Das Ende von Eddy

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Das Ende von Eddy (französischer Originaltitel: En finir avec Eddy Bellegueule) ist der autobiographische Debütroman des französischen Schriftstellers Édouard Louis (geboren als Eddy Bellegueule). Er erschien im Februar 2014 im Verlag Éditions du Seuil und wurde in einer deutschen Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel im Februar 2015 vom S. Fischer Verlag veröffentlicht. Das Buch handelt von Kindheit und Jugend des sich seiner Homosexualität bewusst werdenden Autors in einem homophoben dörflichen Milieu in der nordfranzösischen Picardie.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eddy Bellegueule wächst in einfachen Verhältnissen auf einem Dorf in der ländlichen, strukturschwachen Picardie in Nordfrankreich auf. Er ist das erste Kind seiner Eltern, wobei zur Familie auch noch ein Sohn und eine Tochter aus der ersten Ehe der Mutter gehören.

Der kleine Eddy erfüllt von Beginn an nicht die Männlichkeitserwartungen der dörflichen Gesellschaft und insbesondere seines Vaters. Man erwartet von einem Jungen, seine Freizeit mit Sport und Raufereien zu verbringen und später ein „Harter“ zu werden, ein Weiberheld, der sich auch mit kleinkriminellen Methoden durchsetzen kann.[1] Eddy dagegen ist eher still, auf seine Mutter bezogen und beschäftigt sich mit „Mädchensachen“. Dies, seine schmächtige Gestalt, seine angeblich mädchenhafte Gehweise und sein Nachname (Bellegueule, auf deutsch etwa: Schönmaul) führen dazu, dass er über seine ganze Schulzeit hinweg ein Außenseiter bleibt, der häufig außen vor gelassen, belächelt, gehänselt, verprügelt oder gedemütigt wird. Seine ersten homosexuellen Erlebnisse erfährt er mit Jungen aus der Nachbarschaft, die er für eine gewisse Zeit „jeden Tag traf, sie auszog, sie penetrierte oder von ihnen penetriert wurde“,[2] bis die Beschäftigung der Jungen von seiner Mutter entdeckt wird. Als Eddy sich seiner Homosexualität bewusst wird,[3] will er das verstecken und flirtet zum Schein, aber vergeblich mit Mädchen.[4] Erst als er als guter Schüler die Zulassung zum Lycée in der Regionalhauptstadt Amiens erhält und in das zugehörige Internat zieht, kann er der dörflichen Enge und der Unterdrückung entfliehen.[5] Dort wird er von seinen Mitschülern, die „Eddy“ für eine Verkleinerungsform halten, spontan mit „Édouard“ angeredet.[6] Das ist somit das Ende von „Eddy“.

Soziologie der Unterwerfung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Indem Louis die Geschichte der Reifung des jungen Homosexuellen bis zu seiner Flucht aus dem Herkunftsmilieu beschreibt, beschreibt er auch ein Psychogramm des Bleibens. Denn dieselben erniedrigenden Erfahrungen werden „Generation um Generation wiederholt“ wie auch „der beharrliche Widerstand, etwas daran zu ändern.“ Er dokumentiert diese Zerrissenheit „zwischen restloser Unterwerfung und fortwährendem Aufstand“ in vielen sprachlichen Mikrosequenzen aus dem Familienalltag. In dieser Praxis verbinden sich widersprüchliche Diskurse zur Reproduktion sozialer Unterwerfung.[7]

Vor allem ist es der Stolz des Durchhaltens, der Stolz darauf, es in schlechtesten Umständen, am unteren Ende des Proletariats, irgendwie geschafft zu haben[8], der die Energien des Wandels absorbiert. In der Grunderfahrung von Armut[9], frühen Schmerzen ausgemergelter Körper und stiller Wut[10] entwickelt sich ein auch von den Frauen mitgetragener[11] Kult des männlichen Körpers und Charakters[12]. Männliche Kraft wird Quelle eines Stolzes, der sich in Brutalität[13] und Besäufnissen als momentaner Befreiung auslebt und sich homophob und rassistisch von anderer Männlichkeit abgrenzt[14]. In den Prügeleien erfährt Eddys Vater seine größtmögliche Autonomie; aber nach diesen Exzessen liegen er und die anderen Helden hilflos in der Gosse und müssen von ihren Freunden und Familien versorgt werden.

Die ergänzende unkörperliche, mentale Selbstbehauptung greift zur Umdeutung von äußeren Umständen in selbst bewirkte Effekte: So wird Armut zu einer bewussten „Entscheidung“, körperlicher Verschleiß „liegt eben in der Familie“, die Lust sich zu amüsieren bezahlt man eben mit einem „einfachen Leben“, die Armut der anderen ist Ergebnis der Drückebergerei.[15]

Die Frauen des Dorfes sekundieren ihren Männern durch die Weitergabe der Geschichten und Rollenbilder, die schon von Mädchen und Jungen Unterwerfung einfordern: Noch kinderlose, weniger abhängige Frauen sind „lesbisch“ oder „frigide“ oder müssen „erst noch richtig eingefickt werden“, städtische jugendliche Kleidung gilt als Zeichen von Hurerei und Lern- oder Aufstiegswillen wird als Arroganz denunziert.[16]

Beide Geschlechter verspüren bisweilen auch eine ihre Heimat überschießende Energie, aber verpassen durch die Einübung in bestimmte Denk- und Verhaltensformen einen – theoretisch – möglichen Aufbruch. Nur Eddy kann schließlich, getrieben durch seine sexuelle Orientierung, durch die Determination seines Körpers, dieser umfassenden Selbstfesselung entgehen.[17]

Politischer Kontext[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufbauend auf Gramscis Hegemonie-Theorie haben Theoretiker wie Michel Foucault, Pierre Bourdieu und andere immer wieder die Mitwirkung der subalternen Klassen an ihrer Beherrschung untersucht; beispielhaft sei hier an die Studie Spaß am Widerstand[18] von Paul Willis erinnert oder an den britischen Soziologen Stuart Hall, der die Popularität des Thatcherismus in der englischen Arbeiterklasse untersucht hat.

Zusammen mit der biografisch orientierten Literatur von Anni Ernaux und Didier Eribon unterstützt Louis diesen Ansatz durch seine Beobachtungen der Inkohärenz des Alltagsbewusstseins im Umfeld seiner Herkunft.[19] Er bestätigt die Existenz sozialer Klassen als relativ dauerhafte, gebündelte Ungleichverteilung von Lebenschancen (Niklas Luhmann), in der sich die Schwächsten trotz allem selbständig einrichten.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Buch, das aufgrund der Kontakte seines Mentors, des Autors und Soziologen Didier Eribon, sofort bei einem der großen französischen Verlage erschien, wurde schnell zu einer literarischen Sensation und neben dem Deutschen ins Albanische, Chinesische, Englische, Italienische, Japanische, Niederländische, Norwegische, Schwedische und Spanische übersetzt.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Édouard Louis: Das Ende von Eddy. Roman. 2. Auflage. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2015, ISBN 978-3-10-002277-6, S. 22 ff., 38 ff.
  2. Édouard Louis: Das Ende von Eddy. Roman. S. 146.
  3. Édouard Louis: Das Ende von Eddy. Roman. S. 141 ff., 171.
  4. Édouard Louis: Das Ende von Eddy. Roman. S. 157 ff.
  5. Édouard Louis: Das Ende von Eddy. Roman. S. 189 ff.
  6. Édouard Louis: Das Ende von Eddy. Roman. S. 203.
  7. Édouard Louis: Das Ende von Eddy. Roman. 2. Auflage. S. 44, 56, 68 f.
  8. Édouard Louis: Das Ende von Eddy. 2. Auflage. S. 37, 88.
  9. Édouard Louis: Das Ende von Eddy. 2. Auflage. S. 69, 83 ff., 179 ff.
  10. Édouard Louis: Das Ende von Eddy. 2. Auflage. S. 37, 56 f.
  11. Édouard Louis: Das Ende von Eddy. 2. Auflage. S. 27, 65 f., 107.
  12. Édouard Louis: Das Ende von Eddy. 2. Auflage. S. 21 f., 65 f., 107.
  13. Édouard Louis: Das Ende von Eddy. 2. Auflage. S. 29, 38 ff., 43, 139, 172.
  14. Édouard Louis: Das Ende von Eddy. 2. Auflage. S. 88, 94, 102.
  15. Édouard Louis: Das Ende von Eddy. 2. Auflage. S. 16, 36 f., 67 ff., 88.
  16. Édouard Louis: Das Ende von Eddy. 2. Auflage. S. 55, 158, 178, 192.
  17. Édouard Louis: Das Ende von Eddy. 2. Auflage. S. 24, 77, 143, 155 f., 165 ff.
  18. Paul Willis: Learning to Labour. Spaß am Widerstand. Argument-Verlag, 2013, ISBN 978-3-88619-489-6.
  19. Obwohl Louis seine Autobiografie im Titel als "Roman" bezeichnet, betont er im Gespräch mit Dirk Fuhrig im Deutschlandfunk Kultur: "Ich wollte die Literatur so weit wie möglich mit der Wahrheit in Deckung bringen. Es gibt keinen fiktionalen Strang in meiner Erzählung. Es geht um meine eigene Kindheit." Deswegen sei ihm die Wiedergabe der originalen Sprachen sehr wichtig. [1]