Bruggen (St. Gallen)

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Katholische Pfarrkirche St. Martin, Poststelle und Kantonalbank Filiale Bruggen an Zürcherstrasse und Einmündung Fürstenlandstrasse

Bruggen ist ein westliches Quartier der Schweizer Stadt St. Gallen mit rund 12'000 Einwohnern.[1] Die altersmässige Zusammensetzung der Bevölkerung entspricht ziemlich genau dem städtischen Durchschnitt mit einem um 2 % erhöhten Anteil an Jugendlichen und entsprechend weniger Erwerbstätigen und Rentnern. Der Ausländeranteil ist mit 31 % nur um ein Prozent höher als im städtischen Durchschnitt. Allerdings ist der Anteil an Europäern aus dem nicht-EU-Raum mit 12 % um die Hälfte höher als der städtische Mittelwert von 8 %.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bruggen war das Zentrum von Straubenzell. Eine Strasse mit dem Gemeindenamen erinnert daran. Bruggen, das 1219 erstmals urkundlich erwähnt wurde, leitet sich vom althochdeutschen Wort «brucka» bzw. dem mittelhochdeutschen «brucke» ab und bedeutet «bei den Brücken». Diese dominieren noch heute das Ortsbild. Sie sind Teil des St. Galler Brückenwegs.

Die älteste gedeckte Holzbrücke steht heute zu Füssen des Sitterviaduktes der SOB. Die erste steinerne Brücke, die 1811 erbaute untere Kräzernbrücke mit Zollhaus wurde durch den Baumeister Friedrich Haltiner vollendet.[2]

Der von 1857 stammende von Carl Etzel geplante Eisenbahnviadukt wurde 1926 durch den Sitterviadukt der SBB ersetzt, daneben gibt es den Viadukt der SOB, einige hundert Meter südlich, dessen nordöstliche Hälfte auf Bruggener Gebiet liegt, während die südwestliche Hälfte (ab Mitte der Sitter) auf Herisauer Boden gelegen ist.

Die Fürstenlandbrücke von 1937 bis 1940 durch das Ingenieurbüro Chopard erbaut, hat eine freie Spannweite von 134 m. Ihre Architektur gleicht einem grossen Bogen. Sie verbindet Bruggen über die Sitter mit Winkeln. Ausserdem verbindet die Haggenbrücke Bruggen in Richtung Süden durch einen Fuss- und Radweg mit Stein (AR).

Von 1803 bis 1831 war Bruggen Kreishauptort des Kreises Straubenzell im Bezirk Rorschach.[3] Straubenzell wurde im Rahmen der Stadtverschmelzung 1918 mit der Stadt St. Gallen vereinigt, wodurch auch Bruggen ein Teil der Kantonshauptstadt wurde.

Schulen, Sport, Kirchen, Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Eingang der Eishalle Lerchenfeld von Südosten gesehen

Der Stadtteil Bruggen verfügt über mehrere Sportplätze, den gleichnamigen Handballverein (HC Bruggen). Im Quartierteil Lerchenfeld, im östlichen Bruggen an der Zürcherstrasse, befinden sich im gleichnamigen Sportzentrum ein Eissportzentrum mit Eishalle, Curling Center und Ausseneisfeld[4] sowie ein Freibad mit Sprunganlage, Rutschbahn und Kinderbecken.[5]

Ebenfalls in Bruggen befinden sich mehrere Einkaufszentren und das Evangelische Pflegeheim Bruggen. In Bruggen befindet sich die katholische Kirche St. Martin und die 1906 eingeweihte evangelisch-reformierte Kirche.[6]

Bahnhof SBB, St. Gallen Bruggen

Bruggen ist durch den Trolleybuslinien 1, 2 und die Autobuslinien 3, 4, 7 und 8 der Verkehrsbetriebe der Stadt St. Gallen mit der Innenstadt in Richtung Osten und mit Winkeln (Linie 1) und Abtwil (Linien 3, 4) in westlicher Richtung verbunden. Bruggen verfügt zudem über zwei Bahnhöfe, den Bahnhof Bruggen der SBB und den Bahnhof Haggen der SOB, an denen die Regionalen S-Bahnen halt machen.

In Bruggen befinden sich zudem diverse Primar- und Realschulhäuser. Am nördlichen Rand befindet das Primar- und Realschulhaus Engelwies mit 4 dazu gehörenden Kindergärten, direkt an der

Zürcherstrasse liegt das Realschulhaus Bruggen und im Ortsteil Haggen findet sich das Boppartshof-Schulhaus mit seinen 7 Kindergärten. Die Schulen werden von über 700 Pirmarschülern und Kindergärtnern und ca. 160 Realschülern besucht.[7][8][9] Die Schule Engelwies erlangte durch den Mord am Lehrer Paul Spirig durch Ded Gecaj, den kosovo-albanischen Vater eines Mädchens in der Schule, im Jahr 1999 traurige Berühmtheit[10]. Sie zählt zu den sogenannten 'Talschulen' von St. Gallen, die wegen des höheren Ausländeranteils unter einem schlechteren Image als die 'Bergschulen' leiden.[11]

Kulturelle Veranstaltungen und Einrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Bruggen findet auch die grösste kulturelle Veranstaltung der Stadt St. Gallen mit dem Open Air St. Gallen statt, das jedes Jahr um die 30'000 Zuschauer in das Sittertobel unterhalb von Bruggen an der Sitter lockt und seit 1980 dort stattfindet.

In unmittelbarer Nähe zum Open Air Gelände befindet sich das 'Sitterwerk', ein ehemaliges Industriegebäude, dass in der Folge umgenutzt wurde und unterdessen mehrere kulturell bedeutende Einrichtungen beherbergt. Darunter sind eine Kunstgiesserei, eine Galerie, ein Werkstoffarchiv und eine Kunstbibliothek.[12][13]

Infrastruktur und Industrie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Sittertobel bei Bruggen befinden sich auch wichtige Infrastrukturanlagen der Stadt St. Gallen. Das Kerichtheizkraftwerk KHK St. Gallen verbrennt pro Jahr ca. 75'000 Tonnen Abfälle aus 40 Gemeinden der Abfallregionen St. Gallen – RorschachAppenzell. Die Abwärme wird in das 16 km lange Fernwärmenetz der Stadt St. Gallen eingespeist, wobei die abgegebene Leistung 24 MW entspricht.[14] In unmittelbarer Nachbarschaft des KHK liegt die Abwasserreinigungsanlage ARA St. Gallen Au, welche die Abwässer der westlichen Teile von St. Gallen, der Gemeinde Gaiserwald sowie vom östlichen Teil von Gossau und Teilen von Teufen und somit Abwasser von 66000 Einwohnern behandelt.[15]

Auf dem gleichen Gelände befindet sich das verschlossene Bohrloch des gescheiterten Geothermieprojektes der Stadt St. Gallen.

Die Färberei Sittertal 1935 zu ihrer Glanzzeit.

Noch früher als an der Steinach in St. Georgen wurde im Sittertal bei Bruggen die Wasserkraft genutzt. Ab 1604 war in Bruggen die fürstäbtliche Papiermühle Kräzern etwas unterhalb der Mündung der Urnäsch in die Sitter in Betrieb.[16] 1898 wurde an der Stelle der Papiermühle das Kraftwerk Kubel gebaut und im Jahr 1900 in Betrieb genommen. Das aus dem Wasser des Gübsensees gespiesene Kraftwerk ist noch heute in Betrieb.

In der sogenannten Au unterhalb des Ortsteils Stocken wurde 1840 eine Flachsspinnerei, danach eine Stickerei und Anfang des 20. Jahrhunderts eine Färberei (welche die Rotfärberei im Lachenquartier ersetzte) in der zuletzt als 'Färberei Sittertal' bekannten Industrieanlage etabliert. Der Industriebetrieb existierte bis 1987. Die Immobilie erlebte danach eine Zwischennutzung durch verschiedene Gewerbebetriebe, bevor es zum Kulturzentrum Sitterwerk umgewandelt wurde.[17][18]

Im Bereich Zweibruggen im Tal unterhalb der Haggenbrücke wurde 1862 eine mit Wasser betriebene Getreidemühle erbaut.

Bruggen zwischen 1920 und 1930: Vorne Brauerei Stocken, rechts Zweibruggenmühle, daneben der Bahnhof Bruggen. Blick gegen Osten.

Diese brannte 1902 ab. Beim Bau des Ersatzes wurde den neuen technischen Entwicklungen Rechnung getragen und die nach dem ursprünglichen Standort immer noch 'Zweibruggenmühle' genannte Getreidemühle westlich neben dem Bahnhof Bruggen neu errichtet und mit Strom betrieben. Mit dem direkten Bahnanschluss war der neue Standort zudem viel leichter erreichbar als der alte, tief in einem schwer zugänglichen Tal gelegene.[19]

Die Mühle war bis 1999 in Betrieb. Nach der Stilllegung lag das aus Fabrikgebäude und Siloturm bestehende ‚Ensemble von überregionaler Bedeutung‘ ca. ein Jahrzehnt brach, bevor 2008 ein Projekt für die Umnutzung der Fabrik für Wohngebäude und den Ersatz des Siloturms durch ein Hochhaus vorgestellt und in der Folge auch verwirklicht wurde.[20]

EmpaSanktGallen

Im östlichen Teil von Bruggen, beim sogenannten Lerchenfeld, befindet sich ein Standort der EMPA, der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt. Der „Im Moos“ genannte Standort wurde vom St. Galler Standort der EMPA im Jahr 1996 bezogen. die dortigen Forschungsschwerpunkte umfassen Bekleidungsphysiologie, persönliche Schutzsysteme, funktionale Fasern und Textilien, biokompatible Werkstoffe, Material- und Bildmodellierungen sowie Technologie-Risikoabschätzungen.

Zu Wohnhaus umgebautes Gebäude der Zweibruggenmühle, rechts Hochhaus an der Stelle des einstigen Getreidesilos

An der Kräzernstrasse, unmittelbar unter der einstigen Tram- und Bus-Endstation befand sich die Brauerei Stocken, wo von spätestens 1784 an bis 1973 Bier gebraut worden ist. Diese wurde von der Familie Walser betrieben und war bei der Schliessung eine der ältesten Brauereien der Schweiz und in der Stadt St. Gallen die vorletzte noch existierende Brauerei. Die geschichtlich bedeutsame Liegenschaft wurde in der Folge unterschiedliche genutzt.[21][22] Seit 2015 beherbergt das ehemalige Brauereigasthaus der Liegenschaft eine Privatschule mit Basis- und Primarstufe.[23]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Straubenzell: Landschaft – Gemeinde – Stadtteil. Ortsbürgergemeinde Straubenzell (Hrsg.). 2006, ISBN 3-907928-58-X.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Bruggen (St. Gallen) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.stadt.sg.ch/home/gesellschaft-sicherheit/zusammenleben-vereine/quartiervereine/quartierentwicklung/_jcr_content/Par/downloadlist/DownloadListPar/download_0.ocFile/2015%2005%2021%20Quartierportraits.pdf
  2. scope.staatsarchiv.sg.ch: ZMH 64/109b St. Gallen: Kräzernbrücke über die Sitter, mit dem neuen Zollhaus links oben, dem bisherigen rechterhand, und mit der gedeckten Holzbrücke im Vordergrund, 1811 (ca.) (Dokument), Zugriff am 10. November 2011.
  3. Einteilung des Kantons St. Gallen. Gesetz vom 23. Juni 1817. (= Johann Jakob Zollikofer [Hrsg.]: Sammlung der gegenwärtig in Kraft bestehenden Gesetze und Verordnungen des Kantons St. Gallen). 1826, S. 31 ff.
  4. Eissportzentrum Lerchenfeld. Abgerufen am 14. Februar 2018.
  5. Freibad Lerchenfeld. Abgerufen am 14. Februar 2018.
  6. Beschreibung (Memento des Originals vom 5. Dezember 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.straubenzell.ch auf der Website der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Straubenzell St. Gallen West, abgerufen am 9. Januar 2013.
  7. Primarschule Engelwies. Abgerufen am 11. Juli 2017.
  8. Realschule Engelwies Bruggen. (Nicht mehr online verfügbar.) Archiviert vom Original am 10. Juli 2017; abgerufen am 11. Juli 2017. i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.stadt.sg.ch
  9. Primarschule Boppartshof. Abgerufen am 11. Juli 2017.
  10. St. Galler Tagblatt AG, Switzerland: Lehrer in St.Galler Schule erschossen. In: St.Galler Tagblatt. (archive.org [abgerufen am 1. Dezember 2017]).
  11. St. Galler Tagblatt AG, Switzerland: Andrea Lanfranchi. In: St.Galler Tagblatt. (archive.org [abgerufen am 1. Dezember 2017]).
  12. St. Galler Tagblatt AG, Switzerland: Das Wunder vom Sittertal. In: St.Galler Tagblatt. (tagblatt.ch [abgerufen am 13. Juli 2017]).
  13. Info. 5. Juli 2017, abgerufen am 13. Juli 2017.
  14. Kehrichtheizkraftwerk St.Gallen. Abgerufen am 11. Juli 2017.
  15. Abwasserreinigungsanlagen. Abgerufen am 11. Juli 2017.
  16. Markus Kaiser: Sitter. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 15. Juli 2011, abgerufen am 13. Juli 2017.
  17. St. Galler Tagblatt AG, Switzerland: Industrialisierung: Färberei Sittertal. In: St.Galler Tagblatt. (tagblatt.ch [abgerufen am 13. Juli 2017]).
  18. St. Galler Tagblatt AG, Switzerland: Über die Furten der Sitter. In: St.Galler Tagblatt. (archive.org [abgerufen am 2. Mai 2018]).
  19. St. Galler Tagblatt AG, Switzerland: 1902 nach Brand erbaut. In: St.Galler Tagblatt. (tagblatt.ch [abgerufen am 13. Juli 2017]).
  20. St. Galler Tagblatt AG, Switzerland: Neue Wohnungen in alter Mühle. In: St.Galler Tagblatt. (tagblatt.ch [abgerufen am 13. Juli 2017]).
  21. Schweizer Bierbrauereien | PUB - Gastronomieverzeichnis. Abgerufen am 13. Juli 2017.
  22. St. Galler Tagblatt AG, Switzerland: Gasthaus mit Geschichte. In: St.Galler Tagblatt. (tagblatt.ch [abgerufen am 13. Juli 2017]).
  23. St. Galler Tagblatt AG, Switzerland: Legendäres Gasthaus wird zur Schule. In: St.Galler Tagblatt. (archive.org [abgerufen am 31. Juli 2017]).

Koordinaten: 47° 25′ N, 9° 20′ O; CH1903: 742928 / 252683