Cäcilia Rentmeister

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Cäcilia „Cillie“ Rentmeister (* 1948 in Berlin) ist eine deutsche Geschlechter- und Genderforscherin. Neben der Untersuchung der verschiedenen Realitäten, in denen Männer und Frauen leben, hat sie sich unter anderem mit dem Matriarchat befasst.

Leben[Bearbeiten]

Rentmeister studierte an der Freien Universität Berlin und der Universität zu Köln Kunstwissenschaften, Archäologie und Amerikanistik. Sie promovierte 1980 an der Universität Bremen. Rentmeister lebt in Berlin und Brandenburg und lehrt seit 1994 an der Fachhochschule Erfurt an der Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften "Kulturvergleichende Gender Studies"sowie „Interaktive Medien“.

2010 erhielt sie den Lehrpreis der Fachhochschule Erfurt für ihr Seminar „Politische und institutionelle Bedingungen der Sozialen Arbeit“ sowie ihre Vorlesung „Gender – Geschlechterverhältnisse: Differenzen, Gleichheit, Gleichberechtigung“.[1]

Rentmeister war bereits ab den frühen siebziger Jahren aktiv in der neuen Frauenbewegung. Ab 1974 schrieb sie Beiträge zur feministischen Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft, die auch international beachtet wurden[2]. Sie lehrte ab 1977 an Kunsthochschulen, Pädagogischen Hochschulen und Universitäten in Berlin, Hamburg, und Bremen. Unter anderem gehörte sie auch zu den Initiatorinnen der interdisziplinären Frauensommeruniversitäten an der Technischen Universität Berlin, an denen von 1976 bis 1986 circa 30.000 Frauen teilnahmen, und von wo wichtige Impulse für die Frauen- und Geschlechterforschung in allen wissenschaftlichen Disziplinen ausgingen.[3] Cäcilia Rentmeister war Keyboarderin der Flying Lesbians, der ersten Frauenrockband auf dem Kontinent; die Bedeutung von „Frauenmusik“ reflektierte sie in ihren Texten zu Ritualen[4] und Frauenfesten[5]. In den 70er und 80er Jahren publizierte sie auch kunst- und kulturkritische Schriften zu „feministischer Ästhetik“ und löste damit Kontroversen aus[6].

In den 1980er-Jahren publizierte Rentmeister als Wissenschafts-Autorin für den Rundfunk, unter anderem zu patriarchalen Motiven des Bevölkerungswachstums und kritisch zum New Age. Seit 1973 arbeitet sie mit ihrer Lebensgefährtin, der Regisseurin und Autorin Cristina Perincioli zusammen: 1975 schrieben sie das Drehbuch zu "Anna und Edith" – dem ersten Spielfilm zu einer lesbischen Beziehung im deutschen Fernsehen (ZDF).[7]

Gemeinsam wandten sich Rentmeister und Perincioli ab 1985 dem Thema "Computer und Kreativität" zu. Sie entwickelten Modelle für die künstlerische und bildungsbezogene Arbeit mit Multimedia und publizierten[8] und lehrten dazu mit dem ausdrücklichen Ziel, in einem damals noch computerskeptischen Umfeld auch Frauen für diese neuen digitalen Technologien zu interessieren, unter anderem auch 1989 auf der 1. MultiMediale des ZKM[9].

Ab den 1990er-Jahren wirkte Rentmeister als Herausgeberin und beim Praxistransfer von Websites zu „heiklen“ sozialen und Gender-Themen mit, die von Perincioli kreiert wurden[10].

Als Privatpilotin engagiert sich Rentmeister für die Förderung von Mädchen und Frauen in der Luftfahrt, in den Pilotinnen-Netzwerken Ninety Nines und der Vereinigung Deutscher Pilotinnen[11], durch Vorträge, in TV und Printmedien [12], im internationalen Austausch, und mit Aktionen zum Girls’ Day; Melanie Katzenberger schreibt: „Die Pionierinnen der Lüfte gehören in die Schulbücher, fordert Cecilia Rentmeister. Mädchen müsse das Gefühl vermittelt werden: Wenn die das kann, kann ich das auch....“[13]

Zwei spezifische Ansätze der Matriarchatstheorien von Rentmeister[Bearbeiten]

Cäcilia Rentmeister hat sich zunächst archäologisch mit Matriarchaten beschäftigt. Dabei arbeitete sie ideologie- und rezeptionskritisch und suchte nach einem „realistischen“ Ansatz. 1976 zog sie bei der Frage „Warum sind so viele Allegorien weiblich?“[14] unter anderem evolutionistisch-marxistische (Thomson) und historische (Bachofen, von Ranke-Graves, Bornemann) Matriarchatstheorien heran; 1980 fragte sie: „Wie wird mit Matriarchatsfragen Politik gemacht?“ und kritisiert die pauschale Negierung von Matriarchaten, unter anderem durch zeitgenössische Feministinnen.[15] Im Artikel „Die Quadratur des Kreises. Die Machtergreifung der Männer über die Bauformen“, publiziert im ersten Architektinnen-Special der „bauwelt“ 1979[16], versucht sie, matriarchale Spuren in Bauformen und Raumsprache zu identifizieren. Margrit Kennedy schreibt dazu: „Dennoch wäre wahrscheinlich auch einem objektiven Betrachter der relativ hohe Anteil von freien und geschwungenen Formen sowohl in der Ausstellung der UIFA[17] in Paris als auch in der Ausstellung ‚Frauen formen ihre Stadt’… aufgefallen. Wer Erik Eriksons psychologische und Cillie Rentmeisters mythologische Untersuchungen über räumliche Präferenzen und geschlechtsspezifische Differenzen … gelesen hat, ist vielleicht weniger erstaunt…“[18]

Diese und weitere frühe archäologische Texte von Rentmeister wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Sie werden im lebhaften internationalen und interdisziplinären Geschlechter-Diskurs der 1970er und 1980er Jahre rezipiert, so von der italienischen Architekturtheoretikerin Paola Coppola Pignatelli[19] und der Schriftstellerin Christa Wolf.[20]

1988 analysiert sie die „Matriarchatsdebatte“ der letzten beiden Jahrhunderte in Deutschland, vor allem in ihrer Bedeutung für die ersten 15 Jahre der „Neuen“ Frauenbewegung: In dieser unterscheidet sie zwischen 1973 und 1988 drei Phasen und ironisiert – nun schon vor der Folie ihrer Matriarchatsreisen der frühen achtziger Jahre – eine gewisse „esoterische Matriarchatsschwärmerei“ und „Wiederbelebungsversuche matriarchaler Rituale“ in Deutschland.[21]

Die Frage nach der realen Existenz von zeitgenössischen, modernen Matriarchaten führte sie ab 1980 zur Beschäftigung mit aktuellen kulturanthropologischen Befunden und zu Forschungsreisen in matrilineare, matrilokale Gesellschaften, darunter Minangkabau in Westsumatra und Nayar in Kerala, Südindien. Hier fand sie – trotz Krisen durch gesellschaftlichen Wandel – bestätigende und selbstbewusste Aussagen von Indigenen zu den besonderen Qualitäten und sogar Vorzügen ihrer matriarchalen Institutionen und Lebensweisen für beide Geschlechter.

Wie diese Vorzüge mit einem vergleichsweise hohen Stand bei den Human Development-Indikatoren und der Reproduktiven Gesundheit[22] auch statistisch korrelieren, beschreibt Rentmeister 2007 unter dem Titel „Entwicklung ist weiblich“[23] Sie zeigt am Beispiel der Minangkabau und der Nayar, dass Empowerment, Bildung und Besitz von Frauen zu signifikant niedrigeren Geburtenraten beitragen und dass – im Vergleich zu angrenzenden patriarchalen Bevölkerungsgruppen – bedeutend geringere Häusliche Gewalt und gesamtgesellschaftlich geringere Armut sowie bessere Gesundheit zu konstatieren sind.

Siehe auch: Feministische Matriarchatsideen seit der zweiten Frauenbewegung

Definition matriarchaler Gesellschaften nach Rentmeister[Bearbeiten]

Rentmeister definierte bereits 1980 den Begriff „Matriarchat“ ausdrücklich nicht als „Umkehrformel für Patriarchat“: „Ich benutze es hier in der wörtlichen und sinngemäßen Übersetzung von Mutter-Anfang, – nicht Mutter-Herrschaft; ich benutze es auch, weil es sich als Gegenbegriff zum heutigen Patriarchat schlagwortartig eingeprägt und verbreitet hat.... und weil man sich unter Matriarchat sicher mindestens so viele verschiedene Gesellschaftsformen vorzustellen hat wie unter dem Sammelbegriff Patriarchat für heute.“[24]

1985 betont sie, nun unter Hinweis auf ethnologische Befunde: „Für ein soziokulturelles Gebilde, das man als >das Matriarchat< schlechthin bezeichnen könnte, besteht keine, auch nur ansatzweise einheitliche Definition“.[25]

Nach Rentmeister „...gab und gibt es mit Sicherheit so viele Formen von Matriarchaten, wie es allein schon gegenwärtig – und gleichzeitig! – Formen von Patriarchaten gibt. Deshalb kann es nur darum gehen, ein Grundmuster mit einer großen Offenheit für Variationen zu definieren.[26]

Sie listet deshalb eine Reihe von idealtypischen Merkmalen auf [27], die sowohl einzeln als auch zusammen auftreten können bzw. konnten, darunter:

  • Matrilinearität: Familienname, Haus, Land und bewegliche Güter werden in weiblicher Linie vererbt, – mit der Folge konfliktarmer Scheidungen und Scheidungsfolgen, und dass es keine „illegitimen“ Nachkommen gibt
  • Matrilokalität: Nachkommen wohnen „am Ort der Muttersippe“, auf dem Land, in den Häusern der Muttersippe
  • Avunkulat: herausgehobener Status des in weiblicher Linie verwandten Onkels/Schwester-Bruders
  • Frauen in wichtigen kultischen und symbolisch-religiösen Rollen: Ahnenverehrung, Zurückführen der Gruppe, des Volkes, der Ethnie auf eine weibliche Urahnin oder Schöpferin, animistische Vorstellungen und Praktiken
  • Besuchsehe, bei der Männer und Frauen in Häusern ihrer jeweiligen Matrilineage wohnen bleiben und sich nur „besuchen“
  • Männer als repräsentative „Stimme“, die geschlechterdemokratisch gefasste Beschlüsse in der Öffentlichkeit verkünden – eine Rolle, die zur Überschätzung der realen Machtposition von Männern führte, wie beispielsweise bei den oftmals matrilinearen Indianern Nordamerikas / Native Americans
  • Besitz in Händen von Frauen(sippen) fördert gesamtgesellschaftlichen Wohlstand und trägt signifikant zur Gewaltvermeidung bei[28]
  • Wahrnehmung der "Reproduktiven Rechte"[29] durch Frauen, insbesondere Geburtenkontrolle, mit der Folge geringeren Bevölkerungswachstums als bei umgebenden patriarchalen Ethnien

Schriften[Bearbeiten]

  • Frauenwelten – Männerwelten, Opladen 1985
  • Computer und Kreativität, Co-Autorin mit Cristina Perincioli, Köln 1990
  • Gender in Lehre und Didaktik. Gender in Education and Didactics (Co-Hrsg.), Bern, Berlin, Brüssel, Frankfurt/M., New York, Oxford, Wien 2003

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lehrpreis 2010 an Prof. Dr. Cäcilia Rentmeister.
  2. A selection of translated publications, in twelve languages – print, music and websites und A selection of translated publications in English – print, music and websites, abgerufen am 27. Mai 2013
  3. Inge v. Bönninghausen zu Rentmeister u.a. Dozentinnen auf den Sommeruniversitäten, in: Ariadne 37-38, Kassel 2000, S. 130, Rubrik „Persönliche Denkgeschichten“
  4. Cecilia Rentmeister: Rituale als soziales Drama – Zur Bedeutung von Ritualen im menschlichen Leben, in: Scheiblich, Wolfgang (Hrsg.): Bilder – Symbole – Rituale, Freiburg 1999, S. 69–99
  5. Cillie Rentmeister: Frauenfeste als Initiationsritual, in: Heinrich Böll Stiftung, Feministisches Institut (Hrsg.) Wie weit flog die Tomate? Eine 68erinnen-Gala der Reflexion, Berlin 1999
  6. http://www.cillie-rentmeister.de/themen/neue-frauenbewegung/ Mehrere der Schriften im Volltext
  7. http://www.queer.de/detail.php?article_id=10985/, http://www.youtube.com/watch?v=el61hBowbLU/ und http://www.ziegler-film.com/produktionen/tv/produktion/anna-und-edith.html/
  8. Gemeinsames Buch Perincioli, Rentmeister: "Computer und Kreativität: Ein Kompendium für Computergrafik, – Animation, -Musik und Video", Köln 1990
  9. MultiMediale 1 30.10. - 04.11.1989 auf zkm.de, abgerufen am 27. Mai 2013
  10. darunter http://www.gewaltschutz.info, http://www.save-selma.de, http://www.ava2.de, http://www.spass-oder-gewalt.de Abgerufen am 29. Dezember 2010
  11. Homepage der Vereinigung Deutscher Pilotinnen, abgerufen am 27. Mai 2013
  12. Rentmeisters Lebenslauf und Pilotinnen & Technikkultur auf cilli-rentmeister.de, abgerufen am 27. Mai 2013
  13. Melanie Katzenberger: Keine Angst vorm Fliegen – Die Professorin und Freizeitpilotin Cecilia Rentmeister ermutigt Frauen, den Himmel zu erobern, MAZ, Pfingsten 2002 Gesichtet am 29. Dezember 2010
  14. Cäcilia Rentmeister: Berufsverbot für die Musen, in: “Ästhetik und Kommunikation”, Nr. 25/1976, S. 93
  15. Das Rätsel der Sphinx – Matriarchatsthesen und die Archäologie des nicht-ödipalen Dreiecks, in: Brigitte Wartmann (Hrsg.): “Männlich – Weiblich”. Berlin 1980
  16. In: „Bauwelt“ 32/32, 1979, S. 1292–1296
  17. Homepage der International Union of Women Architects
  18. Margrit Kennedy: "Zur Wiederentdeckung weiblicher Prinzipien in der Architektur“, in: bauwelt 1979, H. 31-32, S. 1283; Volltext der „bauwelt", Schwerpunkt "Frauen in der Architektur -: Frauenarchitektur?" (Online)
  19. Paola Coppola Pignatelli: Spazio e Immaginario: maschile e femminile in architettura, Roma 1982, S. 203–206; vgl. Publikationen
  20. Christa Wolf: Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra. Darmstadt/Neuwied 1983, S. 80, S. 159
  21. “Frauenwelten: fern, vergangen, fremd? Die Matriarchatsdebatte in der Neuen Frauenbewegung”, in: Ina-Maria Greverus (Hgin): Kulturkontakt – Kulturkonflikt. Zur Erfahrung des Fremden. Beiträge zum 26. Deutschen Volkskundekongreß 1987. Frankfurt/M. 1988
  22. http://www.who.int/topics/reproductive_health/en/
  23. Entwicklung ist weiblich. Über den Zusammenhang zwischen Gleichberechtigung, Reproduktiven Rechten und Menschlicher Entwicklung, in: Rehklau/Lutz (Hrsg.): Sozialarbeit des Südens, Band 1, S. 91–122, mit Abbildungen, Oldenburg 2007
  24. Das Rätsel der Sphinx – Matriarchatsthesen und die Archäologie des nicht-ödipalen Dreiecks, in: Brigitte Wartmann (Hrsg.): “Männlich – Weiblich”. Berlin 1980, S. 155
  25. Cillie Rentmeister: Frauenwelten – Männerwelten, Opladen 1985, S. 31; vorher bereits in Wartmann 1980 op.cit., S. 155
  26. Cillie Rentmeister: Frauenwelten – Männerwelten, Opladen 1985, S. 32; Rentmeisters Definitionen wurden vielfach rezipiert, nach 2000 unter anderem bei Herzog 2001, Becker/Kortendieck/Budrich 2004, Lenz 2008
  27. 1985 in „Frauenwelten – Männerwelten“ am ausführlichsten, S. 32–40
  28. Rentmeister in http://www.ava2.de/index.php?kap_seite=16,1,1: Am Beispiel Südindien zeigt sich, wo Frauen alleinige Eigentümerinnen von Land oder Häusern sind, werden sie signifikant seltener Opfer häuslicher Gewalt. Vgl. Panda, Pradeep: Marital Violence, Human Development and Women's Property Status in India, in: World Development Vol.33, No.5, 2005
  29. http://www.unfpa.org/rights/rights.htm