Bengalen

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Bengalen bezeichnet eine historische Region im Nordosten Südasiens, die sich über die heutigen Gebiete von Bangladesch, den indischen Bundesstaat Westbengalen sowie Teile von Bihar, Jharkhand, Tripura und Odisha erstreckte. Die Region ist Namensgeber für den angrenzenden Golf von Bengalen, ein nordöstliches Randmeer des Indischen Ozeans.

Frühgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Bengalen wurde im 6. Jahrhundert ein einheitlicher Siedlungsraum; der erste selbständige König von Bengalen ist aus der Zeit um 606 n. Chr. überliefert.

Der erste buddhistische König von Bengalen wurde 750 in Gaur gewählt. Die machtvollsten Könige in der Folgezeit waren Dharmapala (Amtszeit 775–810) und Devapala (Amtszeit 810–850). Sie vereinigten Bengalen und machten die Pala-Dynastie zu einer der wichtigsten Herrscherfamilien im Indien des 9. Jahrhunderts. Zu ihrem Niedergang führten Streitigkeiten und administrative Misswirtschaft unter Narayanpala (Amtszeit 854–908).

Eine kurze Neubelebung des Königreiches unter Mahipala I. (Amtszeit 977–1027) endete schließlich in einem Krieg mit dem machtvollen südindischen Königreich Chola. Die Machtübernahme durch die Chandra-Dynastie in Südbengalen trug zum weiteren Niedergang der Pala-Könige bei, und im Jahr 1161 starb der letzte König aus dem Geschlecht der Pala.

Bereits im 7. Jahrhundert war die Malla-Dynastie in Bengalen herangereift, erreichte ihre Blütezeit aber erst im 10. Jahrhundert unter Jagat Malla, der seine Hauptstadt nach Bishnupur verlegte. Anders als die Buddhisten Palas und Chandras verehrten die hinduistischen Mallas den Gott Shiva. Während ihrer Herrschaft ließen sie in Bengalen viele Tempel und außergewöhnliche religiöse Baudenkmäler errichten.

Unter der Sena-Dynastie, die von 1095 bis 1260 herrschte, wurde die bengalische Sprache zu einer eigenen und wichtigen Sprache im nördlichen Indien und hinduistische Bräuche traten zunehmend an die Stelle buddhistischer Praktiken.

Muslimische Herrschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im frühen 13. Jahrhundert wurde Indien (einschließlich Bengalens) durch die muslimische Dynastie der Ghuriden erobert. Der Sena-König Lakshmanasena wurde in der Hauptstadt Nabadwip im Jahr 1203/1204 von den Eroberern vernichtend geschlagen. Das letzte der Hindu-Herrscherhäuser in Bengalen, die Deva-Dynastie, regierte noch für kurze Zeit in Ost-Bengalen, dann kam Bengalen unter die Herrschaft des Sultanats von Delhi, das jedoch allmählich immer schwächer wurde. Im Jahr 1352 gründete Shamsuddin Ilyas Shah das Sultanat von Bengalen, zu dem zeitweise auch Teile von Odisha und Bihar gehörten.

Im 16. Jahrhundert übernahmen die Moguln die Macht in Nordindien. Im Jahr 1526 besiegte der 1. Großmogul Babur (reg. 1526–1530) in der Ersten Schlacht von Panipat die Truppen Ibrahim Lodis, des letzten Sultans von Delhi. Um die weit entfernten Provinzen wie Gujarat und Bengalen, in denen eigenständige Sultanate entstanden waren, kümmerte sich jedoch zunächst niemand.

Im Jahr 1534 jedoch gelang es dem afghanischen Sher Shah Suri (oder Farid Khan) – einem Mann von hohem politischen und militärischen Geschick – die überlegenen Streitkräfte der Mogulen unter Humayun (reg. 1530–1540 und 1555/6) bei Chausa (1539) und Kannauj (1540) zu besiegen. Sher Shah ging in die Offensive und eroberte sowohl Delhi als auch Agra und errichtete ein Herrschaftsgebiet, das sich von Bengalen bis weit in das Gebiet des Panjab hinein ausdehnte. Die nur fünf Jahre seiner Regierungszeit (er starb im Jahr 1545) hatten große Auswirkungen auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft des indischen Subkontinentes.

Den Nachfolgern von Shah Suri fehlte dessen verwaltungstechnisches Geschick und sie zerstritten sich über die Fortführung des bengalischen Reiches. Humayun, der noch einen Rest-Mogulstaat regierte, erkannte die Gelegenheit und eroberte Lahore und Delhi im Jahr 1554. Nach Humayuns Tod (1556) übernahm Akbar (reg. 1556–1605) die Macht, der bedeutendste der Mogulherrscher, der die Karani-Herrscher in Bengalen im Jahr 1576 besiegte und die Herrschaft auf Gouverneure (subahdars) übertrug. Unter Akbars fortschrittlichem Wirken genossen Bengalen und Nordindien eine Zeit des Wohlstandes in Handel und Entwicklung.

Bengalens Handel und Wohlstand beeindruckten die Mogulherrscher so sehr, dass sie die Region zu jener Zeit das „Paradies der Völker“ nannten. Die Gouverneursverwaltung (1575–1717) unter den Nawabs von Murshidabad ermöglichte Bengalen eine beschränkte Selbständigkeit, die von den Mogulen in Delhi respektiert wurde.

Aber durch das Vordringen der britischen Ostindien-Kompanie wurde die Herrschaft der Nawabs entscheidend geschwächt. Am 23. Juni 1757 besiegten die Briten die Truppen des Nawab in der Schlacht bei Plassey und setzten einen eigenen Nawab für Bengalen ein, während sie gleichzeitig ihren Einfluss auf den Süden des Landes ausdehnten.

Mit dem Untergang des Mogulreiches in Nordindien wanderte das Zentrum von Kultur und Handel von Delhi nach Kolkata (Kalkutta). Die Aufstände von 1857 beendeten schließlich die Herrschaft der East India Company und unterstellten Bengalen direkt der britischen Krone.

Siehe auch: Liste der Herrscher von Bengalen, Adina-Moschee, Kherua-Moschee, Historische Moscheenstadt Bagerhat

Britische Herrschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bengalen war seit jeher ein Zentrum für den Anbau von Reis und hochwertiger Musselin-Baumwolle, außerdem der weltweit größte Erzeuger von Jute-Fasern. Seit den 1850er Jahren entwickelte sich das Land zu einem der wichtigsten Industriezentren Indiens. Diese konzentrierten sich in der Hauptstadt Kalkutta und in ihren rasch aufstrebenden Vorstädten. Die Mehrheit der Bevölkerung blieb jedoch von der Landwirtschaft abhängig, und so gab es vor allem in den westlichen Landesteilen eine Reihe von stark unterentwickelten Distrikten, obwohl Bengalen als ganzes in der indischen Politik und Kultur stets eine führende Rolle spielte. Der erzwungene Indigo-Anbau führte 1859–1862 zu den ersten bedeutenden Unruhen der Landbevölkerung gegen das koloniale Wirtschaftssystem.

Ostbengalen mit Assam nach der Teilung, Karte von 1907

Politisch war Bengalen unter der britischen Herrschaft ein Teil der Präsidentschaft Bengalen. Im Jahr 1877 erhielt Königin Victoria den Titel Kaiserin von Indien, und die Briten erklärten Kalkutta zur Hauptstadt der „Kronkolonie Indien“. Am 16. Oktober 1905[1] wurde Indiens bevölkerungsreichste Provinz Bengalen (eine der aktivsten im Befreiungskampf) von den Briten aus verwaltungstechnischen Gründen geteilt – in einen westlichen Landesteil einschließlich Bihars und Orissas mit überwältigender Hindu-Mehrheit und einen östlichen Landesteil einschließlich der Provinz Assam mit deutlicher Islam-Mehrheit.

Indische Nationalisten sahen diese Teilung als ein Mittel der britischen Kolonialherren, Zwietracht unter der bengalischen Bevölkerung zu säen, die in Sprache und Geschichte immer eine Einheit gebildet hatte. Nach mehreren gewalttätigen Unruhen revidierten die Briten die Teilung Bengalens im Jahr 1912.

Unabhängigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als 1947 die Teilung der ehemals britischen Kolonie Indien nach dem Mountbattenplan in einen hinduistischen Teil und einen muslimischen Teil vorgenommen wurde, erfolgte die zweite Teilung Bengalens wieder entlang fast der gleichen Grenzlinien wie 1905. Die Teile bildeten fortan den indischen Bundesstaat Westbengalen und die pakistanische Region Ostbengalen, die 1958 in Ostpakistan umbenannt wurde.

Bis zum Ende des folgenden Jahrzehnts rebellierte Ostpakistan gegen die westpakistanische Militärherrschaft. Der daraus entstandene Unabhängigkeitskampf führte zum Bangladesch-Krieg und 1971 dann zur Gründung der unabhängigen Republik Bangladesch.

In den Jahren 1770 und 1943 wurde Bengalen von vernichtenden Hungersnöten heimgesucht. Die Hungersnot 1943 soll dabei zwischen drei und fünf Millionen Todesopfer gefordert haben. Dem Volk der Bengalen ist es jedoch jedes Mal gelungen, diese Katastrophen zu überwinden und ihr Land wieder zu dem aufzubauen, was der bengalische Literatur-Nobelpreisträger Rabindranath Thakur einmal als das „Goldene Bengalen“ (siehe Amar Shonar Bangla) bezeichnet hat.

Kunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bengalischen Tempel mit ihren heruntergezogenen Dachenden unterscheiden sich deutlich von der Tempelbaukunst Nord- und Südindiens. Die bengalische Sprache und Literatur (vor allem repräsentiert durch Rabindranath Thakur) gilt als eine der schönsten und ausdrucksstärksten ganz Indiens.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Mann: Bengalen im Umbruch. Die Herausbildung des britischen Kolonialstaates 1754–1793, Stuttgart: Steiner 2000, 469 S. (= Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte ; Bd. 78) [Zugelassene Habilitationsschrift: Hagen, Fernuniversität, 1999], ISBN 3-515-07603-4
  • Christian Weiß, Hans-Martin Kunz: Goldenes Bengalen? Essays zur Geschichte, sozialen Entwicklung und Kultur Bangladeschs und des indischen Bundesstaates Westbengalen. Bonn : Bonner Siva Series 2002, 266 S. , ISBN 3-926548-20-7
  • Samares Kar: The Millennia Long Migration into Bengal: Rich Genetic Material and Enormous Promise in the Face of Chaos, Corruption, and Criminalization. In: Spaces & Flows: An International Journal of Urban & Extra Urban Studies. Vol. 2 Issue 2, 2012, S. 129–143 (Volltext sowie Fachbiografie bei ResearchGate Network).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Bengal – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. N. Jayapalan: History Of India (from National Movement To Present Day), Volume IV, Seite 15. ISBN 81-7156-917-X (englisch), abgefragt am 15. Oktober 2011