Chantische Sprache

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Chantisch (Khanty, Ostyak)

Gesprochen in

Russland
Sprecher 9.500 (2010)
Linguistische
Klassifikation
Offizieller Status
Amtssprache von Autonomer Kreis der Chanten und Mansen (eingeschränkt)
Sprachcodes
ISO 639-1:

ISO 639-2:

fiu

ISO 639-3:

kca

Die chantische Sprache (ханты ясаӈ, chanty jasaŋ), auch Khanty oder Ostyak, ist die Sprache der Chanten (früher „Ostjaken“), die im Nordwesten von Sibirien entlang des Flusses Ob und seiner Seitenarme leben.

Chantisch gehört zum obugrischen Zweig der finno-ugrischen Sprachfamilie. Sie ist eine überwiegend agglutinierende, stark suffigierende SOV-Sprache.

Chantisch hatte 2010 - bei einer ethnischen Bevölkerung von etwa 20.000 Menschen - noch ca. 9.500 Sprecher, die sich auf einige, sich teils sehr stark voneinander unterscheidende Hauptmundarten aufteilen.

Dialekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die chantische Sprache teilt sich in verschiedene Dialekte auf, die in drei Hauptgruppen zusammengefasst werden können: die nördlichen, östlichen und südlichen Dialekte. Die meisten Sprecher zählen dabei die nördlichen Dialekte, während die südlichen Dialekte kaum noch verwendet werden.

Besonders die nördlichen und die östlichen Mundarten unterscheiden sich so stark, dass die Sprecher sich untereinander nur schwer verstehen können. Hauptunterschiede sind dabei beispielsweise die Anzahl der Kasus und Tempusformen, sowie Unterschiede in der Syntax.

Phonologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Lautinventare der unterschiedlichen Dialekte können sich stark unterscheiden. Die Mundarten mit den kleinsten Vokalinventaren (z.B. Nizyam, Sherkal und Berezovo) sind im nördlichen Verbreitungsgebiet der Sprache zu finden und unterscheiden insgesamt acht Vokale, wobei jeweils vier kurze und vier lange Laute kontrastieren. Vach, der Dialekt mit dem größten Vokalinventar, unterscheidet dagegen neun, bzw. dreizehn Vokale.

Ein besonderes Merkmal der Konsonanteninventare sind die Retroflexe, die in den meisten Dialekten vorkommen. Sie bilden Minimalpaare, wie dieses Beispiel aus dem Vach:

  • liis (Vogelfalle) und ɭiis (locker)

Im Chantischen gibt es keinen Kontrast zwischen stimmhaften und stimmlosen Lauten, Palatalisierung kann dagegen aber durchaus kontrastierend sein, z.B. im Vach oder Kazym.

Grammatik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nomen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Nomen werden Numerus, Besitz und Kasus markiert. Da Chantisch eine überwiegend agglutinierende, stark suffigierende Sprache ist, erhält jede Eigenschaft ein Suffix.

Numerus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es werden Singular, Plural und Dual unterschieden. Dabei ist der Singular meistens unmarkiert, kann aber durch ein Numeral extra betont werden, z.B. wenn man auf einen Teil eines inhärent dualen Objekts verweisen möchten: se:m pelek (ein Auge).

Numerusflexion für einfache Nomen (Obdorsk)
SG DU PL Übersetzung
xo:t xo:t-ŋən xoːt-ə-t Haus
ku:sa ku:sa:j-ŋən kuːsaːj-ə-t Meister
e:wi e:we:-ŋən e:we:-t Mädchen

Kasus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Anzahl der Kasus variiert zwischen den Dialekten deutlich. Während der nördliche Dialekt Obdorsk nur drei Kasus (Nominativ, Lokativ, Translativ) zählt, unterscheidet der östliche Dialekt Vach zehn Kasus. In allen Mundarten findet man aber den Nominativ und mindestens einen Lokalkasus, wobei der Nominativ meistens unmarkiert ist.

Kasus im Obdorsk xo:t - Haus
Kasus Suffix Beispiel
Nominativ unmarkiert xo:t
Lokativ -na xo:t-na
Translativ -ji bzw. -Ci ku:sa:-ji, aber xo:t-ti
Kasus im Tremjugan/Tromagan kååt - Haus
Kasus Suffix Beispiel
Nominativ unmarkiert kååt
Lativ -aa kååt-aa
Approximativ -naam kååt-naam
Lokativ -nə kååt-nə
Ablativ -ii kååt-ii
Instruktiv -aat kååt-aat
Comitativ -naat kååt-naat
Abessiv -ɬəɣ kååt-ɬəɣ
Expletiv -ptii kååt-ptii
Translativ -ɣə kååt-ɣə

Possessiv[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Possessivformen wird sowohl der Numerus des Besitzers, als auch der des Besessenen markiert. Die phonologische Form der Numerusaffixe unterscheidet sich dabei von den nicht-possessiven Formen.

Possessivformen für Nomina (Obdorsk)
Besitz SG DU PL
Besitzer
SG 1. xo:t-e:m xo:t-ŋil-am xo:t-l-am
2. xo:t-e:n xo:t-ŋil-an xo:t-l-an
3. xo:t-l xo:t-ŋil-al xo:t-l-al
DU 1. xo:t-e:mən xo:t-ŋil-mən xo:t-l-ə-mən
2. xo:t-lən xo:t-ŋil-lən xo:t-l-ə-lən
3. xo:t-lən xo:t-ŋil-lən xo:t-l-ə-lən
PL 1. xo:t-e:w xo:t-ŋil-uw xo:t-l-uw
2. xo:t-lən xo:t-ŋil-lən xo:t-l-ə-lən
3. xo:t-e:l xo:t-ŋil-al xo:t-l-al

Pronominalsystem[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die chantische Sprache weist ein reichhaltiges Pronominalsystem auf. Es werden Personalpronomen, Possessivpronomen, Demonstrativpronomen, Reziprokpronomen, Interrogativpronomen und Indefinitpronomen verwendet. Das Kasussystem der Pronomen unterscheidet sich von dem der Nomen. Die Unterschiede variieren je nach Dialekt.

Eine Besonderheit ist, dass Reflexivität ohne Reflexivpronomen ausgedrückt werden kann. Für die reflexive Interpretation eines Satzes werden die üblichen Personalpronomen in bestimmten syntaktischen Kontexten verwendet, zum Beispiel im Zusammenhang mit Differenzieller Objektmarkierung.

Verben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Chantischen sind alle Verben mit Numerus und Person des Subjekts kongruent. Außerdem können transitive Verben auch Objektkongruenz aufweisen. Die Affixfolge wäre in diesem Fall wie folgt:

  • Stamm-Tempus-(Passiv)-Objektnumerus-Subjektkongruenz
Konjugation bei Subjektkongruenz we:r - machen
SG DU PL
1. we:r-l-ə-m we:r-l-ə-mən we:r-l-uw
2. we:r-l-ə-n we:r-l-ə-tən we:r-l-ə-ti
3. we:r-l we:r-l-ə-nən we:r-l-ə-t
Konjugation bei Objektkongruenz we:r - machen
Objekt SG DU PL
Subjekt
SG 1. we:r-l-e:m we:r-l-ə-ŋil-am we:r-l-ə-l-am
2. we:r-l-e:n we:r-l-ə-ŋil-an we:r-l-ə-l-an
3. we:r-l-ə-lli we:r-l-ə-ŋil-li we:r-l-ə-l-lli
DU 1. we:r-l-e:mən we:r-l-ə-ŋil-mən we:r-l-ə-l-ə-mən
2. we:r-l-ə-lən we:r-l-ə-ŋil-lən we:r-l-ə-l-ə-llən
3. we:r-l-ə-lən we:r-l-ə-ŋil-lən we:r-l-ə-l-ə-llən
PL 1. we:r-l-e:w we:r-l-ə-ŋil-uw we:r-l-ə-l-uw
2. we:r-l-ə-lən we:r-l-ə-ŋil-lən we:r-l-ə-l-ə-llən
3. we:r-l-e:l we:r-l-ə-ŋil-al we:r-l-ə-l-al

Tempus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Anzahl der Tempusformen variiert je nach Dialekt. Die geringste Anzahl findet man u.A. im Obdorsk, das zwei synthetische (Non-Past, Past) und eine analytische Tempusform (Futur) aufweist. Die weiteren Tempusformen der anderen Dialekte haben meistens noch weitere analytische Formen, beispielsweise ein Perfekt.

Aspekt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der chantischen Sprache gibt es verschiedene derivationelle und analytische Verbformen, die Aspekt ausdrücken. Besonders frequent ist dabei der Stativ, der den aus vorhergehender Aktion resultierenden Zustand eines Diskursreferenten beschreibt.

Modus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Chantischen gibt es folgende Modi:

Passiv[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Passive Verbformen werden durch ein Affix markiert. Eine Besonderheit ist, dass es diese Markierung auch an intransitiven Verben geben kann.

Passivmarkierung an intransitivem Verb
kul'na joxət-s-a
Teufel-LOC kommen-PAST-PAS.3SG
"Der Teufel kam zu ihm."
Passivkonjugation im Obdorsk
SG DU PL
1. we:r-l-a:j-ə-m we:r-l-a:j-mən we:r-l-a:j-uw
2. we:r-l-a:j-ə-n we:r-l-a:j-tən we:r-l-a:j-ti
3. we:r-l-a we-l-a:j-ŋən we:r-l-a:j-ə-t

Nicht-finite Verbformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Chantischen werden folgende nicht-finite Verbformen verwendet:

  • Infinitiv
  • imperfektives Partizip
  • perfektives Partizip
  • Converb

Einfache Sätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wortstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Chantische ist eine relativ strenge SOV-Sprache, wobei besonders die satzfinale Verbposition eingehalten wird. Die Wortstellungsvariabilität variiert zwischen den Dialekten unterschiedlich stark.

Insbesondere die Informationsstruktur kann die Wortstellung stark beeinflussen. Dabei steht das Topik immer satzinitial und der Fokus an direkt präverbaler Stelle.

Differenzielle Objektmarkierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Transitive Verben können im Chantischen optional auch den Numerus des Objekts markieren. Dabei gibt es keine strikten Regeln für die Auslösung der Objektkongruenz. Es zeichnen sich aber Tendenzen ab, dass einige Phänomene verstärkt DOM auslösen.

Dazu gehören beispielsweise spezifische Objekte, wie z.B. in Nominalphrasen mit Possessiv- oder Personalpronomen. Auch können bestimmte syntaktische Eigenschaften DOM auslösen. Die strukturelle Position des Objekts kann ebenfalls eine Rolle spielen: Steht das Objekt außerhalb der Verbalphrase, tritt verstärkt DOM auf. Zuletzt scheint auch die Informationsstruktur einen Einfluss zu haben: Steht das Objekt nicht im Fokus oder ist es das sekundäre Topik, wird ebenfalls häufig Objektkongruenz ausgelöst.

Eine wichtige Funktion der differenziellen Objektmarkierung im Chantischen ist es, Reflexivität auszudrücken. Da es keine Reflexivpronomen gibt, kann beispielsweise die Objektkongruenz am Verb eine reflexive Interpretation der Verbalphrase bewirken.

Negation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anders als in anderen uralischen Sprachen gibt es im Chantischen kein Negationsverb. Stattdessen erfolgt Negation durch ein Partikel, der meistens direkt vor dem Verb steht.

tami naŋ ke:se:n ant u:l
dieses dein Messer-2SG NEG sein-NPAST-2SG
"Dies ist nicht dein Messer."

Bei kontrastierender Negation steht der Negationspartikel direkt vor dem negierten Element.

ma juwan wa:nsəm anta pe:tra
ich Johannes sehen-PAST-EP-1SG NEG Peter
"Ich sah Johannes, nicht Peter."

Pro-Drop[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Chantischen kann das Subjekt weggelassen werden, solange es im Kontext salient ist und das Topik unverändert bleibt.

Wenn es ein salientes Objekt gibt, mit dem das Verb im Satz kongruiert, muss das Objekt selbst ebenfalls nicht realisiert werden.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Abondolo, Daniel (1998): Khanty. In: Abondolo, Daniel (ed.), The Uralic Languages, 358-386. London: Routledge.
  • Filchenko, Andrey Yury (2007): A grammar of Eastern Khanty. UMI, Ann Arbor.
  • Nikolaeva, Irina (1999): Ostyak. Languages of the World/Materials, 305. München: Lincom Europa.
  • Steinitz, Wolfgang (1950): Ostjakische Grammatik und Chrestomathie : Mit Wörterverzeichnis. 2., verb. Aufl. Leipzig : Harrassowitz.
  • Steinitz, Wolfgang (1980): Ostjakologische Arbeiten. In: Gert Sauer und Renate Steinitz (Hg.). Beiträge zur Sprachwissenschaft und Ethnographie. Bd. I - IV, Akademiai Kiado u. Akademie-Verlag, Budapest u. Berlin.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]