Primogenitur

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Primogenitur (lateinisch primus „Erster“, genitus „geboren“: Erstgeborenen-Nachfolgeordnung) bezeichnet fachsprachlich die Ordnung der Erbfolge, nach der nur das erstgeborene oder älteste Kind das Erbe und die Rechtsnachfolge einer verstorbenen Person antritt, während mögliche Geschwister unberücksichtigt bleiben.[1] Im alten Adelsrecht galt die Primogenitur vor allem in Königshäusern zur Festlegung der Thronfolge sowie in herrschenden Fürstenhäusern zur Bestimmung der Regentenfolge. In der Regel konnten dabei nur älteste Söhne die Erbfolge antreten; Töchter waren entweder ganz ausgeschlossen (nach dem alten fränkischen Recht Lex Salica) oder wurden ihren Brüdern gegenüber zurückgesetzt. Dies war vor allem der Tatsache geschuldet, dass nach der Heirat einer Tochter ihre Kinder der Familie ihres Ehemannes zugerechnet, seinen Familiennamen tragen und seine Stammlinie fortsetzen würden, nicht aber die Linie ihrer Mutter und deren Vaters. Gab es keinen männlichen Nachkommen, regelten familieneigene Hausgesetze die Erb- und Rechtsnachfolge, beispielsweise in der Form eines Majorats oder eines Minorats, in seltenen Fällen auch durch ein Erbtochter- oder Erbjungfernrecht. Ein Primogeniturtitel (Erstgeburtstitel) konnte als offizieller Namensbestandteil nur an den Erstgeborenen weitervererbt werden.

Ultimogenitur („Letztgeborenenrecht“) bezeichnet demgegenüber eine Ordnung der Nachfolge, bei der das jüngste Kind den Familienbesitz erbt.[1] Diese Erbfolge fand und findet sich als Ultimagenitur („Letztgeborene“) bei einigen der rund 160 ethnischen Gruppen und indigenen Völkern, die sich matrilinear nach ihren Mütterlinien organisieren: Hier erbt die jüngste Tochter die soziale Position und den Besitz der verstorbenen Mutter, was zumeist die Verfügungsgewalt über den familiären Landbesitz einschließt; Söhne bleiben unberücksichtigt, weil sie die Linie nicht fortsetzen können, denn ihre Kinder werden ihrer Mutter und deren Linie zugerechnet.[2][3] In ländlichen Gegenden Moldawiens erbt oft der jüngste Sohn den familiären Wohnsitz, während der älteste Sohn die offizielle Nachfolge seines Vaters übernimmt;[4] diese Regelung war früher auch in der Mongolei üblich, dort galt der Jüngste als Bewahrer des „heiligen Herdfeuers“ seiner Familie.[5][6]

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Begründung: Es fehlt Funktion, Geschichte und Gegenwart zur Ultimogenitur. --Chiananda (Diskussion) 02:04, 6. Mai 2014 (CEST)

Primogenitur[Bearbeiten]

Funktionen[Bearbeiten]

Die Primogenitur sicherte den ungeteilten Bestand eines Erbes, im Falle eines Regierenden also die Fortdauer einheitlicher Herrschaft über das bestehende Territorium. Je mehr in der frühen Neuzeit Herrschaftsgebiete funktionell und nach dem Selbstverständnis der Herrschaftsinhaber zu einem Staat wurden, desto erstrebenswerter wurde dieses Ziel.

Die Primogenitur ließ die Geschwister des Erben zumeist ohne Versorgung aus der Erbmasse. Dem wurde teilweise abgeholfen, indem man ihnen kirchliche Pfründen zukommen ließ. Nach der Reformation verloren die protestantischen Länder diesen Behelf.

Indem die jüngeren Geschwister eine geistliche Position übernahmen, fielen sie auch als Zeuger legitimer, erbberechtigter Kinder aus. Sofern also der Erstgeborene bei der Fortpflanzung „versagte“, drohte die Familie auszusterben. Um die Fortdauer der Familie zu sichern, wich man dann oft von Hausgesetzen ab, die nur eine Primogenitur vorsahen.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Vorrang des Erstgeborenen findet bereits im Alten Testament der Bibel Erwähnung, etwa in der Rivalität zwischen Esau und Jakob um den Segen ihres Vaters Isaaks. In der Mosesgeschichte bringt die letzte (und schwerste) biblische Plage die Ägypter um ihre Erstgeborenen.

Im germanischen Rechtsbereich und speziell im mittelalterlichen Deutschland setzte sich das Prinzip nur allmählich durch. Bei den Karolingern und den Askaniern wurde die Herrschaft unter den lebenden Söhnen aufgeteilt. Heinrich I. von Bayern rechtfertigte seine wiederholten Aufstände gegen die Herrschaft seines Bruders Ottos des Großen geradezu damit, dass Otto zwar der Primogenitus (Erstgeborene) seines Vaters sei, jedoch noch des bloßen Herzogs, während er selbst sein Porphyrogenitus (Purpurgeborene) sei, also sein Kind im höheren Königsamt.

Die Goldene Bulle von 1356 verfügte staatsrechtlich die Primogenitur für die weltlichen Kurfürstentümer des Heiligen Römischen Reiches und verschaffte ihr somit mehr Bedeutung. Sie galt aber nur für die Kurlande; andere Ländereien, über die ein Kurfürst herrschte, konnten durchaus im Erbwege geteilt werden, wie es etwa in der Geschichte Sachsens und der Kurpfalz wiederholt vorkam; das Erbprinzip galt also nur erst spezifisch und nicht allgemein.

Das Primogeniturstatut von 1375 der Herrschaft und späteren Grafschaft Hanau ist eine der ältesten Bestimmungen, die dieses Prinzip unterhalb der Ebene der Kurfürsten vorschreibt. Mecklenburg führte die Primogenitur erst durch den Hamburger Vergleich von 1701 verbindlich ein.

Gegenwart[Bearbeiten]

In Erbmonarchien war die patrilineare Primogenitur am häufigsten, Töchter wurden von der Thronfolge ausgeschlossen. Viele der noch bestehenden Erbmonarchien in Europa haben inzwischen die Bevorzugung des männlichen Geschlechts bei der Erbfolgeregelung aufgehoben. So wird beispielsweise in Schweden seit 1980 und in Belgien seit 1991 das älteste Kind ungeachtet seines Geschlechts Thronfolger. Seit 2011 gibt es auch im Vereinigten Königreich und den in Personalunion verbundenen Commonwealth-Staaten die Bestrebung, eine solche Regelung für die britische Thronfolge herbeizuführen. Im April 2013 wurde diese Regelung parlamentarisch verabschiedet.[7] Demgegenüber hält das Fürstentum Liechtenstein an der patrilinearen Form der Primogenitur fest.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Kaiser: Regierende Fürsten und Prinzen von Geblüt. Der Bruderzwist als dynastisches Strukturprinzip. In: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Jahrbuch. Band 4, 2003 ISSN 2192-4538, S. 3–28.
  • G. Rühl: Majorat, Minorat, Primogenitur, Seniorat. In: Carl von Rotteck, Carl Welcker (Hrsg.): Das Staats-Lexikon. Encyklopädie der sämtlichen Staatswissenschaften für alle Stände. Neue durchaus verbesserte und vermehrte Auflage. Band 8, Hammerich, Altona 1847, S. 699–701 (Fundstellen in der Google-Buchsuche).
  • Frank Robert Vivelo: Primogenitur und Ultimogenitur. In: Derselbe: Handbuch der Kulturanthropologie. Eine grundlegende Einführung. Klett-Cotta, Stuttgart 1981, ISBN 978-31293-8320-9, S. 177–178 (US-Original: 1978).

Weblinks[Bearbeiten]

  • Gabriele Rasuly-Paleczek: Bedeutung des Lebensalters: Primogenitur/Ultimogenitur. In: Einführung in die Formen der sozialen Organisation. Teil 4/5, Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien, 2011, S. 180–181, archiviert vom Original am Oktober 2013, abgerufen am 6. Mai 2014 (PDF; 765 kB, Unterlagen zu ihrer Vorlesung im Sommersemester 2011).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Alan Barnard, Jonathan Spencer: Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology. Routledge, London/New York 1996, ISBN 0-415-09996-X, S. 619: Primogenitur: „Inheritance or succession by the first-born child, or more usually, by the first-born son.“ Ultimogenitur: „Inheritance or succession by the youngest child.“
  2. J. Patrick Gray: Ethnographic Atlas Codebook. In: World Cultures. Band 10, Nr. 1, 1998, S. 86-136, hier S. 104: Tabelle 43 Descent: Major Type (eine der wenigen Auswertungen aller damaligen 1267 Ethnien; PDF-Datei; 2,4 MB; ohne Seitenzahlen): „584 Patrilineal […] 160 Matrilineal“ (46,1% patrilinear; 12,6% matrilinear). Ebenda S. 117: „Inheritance Distribution for Real Property (Land): […] 472 Missing data on distribution […] 16 Ultimogeniture (to the junior individual); 247 Primogeniture (to the senior individual) […] Inheritance Distribution for Movable Property: […] 382 Missing data on distribution […] 14 Ultimogeniture (to the junior individual); 244 Primogeniture (to the senior individual)“. Mittlerweile enthält der Ethnographic Atlas by George P. Murdock Datensätze zu 1300 Ethnien (Stand Dezember 2012 im InterSciWiki), von denen aber oft nur Stichproben ausgewertet wurden und werden, beispielsweise im HRAF-Projekt.
  3. Beispielsweise bei den Khasi in Nordost-Indien, siehe F. K. Lehman: Book Reviews – Chie Nakanee: „Garo and Khasi“ (1967). In: American Anthropologist. Band 71, Nr. 6, 1969, S. 1157, abgerufen am 5. Mai 2013 (englisch; PDF-Datei; 383 kB; 4 Seiten auf wiley.com): „[…] sharing a system of heiresses in matrilineal succession (in the case of the Khasi, by ultimogeniture) […]“.
  4. Melvin Ember, Carol R Ember: Moldova. In: Dieselben: Countries and Their Cultures. Band 3: L–R, Macmillan, New York 2001, S. 1484 (englisch): „In the villages, there is a general rule of ultimogeniture (the youngest son and his family live with the parents, and he inherits the contents of the household).“
  5. Gabriele Rasuly-Paleczek: Bedeutung des Lebensalters: Primogenitur/Ultimogenitur. In: Einführung in die Formen der sozialen Organisation. Teil 4/5, Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien, 2011, S. 181, archiviert vom Original am Oktober 2013, abgerufen am 6. Mai 2014 (PDF; 765 kB): „Daneben gibt es einzelne in denen eine Mischung aus Ultimo- und Primogenitur gegeben ist. Bei den Mongolen z. B. ging die politische Führung oft auf den erstgeborenen Sohn über, während der jüngst Sohn, der bei den Eltern blieb, die spirituelle Führung inne hatte. Er galt als Bewahrer des »heiligen Herdfeuers« seiner Familie.“
  6. Melvin Ember, Carol R Ember: Mongolia. In: Dieselben: Countries and Their Cultures. Band 3: L–R, Macmillan, New York 2001, S. 1502 (englisch): „Historically, the cultural pattern of old age support was ultimogeniture and the youngest son would typically inherit the largest share of the parent’s animals. Today, there is greater variation in inheritance depending on personality considerations and the economic and living circumstances of different family members.“
  7. Meldung: Großbritannien: Mädchen sind bei Thronfolge jetzt gleichberechtigt. In: Welt Online. 23. April 2013, abgerufen am 5. Mai 2014: „Falls William und Kate eine Tochter bekommen, würde diese demnach vor Prinz Harry rücken. […] Das Gesetz, dem nun noch Königin Elizabeth II. zustimmen muss, sieht auch vor, dass ein Thronfolger künftig einen Katholiken heiraten darf. Der britische Thron bleibt Katholiken aber auch künftig verwehrt.“