Peter Altenberg

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Peter Altenberg 1907
Porträtiert von Gustav Jagerspacher 1909
Figur des Peter Altenberg im Café Central, Wien

Peter Altenberg (* 9. März 1859 in Wien; † 8. Jänner 1919 in Wien; eigentlich Richard Engländer) war ein österreichischer Schriftsteller. Sein Pseudonym wählte er nach dem Rufnamen „Peter“ seiner Jugendliebe Berta Lecher, die in Altenberg an der Donau (heute Ortsteil der Gemeinde St. Andrä-Wördern) wohnte[1].

Leben und Werk[Bearbeiten]

Altenberg wurde am 9. März 1859 in Wien als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren. Er studierte erst Jura, dann Medizin, brach die Akademikerlaufbahn aber ab und nahm eine Buchhändlerlehre bei der Hofbuchhandlung Julius Weise in Stuttgart auf. Diese brach er ebenso ab wie einen erneuten Versuch des Jura-Studiums. 1895 verfasste er erste literarische Arbeiten, durch den Kontakt mit Karl Kraus kam es ab 1896 zu Veröffentlichungen (Skizzenband Wie ich es sehe). Im März bzw. April 1900 trat er „aus der israelitischen Religionsgemeinschaft“ aus, blieb dann zehn Jahre konfessionslos und ließ sich schließlich im Jahr 1910 in der Karlskirche taufen. Sein Taufpate war der Architekt Adolf Loos. Altenberg, der nach einer kurzen Zeit in München wieder nach Wien zurückgekehrt war, war dort schon zu Lebzeiten eine stadtbekannte Figur, um die sich die Legenden rankten.

Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen, ein normales Berufsleben zu beginnen, attestierte ihm ein Arzt wegen einer „Überempfindlichkeit des Nervensystems“ die Unfähigkeit, einen Beruf auszuüben. Seither führte er das Leben eines Bohemiens und verbrachte die meiste Zeit in Kaffeehäusern. Von kurzen Eindrücken, flüchtigen Begegnungen und zufällig mitgehörten Gesprächen inspiriert, schrieb Altenberg als Gelegenheitskünstler sogenannte Kaffeehausliteratur. Diese stellte bei ihm eine impressionistische Studie der Gesellschaft und des Lebens der Wiener Moderne dar. Er selbst beschrieb den Prozess der Entstehung dieser Texte in einem Brief an Arthur Schnitzler folgendermaßen:

„Wie schreibe ich denn?!
Ganz frei, ganz ohne Bedenken. Nie weiß ich mein Thema vorher, nie denke ich nach. Ich nehme Papier und schreibe. Sogar den Titel schreibe ich so hin und hoffe, es wird sich schon etwas machen, was mit dem Titel im Zusammenhang steht. Man muss sich auf sich verlassen, sich nicht Gewalt antun, sich entsetzlich frei ausleben lassen, hinfliegen –. Was dabei herauskommt, ist sicher das, was wirklich und tief in mir war. Kommt nichts heraus, so war eben nichts wirklich und tief darin und das macht dann auch nichts.“[2]

Stilistisch wirken seine Texte oberflächlich, monoton, teilnahms- und bezugslos. Der Autor scheint ausschließlich zu beobachten. Für den Leser lässt sich keine durchgehende Handlung erkennen, weil keine Hauptpersonen vorhanden sind. Auch eine Botschaft sowie Verknüpfungen fehlen.

Das Werk Peter Altenbergs besteht ausschließlich aus diesen kurzen Prosatexten, die sich nur schwer einer der kanonisierten literarischen Formen zuordnen lassen. Sie werden meistens als Prosaskizzen oder Prosagedichte bezeichnet. Es sind Momentaufnahmen, die in konzentrierter Form das Leben, die Gesellschaft Wiens um die Jahrhundertwende zeigen. Die Kunst Peter Altenbergs besteht darin, mit wenigen „literarischen Pinselstrichen“ ein umfassendes Bild zu schaffen; mit Hilfe von kurzen Andeutungen vor dem Leser, der bereit ist, auch zwischen den Zeilen zu lesen, ein ganzes Panorama der Gesellschaft, ein ganzes Netz von Beziehungen auferstehen zu lassen.

Altenberg versucht nicht, das Leben auf einen ideologischen Nenner zu bringen, sondern zeigt es in seiner ganzen Buntheit, seiner oft widersprüchlichen Vielfalt. Eine wichtige Rolle in seinen Skizzen spielen sinnliche Eindrücke – Farben, Gerüche, Stimmungen. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Impressionismus.

Auf der anderen Seite sind seine kurzen Texte teilweise auch für die Bühne geeignet – so trug etwa einer seiner Freunde, der Schriftsteller Egon Friedell, der auch als Kabarettist und Conférencier tätig war, immer wieder auch Texte Altenbergs öffentlich vor. Teile aus Friedells Gesprächen mit Altenberg erschienen späterhin als Anekdoten, für die allerdings Friedell als Verfasser verantwortlich zeichnete. Einige seiner Texte wurden von Alban Berg vertont.

Trotz Erfolges blieb Altenberg von Spenden abhängig, zu denen seine Freunde – darunter Karl Kraus und Adolf Loos – aufriefen. Seine letzten sechs Lebensjahre wohnte er in einem Zimmer im Hotel Graben in der Dorotheergasse. Nachdem er in den letzten zehn Lebensjahren häufig in Alkoholentzugs- und Nervenheilanstalten gewesen war,[Anm. 1] starb er am Vormittag des 8. Jänner 1919 an der III. Medizinischen Klinik (siehe: Franz Chvostek junior) des Wiener Allgemeinen Krankenhauses.[3] Er wurde am 11. Jänner 1919 auf dem Wiener Zentralfriedhof in einem Ehrengrab bestattet (Gruppe 0, Reihe 1, Nummer 84).[1] Karl Kraus schloss seine Grabrede mit den Worten: „Wehe der Nachkommenschaft, die Dich verkennt!“

Im Jahr 1929 wurde in Wien-Döbling (19. Gemeindebezirk) die Peter-Altenberg-Gasse nach ihm benannt.

Werke[Bearbeiten]

  • Wie ich es sehe. S. Fischer, Berlin 1896; Manesse, Zürich 2007, ISBN 978-3-7175-2128-0
  • Ashantee. Fischer, Berlin 1897; Loecker, Wien 2008, ISBN 978-3-85409-460-9
  • Was der Tag mir zuträgt. Fünfundfünfzig neue Studien. Fischer, Berlin 1901
  • Prodromos. Fischer, Berlin 1906
  • Märchen des Lebens. Fischer, Berlin 1908; veränd. A. ebd. 1919
  • Die Auswahl aus meinen Büchern. Fischer, Berlin 1908
  • Bilderbögen des kleinen Lebens. Reiss, Berlin 1909
  • Neues Altes. Fischer, Berlin 1911 (Digitalisat der UB Bielefeld)
  • Semmering 1912. Fischer, Berlin 1913; verm. A. ebd. 1919
  • Fechsung. Fischer, Berlin 1915
  • Nachfechsung. Fischer, Berlin 1916
  • Vita ipsa. Fischer, Berlin 1918
  • Mein Lebensabend. Fischer, Berlin 1919 (Digitalisat der UB Bielefeld)
  • Der Nachlass von Peter Altenberg, zusammensgestellt von Alfred Polgar. Fischer, Berlin 1925.
  • Peter Altenberg. Auswahl von Karl Kraus, herausgegeben von Sigismund von Radecki. Atlantis, Zürich 1963
  • Das Buch der Bücher von Peter Altenberg, zusammengestellt von Karl Kraus. 3 Bände. Wallstein, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8353-0409-3
  • Die Selbsterfindung eines Dichters. Briefe und Dokumente 1892–1896. Hrsg. und mit einem Nachwort von Leo A. Lensing. Wallstein, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8353-0552-6

Vertonungen[Bearbeiten]

  • Alban Berg: Aus den Jugendliedern für Singstimme und Klavier (ca. 1901–1908; hrsg. 1985):
    • Traurigkeit („Weinet, sanfte Mädchen...“) (1906)
    • Hoffnung („Was erhoffst du dir, Mädchen, noch?!“) (1906)
    • Flötenspielerin („Von der Last des Gedankens und der Seele befreit“) (1906)
  • Alban Berg: Fünf Orchesterlieder nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg (1912, zwei dieser Lieder, nämlich die Nummern 2 und 3, brachte Arnold Schönberg im Rahmen des berüchtigten Skandalkonzerts von 1913 zur Uraufführung )
    • 1. Seele, wie bist du schöner, tiefer, nach Schneestürmen
    • 2. Sahst du nach dem Gewitterregen den Wald
    • 3. Über die Grenzen des All blicktest du sinnend hinaus
    • 4. Nichts ist gekommen, nichts wird kommen für meine Seele
    • 5. Hier ist Friede. Hier weine ich mich aus über alles
  • Hanns Eisler: Und endlich („Und endlich stirbt die Sehnsucht doch“) (1953)
  • Konrad Scherber: Vision - Neu-Romantik (1908) Vorgetragen im Kabarett Fledermaus von Lina Vetter-Loos

Literatur[Bearbeiten]

  • Engländer Richard. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 1. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1957, S. 253.
  • Eugen Thurnher: Altenberg, Peter. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 1, Duncker & Humblot, Berlin 1953, ISBN 3-428-00182-6, S. 213 f. (Digitalisat).
  • Egon Friedell: Ecce Poeta. S. Fischer, Berlin 1912; Diogenes, Zürich 1992, ISBN 3-257-22543-1
  • Egon Friedell (Hrsg.): Das Altenbergbuch. Wiener Graphische Werkstätte, Wien 1921
  • Karl Kraus (Hrsg.): Peter Altenberg. Auswahl aus seinen Büchern. Schroll, Wien 1932; Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-458-33551-X
    • Neuausgabe als: Was der Tag mir zuträgt. Auswahl aus seinen Büchern. Marix, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-86539-200-8
  • Wolfgang Kraus (Hrsg.): Peter Altenberg: Das Glück der verlorenen Stunden. Auswahl aus dem Werk. Kösel, München 1961
  • Helga Malmberg: Widerhall des Herzens. Ein Peter Altenberg-Buch. Langen-Müller, München 1961
  • Felix Mitterer: Der Narr von Wien. Aus dem Leben des Dichters Peter Altenberg. Ein Drehbuch, Residenz Verlag, Salzburg 1982, ISBN 3-7017-0304-3
  • Gisela von Wysocki: Peter Altenberg. Bilder und Geschichten des befreiten Lebens. Europäische Verlags-Anstalt, Hamburg 1994, ISBN 3-434-50049-9
  • Heinz Lunzer: Peter Altenberg – Extracte des Lebens. Einem Schriftsteller auf der Spur. Residenz, Salzburg 2003, ISBN 3-7017-1320-0
  • Christian Rößner: Der Autor als Literatur. Peter Altenberg in Texten der ‚klassischen Moderne‘. Peter Lang (Helicon 32), Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-631-54965-2
  • Ricarda Dick: Peter Altenbergs Bildwelt. Zwei Ansichtskartenalben aus seiner Sammlung. Wallstein, Göttingen 2009.
  • Thomas Markwart: Die theatralische Moderne. Peter Altenberg, Karl Kraus, Franz Blei und Robert Musil in Wien, Hamburg 2004.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Peter Altenberg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Peter Altenberg – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Hedwig Abraham (Red.): Peter Altenberg. In: viennatouristguide.at, abgerufen am 23. Juli 2014.
  2. Peter Altenberg: Brief an Arthur Schnitzler (1894). In: Gotthart Wunberg (Hrsg.): Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910. Reclam, Stuttgart 2000, ISBN 3-15-007742-7.
  3. L. U.: Peter Altenberg – gestorben. In: Wiener Allgemeine Zeitung, 6 Uhr-Blatt, Nr. 12213/1919, 8. Jänner 1919, S. 2, oben rechts (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/waz.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Unter anderem von Dezember 1910 bis September 1911 im Sanatorium Dr. E(mil) Fries für Nerven- und Gemüthskranke in (siehe:) Inzersdorf bei Wien.