Romanisches Café

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Romanisches Haus um 1900. Das Café nahm ab 1916 Vorbau, Erd- und erstes Obergeschoss ein.

Das Romanische Café war ein namhaftes Berliner Künstlerlokal bei der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche im Ortsteil Charlottenburg. Heute steht an der Stelle am Breitscheidplatz, zwischen Tauentzien- und Budapester Straße, seit 1965 das Europa-Center.

Geschichte des Cafés[Bearbeiten]

Im Hauptraum, später „Bassin für Nichtschwimmer“ genannt, 1908

Im Erdgeschoss des 1899 fertiggestellten Romanischen Hauses befand sich zuerst die Konditorei des Hotels Kaiserhof[1] – im Jahr 1916 schließlich richtete der Kaufmann Bruno Fiering darin ein Kaffeehaus ein. Durch die Schwere der neoromanischen Innenarchitektur wirkte das Lokal auf manchen Besucher düster.

Nach der viel gescholtenen Renovierung des Cafés des Westens am Kurfürstendamm zog das Romanische Café rasch die dort verkehrenden Intellektuellen und Künstler an: Renommierte Schriftsteller, Maler, Schauspieler, Regisseure, Journalisten, Kritiker. Zugleich war es Anlaufstelle für werdende Künstler, die erste Kontakte suchten. Die bereits Erfolgreichen versuchten, allzu plumpe Annäherungsversuche abzuwehren. Ihr Revier war das sogenannte „Bassin für Schwimmer“, der Nebenraum mit etwa 20 Tischen. Alle anderen wurden auf den Hauptraum mit etwa 70 Tischen verwiesen, das „Bassin für Nichtschwimmer“. Die Schachspieler trafen sich traditionell auf der Galerie, auf der Terrasse tummelten sich die „Fremdlinge“.

Stammgäste nannten es in den 1920er Jahren scherzhaft „Rachmonisches[2] Café“. Als gegen Ende der Weimarer Republik die politischen Auseinandersetzungen gewalttätiger wurden, verlor das Romanische Café allmählich seine Rolle als Sammelpunkt. Bereits am 20. März 1927 veranstalteten Nationalsozialisten einen Krawall am Kurfürstendamm, wobei auch das Romanische Café ein Ziel des Vandalismus war. Die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten und die damit verbundene Emigration von vielen, oftmals jüdischen, Stammgästen bedeutete das endgültige Aus als Künstlercafé.[3] 1933 nahm uniformierte Gestapo an einem eigenen Tisch Platz.[4]

Zeitgenössische Rezeption[Bearbeiten]

Mädchen im Romanischen Café, Lesser Ury, 1911

Erich Kästner merkte an:

„Wie eine Welle der Bewunderung geht es durch den Raum, wenn ihn ein Glücklicher betritt. Und wen er begrüßt, der fühlt sich geweiht […][5]

Der Publizist Walther Kiaulehn äußert sich zwiespältig:

„Das ‚Romanische‘ war lieblos und ohne jede Stimmung, ein besonders mißglückter Bau aus der wilhelminischen Zeit, nur groß, zwei Riesenräume, davon einer mit Rang, taghell beleuchtet bis zum Morgen, doch immer knackvoll. Schön war nur die Terrasse und besonders am frühen Vormittag, wenn die Literatur noch schlief. Die Tradition des ‚Romanischen‘, über fünfzig Jahre alt, wurzelte im alten ‚Café des Westens‘ am Kurfürstendamm, von den Bürgern ‚Café Größenwahn‘ genannt. Der Besitzer hatte eines Tages den Spottnamen satt und kündigte Malern und Schriftstellern ihr Stammquartier, und so zogen sie ins ‚Romanische‘ um, in das bis dahin überhaupt kein Mensch gegangen war. Sie […] ernannten den vorderen Raum zum ‚Nichtschwimmerbassin‘, das auch von gewöhnlichem Publikum benutzt werden durfte […]“

Berlin, Schicksal einer Weltstadt: München 1958, S. 233

Der Journalist Karlernst Werle reimte ziemlich sarkastisch:

„Stätte überhitzten Denkens
Geistbeschwerter Rendezvous’
Café mystischen Versenkens
Wiege schillernder Lulus.[6]

Wolfgang Koeppen über den Niedergang des Cafés nach 1933:

„[…] wir sahen die Terrasse und das Kaffeehaus wegwehen, verschwinden mit seiner Geistesfracht, sich in nichts auflösen […] und die Gäste des Cafés zerstreuten sich in alle Welt oder wurden gefangen oder wurden getötet oder brachten sich um oder duckten sich und saßen noch im Café bei mäßiger Lektüre und schämten sich der geduldeten Presse und des großen Verrates […][7]

Mascha Kaléko schrieb das Gedicht Auf einen Café-Tisch gekritzelt über das Romanische Café:

Ich bin das lange Warten nicht gewohnt,
Ich habe immer andre warten lassen.
Nun hock ich zwischen leeren Kaffeetassen
Und frage mich, ob sich dies alles lohnt.

Es ist so anders als in früheren Tagen.
Wie spüren beide stumm: das ist der Rest.
Frag doch nicht so. – Es lässt sich vieles sagen,
Was sich im Grunde doch nicht sagen lässt.

Halbeins. So spät! Die Gäste sind zu zählen.
Ich packe meinen Optimismus ein.
In dieser Stadt mit vier Millionen Seelen
Scheint eine Seele ziemlich rar zu sein.

Im Jahr 1927 feierte Friedrich Hollaenders Kabarettrevue „Bei uns um die Gedächtniskirche rum“ Premiere. Das Romanische Café war einer der Schauplätze. Willi Schaeffers sang als „Romanischer Kellner“ das Titellied. Anni Mewes sang das Chanson eines verlumpten Mädchens: Zwei dunkle Augen, Zwei Eier im Glas.

Nach einer Idee von Moriz Seeler entstand 1929 der Film Menschen am Sonntag, eine Szene spielt im Café.

Stammgäste[Bearbeiten]

Nachleben in der Kunst[Bearbeiten]

Von Gerhard Haase-Hindenberg stammt Romanisches Café. Eine Theaterrevue, Uraufführung 1990, Freie Volksbühne Berlin/Maxim-Gorki-Theater, Berlin.

Tom Peuckert schrieb Artaud erinnert sich an Hitler und das Romanische Café, Schauspiel, Uraufführung 2000, Berliner Ensemble. Das Monolog-Drama lässt den französischen Schauspieler und Dramatiker Antonin Artaud im Wahnsinn darüber phantasieren, 1932 mit Hitler im Romanischen Café zusammengetroffen zu sein. Tatsächlich kann ein Besuch Hitlers nicht nachgewiesen werden.

Romanische Cafés Nr. 2 und 3[Bearbeiten]

Im 1965 eröffneten Europa-Center befand sich an gleicher Stelle in den 1970er Jahren ein neues Romanisches Café. Seit 2012 befindet sich auf der Westseite der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Hardenbergstraße 28, ein Café, dessen Name ebenfalls an die Tradition des ursprünglichen Romanischen Cafés anknüpfen soll. Es gehört zum neu errichteten Hotel Waldorf Astoria im Zoofenster.

Literatur[Bearbeiten]

  • John Höxter: So lebten wir! 25 Jahre Berliner Bohème. Biko, Berlin 1929.
  • Georg Zivier: Das Romanische Café. Erscheinungen und Randerscheinungen rund um die Gedächtniskirche. Haude & Spener, Berlin 1965.
  • Wolfgang Koeppen: Romanisches Café. Erzählende Prosa. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1972.
  • Hermann-J. Fohsel: Im Wartesaal der Poesie. Else Lasker-Schüler, Benn und andere. Zeit- und Sittenbilder aus dem Café des Westens und dem Romanischen Café. Arsenal, Berlin 1996. ISBN 3-921810-31-0.
  • Jürgen Schebera: Damals im Romanischen Café. Künstler und ihre Lokale im Berlin der zwanziger Jahre. Das Neue Berlin, Berlin 2005. ISBN 3-360-01267-4.
  • Edgard Haider: Verlorene Pracht. Geschichten von zerstörten Bauten. Gerstenberg, Hildesheim 2006. ISBN 978-3-8067-2949-8.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Romanisches Café – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lexikon: Charlottenburg-Wilmersdorf von A bis Z Romanisches Café, abgerufen am 4. Januar 2011
  2. Jiddisch: ráchmon = ‚barmherzig‘. Der Talmud legt dieses Eigenschaftswort dem jüdischen Volk bei. Georg Zivier, S. 39 f., bezieht die Namensschöpfung etwas nebulös auf den ‚erbarmungswürdigen‘ Zustand der Nation nach dem Krieg.
  3. Edgard Haider: Verlorene Pracht. Geschichten von zerstörten Bauten. Hildesheim: Gerstenberg, 2006 (Abschnitt: Künstlertreff in den Goldenen Zwanzigern – Romanisches Café, Berlin) S. 162–167, ISBN 3-8067-2949-2.
  4. Georg Zivier, Romanisches Café, Berlin 1965, S. 99
  5. Erich Kästner: Das Rendezvous der Künstler. In: Neue Leipziger Zeitung, 26. April 1928. – Zitiert nach: Das romanische Caféhaus (Mascha Kaleko – Eine Hommage; vgl. Erich Kästner über das Romanische Café – mit Foto)
  6. Zitiert nach: Edgard Haider: Verlorene Pracht – Geschichten von zerstörten Bauten. Hildesheim: Gerstenberg, 2006, S. 167
  7. Klaus Wagenbach (Hrsg.): Atlas, Beitrag: Ein Kaffeehaus. Verlag Klaus Wagenbach Berlin 2004 (1. Auflage 1965) ISBN 3-8031-3188-X, S. 94