Dexamethason

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Strukturformel
Struktur von Dexamethason
Allgemeines
Freiname Dexamethason
Andere Namen
  • 9-Fluor-11β,17,21-trihydroxy-16α-methyl-pregna-1,4-dien-3,20-dion (IUPAC)
  • Dexamethasonum (Latein)
Summenformel C22H29FO5
Kurzbeschreibung

farblose Kristalle[1]

Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 50-02-2
EG-Nummer 200-003-9
ECHA-InfoCard 100.000.004
PubChem 5743
ChemSpider 5541
DrugBank DB01234
Wikidata Q422252
Arzneistoffangaben
ATC-Code

A01AC02, C05AA09, D07AB19, D07XB05, D10AA03, H02AB02, R01AD03, S01BA01, S01CB01, S02BA06, S03BA01

Wirkstoffklasse

Glucocorticoide

Eigenschaften
Molare Masse 392,47 g·mol−1
Aggregatzustand

fest

Schmelzpunkt

262–264 °C[2]

Löslichkeit
Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [2]

Gefahr

H- und P-Sätze H: 360D
P: 201​‐​280​‐​308+313 [2]
Toxikologische Daten

54 mg·kg−1 (LD50Rattei.p.)[3]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

Dexamethason (9-Fluor-16α-methylprednisolon), als Präparatname auch kurz Dexa, ist ein künstliches Glucocorticoid, das entzündungshemmend und dämpfend auf das Immunsystem wirkt. Es gehört zu den langwirkenden Glucocortikoiden und wirkt rund 25-mal stärker als das körpereigene Cortisol.[4] Es besitzt keine relevante mineralkortikoide Wirkung.

Vom Cortisol unterscheidet es sich durch die Doppelbindung zwischen C-1 und C-2, eine zusätzliche Methylgruppe am C-16 und eine Fluorierung am C-9.

Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dexamethason-Suppressionstest[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit Dexamethason wird der Dexamethasontest (auch Dexamethason-Suppressionstest genannt) in der Diagnostik des Cushing-Syndroms (krankhaft erhöhte Konzentration des Cortisolspiegels) durchgeführt. Es wird unterschieden zwischen einem Kurzzeittest mit einer einmaligen Dexamethasongabe sowie einem Langzeittest mit einer Dexamethasongabe über vier Tage. Da Dexamethason dieselben Feedbackrezeptoren anspricht wie Cortisol, wird im gesunden Organismus die körpereigen gebildete Cortisolmenge verringert. Fällt der Cortisolplasmaspiegel hingegen nicht ab, ist der Regelkreis krankhaft gestört. Dexamethason verfälscht im Gegensatz zu anderen synthetischen Steroidhormonen die laborchemische Cortisolbestimmung nicht.

Therapeutische Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anwendungsgebiete sind u. a. entzündliche Erkrankungen der Haut (Ekzeme) und der Gelenke (Arthritis), durch Hirntumoren ausgelöste Hirnödeme und die palliative Therapie maligner Tumoren; ferner dient Dexamethason zur Vorbeugung und Behandlung von Erbrechen unter Zytostatika sowie zur Prophylaxe von postoperativer Übelkeit und postoperativem Erbrechen.[5][6] Außerdem findet es Verwendung in Augentropfen, z. B. nach Katarakt-Operationen. Die hochdosierte Kurzzeitgabe kann auch zur Therapie von Immunthrombozytopenie (ITP) erfolgen.[7]

Eine Studie von Forschern der Universität Oxford hat Indizien dafür geliefert, dass Dexamethason die Sterberate von an COVID-19 erkrankten Intensivpatienten signifikant senkt. Für Patienten an Beatmungsgeräten sank die Sterberate von 40 % auf 28 %, für Patienten mit Sauerstoffversorgung von 25 % auf 20 %.[8][9] Das Mittel bekämpft nicht das Virus selbst, sondern bremst die in vielen schweren Fällen überschießende Reaktion des Immunsystems, den Zytokinsturm. Bei Patienten, die keine Sauerstoffgabe benötigten, zeigte eine Behandlung mit Dexamethason keine positive Wirkung.

In Großbritannien wurde Dexamethason auf die Liste der Standardverfahren gegen COVID-19 gesetzt;[10] die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Europäische Arzneimittel-Agentur empfahlen diese Therapie ebenfalls.[11][12]

Unerwünschte Wirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei niedrigdosierter Einmalgabe sind keine Nebenwirkungen zu erwarten.[13] Wie auch bei anderen Wirkstoffen aus der Gruppe der künstlichen Glucocorticoide kann es unter Dexamethason zu Knochenabbau kommen;[14][15] weitere mögliche Nebenwirkungen sind u. a. Bluthochdruck sowie eine Verringerung der Muskelmasse und eine Tendenz zur Einlagerung von Fett im Bauchraum (siehe hierzu auch Glucocorticoide#Nebenwirkungen). Sind Behandelte starker Sonneneinstrahlung ausgesetzt, kann es temporär zu Steroidakne kommen.[16]

Entwicklung, Vermarktung, Präparate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dexamethason (Merck KGaA) kam in den 1960er Jahren als Arzneimittel auf den Markt,[17] die ersten Präparate hießen Decadron, Dexamed, Fortecortin, Millicorten.[17][18] Heute gibt es zudem zahlreiche Generika, viele verschiedene pharmazeutische Formulierungen und medizinische Fixkombinationen (Kombipräparate). Die Mittel werden systemisch (oral, intravenös, intramuskulär) sowie lokal (z. B. am Auge, im Ohr, in der Nase, auf der Haut/Kopfhaut, intraartikulär, subkonjunktival) angewendet. Es gibt verschiedene Salze und Ester für die diversen Zubereitungen, wie etwa das wasserlösliche Dexamethasondihydrogenphosphat-Dinatrium[19] für wässrige Lösungen, die nahezu wasserunlöslichen Verbindungen Dexamethasonacetat[20] und Dexamethasonisonicotinat[21] für Salben und Kristallsuspensionen, den Fettsäureester Dexamethasonpalmitat[22] für Emulsionen. Dexamethason als Base wird in Salben, Suspensionen, Cremes und Tabletten verarbeitet.

Für die lokale Anwendung am Auge und Ohr kommen auch Kombinationen mit antibiotischen Wirkstoffen zum Einsatz, beispielsweise mit Tobramycin (Tobradex Augentropfen), Gentamicin (Dexamytrex Augensalbe/-tropfen), Neomycin (Dispadex comp. Augentropfen), Neomycin plus Polymyxin B (Isopto-Max Augensalbe/-suspension), Ciprofloxacin (Ciclodex Ohrentropfen), Levofloxacin (Levendex Augentropfen) oder Oxytetracyclin (Corti Biciron). Kombinationspräparate mit lokalanästhetischen Wirkstoffen wurden für otologische (Otobacid N Ohrentropfen) und intraartikuläre Anwendungen (Supertendin Injektionssuspension) entwickelt.

Vergleichbare Präparate gibt es ebenfalls für die Tiermedizin.

Dexamethason ist ferner ein in der Rezeptur (Eigenherstellung von Arzneimitteln in der Apotheke) gebräuchlicher Arzneistoff.[23]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Eintrag zu Dexamethason. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 2. Mai 2014.
  2. a b c Datenblatt Dexamethasone bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 28. Mai 2017 (PDF).
  3. a b Eintrag zu Dexamethasone in der ChemIDplus-Datenbank der United States National Library of Medicine (NLM)
  4. L. Parente: Deflazacort: therapeutic index, relative potency and equivalent doses versus other corticosteroids. In: BMC Pharmacology and Toxicology. Band 18, 2017, doi:10.1186/s40360-016-0111-8.
  5. Vgl. I. Henzi, B. Walder, M. R. Tramer: Dexamethasone for the prevention of postoperative nausea and vomiting: a quantitative systematic review. In: Anesth Analg. Band 90, 2000, S. 186–194.
  6. Vgl. auch J. Wallenborn und andere: Metoclopramid und Dexamethason zur Prophylaxe von postoperativer Übelkeit und Erbrechen nach balancierter Anästhesie. In: AINS. Band 38, Nr. 11, November 2003, S. 695–704.
  7. Immunthrombozytopenie (ITP). In: Onkopedia. Abgerufen am 29. März 2022.
  8. Low-cost dexamethasone reduces death by up to one third in hospitalised patients with severe respiratory complications of COVID-19. Mitteilung der Universität Oxford vom 16. Juni 2020.
  9. WHO feiert Studienergebnisse zu Covid-19-Medikament als ‚Durchbruch‘. Aus: handelsblatt.com vom 17. Juni 2020.
  10. J. Müller-Jung: Billig-Arznei bewährt sich bei schwerem Covid-19-Verlauf, FAZ.net, 16. Juni 2020
  11. Die WHO genehmigt die Verwendung des billigen Steroidmedikaments Dexamethason zur Behandlung kritisch kranker Coronavirus-Patienten. In: www.zephyrnet.com. 24. Juni 2020, abgerufen am 10. November 2020.
  12. A. Rössler: Offizielle Empfehlung für Dexamethason. In: www.pharmazeutische-zeitung.de. 18. September 2020, abgerufen am 9. November 2020.
  13. J. Wallenborn und andere: Metoclopramid und Dexamethason zur Prophylaxe von postoperativer Übelkeit und Erbrechen nach balancierter Anästhesie. In: AINS. Band 38, Nr. 11, November 2003, S. 695–704, hier: S. 702.
  14. Hyun-Ju Kim et al.: Glucocorticoids suppress bone formation via the osteoclast. In: The Journal of Clinical Investigation. Band 116, Nr. 8, 2006, S. 2152–2160, doi:10.1172/JCI28084.
  15. Entzündungshemmer macht Knochen schwach. Auf: wissenschaft.de vom 29. Juli 2006.
  16. Konrad Bork: Arzneimittelnebenwirkungen an der Haut Klinik – Diagnostik zur Erkennung der auslösenden Medikamente – Pathogenese – Therapie ; mit 90 Tabellen. 2., überarb. und erw. Auflage. Stuttgart 1999, ISBN 978-3-7945-1860-9, S. 187–188.
  17. a b Harry Auterhoff: Lehrbuch der Pharmazeutischen Chemie, 9. Auflage 1977, WVG Stuttgart. S. 524.
  18. G. Ott, H. Kuttig, P. Drings (Hrsg.): Standardisierte Krebsbehandlung, 2. Auflage (1982), S. 41. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  19. Externe Identifikatoren von bzw. Datenbank-Links zu Dexamethasondihydrogenphosphat-Dinatrium: CAS-Nummer: 2392-39-4, EG-Nummer: 219-243-0, ECHA-InfoCard: 100.017.495, PubChem: 16961, ChemSpider: 16069, Wikidata: Q27106391.
  20. Externe Identifikatoren von bzw. Datenbank-Links zu Dexamethasonacetat: CAS-Nummer: 1177-87-3, EG-Nummer: 214-646-8, ECHA-InfoCard: 100.013.315, PubChem: 236702, ChemSpider: 206624, DrugBank: DB14649, Wikidata: Q27106392.
  21. Externe Identifikatoren von bzw. Datenbank-Links zu Dexamethasonisonicotinat: CAS-Nummer: 2265-64-7, EG-Nummer: 218-866-5, ECHA-InfoCard: 100.017.152, PubChem: 16752, ChemSpider: 15881, DrugBank: DB11487, Wikidata: Q5268313.
  22. Externe Identifikatoren von bzw. Datenbank-Links zu Dexamethasonpalmitat: CAS-Nummer: 14899-36-6, EG-Nummer: 806-586-1, ECHA-InfoCard: 100.233.664, PubChem: 63044, ChemSpider: 56738, Wikidata: Q27263139.
  23. Deutscher Arzneimittel-Codex/Neues Rezeptur-Formularium (DAC/NRF)