Rachid Taha

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Rachid Taha 2011
Rachid Taha bei einem Livekonzert 2007

Rachid Taha (* 18. September 1958 in Sig, Provinz Muaskar) ist ein algerischstämmiger Sänger und Musiker aus Frankreich. Stilistisch integriert er arabische Einflüsse und House, Techno, Rock, Punk und Raï. Zu seinen bekanntesten Stücken zählen eine Neufassung des maghrebinischen 1970er-Schlagers Ya Rayah sowie das Lied Barra, Barra, das unter anderem in dem Film Black Hawk Down und dem Computerspiel Far Cry 2 verwendet wurde.

Leben und Karriere[Bearbeiten]

Rahid Taha wurde am 18. September 1958 in der Olivenanbau-Stadt Sig nahe der westalgerischen Hafenstadt Oran geboren. Hintergrundmusik seiner Kindheit waren (der in Oran und Umgebung stark präsente) Raï sowie andere nordafrikanische Musik – etwa der traditionelle Chaabi-Stil. Traumatisiert durch den Unabhängigkeitskrieg, mit der politischen Lage im Land unzufrieden und auf der Suche nach einer besseren Lebensperspektive, entschloss sich Rachids Vater, Algerien zu verlassen und mit seiner Familie ins Exil zu gehen. 1968 übersiedelte die Familie nach Frankreich – zunächst in eine Aufnahmeeinrichtung in der nahe Straßburg gelegenen Vogesenortschaft Lépanges-sur-Vologne, später nach Lyon. Tahas Vater arbeitete als Textilarbeiter. Taha selbst suchte früh die Unabhängigkeit. Über Wasser hielt er sich mit Gelegenheitsarbeiten, unter anderem in einer Heizungsfabrik. Ende der 1970er-Jahre gründete er zusammen mit Freunden den Nightclub Les Refoulés. Musikalisches Markenzeichen des Clubs waren houseartige Samples – Mashups aus arabischen Popstücken, unterlegt mit den Rhythmen von Led Zeppelin, Kraftwerk sowie anderen Popbands.[1][2][3]

In Lyon lernte Taha die Mitmusiker seiner bald neu begründeten Formation Carte de sejour kennen: die beiden Brüder Mohammed und Mokhtar Amini, Djamel Dif sowie Eric Vaquer. Der Bandname (auf Deutsch: Aufenthaltsgenehmigung) sollte auf den ungesicherten Status hinweisen, dem viele nordafrikanische Immigranten in Frankreich ausgesetzt waren. Aufgrund ihrer selbstbewussten, rassismuskritischen Haltung avancierte die Band bald zu einem Aushängeschild der antirassistischen Bewegung SOS Racisme.[4] Stilistisch vermengten Carte de sejour zeitgenössischen Raï sowie andere nordafrikanische Stile mit Rock, Punk-Elementen, später auch mit Elementen aus House und Techno. Rhorhomanie, das erste Album der Gruppe, erschien 1983. Musikalisch-textlichen Crossover (die Texte der Gruppe waren teils arabisch, teils französisch) offerierte auch das Folgealbum – 2 ½ aus dem Jahr 1986. Musikalisch bot die Platte stark Rock-aufgemischten Raï-Sound. Mit Ramsa sowie der Midtempo-Ballade Rhadine enthielt das Album zwei eingängige Titel. Zum Politikum geriet die Neuinterpretation des populären Résistance-Schlagers Douce France von Charles Trenet. Tahas ironische, den Ur-Text jedoch belassende Adaption wurde teilweise als bewußt gesetzte Provokation verstanden und zog einen weitgehenden Radio-Boykott des Stücks nach sich.[5][1][2][3]

Trotz des erzielten Bekanntheitsgrades war das Bandprojekt Carte de sejour kein kommerzieller Erfolg. Taha ging weiter unterschiedlichen Nebenjobs nach – unter anderem als Anstreicher, Abwäscher in Restaurants sowie als Vertreter für Enzyklopädien.[5] Nach einem dritten Album, welches Zusammenstellungen der beiden ersten enthielt, löste sich die Formation auf. Taha zog nach Paris, wo er sich in dem nahe Montmartre gelegenen Quartier Barbès niederließ. Musikalisch intensivierte er seine Zusammenarbeit mit dem Produzenten und Musiker Steve Hillage. Tahas erste Solo-CD, Barbès aus dem Jahr 1991, war kommerziell gesehen ein weiterer Flopp. Erfolgreicher war das Folgealbum – die stark mit maghrebinischen Rhythmen angereicherte Produktion Rachid Taha. Das dritte Album – Olé Olé aus dem Jahr 1995 – machte einen deutlichen Schlenker in Richtung House- und Techno-Musik und wurde auch in der Dancefloor-Szene entsprechend goutiert.[1][2][3]

Künstlerisch wie kommerziell zum Highlight gerieten zwei Produktionen aus dem Jahr 1998: das Studioalbum Diwan und das Live-Doppelalbum 1, 2, 3 soleils. Diwan enthielt Einspielungen alter Maghreb-Hits aus den 1960ern und 1970ern. Eingespielt unter anderem mit Handtrommeln, Ouds sowie einem arabischen Streichorchester, war es – so die Kritik der Berliner tageszeitung – eine Hommage an die großen Schlagersänger Nordafrikas.[6] 1, 2, 3 soleils schließlich war der Mitschnitt eines Konzerts von Rachid Taha zusammen mit den beiden Raï-Stars Cheb Khaled und Faudel in der Pariser Bercy Arena. Das Album enthielt nicht nur eine französischsprachige Version von Khaleds (bislang nur in Arabisch vorliegender) Erfolgsballade Aïcha, sondern auch eine Live-Version von Tahas (auf Diwan enthaltenem) Stück Ya Rayah – einem populären, aus den 1970ern stammenden Schlager des algerischen Sängers Abderrahmane Amrani, welcher die Emigration sowie die Sehnsucht nach der Heimat thematisiert.[1][2][3]

Als Anschlussalben folgen Made in Medina (2000) sowie die – von der Kritik stark gelobte – Produktion Tékitoi. Barra, Barra, Openertrack von Made in Medina, fand Eingang in den Soundtrack von Ridley Scotts Kriegsfilm Black Hawk Down. Der Tékitoi-Titel Rock El Casbah war eine Adaption des Clash-Erfolgsstücks Rock The Casbah. Gegenüber dem britischen Guardian hatte Taha bereits 2001 geäußert, Rock The Casbah stamme eigentlich von ihm und sei über den Umweg eines weitergegebenen Demotapes zu der britischen Punkband gelangt.[5] Gastmusiker bei Tékitoi waren unter anderem: Brian Eno sowie der arabische Percussionist Hossam Ramzy. Als siebtes Studioalbum folgte 2006 Diwan 2. Die Einspielung der Folgeproduktion Bonjour aus dem Jahr 2009 erfolgte in Zusammenarbeit mit der französischen Rockband Louise Attaque sowie dem Produzenten Mark Plati, der unter anderem für Branchengrößen wie The Cure und David Bowie Aufnahmen getätigt hatte. 2013 erschien, als neunte Studio-Produktion, das Album Zoom. Produzent war der Justin Adams, ein Gitarrist, der insbesondere im Bereich afrikanische Popmusik einige Erfahrung mitbrachte. Mitmusiker auf Zoom waren unter anderen Brian Eno sowie der ehemalige Clash-Gitarrist Mick Jones.[1][2][3]

2008 verlieh die BBC Rachid Taha den Award for World Music.[7]

Stil und Kritiken[Bearbeiten]

Rachid Taha selbst führte gegenüber Medien unterschiedliche musikalische Einflüsse auf. Neben der Musik seiner Heimat – wozu neben Raï auch traditionellere Formen zählten – benannte er als prägende Band immer wieder die britische Punkformation The Clash. Als textliches Vorbild führte er gegenüber der britischen Zeitung The Guardian den jamaikanischen Dichter und Reggae-Musiker Linton Kwesi Johnson auf. Darüber hinaus sei die Rebellion gegen Ungerechtigkeit und Rassismus für ihn ein treibendes Motiv. Schon aufgrund des chronischen Geldmangels, so Taha, sei das Leben nie einfach gewesen. Aufgrund ihrer arabischen Herkunft etwa hätten sich Läden geweigert, Demotapes von ihm und seinen MItmusikern zu verkaufen.[5]

Von den Medien wird der musikalische Stil-Crossover von Rachid Taha ebenso hervorgehoben wie seine rebellische Rock ’n’ Roll-Attitude. Der britische Independent charakterisierte Taha als „Algeriens Antwort auf Johnny Cash“.[7] Das Musik-Weblog Gazelle-Magazin bevorzugte als Referenz einen bekannten französischen Sänger und Stückschreiber: „Schon über 20 Jahre mimt Rachid Taha den Punkrocker und Provokateur und hat damit in Frankreich das Erbe eines Serge Gainsbourg übernommen.“[7] Das Musik-Weblog schoenetoene sieht vor allem die Erneuerung nordafrikanischer Musiktraditionen als Tahas wesentlichste Leistung an: „(…) Dabei verliert er aber nicht den Bezug zu seinen Wurzeln und seine Musik verkommt nie zu folkloristisch angehauchten Technostücken, sondern der Rai ist immer die Basis und wichtigster Bestandteil seiner musikalischen Expeditionen. Ausdruck seiner Verwurzelung in alten algerische Musiktraditionen sind auch seine beiden ‚Diwan‘-Alben, auf denen er alte Klassiker und uns weitestgehend unbekannte Lieder neu einspielt. Den Song ‚Ya Rayah‘ bringt er so beispielsweise zu neuem Glanz und Ruhm.“[4]

Lobende Kritik in den Mainstreammedien erhielt vor allem das Album Tékitoi. Der WDR kündigte eine Sendung zu dem Sänger folgendermaßen an: „Das Album ‚Tékitoi?‘ bettet die gewohnten politischen Töne (Korruption, Krieg, Rassismus) wieder in einen rockigeren Sound, was der schnoddrigen Attitüde des Algeriers mit dem Reibeisenorgan sehr entgegenkommt. Stargast Brian Eno überrascht und eine krachige Adaption des Clash-Klassikers ‚Rock The Casbah‘.“[2] Die New York Times urteilte über Tahas Album Tékitoi: „Seine grimmige Mischung aus Rai, Stadion-Rock, Electronica und Agitprop ist ein Genre für sich: eine Art postmoderner nordafrikanischer Tanz-Punk. Sein neues Album ist ein ehrgeiziges Unterfangen: eine Zusammenstellung von Liedern über das Chaos, das die Welt seit dem 11. September 2001 einhüllt. Tékitoi? zählt zu den beredten musikalischen Antworten auf diesen Tag und seine Folgen, die auf eine sehr unmittelbare Weise mit der arabischen Welt zu tun haben.“[8]

Diskographie[Bearbeiten]

mit Carte de sejour[Bearbeiten]

  • Rhoromanie (1984; CBS)
  • 2 ½ (Deux et demi) (1986; Barclay)
  • Ramsa (1987; Piranha)

Studioalben[Bearbeiten]

  • Barbès (1990; Barclay)
  • Rachid Taha (1993; Barclay)
  • Olé, Olé (1995; Barclay)
  • Diwan (1998; Barclay)
  • Made in Medina (2000; Barclay)
  • Tékitoi? (2004; Barclay)
  • Diwan 2 (2006; Barclay)
  • Bonjour (2009; Barclay)
  • Zoom (2013; Naïve)

Livealben[Bearbeiten]

Compilations[Bearbeiten]

  • Carte Blanche (1997; Barclay)
  • The Definitive Collection (2007; Wrasse)

Singles[Bearbeiten]

  • Bleu de Marseille (1984)
  • Douce France (1986)
  • Ramsa (1986)
  • Voilà, voilà (1993)
  • Ya Rayah (1997)
  • Ida (1998)
  • Abdel Kader (1998)
  • Comme d’habitude (1999)
  • Barra, Barra (2001)
  • Écoute Moi Camerade (2006)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e Biography, Kurzbio auf offizieller Webseite von Rachid Taha, aufgerufen am 28. Oktober 2014 (engl.)
  2. a b c d e f Rachid Taha: Rebell aus dem Maghreb, WDR, 23. Mai 2013
  3. a b c d e Rachid Taha: Tékitoi?, Werner Leiss, Kulturmagazin Südwind, aufgerufen am 28. Oktober 2014
  4. a b Rachid Taha – The Definitive Collection, Musik-Weblog Schoene Toene, aufgerufen am 28. Oktober 2014
  5. a b c d Nuclear fusion, Robin Denselow, The Guardian, 28. Mai 2001 (engl.)
  6. Kurzmeldung in tageszeitung, Daniel Bax, tageszeitung, 16. November 2006
  7. a b c Rachid Taha – World-Rai-Weltpremiere in Berlin, Onlinemagazin Gazelle, 7. Juli 2011
  8. MUSIC; Shock the Casbah, Rock the French (And Vice Versa), Jody Rosen, New York Times, 13. März 2005 (engl.)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rachid Taha – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien