Brutalismus

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Der von Francisco Javier Sáenz de Oiza entworfene und 1961 gebaute Torres Blancas in Madrid nutzt Sichtbeton als Gestaltungsmittel

Brutalismus ist ein Baustil der Moderne, der ab 1950 Verbreitung fand. Der Begriff findet seinen Ursprung im französischen béton brut (roher Beton, Sichtbeton), mit dem Le Corbusier seinen bevorzugten Werkstoff beschrieb. Der von Reyner Banham geprägte Begriff New Brutalism (Neuer Brutalismus) stand ursprünglich für eine Architektur, die den idealisierten Anspruch besaß, ehrlich bei Material und Konstruktion und ethisch bei den sozialen Aspekten der Architektur zu sein.[1]

Heute wird der Begriff weniger eng definiert und steht für die dominierende Architektur zwischen etwa 1960 und dem Anfang der 1980er Jahre. Er wird nunmehr überwiegend negativ rezipiert.[1] Der Brutalismus ist geprägt von der Verwendung von Sichtbeton, der Betonung der Konstruktion, simplen geometrischen Formen und meist sehr grober Ausarbeitung und Gliederung der Gebäude.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

New Brutalism (1953–1966)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Secondary Modern School, Hunstanton (England) – Schlüsselbau des New Brutalism (1954 fertiggestellt, Alison und Peter Smithson)

Im Jahr 1953 wurde die Architektengruppe Team 10 gegründet, die später den Begriff ‚Neuer Brutalismus‘ als Abgrenzung von Le Corbusier prägte. Die erste Nennung erfolgte im Dezember 1955 in der Zeitschrift Architectural Review durch Reyner Banham. Trotz der Betonung des Betons erlaubt dieser Stil auch andere Materialien wie Metall, Ziegel oder Stein.[2][3] Als Beispiel für diesen Stil wird die Hunstanton School von Alison und Peter Smithson von 1949–1954 genannt, ein Ziegelbau mit sichtbaren Versorgungsleitungen.

Brutalismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Brutalismus war in spezifischer Art sowohl mit der ökonomischen und materiellen, insbesondere aber auch mit der mentalen und psychologischen Situation der Nachkriegszeit verbunden. Dadurch wurde er einerseits zu einem internationalen Phänomen, das aber andererseits auf den jeweilig lokalen Bedingungen basierte.[4] Der Brutalismus verbreitete sich in den 1960er Jahren auf allen Kontinenten und blieb präsent bis in die 1980er Jahre. Die Vertreter dieser Bauart meinten, dass die modernen industrialisierten Gesellschaften eine möglichst kraftvolle Kunst benötigen. Sie sollten eine „geistige Befreiung erleben, zum Sehen gebracht werden, Sinnlichkeit statt Kommerz erfahren“. Das kommt in dem zugrundeliegenden französischen Wort „brut“ auch dadurch zum Ausdruck, dass es nicht nur „roh“ bedeutet, sondern auch „rau“, „grob“, „herb“ oder „ehrlich“.[3]

In den 1990er Jahren geriet der Baustil in Verruf, die Architekten und Stadtplaner verfolgten nun eine Art Wiedergeburt der bürgerlichen Stadt, der Brutalismus galt ihnen als „ästhetischer Vandalismus“. Dieser Eindruck wurde auch dadurch verstärkt, dass die entsprechenden Bauwerke wenig gepflegt erschienen, der Beton stärker als gedacht für Schmutz, Algenbewuchs oder Zerfall anfällig war.[3]

Universitäts- und Stadtbibliothek Köln (1964–1968)

Erst Anfang des 21. Jahrhunderts begann eine Phase der Wiederentdeckung des Brutalismus, insbesondere angesichts von Abrissen oder entstellender Umbauten.

„[...] Angesichts der vielen, beim Klopfen hohl klingenden, Granitfassaden der gierigen Postmoderne erscheint er nun als zwar raues aber eben ,ehrliches Gegenbild’, als die gebaute Erinnerung an den ausgleichenden sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat, in dem sozialer Egoismus als degoutant gilt.“

Beispiele aus verschiedenen Ländern und Kontinenten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siedlungen und Baukomplexe

Typisches Gebäude der Siedlung Thalmatt

Nicht nur einzelne Bauwerke gehören zum Brutalismus, auch ganze Siedlungen oder Bildungskomplexe entstanden unter dem Einfluss dieser Stilrichtung.

Zu nennen sind hier:

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Reyner Banham: Brutalismus in der Architektur. Ethik oder Ästhetik? Karl Krämer Verlag, Stuttgart 1966, DNB 455606811.
  • Jürgen Joedicke: Für eine lebendige Baukunst. Karl Krämer Verlag, Stuttgart 1965, DNB 452227739.
  • Peter Chadwick: This brutal world, Phaidon Verlag, 2016.
  • Richard Hoppe-Sailer: Ruhr-Universität Bochum, Architekturvision der Nachkriegsmoderne, Gebr. Mann-Verlag, Berlin 2015, ISBN 3-7861-2744-1.
  • Katrin Keßler, Heike Pöppelmann (Hrsg.): Brutal modern. Bauen und Leben in den 60ern und 70ern. Kleine Reihe des Braunschweigischen Landesmuseums Band 11, Braunschweig 2018, ISBN 978-3-9820340-0-3.
  • Melanie Mertens: Die ganz schweren Jungs! Brutalismus im Kirchenbau Baden-Württembergs. In: Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (Hrsg.): Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege. Nr. 1, 2020, S. 28–33, doi:10.11588/nbdpfbw.2020.1.71975.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Brutalismus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c SOS Brutalismus. Eine internationale Bestandsaufnahme. Park Books, Zürich 2017, ISBN 978-3-03860-074-9, S. 15 ff.
  2. Reyner Banham: The New Brutalism. In: Architectural Review, 12/1955.
  3. a b c d e Nikolaus Bernau: Verliebt in Betonmonster, 3. Januar 2018; Printausgabe: Versprechen aus Beton. Drei Jahrzehnte verachtet, jetzt gefeiert: Der Brutalismus erlebt aus vielen Gründen eine Rehabilitation. In: Berliner Zeitung, 4. Januar 2018, S. 23.
  4. Jörg H. Gleiter: Brutalismus als Symptom. Japanische Architektur nach 1950 Archiviert vom Original am 28. August 2012. In: ARCH+. Nr. 208, 31. August 2012, S. 6–9.
  5. Deutsches Architekturmuseum: SOS BRUTALISMUS – Rettet die Betonmonster! Ausstellung 9. November 2017 – 2. April 2018 (Memento vom 1. August 2018 im Internet Archive).
  6. Brutal schön in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 12. November 2017, S. 49.
  7. SOSBrutalism. Initiative des Deutschen Architekturmuseums und der Wüstenrot Stiftung.
  8. Ausstellung Brutal modern im Braunschweigischen Landesmuseum.
  9. Bettina Maria Brosowsky: Ist das Baukunst oder kann das weg? auf taz.de.