Siegfried Einstein

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Siegfried Einstein (* 30. November 1919 in Laupheim; † 25. April 1983 in Mannheim) war ein deutscher Dichter, Lyriker, Schriftsteller und Essayist. Außerdem war Siegfried Einstein als Redner, Dokumentator und Journalist tätig.

Leben[Bearbeiten]

Siegfried Einstein wurde in eine seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im oberschwäbischen Laupheim ansässigen jüdischen Familie geboren. Sein Vater war Besitzer des größten Warenhauses am Ort.

Am 1. April 1933 wurde von den Nationalsozialisten ein deutschlandweiter Boykott aller jüdischen Geschäfte, Warenhäuser, Banken, Arzt-, Rechtsanwalts- und Notarspraxen (Judenboykott) durchgeführt. Auch das Warenhaus Einstein war eines der jüdischen Geschäfte in Laupheim, welches von dieser Maßnahme betroffen war und vor dem die örtliche SA aufzog.

Während eines Wanderurlaubs in den Bergen im August 1933 wurde Einsteins sechs Jahre ältere Schwester Clärle vor seinen Augen vom Blitz erschlagen. Für den Rest seines Lebens bewahrte Siegfried Einstein die eiserne Spitze ihres Bergstocks als Andenken auf.

Nachdem Siegfried Einstein 1934 bei antisemitischen Ausschreitungen über den Schulhof gejagt und mit Steinen beschmissen worden war, emigrierte er noch im selben Jahr in die Schweiz und ließ sich in der Gemeinde Au im Kanton St. Gallen nieder. Während der Novemberpogrome 1938 wurde Einsteins Vater verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert. Nach seiner Verhaftung wurde das Warenhaus D.M. Einstein in Laupheim im Zuge der Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben vom 12. November 1938 zwangsarisiert. Einsteins Vater wurde schließlich aus dem Konzentrationslager entlassen, geistig und körperlich ein gebrochener Mann. 1940 gelang es Einsteins Eltern, in die Schweiz zu flüchten. Da ihnen die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt worden war, waren sie nun staatenlos. Siegfried Einstein war die deutsche Staatsbürgerschaft schon einige Jahre zuvor entzogen worden.

Früheres Warenhaus D.M. Einstein in Laupheim

Zwischen 1941 und 1945 wurde Siegfried Einstein als staatenloser Ausländer von der Schweizer Regierung in Arbeitslagern interniert und beim Straßenbau und der Urbarmachung von Sumpfgebieten eingesetzt. Während dieser Zeit nahm er Verbindung mit der deutschen Widerstandsbewegung auf und lernte die deutsche Exilliteratur kennen. Nach seiner Freilassung 1945 erschienen seine ersten Werke.

Im Zuge seines ersten Deutschlandbesuchs seit seiner Flucht begegnet Siegfried Einstein 1949 Erich Kästner.

Von 1950 bis 1952 war er Leiter des Pflug Verlags in Thal in der Nähe von St. Gallen.

1953 kehrte Siegfried Einstein nach Deutschland zurück und ließ sich in der hessischen Stadt Lampertheim nieder. Nach mehreren Jahren fortwährender antisemitischer Hetze in Lampertheim gegen ihn, in deren Verlauf es nicht nur zu nächtlichen Klingelstreichen kam, sondern auch Äußerungen wie "stinkiger Jud'" laut wurden und sich Zusammenrottungen vor seinem Haus, begleitet von Rufen "Jud, komm runter", ereigneten, zog Einstein 1959 nach Mannheim.

1956 wurde ihm von der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft der Thomas Mann-Förderpreis verliehen. Im gleichen Jahr hielt er die Gedenkrede zu Heinrich Heines 100. Todestag auf dem Friedhof Montmartre in Paris. Die Gedenkrede wurde anschließend in Les Lettres Francaises veröffentlicht.

Zwischen 1957 und 1967 war er Mitarbeiter verschiedener sozialistischer und satirischer Zeitungen und Zeitschriften, unter anderen der Anderen Zeitung, des Deutschen Michels und des Simplicissimus. Außerdem verfasste er regelmäßig Beiträge für verschiedene Radiosender.

Unter dem Eindruck des Eichmann-Prozesses 1961 in Jerusalem veröffentlichte er die Dokumentation Eichmann. Chefbuchhalter des Todes, die sich mit den Schuldigen des Nationalsozialismus, deren Rolle im Nachkriegsdeutschland und erneuten antisemitischen Tendenzen in der bundesdeutschen Gesellschaft beschäftigte.

1962 reiste er nach Moskau und traf in der Sowjetunion mit Ilja Ehrenburg, Konstantin Fedin, Jewgenija Ginsburg und Lev Kopelev zusammen. Die Eindrücke dieser Reise verarbeitete er in Unvergessliche Tage in Leningrad – Taschkent und Samarkand.

Siegfried Einstein arbeitete seit 1954 als Dozent für Literatur an der Abendakademie in Mannheim. Außerdem gab er Lesungen im In- und Ausland. Seine Gedichte wurden in mehreren Anthologien veröffentlicht.

1967 heiratete Siegfried Einstein seine langjährige Lebensgefährtin Ilona Sand.

Siegfried Einstein starb plötzlich an einem Herzinfarkt in Mannheim und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim neben seiner Schwester Clärle beerdigt.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

  • 1956 Thomas Mann-Förderpreis
  • 1964 Tucholsky-Preis der Stadt Kiel

Werke[Bearbeiten]

Grab Siegfried Einsteins in Laupheim
  • Melodien in Dur und Moll, Zürich 1946 – Gedichte.
  • Die Frau eines Andern oder Der Mann unter dem Bett, 1947 – Übersetzung von Fjodor Dostojewskis Cuzaja zena i muz pod krovat'ju.
  • Sirda, Zürich 1948 – Novelle.
  • Das Schilfbuch, Thal SG 1949.
  • Thomas und Angelina, Thal SG 1949 – Erzählung.
  • Das Wolkenschiff, Zürich 1950 – Gedichte.
  • Legenden, Thal SG 1951.
  • Eichmann: Chefbuchhalter des Todes, Frankfurt am Main 1961 – Dokumentation.
  • Die Geschichte vom Goldfisch, 1961 – Übersetzung von Roger Mauges Histoire d'un poisson rouge.
  • Meine Liebe ist erblindet, 1984 – Gedichte, postum veröffentlicht.
  • Wer wird in diesem Jahr den Schofar blasen?, Essays, Gedichte und Reden, postum veröffentlicht, Edition Literarischer Salon im Focus Verlag, Gießen 1987 ISBN 3-8834-9353-8

Literatur[Bearbeiten]

  • Udo Bayer: Auswanderung und Emigration. Drei Laupheimer, in: Schwabenspiegel. Band 2.2 (Aufsätze). OEW, Ulm 2006, ISBN 3-937184-05-8, S. 889–899
  • Siegfried Gerth: Siegfried Einstein. Zum Gedenken an einen Unbehausten. In: Mannheimer Hefte, 1983, S. 58–59

Weblinks[Bearbeiten]