Matrilinearität
Matrilinearität (Mutterfolge oder uterine Deszendenz, adj.: matrilinear, auch direkt aus dem engl. übernommen: matrilineal) ist eine Form der unilinearen Deszendenz. Als lineare Verwandtschaftsbeziehung wird eine Beziehung zwischen zwei Personen bezeichnet, in denen die eine von der anderen abstammt im Unterschied zur kollateralen Verwandtschaft, in der zwei Personen zwar von gemeinsamen Vorfahren, nicht jedoch voneinander abstammen. In der Ethnologie und Anthropologie wird mit Matrilinearität ein System bezeichnet, das die verwandtschaftlichen Verhältnisse sowie die sich daraus ergebenden Rechte und Pflichten, etwa in Bezug auf das Erbrecht, über die Abstammung von der Mutter legitimiert. Der Gegensatz zur Matrilinearität ist die Patrilinearität.
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Deszendenzsystem [Bearbeiten]
Die matrilineare Abstammung, sowohl der männlichen als auch der weiblichen Nachkommen, wird durch eine weibliche Vorfahrenlinie, der Abstammungslinie der Mutter, gebildet. Dies kann zur Folge haben, dass die Nachkommen nicht-gleichgeschlechtlicher Geschwister zwei verschiedenen Linien angehören, also dass nur die Kinder der Tochter, nicht aber die Kinder des Sohnes – diese werden der Verwandtschaftsgruppe ihrer Mutter zugerechnet – derselben Linie angehören. Dies kann bei der Eheschließung, insbesondere bei der Kreuzkusinenheirat, eine Rolle spielen. Die durch die gemeinsame unilineare Abstammung entstehende Gruppe wird als Lineage bezeichnet.[1]
Wohnsitzregelung [Bearbeiten]
Die Matrilinearität ist eng mit der Matrilokalität verknüpft, d.h. dass die Frau nach ihrer Heirat in ihrer Familie bzw. ihrem Geburtsort verbleibt, woraus sich wiederum eine Uxorilokalität ergeben kann, bei der der Ehemann zum Wohnsitz der Frau übersiedelt oder eine sogenannte Besuchsehe geführt wird.[1]
Matrilinear gegliederte Familiensysteme weisen häufig auch das so genannte Avunkulat auf. In diesen Systemen übernimmt der Mutterbruder, der Oheim, die Vaterrolle für die Kinder seiner Schwester, die genetische Verwandtschaft eines Vaters mit seinen Kindern spielt dadurch eine untergeordnete Rolle.[2] Bei den Mutterbrüdern liegt in matrilinearen Gesellschaften häufig auch die Autorität.[3]
Ausprägung [Bearbeiten]
Eine matrilineare Abstammungslinie ist auch heute noch in einigen Kulturen und Ethnien grundlegend für die Zugehörigkeitsbestimmung. Die Minangkabau auf der indonesischen Insel Sumatra sind mit über drei Millionen Angehörigen die größte noch existierende matrilineare und matrilokale Kultur weltweit[4]. Matrilineare Gesellschaftsstrukturen herrschen auch vor bei den Khasi in Ostindien (rund 3 Millionen), den Tuareg in Nordafrika (rund 3 Millionen), den Wayúu in Südamerika (rund 0,5 Millionen), den nordamerikanischen Irokesenvölkern (rund 70.000), den Mosuo in China (rund 30.000) sowie weiteren Ethnien außerhalb Europas (siehe Matrilineares Verwandtschaftssystem).
Im Staat Israel gilt als Jude oder Jüdin, wessen Vorfahrinnen bis zu vier Generationen zurück Jüdinnen waren, also in rein mütterlicher Linie bis zur eigenen Ururgroßmutter.
Andere Formen der Deszendenz [Bearbeiten]
Neben der unilinearen Matrilinearität und Patrilinearität gibt es weitere Verwandtschaftssysteme, z.B. so genannte bilineare (darunter ambilineare und kognatische), in denen Kinder gleichzeitig der Abstammungslinie der Frau als auch des Mannes zugerechnet werden.
Siehe auch [Bearbeiten]
Literatur [Bearbeiten]
- Leela Dube: Matriliny and Islam. Religion and Society in the Laccadives. Delhi 1969.
- Hans Fischer (Hrsg.): Ethnologie. Einführung und Überblick. 3. veränderte und erweiterte Auflage. Reimer Verlag, Berlin, 1992, ISBN 3-496-00423-1.
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ a b Walter Hirschberg (Hrsg.): Neues Wörterbuch der Völkerkunde. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1988, ISBN 3-496-00875-X, S. 525.
- ↑ Marvin Harris: Kulturanthropologie. Ein Lehrbuch. Campus-Verlag, Frankfurt am Main u. a. 1989, ISBN 3-593-33976-5, S. 180.
- ↑ Karl Lenz, Marina Adler: Einführung in die sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung. Band 1: Geschlechterverhältnisse. Juventa, Weinheim u. a. 2010, ISBN 978-3-7799-2301-5, S. 68.
- ↑ Ilse Lenz, Ute Luig (Hrsg.): Frauenmacht ohne Herrschaft. Geschlechterverhältnisse in nicht-patriarchalen Gesellschaften. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-596-12827-7 (Fischer 12827 Die Frau in der Gesellschaft).