Bemerkung: "En cada tango muere un argentino." (In jedem Tango stirbt ein Argentinier)
- ↑ Dies bezeugt Ventura Lynch in seinem 1883 erschienenen Buch "La provincia de Buenos Aires hasta la definición de la cuestión Capital de la Republica".
- ↑ http://de.wikibooks.org/wiki/Tanzen:_Tango_Argentino#Milonga
- ↑ Milonga-Tanzstile
- ↑ José Hernandez: Martín Fierro, zweiter Teil, 1872
- ↑ Beutler, Anna: Der Tango Argentino im heutigen Buenos Aires , S.56ff: El Cabeceo
- ↑ Die offensichtlichen und die verborgenen Regeln einer Milonga
- ↑ Die lesbischwule Tangoszene in Berlin
- ↑ Auflistung einiger Milongas (Tango-Tanzlokale) in Deutschland
- ↑ "El Tangauta" - Tango-Zeitschrift im Web
- ↑ Milonga Parakultural, Salón Canning, Buenos Aires
- ↑ Website des Queer-Tangosalons La Marshall, Buenos Aires. (Abgerufen am 6. Juni 2010)