Zwergameisenbär

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Zwergameisenbär
Silky anteater.jpg

Zwergameisenbär (Cyclopes didactylus)

Systematik
Überordnung: Nebengelenktiere (Xenarthra)
Ordnung: Zahnarme (Pilosa)
Unterordnung: Ameisenbären (Vermilingua)
Familie: Cyclopedidae
Gattung: Cyclopes
Art: Zwergameisenbär
Wissenschaftlicher Name der Familie
Cyclopedidae
Pocock, 1924
Wissenschaftlicher Name der Gattung
Cyclopes
Gray, 1821
Wissenschaftlicher Name der Art
Cyclopes didactylus
(Linnaeus, 1758)

Der Zwergameisenbär (Cyclopes didactylus) ist eine Säugetierart aus der Unterordnung der Ameisenbären (Vermilingua). Er ist die kleinste Art dieser Gruppe und gleichzeitig die einzige rein baumbewohnende. Sie ist über weite Bereiche Mittel- und Südamerikas verbreitet und lebt meist in dichten Wäldern. Allgemein gilt das Verhalten des Zwergameisenbärs als wenig erforscht. Er ernährt er sich überwiegend von Ameisen und Termiten und ist nachtaktiv. Weibliche Tiere bringen pro Wurf ein Junges zur Welt. Der Gesamtbestand gilt als nicht gefährdet, regional können aber einzelne Populationen durch Lebensraumzerstörung bedroht sein.

Beschreibung[Bearbeiten]

Habitus[Bearbeiten]

Der Zwergameisenbär besitzt eine Kopf-Rumpf-Länge von 18 bis 21 cm und eine Schwanzlänge von 18 bis 24 cm. Dabei erreicht der Schwanz immer mindestens die Länge des übrigen Körpers, meist ist er aber deutlich länger. Die Schulterhöhe liegt im Durchschnitt bei 9,3 cm. Das Gewicht beträgt 175 bis 400 g. Das seidige Fell weist eine gelblich-braune bis graue Färbung auf und ist bei einigen Unterarten an den Beinen oft heller. Vereinzelt finden sich auf der Bauch- und Rückenseite kleinere, dunkle Streifen. Teilweise tritt ein schokoladenfarbener Aalstrich auf, der vor allem bei Tieren im Amazonasbecken deutlicher ausgeprägt ist als bei mittelamerikanischen Vertretern. Der Kopf wird rund 5 cm lang, die Ohren sind sehr klein und erreichen nur rund 0,7 bis 1,3 cm Länge. Im Gegensatz zu den anderen Ameisenbärenarten ist die Schnauze markant kürzer und deutlich dicker. Weiterhin weist der Kopf eine charakteristische gebogene Stirnlinie auf. Wie alle Ameisenbären hat auch der Zwergameisenbär keine Zähne. Bei den Händen ist die zweite und dritte Zehe am längsten, die erste und vierte sind verkümmert und die fünfte fehlt ganz, daher auch das Artepithet didactylus – der Zweizehige. Die beiden langen Zehen der Hände sind mit starken Krallen versehen, bei den Füßen, die vier Zehen aufweisen, sind die Krallen verkürzt. Der Hinterfuß ist etwa 3,5 cm lang.[1][2]

Schädelmerkmale[Bearbeiten]

Der Schädel wird 4,7 bis 5,3 cm lang und am Gehirnschädel bis zu 2,3 cm breit. Die Schädelbasis besitzt eine deutlich nach oben verlaufende Wölbung, was bei anderen Ameisenbären so nicht auftritt. Charakteristisch sind die stark zurück entwickelten Jochbeine. Ein herausragendes Merkmal ist das vergleichsweise sehr kurze Rostrum, dass nur rund 25 % der Gesamtschädellänge erreicht. Weiterhin ist es vorn deutlich zugespitzter. Der Unterkiefer besitzt eine Länge von 3 bis 3,3 cm.[1][2]

Verbreitung[Bearbeiten]

Verbreitungsgebiet

Der Zwergameisenbär lebt in Mittel- und Südamerika. In Mittelamerika kommt er vom südlichen Mexiko (in den Bundesstaaten Oaxaca und Veracruz) bis nach Panama vor, allerdings ist die Art nicht aus El Salvador berichtet worden. Das gesamte nördliche Verbreitungsgebiet weitet sich aber noch bis nach Kolumbien westlich der Anden und in einem schmalen Streifen in die Küstentiefländer Ecuadors aus. Ein weitaus größeres Verbreitungsgebiet findet sich im nördlichen Südamerika östlich der Anden und ist von dem nördlicheren durch den Hochgebirgszug getrennt. Dieses Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Venezuela bis Suriname über den Nord- und Zentralteil Brasiliens, den Osten Kolumbiens und den Westen Ecuadors und Perus bis hin zum Norden Boliviens. Vor der Nordküste hat sich eine Population auf der Insel Trinidad angesiedelt. Ein drittes, durch eine 1000 km breite Lücke deutlich abgetrenntes Verbreitungsgebiet befindet sich in den nördlichen Atlantischen Wäldern (Mata Atlântica) der brasilianischen Ostküste von den Bundesstaaten Rio Grande do Norte bis Alagoas, wobei jüngeren Studien zufolge eine deutlich größere Ausdehnung ermittelt werden konnte.[3] Die beiden Hauptverbreitungsgebiete erstrecken sich dabei über eine Fläche von 7,6 Millionen Quadratkilometer, die kleinere dagegen auf rund 25.000 km², die Größe des tatsächlich bewohnten Fläche ist aber unbekannt. Als bevorzugter Lebensraum dienen teils laubabwerfende Wälder, tropische Tieflandregenwälder, Galeriewälder oder Mangrovenwälder. Die Ameisenbärenart kommt dabei von Meeresspiegelhöhe bis etwa 1500 m vor. In einigen Regionen lebt sie zudem sympatrisch mit den Tamanduas.[1][4][5]

Lebensweise[Bearbeiten]

Territorialverhalten[Bearbeiten]

Schlafender Zwergameisenbär
Verteidigungshaltung des Zwergameisenbären

Die Lebensweise des Zwergameisenbären ist nur wenig erforscht. Er ist ein reiner Baumbewohner, wo er sich als ausgezeichneter Kletterer vorwiegend im Geäst der Bäume aufhält. Zum Klettern dienen vor allem die beweglichen Vorder- und Hinterfüße, aber auch der Greifschwanz, die Bewegungen sind dabei behäbig und langsam. Der Zwergameisenbär ist nachtaktiv, tagsüber legt er sich zum Schlafen auf einer Astgabel im Geäst zusammen, indem er sich mit den Füßen festkrallt und den Schwanz um den Ast rollt; in dieser Position schläft er durchschnittlich 12 Stunden am Tag. Die Tiere unterhalten Territorien, die bei den Männchen etwa 5 bis 11 ha umfassen, bei den Weibchen durchschnittlich 2,8 ha. Dabei überschneiden sich die Territorien der männlichen Tiere nicht, aber mit jenen der Weibchen. Während ihrer nächtlichen Nahrungssuche legen sie bis zu 300 m zurück, im Durchschnitt sind es meist aber um die 74 m. Bei der Fortbewegung auf ebenem Grund werden die langen Krallen der Vorderfüße nach unten geklappt, so dass das Tier auf den Zehenspitzen läuft. Bei heraufziehender Gefahr, die meist durch ein Wackeln der Äste angedeutet wird, klammert sich der Zwergameisenbär mit Hinterbeinen und Schwanz am Geäst fest und hebt die Vorderbeine hoch, so dass die nackten Unterflächen sichtbar sind und die langen Krallen neben der Schnauze zum Liegen kommen. Einem direkten Angriff wird dann mit kräftigen Schlägen und Hieben mit den Krallen begegnet.[1][6]

Ernährung[Bearbeiten]

Die Nahrung des Zwergameisenbären besteht ausschließlich aus Insekten, vorzugsweise Ameisen und Termiten. Hauptsächlich werden dabei Vertreter der Gattungen Camponotus, Crematogaster, Dolichoderus oder Pheidole verspeist, wobei Larven etwa 10 % ausmachen. In einigen Regionen, so in Panama, ist dabei Dolichoderus besonders häufig vertreten und kann einen Anteil von bis zu 26 % der Nahrungsmenge erreichen.[7] Im Amazonasbecken wiederum ist unter anderem Crematogaster eine häufige Nahrungsquelle und machte bei vier untersuchten Kotresten bis zu 72,4 % der Gesamtmenge aus. Die meisten Ameisenvertreter aus dem Nahrungsspektrum des Zwergameisenbären leben an den Bäumen oder Büschen und bauen ihre Nester in Baumhöhlen. Gelegentlich nimmt ein Tier auch Käfer und andere Insekten zu sich. Insgesamt werden pro Tag 700 bis 5000 Insekten vertilgt, durchschnittlich 2200.[8] Ein jahreszeitlicher Wechsel in der Ernährungsweise ist nicht bekannt. Mit ihren kräftigen Krallen reißt der Zwergameisenbär bei der Nahrungssuche die Baue auf und leckt mit seiner langen, klebrigen Zunge die Beute auf.[1]

Fortpflanzung[Bearbeiten]

Ein Weibchen bringt pro Wurf ein Junges zur Welt, möglicherweise kommt es über das Jahr zu zwei Würfen. Das Jungtier, welches nach der Geburt schon ein Fellkleid besitzt, wird in einem Blätternest oder in einer Baumhöhle verborgen und beide Elternteile beteiligen sich an der Aufzucht. Zunächst nimmt ein Jungtier Muttermilch zu sich, mit dem Erreichen von etwa einem Drittel des Gewichtes der erwachsenen Tiere erfolgt die Aufnahme fester Nahrung. Die Entwöhnung erfolgt, wenn das Junge ungefähr halb so viel wiegt wie eines der Elterntiere. Manchmal trägt das Männchen das Jungtier auf dem Rücken. Fressende Muttertiere verlassen ihr Junges bis zu einer Dauer von acht Stunden. Über die Lebenserwartung in freier Wildbahn ist nichts bekannt, Tiere in Gefangenschaft lebten maximal bis über fünf Jahre.[1][9]

Parasiten[Bearbeiten]

Äußere Parasiten, die den Zwergameisenbären befallen, sind unter anderem Zecken der Gattung Amblyomma.[10] Zu den inneren gehören Kokzidien wie Eimeria und Fadenwürmer , hauptsächlich Cyclobulura und einige Vertreter aus der Familie Heligmosomidae. Zudem ist die Ameisenbärenart Träger des Gelbfieber-Virus.[1]

Systematik[Bearbeiten]

Innere Systematik der rezenten Ameisenbären nach Delsuc et al. 2012[11]
 Vermilingua 

 Cyclopedidae 

 Cyclopes didactyla (Zwergameisenbär)


 Myrmecophagidae 
 Tamandua 

 Tamandua mexicana (Nördlicher Tamandua)


     

 Tamandua tetradactyla (Südlicher Tamandua)



     

 Myrmecophaga (Großer Ameisenbär)





Historische Zeichnung eines Zwergameisenbären von Joseph Wolf, 1864

Der Zwergameisenbär ist die einzige Art der Gattung Cyclopes. diese wiederum stellt das einzige heute lebende Mitglied der Familie der Cyclopedidae innerhalb der Unterordnung der Ameisenbären (Vermilingua) dar. Die Familie bildet das Schwestertaxon der übrigen Ameisenbären, die zur Familie Myrmecophagidae gehören und die Gattungen Myrmecophaga und Tamandua einschließt. Die Cyclopedidae und die Myremcophagidae trennten sich laut molekulargenetischen Untersuchungen im Mittleren Eozän vor rund 40 Millionen Jahren.[12][11] Der Zwegameisenbär verfügt über keinen nennenswerten Fossilbericht. Einer seiner direkten Vorfahren ist Palaeomyrmidon aus dem Pliozän.[13]

Insgesamt werden heute sieben Unterarten unterschieden:[1]

Die Benennung der Art erfolgte im Jahr 1758 durch Linnaeus als Myrmecophaga didactyla der diese vom Großen Ameisenbär (Myrmecophaga tridactyla) und vom Südlichen Tamandua (Tamandua tetradactyla) anhand der Anzahl der krallenbewehrten Vorderfußzehen unterschied. Als Typoslokalität für den Zwergameisenbären gab Linnaeus „America australi“ an. Der Gattungsname Cyclopes wurde von John Edward Gray im Jahr 1821 eingeführt, der diesen aber nur indirekt mit der Art didactylus im Verbindung brachte („Anteater; Cyclopes, G. Myrmecophaga didactyla. Lin.“).[14] Die erste, heute korrekte Namensverwendung als Cyclopes didactylus erfolgte durch Oldfield Thomas im Jahr 1900.Dabei setzt sich der Gattungsname Cyclopes aus den griechischen Wörtern κυκλῶ (cyclo, „Kreis“) und πούς (poús, „Fuß“) zusammen und bezieht sich auf die Fähigkeit der Tiere, ihre Füße rund um einen Ast schließen zu können.[1]

Bedrohung[Bearbeiten]

Da der Zwergameisenbär sehr scheu und dadurch ein nur selten zu beobachtendes Tier ist, können zum Grad seiner Gefährdung nur wenige Aussagen getroffen werden. Allgemein gilt die Abholzung der tropischen Regen- und Atlantischen Küstenwälder als Bedrohungsfaktor, da dadurch die Lebensräume der Art eingeschränkt werden. Vor allem für die östliche Population an der Atlantikküste führt der großflächige Anbau von Zuckerrohr zu großen Habitatverlusten, so dass möglicherweise nur noch 5 % des Lebensraumes dort intakt sind. Für das Hauptverbreitungsgebiet vermutet man aber, dass der Zwergameisenbär noch relativ häufig vorkommt und nicht zu den bedrohten Arten zählt. Von der IUCN wird er dort daher als „nicht gefährdet“ (least concern) betrachtet.[15] Die östliche Küstenpopulation weist dagegen den Schutzstatus „unzureichende Datenlage“ (data deficient) auf, höchstwahrscheinlich kam es hier zu einem Rückgang des Bestandes.[16] In manchen Gebieten wird der Zwergameisenbär als Haustier gehalten, überlebt in menschlicher Gefangenschaft aber meist nicht lange. Zudem gibt es nur wenige zoologische Einrichtungen, wo diese Tierart präsentiert wird.[9]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i Virginia Hayssen, Flávia Miranda und Bret Pasch: Cyclopes didactylus (Pilosa: Cyclopedidae). Mammalian Species 44 (1), 2012, S. 51–58. 2012
  2. a b Hugh H, Genoways und Robert M. Timm The Xenarthrans of Nicaragua. Mastozoologia Neotropical 10 (2), 2003, S. 231–253
  3. Flávia Miranda and Mariella Superina: New distribution record of the silky anteater Cyclopes didactylus (Pilosa, Cyclopedidae) in coastal Northeastern Brazil. Mastozoología Neotropical, 17 (2), 2010, S. 381–384
  4. Flávia Miranda und D. A. Meritt Jr.: Cyclopes didactylus, main population. Edentata 11 (2), 2010, S. 99
  5. Flávia Miranda und Mariella Superina: Cyclopes didactylus, Northeastern Brazil subpopulation. Edentata 11 (2), 2010, S. 101
  6. Kenneth A. Nagy und G. GeneMontgomery: Field metabolic rate, water flux and food consumption by free-living silky anteaters (Cyclopes didactylus) in Panama. Edentata 13, 2012, S. 61–65
  7. Flávia Miranda, Roberto Veloso, Mariella Superina und Fernando José Zara: Food Habits of Wild Silky Anteaters (Cyclopes didactylus) of São Luis do Maranhão, Brazil. Edentata 8-10, 2009, S. 1–5
  8. Robin C. Best und Ana >. Harada: Food habits of the silky anteater (Cyclopes didactylus) in the central Amazon. Journal of Mammalogy 66 (4), 1985, S. 780–781
  9. a b Lizette Bermúdez Larrazábal: Adaptación al cautiverio del serafín del platanar (Cyclopes didactylus). Edentata 12, 2011, S. 45–52
  10. Marcelo B. Labruna, Luís Marcelo A. Camargo, Flávio A. Terrassini, Teresinha T. S. Schumaker und Erney P. Camargo: Notes on Parasitism by Amblyomma humerale (Acari: Ixodidae) in the State of Rondônia, Western Amazon, Brazil. Journal of Medical Entomology 39 (6), 2002, S. 814–817. 2002
  11. a b Frédéric Delsuc, Mariella Superina, Marie-Ka Tilak, Emmanuel J. P. Douzery und Alexandre Hassanin: Molecular phylogenetics unveils the ancient evolutionary origins of the enigmatic fairy armadillos. Molecular Phylogenetics and Evolution 62, 2012, 673–680
  12. Frédéric Delsuc, Sergio F Vizcaíno und Emmanuel JP Douzery: Influence of Tertiary paleoenvironmental changes on the diversification of South American mammals: a relaxed molecular clock study within xenarthrans. BMC Evolutionary Biology 4 (11), 2004, S. 1–13
  13. Sue D. Hirschfeld: A new fossil anteater (Edentata, Mammalia) from Colombia, S.A. and evolution of the Vermilingua. Journal of Paleontology 50 (3), 1976, S. 419–432
  14. John Edward Gray: On the natural arrangement of vertebrose animals. London Medical Repository 15, 1821, S. 297–310 (305) ([1]; PDF; 898 kB)
  15. Flávia Miranda und D. A. Meritt Jr.: Cyclopes didactylus. In: IUCN 2012. IUCN Red List of Threatened Species. Version 2012.2. ([2]), zuletzt abgerufen am 22. Juni 2013
  16. Flávia Miranda und Mariella Superina: Cyclopes didactylus (Northeastern Brazil subpopulation). In: IUCN 2012. IUCN Red List of Threatened Species. Version 2012.2. ([3]), zuletzt abgerufen amn 22. Juni 2013

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Cyclopes didactylus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien