Welfenschatz

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Der Welfenschatz ist der Reliquienschatz des Braunschweiger Domes. Er besteht ausschließlich aus kunsthandwerklichen Gegenständen, die in der Zeit zwischen dem 11. und dem 15. Jahrhundert gefertigt wurden, größtenteils handelt es sich dabei um Goldschmiedearbeiten. Als „Welfenschatz“ wird er allerdings erst nach 1866 bezeichnet, als er sich im Privatbesitz der exilierten Welfen befand, deren Vorfahren ihn einst dem Dom gestiftet hatten.

Geschichte[Bearbeiten]

Die brunonische Gräfin Gertrud die Ältere von Braunschweig († 1077, Gattin Liudolfs von Braunschweig) hatte bereits dem Vorgängerbau des Domes um 1030 verschiedene wertvolle Ausstattungsgegenstände gestiftet. Von diesen befinden sich noch heute einige im Welfenschatz, darunter z. B. das Armreliquiar des Heiligen Blasius,[1] des Namensgebers des Braunschweiger Domes. Es befindet sich heute in der Mittelaltersammlung des Herzog Anton Ulrich-Museums in der Burg Dankwarderode.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Schatz durch Vermächtnisse und Stiftungen erheblich vermehrt, so enthält ein Inventar aus dem Jahre 1482 140 Gegenstände. 1545 kamen Teile des Kirchenschatzes des Braunschweiger Cyriakusstiftes hinzu.

1574 wird zum ersten Mal ein Diebstahl aus dem Schatz verzeichnet: Es werden 20 Gegenstände – meist Monstranzen – gestohlen, die seither verschollen sind. 1658 und in den folgenden Jahren entnahm Herzog Anton Ulrich zahlreiche Teile.

Übergabe des Schatzes an die Welfen[Bearbeiten]

Nachdem die protestantische Stadt Braunschweig am 12. Juni 1671 ihre Unabhängigkeit verloren hatte, wurde der Schatz – bis auf das Armreliquiar des Namenspatrons des Domes – an den 1651 zum Katholizismus übergetretenen Herzog Johann Friedrich ausgehändigt. Zum Zeitpunkt der Übergabe des Schatzes am 16. Juli 1671 war er noch ungeteilt. Johann Friedrich ließ ihn zunächst in die Schlosskirche in Hannover bringen, wo der Schatz nur sehr selten und nur wenigen ausgewählten Personen präsentiert wurde. Johann Friedrich war Sammler und baute die bestehende Sammlung weiter aus. Er bestellte den Abt des Klosters Loccum Gerhard Wolter Molanus zum Kustos der Sammlung. Dieser erstellte 1697 einen neuen Katalog, der auch für den Papst in die lateinische Sprache übersetzt wurde.

Im Verlaufe der Napoleonischen Kriege wurde der Schatz zum Schutz vor den feindlichen Truppen nach England in Sicherheit gebracht, kehrte dann aber wieder nach Hannover zurück, wo er im von König Georg V. 1861 gegründeten und 1862 eröffneten „Königlichen Welfenmuseum“ ausgestellt wurde.

Nachdem das Königreich Hannover 1866 von Preußen annektiert worden war, wurde der Schatz Georg V. als privates Eigentum zuerkannt, woraufhin er ihn mit ins Exil nach Österreich nahm und im Wiener Museum für Kunst und Industrie der Öffentlichkeit zugänglich machte. Im Jahre 1891 erschien schließlich der erste wissenschaftliche Katalog, in dem von dem österreichischen Zisterzienser Wilhelm Anton Neumann alle verbliebenen Teile des Schatzes aufgelistet und beschrieben wurden.

Verkauf und Zerschlagung des Schatzes[Bearbeiten]

1928 schließlich bemühte sich ein Enkel Georgs V., Herzog Ernst-August von Braunschweig-Lüneburg, die verbliebenen 82 Stücke des Schatzes zu Geld zu machen, da er etliche Schlösser zu unterhalten und erhebliche Pensionslasten zu tragen, jedoch durch die Revolution von 1918 seine wesentliche Einkunftsquelle verloren hatte. Auch große Teile des Hausvermögens der Welfen waren von 1866 bis zur Einigung im Streit um den Welfenfonds im Jahr 1933 eingefroren. Ernst-August forderte 24 Millionen Reichsmark für den gesamten Schatz. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise fand sich jedoch zunächst kein Käufer.

Zahlreiche deutsche Museen bemühten sich nun, den Reliquienschatz als Ganzes für Deutschland zu erhalten und einer drohenden Zerschlagung entgegenzuwirken. Aber selbst Eingaben beim Reichskanzler und der Preußischen Staatsregierung blieben aufgrund der nicht verhandelbaren Bedingungen seitens des Welfenherzogs vergeblich. Andererseits wurde ein Angebot Ernst-Augusts an die Stadt Hannover, den gesamten Welfenschatz zusammen mit den Herrenhäuser Gärten für 10 Millionen RM zu erwerben, aufgrund der desolaten Finanzlage am 30. Dezember 1929 von der Stadt abgelehnt.

Daraufhin erwarb ein Konsortium von drei namhaften jüdischen Frankfurter Kunsthändlern, Zacharias Max Hackenbroch, Firma J. Rosenbaum und Firma I. & S. Goldschmidt, den aus 82 Einzelexponaten bestehenden Reliquienschatz für 7,5 Millionen Reichsmark am 5. Oktober 1929. Bei verschiedenen nachfolgenden Ausstellungen in Frankfurt, Berlin und den USA wurden schließlich bis 1932 40 Exponate für insgesamt etwa 1,5 Millionen Reichsmark in private und öffentliche Sammlungen in die USA verkauft.[2] Die meisten Stücke, darunter den sog. Gertrudis-Tragaltar, sicherte sich das Cleveland Museum of Art, aber auch das Art Institute of Chicago erhielt acht Teile.

Zum Verbleib aller 1930 erworbenen Teile siehe: Welfenschatz (Liste).

Erwerb durch den preußischen Staat 1935[Bearbeiten]

Die beteiligten Kunsthändler, die infolge der Weltwirtschaftskrise und der unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtergreifung Anfang 1933 einsetzenden rassischen Verfolgung offenbar innerhalb kurzer Zeit in ernsthafte, wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten und die zum Teil bereits vor 1935 ins Ausland emigrieren mussten, verhandelten augenscheinlich ab 1934 mit verschiedenen preußischen Ministerien über den Ankauf der Restsammlung, die sich zum Zeitpunkt der Verhandlungen in Amsterdam befand. Deren Wert wurde mit immerhin noch 6 bis 7 Millionen Reichsmark beziffert.

In die Verhandlungen über den Ankauf der Sammlung war 1934 auf Seiten des NS-Preußenstaates maßgeblich der später als NS-Kriegsverbrecher verurteilte Jurist, SS-Obergruppenführer Dr. Wilhelm Stuckart, involviert gewesen.[3] Andererseits war auch der später als Widerstandskämpfer hingerichtete Finanzminister Johannes Popitz maßgeblich beteiligt.

Für die nationalsozialistische Reichsregierung, mehr noch für den damals pro forma noch existierenden Staat Preußen unter seinem Ministerpräsidenten Hermann Göring war die "Rückführung" des Welfenschatz ins Deutsche Reich von überragender kulturpolitischer Bedeutung, denn die Ankaufsverhandlungen wurden maßgeblich vom preußischen Finanzminister Johannes Popitz, Bernhard Rust, damals preußischer Kultusminister und Mitinitiator des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums koordiniert und mit Zustimmung Görings durchgesetzt (aus dem Vorwort des Begleitkataloges zur Ausstellung des Welfenschatz 1935 in Berlin: "...Daß der Schatz nach seinen Irrfahrten durch die neue Welt nun doch noch für seine deutsche Heimat gerettet worden ist, danken wir der kulturbewußten und zielsicheren Energie des Preußischen Finanzministers, Herrn Dr. Popitz, und des Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Herrn Bernhard Rust, die beide mit freudigster Zustimmung des Herrn Ministerpräsidenten Göring die Erwerbung des Schatzes beschlossen und durchgesetzt haben").[4]

Schließlich erwarb der Staat Preußen mit Hilfe der Dresdner Bank im Juni 1935 für die Staatlichen Museen Berlin die unverkauft gebliebenen 42 Stücke aus dem Besitz des Händlerkonsortiums (zwei weitere kurz darauf aus anderem Besitz) für einen Kaufpreis von angeblich 4.25 Reichsmark, darunter das „Welfenkreuz“, den Eilbertus-Tragaltar, das Kuppelreliquiar sowie das Plenar Ottos des Milden. Diese Stücke gelten als die kunsthistorisch bedeutendsten Teile des (verbliebenen) Schatzes.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Gegenstände ausgelagert und konnten so vor Zerstörung oder Raub gerettet werden.

Verbleib nach 1945[Bearbeiten]

Nach Kriegsende wurde sie von US-Truppen beschlagnahmt. Der Schatz wurde anschließend treuhänderisch an das Land Hessen und 1955 schließlich an Niedersachsen übergeben. 1957 ging der Welfenschatz in das Eigentum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz über. Von 1957 bis November 1963 war der Welfenschatz wieder in der Burg Dankwarderode zu besichtigen, bevor er – gegen großen Widerstand der Stadt Braunschweig, aber auch des Landes Niedersachsen – wieder nach Berlin in das dortige Kunstgewerbemuseum gesandt wurde, wo er seither ausgestellt wird. Es handelt sich weltweit um den umfangreichsten in einem Kunst-Museum ausgestellten Kirchenschatz. Er bildet den Höhepunkt der Mittelaltersammlung des Kunstgewerbemuseums.

In Braunschweig verblieben neben dem ältesten Armreliquiar weitere Teile, die nach 1945 vom Herzog Anton Ulrich-Museum erworben worden waren.

Restitutionsanspruch[Bearbeiten]

Die Erben der Kunsthändler machen seit 2008 Ansprüche auf Rückgabe der Kunstgegenstände geltend[5]. Sie berufen sich auf die internationalen Verträge zum Umgang mit Raubkunst und führen an, dass der Verkauf 1935 nur unter dem Druck der rassistischen Verfolgung erfolgte, der Kaufpreis nicht angemessen war und dass ihre Vorfahren über den Kaufpreis nicht frei verfügen konnten. Diese Kriterien wurden in der Washingtoner Erklärung von 1999 entwickelt. Die Stiftung Preußisches Kulturerbe verweigert die Herausgabe, erkennt die Ansprüche nicht an, stimmte aber der Anrufung der Limbach-Kommission zu, die streitige Restitutionsfälle entscheidet. Diese entschied am 20. März 2014, dass es sich beim Welfenschatz nicht um Raubkunst handelt[6].

Im Zuge des Verfahrens wurden von beiden Parteien Gutachten eingeholt. Die Gutachter der Stiftung kommen zum Ergebnis, dass der Kaufpreis der Situation des Kunstmarkts 1935 angemessen war und der preußische Staat der einzige Interessent an den Kunstwerken war. Er gäbe ferner keine Hinweise, dass die Käufer nicht frei über den Erlös verfügen konnten. Zudem habe sich der Schatz zum Zeitpunkt des Verkaufs im Ausland, sicher vor dem Zugriff des deutschen bzw. preußischen Staates, befunden und sei erst nach Zahlung des Kaufpreises nach Berlin geschickt worden. Zwei Gutachter für die Erben kommen zum Ergebnis, dass die Voraussetzungen für eine Rückgabe gegeben seien, insbesondere hätte der Staat die Notlage der Händler erst durch seine antisemitische Politik herbeigeführt und diese Situation dann ausgenutzt.[7] Im September 2013 schaltete sich die israelische Kulturministerin Limor Livnat in den Streit ein und setzte sich in einem Schreiben an Kulturstaatsminister Bernd Neumann für die Erben ein. Damit erreicht die Angelegenheit eine politische Ebene.[8][9]

Literatur[Bearbeiten]

  • Andrea Boockmann: Die verlorenen Teile des ‚Welfenschatzes’. Eine Übersicht anhand des Reliquienverzeichnisses von 1482 der Stiftskirche St. Blasius in Braunschweig, Göttingen 1997
  • Gisela Bungarten, Jochen Luckhardt (Hrsg.): Welfenschätze. Gesammelt, verkauft, durch Museen bewahrt. Ausstellungskatalog Herzog Anton Ulrich-Museum, Michael Imhof Verlag, Braunschweig 2007, ISBN 978-3-86568-262-8.
  • Joachim Ehlers, Dietrich Kötzsche (Hrsg.): Der Welfenschatz und sein Umkreis. Mainz 1998
  • Otto von Falke, Robert Schmidt, Georg Swarzenski: Der Welfenschatz. Der Reliquienschatz des Braunschweiger Domes aus dem Besitz des Herzogl. Hauses Braunschweig-Lüneburg, Frankfurt 1930
  • Klaus Jaitner: Der Reliquienschatz des Hauses Braunschweig-Lüneburg ("Welfenschatz") vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. In: Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz 23, 1986, S. 391–422.
  • Dietrich Kötzsche: Der Welfenschatz, In: Jochen Luckhardt, Franz Niehoff (Hrsg.): Heinrich der Löwe und seine Zeit. Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125–1235. Katalog der Ausstellung Braunschweig 1995, Band 2, München 1995, ISBN 3-7774-6900-9, S. 511–528.
  • Dietrich Kötzsche: Der Welfenschatz im Berliner Kunstgewerbemuseum. Berlin 1973
  • Wilhelm A. Neumann: Der Reliquienschatz des Hauses Braunschweig-Lüneburg. Wien: Hölder 1891
Text: Digitalisat der Universitätsbibliothek Braunschweig
Tafeln: Digitalisat der Universitätsbibliothek Braunschweig
  • Staatliche Museen zu Berlin: Der Welfenschatz, Einführung und beschreibendes Verzeichnis, Berlin 1935.
  • Städelsches Kunstinstitut Frankfurt (Hrsg.) [A. Osterrieth]: Der Welfenschatz – Katalog der Ausstellung 1930 – Berlin und im Städelschen Kunstinstitut Frankfurt, Berlin und Frankfurt 1930
  • Georg Swarzenski: Der Welfenschatz. In: Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz 1963, S. 91–108
  • The Guelph Treasure shown at the Art Institute of Chicago. (Katalog der Ausstellung 31. März bis 20. April 1931)
Digitalisat (PDF; 42,4 MB) des Handexemplars des Art Institute mit handschriftlichen Preisanmerkungen
  • Patrick M. de Winter: Der Welfenschatz. Zeugnis sakraler Kunst des Deutschen Mittelalters, Hannover 1986, ISBN 3-924415-07-2.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Welfenschatz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Welfenschatz – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Martina Junghans: Die Armreliquiare in Deutschland vom 11. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, Dissertation Bonn (2000), Bonn 2002, Kat.-Nr. 1
  2. Zahlen nach Das Tauziehen um den sagenhaften Welfenschatz, Artikel in Die Welt vom 24. September 2013, siehe auch [1] Die Welt vom 01. November 2013 und Die Welt vom 09. Dezember (aktualisiert 12. Dezember) 2013 [2] abgerufen am 07. April 2014
  3. Stiftung Preussischer Kulturbesitz, Jahrbuch Preussischer Kulturbesitz, Bd. 23, Berlin 1987, S. 422.
  4. Staatliche Museen zu Berlin: Der Welfenschatz, Einführung und beschreibendes Verzeichnis, Berlin 1935.
  5. NS-Raubkunst – "Unwürdig und moralisch höchst fragwürdig." In Die Zeit vom 2. Juni 2009
  6. Welt Online: Legendärer Welfenschatz ist keine Raubkunst, 20. März 2014
  7. Die Welt: Das Gold, das sprachlos macht, 25. September 2013
  8. Stefan Koldehoff: Wem gehört der Welfenschatz?, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. September 2013, abgerufen am 23. September 2013
  9. Das Tauziehen um einen einzigartigen Schatz wird zum Thriller in FAZ vom 11. Januar 2014, Seite 35