Wirtschaftsspionage

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Wirtschaftsspionage ist die staatlich gelenkte oder gestützte, von fremden Nachrichtendiensten ausgehende Ausforschung im Zielbereich Wirtschaft.[1]

In der öffentlichen Diskussion und Medienberichterstattung werden die Begriffe Wirtschaftsspionage und Konkurrenzspionage bzw. Industriespionage häufig nicht präzise voneinander abgegrenzt. So handelt es sich bei der Industrie- und Konkurrenzspionage um die illegale Beschaffung von Know-how und Waren durch konkurrierende Unternehmen.[1] Ziel ist es, durch früheren Erhalt der Informationen entweder sich selbst einen Vorteil zu verschaffen oder früh (genug) Gegenmaßnahmen einleiten zu können.

Manchmal wurden dabei befreundete und/oder oppositionelle Parteien in den Prozess einbezogen. Häufige Wirtschaftsspionagetechniken sind das unerlaubte Kopieren von Daten über offene und ungeschützte USB-Ports auf Wechselspeichermedien, wie z. B. USB-Stick oder externe Festplatte , das Fotografieren oder Filmen von Schriftstücken, Fertigungsanlagen, Fertigungstechniken oder Prototypen mittels Digitalkamera, Fotohandy oder Smartphone, das Abfangen von Briefen, das Mitlesen von E-Mails und Internetverbindungen, das Abhören von Telefonen und sowie das Einschleusen von Informanten oder das Aufkaufen von Informanten der Gegenpartei.

Wirtschaftsorganisationen und Unternehmen[Bearbeiten]

Für viele Unternehmen fällt der Schutz gegen Wirtschafts- und Industriespionage unter das Oberthema Informationssicherheit und ist heute ein wichtiger Bestandteil von Anwenderschulungen. Viele Anwender kennen mögliche Gefahren und Konsequenzen solcher Attacken nicht. Da die technischen Schutzmaßnahmen wie etwa Verschlüsselung heute ebenfalls sehr ausgereift sind, könnte die Manipulation von Menschen mit den Mitteln des Social Engineering zu einer Angriffsmethode von Spionen werden.[2]

Situation in Europa[Bearbeiten]

In Europa ist bekannt, dass die USA die technischen Möglichkeiten haben, systematische Wirtschaftsspionage zugunsten vieler US-Unternehmen zu betreiben.[3] Anfangs war dies das Abhörsystem Echelon, was im Fall der GATT-Verhandlungen 1993 nachgewiesen werden konnte. Die geheimen Verhandlungspositionen der Europäischen Union konnten ausspioniert werden. Im Juni 2013 machte der Whistleblower Edward Snowden zwei große internetbasierte Abhörsysteme öffentlich bekannt, namentlich das US-System PRISM und das Anfang 2012 in Betrieb gegangene britische System Tempora, das auch im Auftrag der USA genutzt wird. [4]

Situation in Deutschland[Bearbeiten]

Deutschland betreibt selbst keinen Geheimdienst, der für die deutsche Wirtschaft im Ausland spioniert. Wirtschaftsspionage wird auf Bundesebene vom Bundesamt für Verfassungsschutz verfolgt. Auf Landesebene fällt die Verantwortung in den Bereich des jeweils zuständigen Landesamt für Verfassungsschutz, sofern es eine Abteilung Spionageabwehr betreibt. Allerdings gibt es in Deutschland auf Behördenebene keine wirkliche flächendeckende Abwehr, so dass ausländische Konzerne mit Hilfe ihrer Geheimdienste in Deutschland Firmen ausspionieren können. Lediglich das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik betreut mit der Abteilung 2 – Kryptologie und Abhörsicherheit ein Spionageabwehrteam. Dieses bietet seine Leistungen Bundes- und Landesbehörden an sowie Unternehmen, die durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) der Geheimschutzbetreuung unterliegen.

Einer Studie zufolge wurden 21 Prozent der deutschen Unternehmen 2012 durch mindestens einen konkreten Fall von Spionage geschädigt[5]. Besonders der Mittelstand ist betroffen. Er verzeichnet mit 24 Prozent die meisten Vorfälle, Konzerne sind zu 19 Prozent betroffen. Jährlich entsteht der deutschen Wirtschaft ein Schaden von rund 4,2 Milliarden Euro. Die Angriffe fanden vor allem in den GUS-Staaten (27 Prozent), Europa (26,6 Prozent), Deutschland (26,1 Prozent) und in Nordamerika (25,2 Prozent) statt. Nur 10,4 Prozent der Vorkommnisse fanden in Asien statt. 6,3 Prozent der Unternehmen war der Ursprung unklar. Die häufigsten Schäden entstehen dabei durch eigene Mitarbeiter, externe Geschäftspartner und Hackerangriffe. Mitarbeiter waren in 70,5 Prozent aller Vorkommnisse beteiligt, wobei Fälle von Social Engineering 22,7 Prozent ausmachten.

Hauptzielrichtung der in Deutschland durch die US-Geheimdienstes durchgeführten Spionagetätigkeiten (Zeitraum Anfang 2007 bis Mitte 2008)

Im Rahmen der Spionageaffäre wurde im Juni 2013 bekannt, dass die für die USA mit der Wirtschaftsspionage beauftragte NSA[6][7] innerhalb Deutschlands von der Bundesregierung unterstützt wird. Neben Einrichtungen der NSA sowie des BND beschäftigen sich im deutschen Inland zahlreiche US-Firmen mit der Datenauswertung und der Weiterleitung in die USA.[8] Grundlage dafür bildete ein geheimes Abkommen zwischen dem BND und der NSA, das 28. am April 2002 vom damaligen Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier (SPD) unterzeichnet wurde.[9]

US-Botschafter Emerson versicherte im November 2013: „Amerika betreibt keine Industriespionage“.[10] Dabei unterscheidet die US-Regierung zwischen kommerzieller Industriespionage und politischer Wirtschaftsspionage (zur Aufdeckung von Korruption, Schmuggel von Kriegswaffen etc.). Diese Haltung fand sich schon in einem im März 2000 veröffentlichten Artikel des ehemaligen CIA-Chefs James Woolsey.[11] Darin erläuterte er öffentlich und ausführlich Gründe, warum die Vereinigten Staaten ihre Verbündeten auch hinsichtlich wirtschaftlicher Ziele ausspionierten, und schrieb: „That's right, my continental friends, we have spied on you because you bribe.“ (Deutsch: Es ist zutreffend, meine Freunde vom Kontinent, wir haben euch ausgespäht, weil ihr bestecht.)[12]

In einem 2001 veröffentlichten Untersuchungsbericht des Europäischen Parlaments führte der SPD-Europapolitiker Gerhard Schmid mehrere Fälle auf, in denen Geheimdienste bei Firmen gespäht hatten. Hierbei wurde der US-Geheimdienst NSA besonders häufig genannt. In einem Fall soll die NSA den Verkauf von Airbus-Flugzeugen an Saudi Arabien vereitelt haben, so dass US-Konkurrenten des europäischen Flugzeugkonzerns zum Zuge kamen.[13][14][15]

Nach Medienberichten wurde das deutsche Windkraftunternehmen Enercon 1994 das Opfer von Wirtschaftsspionage der NSA. Demnach gab ein NSA-Geheimdienstmitarbeiter zu, das deutsche Unternehmen ausspioniert und seine Erkenntnisse an das US-amerikanische Unternehmen Kenetech weitergegeben zu haben.[16][17] Im Januar 2014 wurde bekannt, dass das deutsche Unternehmen Ferrostaal bei einer im Jahre 2003 in Nigeria ausgeschriebenen Auftragsvergabe einem Konkurrenzunternehmen aus den USA unterlegen war, nachdem der US-Geheimdienst NSA die Details des Ferrostaal-Angebotes ausgespäht hatte.[18] Im gleichen Monat erläuterte der US-amerikanische Whistleblower Edward Snowden dem Norddeutscher Rundfunk, dass die Vereinigten Staaten über ihre Geheimdienste Wirtschaftsspionage betreiben: „Wenn es etwa bei Siemens Informationen gibt, die dem nationalen Interesse der Vereinigten Staaten nutzen – aber nichts mit der nationalen Sicherheit zu tun haben – dann nehmen sie sich diese Informationen trotzdem“, so Snowden.[19]

Situation in Italien[Bearbeiten]

Am 25. Oktober 2013 veröffentlichte das italienische Magazin L’Espresso neue Dokumente aus dem Fundus des Ex-NSA-Mitarbeiters Edward Snowden. Demnach gehört(e?) Italien im Rahmen der geheimen transatlantischen Abhörpartnerschaft zwischen den USA und Großbritannien zum Arbeitsgebiet des britischen Geheimdienstes GCHQ (Government Communications Headquarters); der GCHQ sammelte und speicherte Daten mit Tempora.[20]

Zur gleichen Zeit wurde bekannt, dass die NSA Spitzenpolitiker befreundeter Staaten (z.B Angela Merkel und François Hollande) abgehört hat.

Situation in China[Bearbeiten]

Der chinesische Geheimdienst betreibt unter anderem in Shanghai ein Gebäude, von dem aus Hackerangriffe auf westliche Unternehmen ausgeübt werden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Für den allgemeineren Zusammenhang:

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Wirtschaftsspionage Risiko für Ihr Unternehmen. Bundesamt für Verfassungsschutz für die Verfassungsschutzbehörden in Bund und Ländern, 2008, S. 2, archiviert vom Original am 29. Dezember 2009, abgerufen am 1. September 2014 (pdf).
  2. KES online Bettina Weßelmann: Interne Spionageabwehr, in KES, Ausgabe 1/2011, S. 66–69; abgerufen am 15. August 2011
  3. Gerhard Schmid (SPE, D); Abhörsystem "Echelon" Dok.: A5-0264/2001 Verfahren: nicht-legislative Stellungnahme (Art. 47 GO); Aussprache und Annahme: 05.09.2001; abgerufen am 13. März 2012
  4. Massenhaftes Abhören soll der Wirtschaft dienen, in Die Zeit am 24. Juni 2013
  5. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-Format"Studie: Industriespionage 2012". Corporate Trust, abgerufen am 24. Februar 2014.
  6. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-Format"United States SIGINT System January 2007 Strategic Mission List". National Security Agency, 8. Januar 2007, abgerufen am 5. November 2013 (PDF; 2,0 MB).
  7. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-Format"SIGINT Mission Strategic Plan FY 2008-2013". National Security Agency, 3. Oktober 2007, abgerufen am 5. November 2013 (PDF; 2,7 MB).
  8. 207 US-Firmen überwachen in Deutschland auch das Internet, in Netzpolitik.org am 1. August 2013
  9. BND leitet laut Spiegel massenhaft Metadaten an die NSA weiter, in Der Spiegel vom 3. August 2013
  10. John B. Emerson auf der 7. Transatlantischen Jahreswirtschaftskonferenz in Frankfurt
  11.  Ja, liebe Freunde, wir haben Euch ausgehorcht. In: Die Zeit Nr. 14/2000. (Stellungnahme zu Echelon).
  12. R. James Woolsey: Why We Spy on Our Allies. Artikel vom 17. März 2000 in The Wall Street Journal, abgerufen im Portal cryptome.org am 26. Januar 2014
  13. Wirtschaftsspionage durch amerikanische Geheimdienste: „Echelon“ – „Prisms“ kleiner Bruder. Artikel vom 12. Juli 2013 im Portal sueddeutsche.de, abgerufen am 26. Januar 2014
  14. Dokumentation: Der offizielle Echelon-Bericht von Gerhard Schmid an das EU-Parlament. Artikel vom 7. November 2001 im Portal spiegel.de, abgerufen am 26. Januar 2014
  15. Christiane Schulzki-Haddouti: EU-Parlament verabschiedet Echelon-Bericht. Artikel vom 5. September 2001 im Portal heise.de, abgerufen am 26. Januar 2014
  16. Daniel Baumann: Spähprogramm der NSA: Böse Erinnerungen an Wirtschaftsspionage werden wach. Artikel vom 1. Juli 2013 im Portal berliner-zeitung.de, abgerufen am 26. Januar 2014
  17. Christiane Schulzki-Haddouti: Hintertür für Spione. Artikel vom 31. Dezember 1998 im Portal zeit.de, abgerufen am 26. Januar 2014
  18. NSA spähte auch Essener Unternehmen Ferrostal aus. Artikel vom 21. Januar 2014 im Portal derwesten.de
  19. Snowden beschuldigt US-Geheimdienste: NSA soll auch Wirtschaftsspionage betreiben, Artikel vom 25. Januar 2014 im Portal n-tv.de, abgerufen am 25. Januar 2014
  20. spiegel.de: Snowden-Dokumente: Briten betrieben Wirtschaftsspionage in Italien

Weblinks[Bearbeiten]