Richard Scheringer

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Richard Scheringer (* 13. September 1904 in Aachen; † 9. Mai 1986 in Hamburg) war Offizier der deutschen Reichswehr, zuerst Nationalsozialist, später Kommunist und Antifaschist. In den 1950er Jahren war er Vorsitzender der 1956 verbotenen KPD Bayerns und ihr Agrarexperte. Nach Gründung der DKP 1968 wurde er Mitglied des Parteivorstandes und eröffnete noch den Parteitag 1986.

Leben[Bearbeiten]

Scheringer wurde als Sohn des preußischen Offiziers Ernst Scheringer in Aachen geboren. Dem Besuch der Grundschule zunächst in Rastatt, dann in Koblenz folgte der des dortigen Gymnasiums. 1915 fiel der Vater im Ersten Weltkrieg. 1922/23 entwickelte Scheringer militante Aktivitäten gegen alliierte Besatzungsmächte sowie rheinische Separatisten und beteiligte sich 1923 am Küstriner Putsch der Schwarzen Reichswehr. Er musste nach Berlin fliehen, wo er 1924 das Abitur in Zehlendorf ablegte.

Zum 1. April 1924 trat er als Offizieranwärter beim Ulmer 5. Artillerieregiment der Reichswehr ein und legte 1925 die Fahnenjunkerprüfung ab. 1927 bestand er an der Artillerieschule in Jüterbog die Offiziersprüfung und wurde Oberfähnrich. Am 1. Februar 1928 wurde er bei seinem Regiment in Ulm zum Leutnant befördert. Gemeinsam mit den beiden Regimentskameraden Hanns Ludin und Hans Friedrich Wendt, wurde er am 4. Oktober 1930 wegen des „Versuchs einer nationalsozialistischen Zellenbildung innerhalb der Reichswehr“ für die NSDAP im Rahmen des Ulmer Reichswehrprozesses zu eineinhalb Jahren Festungshaft verurteilt.

Scheringer bekannte sich nach langen Gesprächen mit dort einsitzenden Kommunisten am 18. März 1931 in einem aufsehenerregenden Schritt offen zu den Zielen der KPD und wandte sich von den Ideen des Nationalsozialismus ab. „Ich reihe mich als Soldat ein in die Front des wehrhaften Proletariats“ hieß es in einer Erklärung, die der Abgeordnete der KPD Hans Kippenberger am 19. März im Reichstag verlesen hatte. Wenige Monate später schon wurde Scheringer der „Vorbereitung zum Hochverrat“ beschuldigt und vom Reichsgericht zu zweieinhalb Jahren Festungshaft verurteilt. Diese Strafe wurde wegen einer Begnadigung nicht vollstreckt.

Trauerfeier in Ingolstadt für Richard Scheringer mit der Ehrenwache der SED-Delegation: Werner Jarowinsky (vorne links), Ewald Moldt (vorne rechts) und Gunter Rettner (hinten links)

Nach seiner Begnadigung und der darauf folgenden Haftentlassung übersiedelte er 1933/34 auf den Dürrnhof im oberbayrischen Kösching, den seine Mutter 1929 gekauft hatte. 1934 übernahm er diesen und bewirtschafte den Hof als selbstständiger Bauer bis zu seinem Lebensende.

Scheringer diente im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront als Hauptmann in der 78. Infanterie- und Sturmdivision.

Im Herbst 1945 wurde er Mitglied der KPD, in der er bis zu ihrem Verbot 1956 und in der dann bis 1968 folgenden Illegalität verblieb.

Scheringer amtierte von November bis Dezember 1945 als Staatssekretär im bayerischen Landwirtschaftsministerium. Dem Bayerischen Landtag gehörte er von Juli bis November 1946 an. Hier war er gleichzeitig Vorsitzender der KPD-Fraktion.

Er arbeitete mit am „Programm zur nationalen Wiedervereinigung Deutschlands“ der KPD[1], wofür ihn der Bundesgerichtshof zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte für die Dauer von fünf Jahren und zwei Jahren Gefängnis verurteilte, die er wegen Krankheit nicht antreten musste. Von 1972 bis 1982 war er Gemeinderatsvertreter der DKP in Kösching und bis zu seinem Tod Mitglied des Parteivorstands der DKP. Er verstarb in Hamburg, wo er sich anlässlich des Parteitages der DKP aufhielt.

Scheringer stand in regelmäßigem Kontakt mit dem Schriftsteller Ernst Jünger, den er noch 1983 vergeblich dazu aufforderte, sich an Demonstrationen im Rahmen der Friedensbewegung zu beteiligen. Bei Scheringers Beerdigung ließ Jünger einen Kranz mit der Widmung „Dem alten Freunde“ niederlegen.[2]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten]

  • Aufbruch: Kampfblatt im Sinne des Leutnants a.D. Scheringer. Zeitschrift für Wehrfragen, Kriegsprobleme und Kampf gegen den Faschismus, Berlin 1931-33 (Zeitschrift, erschien in zwölf Ausgaben)
  • Das große Los, mit einem Vorwort von Ernst von Salomon, Rowohlt, Hamburg 1959
  • Das große Los. Unter Soldaten, Bauern und Rebellen (Vom Autor [für die DDR] bearbeitete Ausgabe), Aufbau-Verlag, Berlin 1961 [für die zweite Auflage schrieb Bodo Uhse 1963 das Vorwort]
  • Aufbruch im Sinne des Leutnants a.D. Dokumentation einer Zeitschrift zwischen den Fronten, mit Vorworten von Peter Steinbach und Susanne Römer und Kommentar von Hans Coppi, Fölbach/Koblenz 2001 (Vollständiger Nachdruck des Aufbruch)
  • Chaos und Maß. Gedanken eines politischen Menschen an der Zeitwende, Kösching 1989
  • Grüner Baum auf rotem Grund, Neuss-München 1983, ISBN 3-88501-032-1

Literatur[Bearbeiten]

Film[Bearbeiten]

  • Karl Gass: Der Leutnant von Ulm, DEFA-Studio für Dokumentarfilme 1978

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Richard Scheringer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. In dem am 2. November 1952 vom KPD-Partei verabschiedeten Programm war die Forderung erhoben worden, dass das „Regime Adenauer gestürzt und auf den Trümmern dieses Regimes ein freies, einheitliches, unabhängiges, demokratisches und friedliebendes Deutschland geschaffen“ werde. Nur der „unversöhnliche und revolutionäre Kampf aller demokratischen Patrioten“ könne und werde „zum Sturz des Adenauer-Regimes und damit zur Beseitigung der entscheidenden Stütze der Herrschaft der amerikanischen Imperialisten in Westdeutschland“ führen.
  2. Werner Bräuninger: „Ich wollte nicht daneben stehen...“ Lebensentwürfe von Alfred Baeumler bis Ernst Jünger. Ares Verlag, Graz 2006 ISBN 3-902475-32-3 S. 239 und S. 339.