Probiotikum

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Ein Probiotikum (Mehrzahl Probiotika), von gr. pro bios = ‚für das Leben‘, ist eine Zubereitung, die lebensfähige Mikroorganismen enthält. Es zählt zu den Functional-Food-Produkten. In ausreichenden Mengen oral aufgenommen, können Probiotika einen gesundheitsfördernden Einfluss auf den Wirtsorganismus haben,[1][2][3] das Ausmaß dieser möglichen Wirkung ist jedoch in vielen Fällen umstritten. Im Vergleich zu „konventionellen“ Nahrungsmitteln wurde eine erhöhte Wirkung von probiotischen Nahrungsmittel jedoch nicht nachgewiesen.[4] Die am längsten als Probiotika angewendeten Organismen sind Milchsäurebakterien, aber auch Hefen und andere Spezies sind in Gebrauch.

Probiotika können als Zugabe in Lebensmitteln (hierzu zählen auch Nahrungsmittel, Nahrungsergänzungsmittel oder diätetische Lebensmittel) oder in Form von Arzneimitteln verabreicht werden. Abgegrenzt werden Probiotika von den Präbiotika, die eine positive Wirkung (Wachstumsanregung) auf bereits sich im Darm befindende Mikroorganismen haben[5], und den Synbiotika, einer Kombination aus beidem.

Probiotische Lebensmittel[Bearbeiten]

Als probiotisch bezeichnete Lebensmittel enthalten meist Mikroorganismen (z. B. Milchsäurebakterien der Art Lactobacillus casei), die, sofern sie die Magenpassage überhaupt zu einem nennenswerten Anteil teilungsfähig überwinden können, im Dünndarm, teilweise auch im Dickdarm, durch quantitative Verdrängung und Produktion von antibakteriellen Stoffen (Bacteriocine) einer Fehlbesiedlung mit Darmkeimen entgegenwirken sollen. Möglicherweise verdrängen sie jedoch Teile der erwünschten Darmflora, wodurch das dort herrschende Gleichgewicht empfindlich gestört würde. Einige probiotische Bakterien (z. B. L. bulgaricus) können sich aber nur vorübergehend innerhalb der Darmflora behaupten und werden nach Beendigung der Zufuhr innerhalb weniger Wochen nahezu vollständig verdrängt.

Probiotischer Joghurt[Bearbeiten]

Probiotischer Joghurt kann auf verschiedene Arten hergestellt werden. Bei den meisten probiotischen Produkten wird zunächst Joghurt auf herkömmliche Weise unter Zusatz der üblichen Starterkulturen hergestellt und erst nachträglich der probiotisch erwünschte Bakterienstamm zugesetzt. Je nach verwendetem Stamm kann die Fermentation der Milch jedoch auch durch den probiotisch erwünschten Bakterienstamm selbst erreicht werden; in diesem Fall enthält das Produkt ausschließlich diesen Bakterienstamm.

Probiotische Nahrungsmittel[Bearbeiten]

Nachdem ursprünglich nur entsprechender Joghurt angeboten wurde, erscheinen zunehmend weitere Nahrungsmittel, etwa Quark, Käse, Wurst oder Speiseeis, die probiotische Bakterien enthalten, auf dem Markt.

Ein mit Lactobacillus acidophilus (L.a.) und Bifidobacterium bifidum (B.b.) angereichertes Speiseeis, aus Geschmacksgründen leicht säuerlich mit pH-Werten zwischen 5,0 und 6,0, wurde 17 Wochen bei -29 °C gelagert. Dabei verringerte sich sein Lebendbakteriengehalt von anfangs 1,5 × 108 cfu/ml (L.a.) und 2,5 × 108 cfu/ml (B.b.) auf 4 × 106 cfu/ml (L.a.) und 1 × 107 cfu/ml (B.b.). Diese akzeptable Verringerung zeigte, dass selbst länger tiefgefrorenes Speiseeis als probiotisches Nahrungsmittel tauglich ist.[6]

Probiotische Zusatzpräparate[Bearbeiten]

Von den Nahrungsmitteln klar abzugrenzen sind die probiotischen Zusatzpräparate (Nahrungsergänzungsmittel). Im Gegensatz zu den Nahrungsmitteln enthalten diese stets mehrere Millionen bis Billionen lebensfähige Bakterien in Pulverform. Die meisten Präparate enthalten Bifidobakterien und Laktobakterien mit teilweise wissenschaftlich belegten Wirkungen.[7] Die Zusammensetzung und das Mischverhältnis werden durch den Hersteller gewählt, und so haben die Produkte je nach Bakterienart und -stämme eine unterschiedliche Wirkung. Als sehr populär gilt der L. acidophilus, über dessen Wirksamkeit sehr viele Studien existieren.[8] Die meisten probiotischen Zusatzpräparate sind nur in Apotheken erhältlich.

Eigenschaften und Kritik[Bearbeiten]

Die intensiv beworbenen, angeblich gesundheitsfördernden Eigenschaften verschiedener probiotischer Stämme sind nur zu sehr geringen Teilen wissenschaftlich nachgewiesen; es besteht in vielen Bereichen noch großer Forschungsbedarf. Eine der vielen Schwierigkeiten hierbei liegt darin, dass die Eigenschaften von Probiotika jeweils stammspezifisch sind. Es ist jedoch zu beachten, ob in den Studien die probiotischen Nahrungsmittel oder die höherdosierten probiotischen Nahrungsergänzungsmittel untersucht wurden, sodass sich die Aussagen nicht verallgemeinern lassen. Manche Stämme traditioneller Milchsäurebakterien können ähnlich positiv im Darm wirken.

Teilweise positive Ergebnisse brachten Untersuchungen an einigen probiotischen Bakterienstämmen (im Vergleich zu Placebo) bezüglich[9][10][11]

Beispiele für probiotische Bakterienstämme in Nahrungsmitteln[Bearbeiten]

  • Bifidobacterium animalis subsp. lactis BB-12 [Chr. Hansen]
  • Bifidobacterium animalis subsp. lactis DN-173 010 (= Bifidobacterium Digestivum Essensis) Danone
  • Bifidobacterium animalis subsp. lactis HN019 (= Howaru Bifido) Danisco
  • Lactobacillus acidophilus LA5 [Chr. Hansen]
  • Lactobacillus acidophilus NCFM [Rhodia Inc.]
  • Lactobacillus johnsonii La1 (= Lactobacillus LC1) Nestlé
  • Lactobacillus casei immunitass/defensis (= Actimel) Danone
  • Lactobacillus casei Shirota (DSM 20312) Yakult
  • Lactobacillus casei CRL431 [Chr. Hansen]
  • Lactobacillus reuteri (ATCC 55730) [BioGaia Biologics]
  • Lactobacillus rhamnosus (ATCC 53013) [Valio]

Beispiele für Bakterienstämme, die eindeutig keine probiotische Wirkung besitzen[Bearbeiten]

"Die folgenden Stämme besitzen keine probiotische Wirkung, da sie die extremen Bedingungen im Magen und durch die Galle nicht überleben und somit nicht lebend im Darm ankommen:" [13]

Health Claims[Bearbeiten]

Seit Anfang 2007 sind in der Europäischen Union unbelegte gesundheitsbezogene Aussagen (Health Claims) untersagt (Health-Claims-Verordnung). Demnach sind gesundheitsbezogene Aussagen zu Lebensmitteln nur noch statthaft, wenn sie auch wissenschaftlich belegt sind. Bis Ende 2009 galt eine Übergangsfrist. Seither wird für Probiotika eine Liste erstellt, in der belegbare gesundheitsbezogene Aussagen zusammengestellt werden. Diese wird der EFSA (European Food and Safety Authority)[14] vorgelegt, um deren wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit zu prüfen. In einer Reihe von Artikeln hat die EFSA für die meisten probiotische Stämmen bereits positive Bescheide veröffentlicht, aber auch mehrere negative.[15]

Medizinische Anwendungen[Bearbeiten]

Neben der umstrittenen Zugabe von probiotischen Bakterien zu herkömmlichen Nahrungsmitteln werden Probiotika bei einer Vielzahl von Erkrankungen therapeutisch als probiotische Arzneimittel eingesetzt. Manche Anwendungsmöglichkeiten sind nach wissenschaftlichen Kriterien nicht gesichert. Im Gegensatz dazu ist z. B. die Anwendung des E. coli Stammes Nissle 1917 (Hersteller Ardeypharm; Handelsname Mutaflor) zur Rezidivprophylaxe der Colitis ulcerosa oder zur Behandlung der Diarrhö bei Säuglingen, Kleinkindern und Kindern zugelassen und genügt den Ansprüchen der evidenzbasierten Medizin. Kritischer formuliert lassen die durchgeführten Doppelblindstudien eine positive Wirkung bei akuten Durchfallerkrankungen bei Kindern, der Verhinderung Antibiotika-induzierter Durchfälle und für die Colitis ulcerosa möglich erscheinen.[16]

Verwendete Spezies[Bearbeiten]

Probiotische Arzneimittel können entweder aus einem einzigen Stamm einer Spezies oder aus Mischungen mehrerer Stämme oder Spezies bestehen.

Wirkungsmechanismen[Bearbeiten]

Nicht immer ist der genaue Wirkmechanismus der verwendeten Bakterien bekannt. Jedoch ist bekannt, dass sie zum Teil das Mukosaimmunsystem stimulieren bzw. modulieren, das auch als MALT (mucosa associated lymphatic tissue) bezeichnet wird. Dadurch wird über verschiedene Mechanismen auch die Produktion von sekretorischen Immunglobulinen A, die z. B. ins Darmlumen abgeschieden werden oder auf allen Schleimhäuten sich befinden, stimuliert, was der Immunabwehr zugutekommt. Weiterhin gibt es eine sog. Kolonisationsresistenz, was bedeutet, dass probiotische Bakterien u. a. selbst Bacteriocine produzieren (bei den Colibakterien sind es die Colicine, bei Lactococcen z. B. das Nisin), die das Wachstum anderer konkurrierender Bakterien hemmen.

Indikationen[Bearbeiten]

Probiotika wurden bei vielfältigen Erkrankungen erfolgreich angewendet, allerdings steht der wissenschaftliche Beweis oft noch aus. Für folgende Krankheiten ist die Wirksamkeit von Probiotika verhältnismäßig gut erforscht:[17]

Kontraindikation[Bearbeiten]

Obwohl nicht bewiesen, sollen probiotische Produkte die entzündlichen Phasen mancher Autoimmunerkrankungen wie Morbus Bechterew verschlimmern. Über vereinzelte Fälle von probiotischer Bakteriämie und Fungämie bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem und bei chronisch Kranken wurde berichtet. Fälle von Blutvergiftungen bei gesunden Menschen, die Probiotika einnahmen, sind nicht bekannt.[18] Bei schwerer, akuter Pankreatitis erhöht die Einnahme von Probiotika die Sterblichkeit signifikant (Propatria-Studie).[19] Bei kritisch erkrankten Patienten sollte von der Anwendung von Probiotika abgesehen werden.[20]

Antibiotikaresistenz[Bearbeiten]

Alle probiotischen Bakterien enthalten verschiedene Gene, die für Antibiotikaresistenz codieren. Diese können zur natürlichen Ausstattung des Bakteriums gehören oder erworben sein. Es ist momentan unbekannt, in welchem Maß diejenigen Resistenzgene, die mobilisiert und an andere Bakterienarten weitergegeben werden können, zur Entwicklung von Resistenz in pathogenen Arten beitragen.[21]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Fuller, R. (1989): Probiotics in man and animals. In: J. Appl. Bacteriol. Bd. 66, S. 365–378. PMID 2666378
  2. Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, Verlag de Gruyter, 2002
  3. Hahn, Andreas (Hrsg.): Nahrungsergänzungsmittel und ergänzende bilanzierte Diäten, Wissenschaftl. Verlagsges., Stuttgart 2006
  4. Georg Etscheit: Lebensmittel mit Beipackzettel. Süddeutsche Zeitung, Nr. 192, 22./23. August, S. 192
  5. Für die Di-, Oligo- und Polysaccharide Inulin, Lactulose, Lactitol, Raffinose, Stachyose sowie weitere Fructane und Oligofructose wurden präbiotische Eigenschaften untersucht und nachgewiesen.
    Prebiotika. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 23. Februar 2012.
  6. Sharareh Hekmat, Donald J. McMahon: Survival of Lactobacillus acidophilus and Bifidobacterium bifidum in ice cream for use as a probiotic food. In: Journal of Dairy Science, Band 75, Nr.6, 1992, S. 1415–1422. doi:10.3168/jds.S0022-0302(92)77895-3.
  7. Gesundheitlich relevante Aspekte In: Ernährungsmedizin, 2005, S.148.
  8. Therapeutische Wirkungen bei gastrointestinalen Infektionen und Entzündungen In: Bioaktive Substanzen in Lebensmitteln (3. unveränderte Auflage), 2005, S.193.
  9. F. Shanahan: The colonic microflora and probiotic therapy in health and disease. In: Current Opinion in Gastroenterology. Band 27, Nummer 1, Januar 2011, S. 61–65, ISSN 1531-7056. doi:10.1097/MOG.0b013e328340076f. PMID 20885319.
  10. J. Bienenstock, G. Gibson, T. R. Klaenhammer, W. A. Walker, A. S. Neish: New insights into probiotic mechanisms: a harvest from functional and metagenomic studies. In: Gut microbes. Band 4, Nummer 2, 2013 Mar-Apr, S. 94–100, ISSN 1949-0984. doi:10.4161/gmic.23283. PMID 23249742. PMC 3595083 (freier Volltext).
  11. L. E. Miller, A. C. Ouwehand: Probiotic supplementation decreases intestinal transit time: meta-analysis of randomized controlled trials. In: World journal of gastroenterology : WJG. Band 19, Nummer 29, August 2013, S. 4718–4725, ISSN 1007-9327. doi:10.3748/wjg.v19.i29.4718. PMID 23922468. PMC 3732843 (freier Volltext).
  12. Eating probiotics regularly may improve your blood pressure. American Heart Association Rapid Access Journal Report, 21. Juli 2014.
  13. a b c d FOOD-INFO
  14. European Food and Safety Authority
  15. Scientific Opinion on the maintenance of the list of QPS biological agents intentionally added to food and feed (2012 update) . EFSA Journal 2012; 10, 3020.
  16. Haben Probiotika eine belegte Wirkung?
  17. B. R. Goldin und S. L. Gorbach: Clinical indications for probiotics: An overview; In: Clin Infect Dis 46, 2008, S. S96–S100. PMID 18181732 (Review).
  18. R. J. Boyle et al.: Probiotic use in clinical practice: what are the risks? In: Am J Clin Nutr. Band 83, 2006, S. 1256–1264. PMID 16762934.
  19. M. G. H. Besselink et al. in: Lancet 2008; online veröffentlicht am 14. Febr. 2008.
  20. Probiotika erhöhen Mortalität bei akuter Pankreatitis. Arznei-Telegramm Band 39, Nr. 3, S. 44 (03/2008); Vorversion in Blitz a-t vom 14. Februar 2008.
  21. Miguel Gueimonde, Borja Sánchez u. a.: Antibiotic resistance in probiotic bacteria. In: Frontiers in Microbiology. 4, 2013, S. , doi:10.3389/fmicb.2013.00202. (Review)

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

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