Reformjudentum

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Unter der Bezeichnung Reformjudentum im weiteren Sinn werden religiöse Strömungen innerhalb des Judentums zusammengefasst, die verschiedene Gesetze und Praktiken des als orthodox bezeichneten traditionellen Judentums verworfen und gemäß unterschiedlichen Vorlieben geändert haben.

Im ganzheitlichen Sinne sind liberales, progressives, konservatives und rekonstruktionistisches Reformjudentum an die veränderten Lebensbedingungen der Juden innerhalb der modernen Welt angepasst, haben sich aber von der Jahrtausende alten Tradition des Judentums und der Halacha abkehrend reformiert ("umgeformt", "umgestaltet"). Im engeren Sinn werden als Reformjudentum die jüdischen Denominationen bezeichnet, die in der Weltunion für progressives Judentum organisiert sind, im engsten Sinn nur diejenige, die in Nordamerika als „Reform Judaism“ bezeichnet wird.

Die Bewegung des Reformjudentums nahm ihren Anfang im frühen 19. Jahrhundert in Deutschland, hat sich, aus historischen Gründen, jedoch hauptsächlich in den USA entwickelt, von wo sie nach Latein-Amerika, Australien, Israel und Europa ausstrahlt. In der Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Shoa wandten sich die jüdischen Einheitsgemeinden vom Reformjudentum ab und orientierten sich am osteuropäischen Judentum.[1] Nach dem Mauerfall ist es als eine neo-liberale Reformbewegung aus Grossbritannien und den USA zurückgebracht worden, vor allem mit den liberalen Judentum (GB) mit seinem Abraham-Geiger-Kolleg und dem deutschen Masorti Zweig (USA) des Reformjudentums.

Die verschiedenen Richtungen des Reformjudentums im weiteren Sinn werden in deutschsprachigen Ländern meist als Liberales Judentum, Progressives Judentum und Konservatives Judentum bezeichnet, in den USA und Kanada ist das Reformjudentum aufgeteilt in Conservative Judaism, Reconstructionist Judaism und Reform Judaism. Die konservative Richtung, in Israel und Deutschland als Masorti bezeichnet, ist nicht Mitglied der Weltunion für progressives Judentum. Masorti-Reformgemeinden (ca. 50.000 Mitglieder) sollten nicht mit dem modern-orthodoxen traditionellen Masorti oder Masor(a)ti (hebräisch מסורת‎, „traditionell“, Plural Masor(a)tiim (מסורתיים)) Judentum in Israel verwechselt werden, dem etwa ein Drittel der jüdischen Bevölkerung (ca. 2 Mio.) zugerechnet werden.

Zentral für das Reform- ebenso wie für das orthodoxe Judentum ist die Torah, die fünf Bücher Moses. Im Gegensatz zum orthodoxen Judentum geht das Reformjudentum jedoch davon aus, dass die Torah zwar von Gott offenbart, aber von verschiedenen menschlichen Autoren in er Zeit verfasst wurde, ähnlich dem christlichen Neuen Testament. Für das Reformjudentum sind zudem die traditionellen jüdischen Gesetze, seit jeher historischen Veränderungen unterworfen, gar nicht mehr bindend.

Geschichte[Bearbeiten]

Die jüdische Reformbewegung entstand unter dem Einfluss der Aufklärung, als Juden die Möglichkeit erhielten, das Ghetto zu verlassen und sich in die Majoritätsgesellschaft zu integrieren. Aus dem Bedürfnis, das jüdische Erbe mit den neuen Lebensbedingungen in Einklang zu bringen, wurde das hergebrachte Judentum den neuen sozialen und politischen Anforderungen angepasst, die die jüdische Aufklärung, die Haskalah, die erstrebte Emanzipation und seine Kehrseite, der moderne Antisemitismus, mit sich brachten.

Die ersten Reformen zielten zunächst auf die äußere Form des Gottesdienstes, der demjenigen der protestantischen Kirche angenähert wurde. Die Liturgie wurde gekürzt, eine Predigt und Gebete in der Landessprache eingeführt und ein Chor wurde von einer Orgel begleitet. Eine kurzlebige Reformgemeinde war bereits 1797 in Amsterdam gegründet worden, die eigentliche Reformbewegung, angeregt von Laien, setzte in Deutschland jedoch erst Anfang des 19. Jahrhunderts ein, 1810 im westfälischen Seesen, fünf Jahre später in Berlin und 1818 in Hamburg.[2]

Die ersten Reformgemeinden[Bearbeiten]

Deutschland

Als einer der Begründer des Reformjudentums gilt Israel Jacobson, ein westfälischer Geschäftsmann, der 1801 in Seesen und 1808 in Kassel eine jüdische Schule gründete, in der sowohl jüdische wie weltliche Kenntnisse vermittelt wurden, und 1810 eine Ausbildungsstätte für Lehrer und Rabbiner einrichten ließ. Im gleichen Jahr wurde in Seesen eine neue Synagoge eröffnet. Der Gottesdienst, anders als traditionelle jüdische Gottesdienste, war demjenigen in der Kirche angepasst und war festlich und würdig, der Chor wurde von einer Orgel begleitet, die Gebete und Lieder ins Deutsche übertragen, der aus der Torah vorgelesene Wochenabschnitt wurde auf Deutsch erläutert, die Bar-Mitzwah-Feier wurde durch eine jüdische Konfirmation ersetzt. Nach dem Zusammenbruch des Königreichs Westfalen ließ Jacobson sich in Berlin nieder, wo im Frühjahr 1815 der erste reformierte jüdische Gottesdienst in seinem Haus stattfand, gefolgt von einem zweiten im Haus des Bankiers Jacob Herz Beer. Die Gottesdienste wurden schon nach kurzer Zeit verboten, konnten jedoch während des Umbaus der Berliner Synagoge noch bis 1823 weitergeführt werden.[3]

Der Israelitische Tempel in der Hamburger Neustadt, eingeweiht am 5. September 1844

In Hamburg hatten 66 jüdische Hausväter im Dezember 1817 den Neuen Israelitischen Tempelverein gegründet und 1818 eine erste provisorische Synagoge in der südlichen Neustadt gebaut. Mit dem Gebetbuch des Israelitischen Tempelvereins beschritt eine solche Vereinigung Neuland. Texte aus der traditionellen Liturgie wurden geändert, gekürzt oder vollkommen ausgelassen. Diese Änderungen bezogen sich insbesondere auf die Gebete um eine Rückkehr nach Israel, auf die Wiedereinführung des Tempeldienstes oder den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem. Die Zahl der Tempelbesucher wuchs und so wurde 1844 der neue Israelitische Tempel in der Poolstraße eingeweiht. Bis in die 1860er Jahre hinein wurden am Freitagabend zwei Gottesdienste abgehalten. Der erste war das übliche „Kabbalat Schabbat“ bei Einbruch der Dunkelheit, der zweite war dagegen als Konzession an die Geschäftsleute auf eine späte Abendstunde gelegt worden.[4] In Leipzig sammelten sich zur Zeit der Messen Juden aus Deutschland und Österreich und dort wurde von Mitgliedern des Hamburger Tempels 1820 ein Tempelgottesdienst nach Hamburger Vorbild gestaltet. Von dort aus nahmen zahlreiche Besucher dieser Gottesdienste die Idee mit in ihre Heimatgemeinden. So wurde 1821 in Wien ein Tempel nach Hamburger Vorbild eingerichtet. Dort sollte auch das Hamburger Gebet- und Gesangbuch eingeführt werden. Isaak Noah Mannheimer nahm die Rabbinerstelle für diese sich gründende Gruppe an. Geboren in Kopenhagen 1793, führte er dort die Konfirmation ein, kannte jedoch auch die private Reformgruppe in Berlin, den Hamburger Tempel und die Synagoge von Leipzig. Er war der Überzeugung, dass nur über die Gewinnung der etablierten Gemeinde, weitreichende Reformen durchgeführt werden konnten. 1826 wurde dann der Tempel in Wien eröffnet. Hier war die Liturgie weniger radikal verändert worden, sah jedoch eine Dauer von höchstens zwei Stunden an Sabbaten und Festtagen vor, eine deutsche Predigt und die Konfirmation wurden eingeführt. Das Tragen des Sterbekleides am Neujahrs- und Versöhnungstag nur auf diejenigen beschränkt, die Funktionen innerhalb des Gottesdienstes übernahmen.

Als Abraham Geiger 1839 Rabbiner in Breslau wurde, erhielt ein Vordenker der Reformbewegung einen Raum für weitere Entwicklungen. Es folgten mehrere Rabbinerkonferenzen mit reformorientierten Rabbinern aus Europa: 1844 in Braunschweig, 1845 in Frankfurt am Main und in Breslau im Jahre 1846. In den Konferenzen wurden Eckpunkte festgelegt und über das neue Selbstverständnis gestritten. Die Konferenz von 1845 verließ Rabbiner Zacharias Frankel unter Protest gegen den Umgang mit der hebräischen Sprache in den Gottesdiensten. Frankel wurde später einer der Mitbegründer der konservativen Strömung. Noch hatten zahlreiche Rabbiner Stellen in den „Einheitsgemeinden“ und konnten aufgrund dessen nicht jede Änderung durchsetzen. Auf diesen Konferenzen wurden auch radikalere Ansätze geäußert. So sprach sich Abraham Geiger gegen die Beschneidung von jüdischen Jungen aus. In den Gemeinden wurden diese Ansätze jedoch nicht verfolgt, lediglich die Reformgruppen in Berlin und Frankfurt folgten radikaleren Ansätzen. 1854 veröffentlichte Abraham Geiger ein neues Gebetbuch, welches um einiges traditioneller war als dessen Hamburger Gegenstück.

USA

Durch Auswanderung gelangten die Kernideen der Reformbewegung in die USA, doch dort nahm die Reformbewegung eine andere Entwicklung als in Europa, die durch die vollkommen andere, günstigere Situation der Juden in den USA bedingt wurde. In den USA gab es keine Einheitsgemeinde, deren Existenz durch den Staat gefördert oder gefordert wurde. Auch war der Assimilationsdruck weniger hoch, als es in Europa der Fall war. Forschern wie etwa Karl Heinz Schneider zufolge nahmen sich amerikanische Juden das deutsche Reformjudentum als Vorbild[5] und gründeten die neuen Gemeinden mit dem Gedankengut, welches sie aus Mitteleuropa mitbrachten. Tatsächlich aber gründeten sich bereits 1824 erste Reformgemeinden in den USA.[6] Am 21. November 1824 gründeten ehemalige Gemeindemitglieder der Gemeinde „Beth Elohim“ in Charleston (South Carolina) eine eigene Gemeinde mit Reformen in ihrem Ritus, die „Reformed Society of Israelites“. Diese Gemeinde publizierte auch das erste Reformgebetbuch der USA „The Sabbath Service and Miscellaneous Prayers Adopted by the Reformed Society of Israelites“. 1833 verstarb einer der Wortführer der Gruppe und so schlossen sich die übrigen Gemeindemitglieder wieder der Gemeinde „Beth Elohim“ an und setzten hier viele der Änderungen durch. Tatsächlich migrierten in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts immer mehr deutschsprachige Einwanderer in die USA und trafen hier auf offene Bedingungen für die Entfaltung ihrer religiösen Ansichten. Es folgten weitere große Gemeindegründungen, 1842 der Tempel „'Har Sinai“ in Baltimore (heute im Vorort Owings Mills). 1845 folgte in New York City der Temple Emanu El. 1858 entstand in Chicago als dritte amerikanische Reformgemeinde, die „Sinai Congregation“.

Auch in den USA richteten Rabbiner der Reformbewegung regelmäßige Rabbinerkonferenzen ein. Auf der in Philadelphia von 1869 formulierten die Vordenker des amerikanischen Reformjudentums – David Einhorn, Samuel Hirsch und andere – erstmals ihre Prinzipien.[7] Da diese Resolution bald als nicht ausreichend empfunden wurde, kam es 1885 auf einer Konferenz in Pittsburgh („Pittsburgh Platform“) zu einer weiteren, noch einflussreicheren Erklärung.[8] Darüber hinaus wurde das amerikanische Reformjudentum auch von rationalistischen Einflüssen geprägt, darunter z. B. die von Felix Adler begründete „Ethical Culture“. Zu den Organisationen, die die Stärke der Reformbewegung begründeten, zählten die „Union of American Hebrew Congregations“ (seit 1873), das Reform Union College/Jewish Institute of Religion (seit 1875) und die „Central Conference of American Rabbis“ (seit 1889).[9] Ein öffentliches Forum fand die Reformbewegung in der 1854 von Isaac Mayer Wise in Cincinnati begründeten Wochenzeitschrift „The Israelite“, die bald unter dem neuen Titel „The American Israelite“ erschien.[10] Weiter entwickelt wurde das Reformjudentum später von Persönlichkeiten wie z. B. Judah Leon Magnes und Emil Hirsch.

Sozial gesehen bestand eine wesentliche Leistung des Reformjudentums in der weitreichenden Angleichung des jüdischen Alltagslebens und sogar der Liturgie an nichtjüdische – vor allem protestantische – Gepflogenheiten. Die Chancen amerikanischer Juden auf gesellschaftliche Integration stiegen damit enorm.[11] Während das Reformjudentum im 19. Jahrhundert und besonders in den USA auch im 20. Jahrhundert viele Traditionen des Judentums abschaffte, radikal veränderte oder in die Entscheidung der Individuen legte, werden heute viele dieser Traditionen wieder durchgeführt. Zusätzlich bildete sich in Deutschland und später in den USA mit dem konservativen Judentum eine Strömung heraus, die eine Mittelposition zwischen Orthodoxie und Reformjudentum einnimmt.

Charakteristika des Reformjudentums[Bearbeiten]

Harmen Thies 2014 vor Gästen in der Villa Seligmann zur Wanderausstellung Synagogie und Tempel - 200 Jahre jüdische Reformbewegung und ihre Architektur

Markante Unterschiede des Reformjudentums gegenüber dem orthodoxen Judentum sind:

  • besonderer Schwerpunkt auf den ethischen Aspekten des Judentums (auf Kosten der strengen Befolgung formaler Gebote)
  • Einhaltung des Schabbat im Sinne einer durchdachten weitgefassten Enthaltung von Arbeit (als Lohnerwerb) und Geldgeschäften
  • die Verwendung der jeweiligen Landessprache zumindest in mehr oder weniger großen Abschnitten des Gottesdienstes
  • völlige Gleichberechtigung und Gleichbehandlung der Frau bei Gottesdiensten und anderen Ritualen
  • (nur in Amerika:) offiziell anerkannte jüdische Abstammung auch durch den Vater (Patrilinearität)
  • eine Kürzung des Gottesdienstes
  • die Installation einer Orgel
  • die Verwendung gemischter Chöre (Frauen und Männer; Juden und Nicht-Juden)
  • freie Gewissensentscheidung jedes Reformjuden darüber, welche rituellen Gesetze er einhalten möchte und welche nicht
  • keine Berührungsängste mit anderen Religionen
  • die Abschaffung der Kol-Nidre-Rezitierung (historisch)

Reformgemeinden in Deutschland[Bearbeiten]

Bis zur Shoa existierte in Deutschland die Jüdische Reformgemeinde in Berlin, die umfassendere Änderungen in der Liturgie durchgeführt hatte. Ansonsten bezeichnen sich die jüdischen Gemeinden, die im deutschsprachigen Raum dieser Richtung des Judentums angehören, als liberal.

Israel[Bearbeiten]

In Israel werden seit 2012 auch nicht-orthodoxe Vorsteher von jüdischen Gemeinden als Rabbiner und Rabbinerinnen anerkannt, werden jedoch nicht den orthodoxen Rabbinern gleichgestellt und vom Kultur-, nicht vom Religionsministerium bezahlt.[12]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael A. Meyer: Response to Modernity. A history of the Reform Movement in Judaism. Oxford University Press, New York NY u. a. 1988, ISBN 0-19-505167-X (Studies in Jewish history) Online: Google Books, (deutsch: Antwort auf die Moderne. Geschichte der Reformbewegung im Judentum. Böhlau, Wien u. a. 2000, ISBN 3-205-98363-7 Online: Google Books).
  • Michael A. Meyer: Reformjudentum. In: Julius H. Schoeps (Hrsg.): Neues Lexikon des Judentums. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2000, ISBN 3-579-02305-5, S. 693ff.
  • Gilbert S. Rosenthal, Walter Homolka: Das Judentum hat viele Gesichter. Die religiösen Strömungen der Gegenwart. Knesebeck, München 1999, ISBN 3-89660-045-1.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Christine Müller: Zur Bedeutung von Religion für jüdische Jugendliche in Deutschland. Band 11 von Jugend, Religion, Unterricht, Waxmann, Münster 2007, ISBN 978-383-091-763-2, S. 53 (online, abgerufen am 5. Oktober 2011).
  2.  Michael A. Meyer: Reformjudentum. In: Julius H. Schoeps (Hrsg.): Neues Lexikon des Judentums. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2000, ISBN 3-579-02305-5, S. 693ff.
  3.  Gilbert S. Rosenthal, Walter Homolka: Das Judentum hat viele Gesichter. Die religiösen Strömungen der Gegenwart. Knesebeck, München 1999, ISBN 3-89660-045-1, S. 41-43.
  4. Ruben Maleachi: Die Synagogen in Hamburg.
  5. Karl Heinz Schneider: Judentum und Modernisierung. Ein deutsch-amerikanischer Vergleich. Campus, 2005, S. 111
  6. M. A. Meyer: Response to Modernity: A History of the Reform Movement in Judaism. 1988
  7. Reform Judaism: Declaration of Principles: 1869 Philadelphia Conference
  8. Declaration of Principles: 1885 Pittsburgh Conference
  9. The Union of American Hebrew Congregations, Hebrew Union College
  10. The American Israelite
  11. Nathan Glazer: American Judaism. The University of Chicago Press, Chicago 1957, S. 46
  12. Religiöse Vielfalt in Israel. Erfolg für Reformjuden Livenet 31. Mai 2012, (abgerufen am: 1. Juni 2012).