Betziesdorf

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Betziesdorf
Stadt Kirchhain
Koordinaten: 50° 51′ 37″ N, 8° 50′ 44″ O
Höhe: 220 (200–225) m ü. NHN
Fläche: 8,48 km²[1]
Einwohner: 748 (30. Jun. 2017)[2]
Bevölkerungsdichte: 88 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. Februar 1971
Postleitzahl: 35274
Vorwahl: 06427

Betziesdorf ist ein Stadtteil von Kirchhain im mittelhessischen Landkreis Marburg-Biedenkopf.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die nächsten Orte sind Sindersfeld, Anzefahr und Cölbe-Bürgeln. Betziesdorf liegt in der Nähe der Bundesstraße 62. Durch die Gemarkung des Orts fließt die Ohm, an deren Ufer die Hainmühle liegt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Gemarkung des heutigen Orts liegen Funde von karolingischer Keramik, um 700, vor. Am 13. Dezember 1254 wurde der Ort als Bezchindorph erstmals eindeutig urkundlich erwähnt, als das Kloster Haina hier Besitzungen erwarb. Das Marienstift Wetzlar und der Deutsche Orden waren im Ort begütert. Im Jahr 1366 wurde Betziesdorf das erste Mal als Sitz einer Pfarrei erwähnt.

Am 1. Februar 1971 wurde die bis dahin selbständige Gemeinde Betziesdorf im Zuge der Gebietsreform in Hessen als Stadtteil der Stadt Kirchhain eingegliedert.[3][4]

Der Stadtteil lebt seit 1966 eine Partnerschaft mit Plomelin in der Bretagne (Frankreich), wobei die offizielle Städtepartnerschaft mit der Eingemeindung Betziesdorf auf die Stadt Kirchhain übergegangen ist.[5]

Betziesdorfer Hexenprozesse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts kam es zu einer Reihe von Hexenprozessen gegen Frauen aus Betziesdorf, was dem Dorf eine traurige Berühmtheit bescherte. Am bekanntesten waren die Verfahren gegen Katharina Lips 1671 und 1673 und gegen ihre 17-jährige Enkelin Ännchen Schnabel 1673. Katharina Lips, die Ehefrau des Schulmeisters, war selbst durch fürchterlichste Folter nicht zu brechen und wurde letztlich freigelassen, aber aus der Landgrafschaft Hessen-Kassel verbannt. Ihre Enkelin hingegen konnte die Folter nicht durchstehen und wurde am 18. Mai 1674 durch das Schwert in Marburg hingerichtet. Der letzte der Betziesdorfer Hexenprozesse begann 1682 gegen Anna Katharina Wolff, auch sie Ehefrau des Dorfschullehrers, und endete am 16. Mai 1685 mit ihrer Ausweisung aus Hessen-Kassel.[6]

Territorialgeschichte und Verwaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die folgende Liste zeigt im Überblick die Territorien, in denen Betziesdorf lag, bzw. die Verwaltungseinheiten, denen es unterstand:[1][7]

Gerichte seit 1821[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit Edikt vom 29. Juni 1821 wurden in Kurhessen Verwaltung und Justiz getrennt. Nun waren Justizämter für die erstinstanzliche Rechtsprechung zuständig, die Verwaltung wurde von Landkreisen übernommen. Der Kreis Kirchhain war für die Verwaltung und das Landgericht Marburg war als Gericht erster Instanz für Betziesdorf zuständig. Das Oberste Gericht war das Oberappellationsgericht in Kassel. Untergeordnet war das Obergericht Marburg für die Provinz Oberhessen. Es war die zweite Instanz für die Justizämter.[11]

Nach der Annexion Kurhessens durch Preußen wurde das Landgericht Marburg 1867 zum königlich Preußischen Amtsgericht Marburg. Im Juni 1867 erging eine königliche Verordnung, die die Gerichtsverfassung in den zum vormaligen Kurfürstentum Hessen gehörenden Gebietsteilen neu ordnete. Die bisherigen Gerichtsbehörden sollten aufgehoben und durch Amtsgerichte in erster, Kreisgerichte in zweiter und ein Appellationsgericht in dritter Instanz ersetzt werden.[12] Im Zuge dessen erfolgte am 1. September 1867 die Umbenennung des bisherigen Landgerichts in Amtsgericht Marburg. Die Gerichte der übergeordneten Instanzen waren das Kreisgericht Marburg und das Appellationsgericht Kassel.[13]

Auch mit dem Inkrafttreten des Gerichtsverfassungsgesetzes von 1879 blieb das Amtsgericht unter seinem Namen bestehen. In der Bundesrepublik Deutschland sind die übergeordneten Instanzen das Landgericht Marburg, das Oberlandesgericht Frankfurt am Main sowie der Bundesgerichtshof als letzte Instanz.

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Belegte Einwohnerzahlen bis 1967 sind:[1]

• 1577: 41 (19 landgräfliche) Hausgesesse
• 1585: 41 Hausgesessene
• 1630: 22 (12 landgräfliche) Hausgesessene. landgräflich: 2 vierspännige, 1 dreispänniger, 2 zweispännige, 4 einspännige Ackerleute, 2 Einläuftige.
• 1681: 20 hausgesessene Mannschaften (landgräflicher Anteil)
• 1838: 379 Einwohner. 36 nutzungsberechtigte, 16 nicht nutzungsberechtigte Ortsbürger, 12 Beisassen.
Betziesdorf: Einwohnerzahlen von 1746 bis 1967
Jahr  Einwohner
1746
  
222
1834
  
391
1840
  
434
1846
  
444
1852
  
468
1858
  
442
1864
  
446
1871
  
396
1875
  
387
1885
  
398
1895
  
341
1905
  
417
1910
  
447
1925
  
456
1939
  
550
1946
  
761
1950
  
765
1956
  
696
1961
  
670
1967
  
711
Datenquelle: Histo­risches Ge­mein­de­ver­zeich­nis für Hessen: Die Be­völ­ke­rung der Ge­mei­nden 1834 bis 1967. Wies­baden: Hes­sisches Statis­tisches Lan­des­amt, 1968.
Weitere Quellen: [1]

Religionszugehörigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Quelle: Historisches Ortslexikon[1]

• 1861: 438 evangelisch -lutherische, 1 römisch-katholischer, 4 jüdische Einwohner.
• 1885: 85 evangelische (= 96,73 %), ein katholischer (= 0,25 %), 12 jüdische (= 3,02 %) Einwohner
• 1961: 613 evangelische (= 91,49 %), 51 katholische (= 7,61 %) Einwohner

Erwerbstätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Quelle: Historisches Ortslexikon[1]

• 1746: Erwerbspersonen: 6 Schmiede (5 nur Eigenbedarf), 1 Wagner, 1 Maurer, 1 Schneider, 3 Leineweber, 2 Wirte, 2 Müller, 1 Tagelöhner, 1 Näherin, 1 Viehhändler (Jude).
• 1838: Familien: 28 Ackerbau, 18 Gewerbe, 18 Tagelöhner
• 1961: Erwerbspersonen: 144 Land- und Forstwirtschaft, 126 Produzierendes Gewerbe, 44 Handel und Verkehr, 30 Dienstleistungen und Sonstiges.

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bauwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirche in Betziesdorf

Im Ort steht eine spätbarocke Pfarrkirche, die 1789 erbaut wurde. Ihr Vorgängerbau wurde 1216 geweiht und 1516 umgebaut. Die Kirche ist von einer polygonalen Mauer umgeben, die im 15./16. Jahrhundert zu einer Wehranlage ausgebaut worden war. Das 1516 erbaute Portal der alten Kirche wurde in die Wehrmauer versetzt.[14]

Nahe Betziesdorf lag die Hunburg.

Sport[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fußballmannschaft des TSV Germania Betziesdorf spielt in der Kreisliga B Marburg.

Söhne und Töchter des Ortes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Betziesdorf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f Betziesdorf, Landkreis Marburg-Biedenkopf. Historisches Ortslexikon für Hessen. (Stand: 24. Mai 2018). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
  2. Haushaltsplan 2018. In: Internetauftritt. Stadt Kirchhain, S. 3, abgerufen im Mai 2018.
  3. Der Hessische Minister des Inneren: Gemeindegebietsreform: Zusammenschlüssen und Eingliederungen von Gemeinden vom 20. Januar 1971. In: Staatsanzeiger für das Land Hessen. 1971 Nr. 6, S. 248, Punkt 328, Abs. 54 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 6,2 MB]).
  4. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27. 5. 1970 bis 31. 12. 1982. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart und Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 402.
  5. Webseite der Stadt Kirchhain (Memento vom 3. Mai 2014 im Internet Archive)
  6. betziesdorf.de: Historisches Ortslexikon von den Anfängen bis zum Jahre 2004
  7. Michael Rademacher: Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990. Land Hessen. (Online-Material zur Dissertation, Osnabrück 2006).
  8. Georg Landau: Beschreibung des kurfürstenthums Hessen. T. Fischer, Kassel 1842, S. 370 (online bei HathiTrust’s digital library).
  9. Kur-Hessischer Staats- und Adress-Kalender: 1818. Verlag d. Waisenhauses, Kassel 1818, S. 100 (online bei Google Books).
  10. Verordnung vom 30sten August 1821, die neue Gebiets-Eintheilung betreffend, Anlage: Übersicht der neuen Abtheilung des Kurfürstenthums Hessen nach Provinzen, Kreisen und Gerichtsbezirken. Sammlung von Gesetzen etc. für die kurhessischen Staaten. Jahr 1821 – Nr. XV. – August. (kurhessGS 1821) S. 223-224
  11. Neueste Kunde von Meklenburg/ Kur-Hessen, Hessen-Darmstadt und den freien Städten, aus den besten Quellen bearbeitet. im Verlage des G. H. G. privil. Landes-Industrie-Comptouts, Weimar 1823, S. 158 ff. (online bei HathiTrust’s digital library).
  12. Verordnung über die Gerichtsverfassung in vormaligen Kurfürstentum Hessen und den vormals Königlich Bayerischen Gebietstheilen mit Ausschluß der Enklave Kaulsdorf vom 19. Juni 1867. (PrGS 1867, S. 1085–1094)
  13. Verfügung vom 7. August 1867, betreffend die Einrichtung der nach der Allerhöchsten Verordnung vom 19. Juni d. J. in dem vormaligen Kurfürstentum Hessen und den vormals Königlich Bayerischen Gebietstheilen mit Ausschluß der Enklave Kaulsdorf, zu bildenden Gerichte (Pr. JMBl. S. 221–224)
  14. Michael Losse: Die Lahn – Burgen und Schlösser, S. 64