Elena Ferrante

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Elena Ferrante ist das Pseudonym einer anonymen italienischen Schriftstellerin, die als wichtige Vertreterin zeitgenössischer Literatur gilt.[1][2][3] Sie ist erstmals in den 1990er Jahren als Romanautorin in Erscheinung getreten und äußerte in einem Interview die Ansicht, dass ein einmal vollendeter Roman keine weitere Autorenschaft mehr benötige.[4]

Spekulationen über die Identität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über die Identität der Person hinter dem Pseudonym war zuvor in den Medien immer wieder spekuliert worden. Zeitweise hatte die Schriftstellerin Fabrizia Ramondino als wahrscheinliche Kandidatin gegolten. Diese These war widerlegt worden, als nach ihrem Tod weitere Romane von Elena Ferrante erschienen waren. Die Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Neapel, Marcella Marmo, war vom Literaturkritiker Marco Santagata mit kriminalistischem Spürsinn als Autorin identifiziert worden.[5] Diese dementierte allerdings mehrfach.[6]

Einige Vermutungen[7] hatten auch dem Schriftsteller Domenico Starnone und seiner Frau gegolten, der Literaturübersetzerin Anita Raja.[8] Ferrante hält es für eine Fehlentwicklung, dass in der Öffentlichkeit heute die Person des Autors wichtiger sei als sein Werk.[9]

Der Journalist Claudio Gatti, der sich Zugang zu den Honorarüberweisungen des Verlags von Ferrante verschafft hatte, zieht aus diesen sowie aus über Grundbucheintragungen ermittelten Grundstücksbesitzen den Schluss, dass es sich bei Ferrante um Anita Raja handeln müsse, die für denselben Verlag offiziell als Übersetzerin tätig ist. Gatti publizierte die Ergebnisse seiner Recherche am 2. Oktober 2016 gleichlautend in vier Zeitungen, darunter der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.[10][11] Die Vorgehensweise von Gatti wird von einigen Medien als Sensationsjournalismus und illegitimer Eingriff in die Privatsphäre der Autorin kritisiert.[12][13][14]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ihr Romandebüt gab Elena Ferrante mit L’amore molesto (1992), einem Roman, der 1994 in deutscher Übersetzung erschien und 1995 von Mario Martone verfilmt wurde. Das Buch handelt von der jungen Delia, die sich mit dem Tod ihrer Mutter Amalia beschäftigt, die entweder ertrunken war oder ermordet worden sein soll. Zugleich wird diese Beschäftigung mit ihrer Mutter zu einer Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Vergangenheit und ihrer Herkunft aus einer aus Neapel stammenden Großfamilie.

In den zehn Jahren bis zu ihrer nächsten Romanveröffentlichung habe Ferrante weitere Manuskripte verworfen, sie seien ihr „überanstrengt“ erschienen und „ohne Wahrheit“.[9] In dem Roman I giorni dell’ abbandono (2002) schilderte sie ein in Turin lebendes Ehepaar, das sich voneinander trennt, und wie insbesondere die Ehefrau diese Trennung bewältigt und ihre eigene Identität findet. Der Roman wurde 2005 von Roberto Faenza verfilmt.

In dem Roman La figlia oscura (2006) steht eine erfolgreiche Frau in mittleren Jahren im Vordergrund, die ihren Urlaub an einem Strand in Süditalien verbringt. Dabei begegnet sie einer Großfamilie aus Neapel, wobei diese Begegnung ihr deutlich macht, welchen Preis sie für ihr eigenes Leben zahlen musste. Dieses vergangene Versagen führt bei ihr zu einer psychischen Krise.

2011 erschien der Roman L’amica geniale. Der Literaturkritiker James Wood sorgte im Januar 2013 mit einer Eloge im New Yorker für den Durchbruch Ferrantes auf dem US-amerikanischen Buchmarkt.[15] 2015 wurde dieser Roman von der BBC-Auswahl der besten 20 Romane von 2000 bis 2014 zu einem der bislang bedeutendsten Werke dieses Jahrhunderts gewählt. Roberto Saviano schlug ihn 2015 für den Literaturpreis Premio Strega vor,[16] was die Autorin akzeptierte.[17] Ende August 2016 erschien die von Karin Krieger übersetzte deutsche Ausgabe.[18]

Ihr Roman Storia della bambina perduta (Die Geschichte des verlorenen Kindes) war für den Man Booker International Prize 2016 nominiert.[6]

Ferrante gab 2003 unter dem Titel La frantumaglia eine Sammlung von bereits an anderer Stelle veröffentlichten Interviews und eine Auswahl aus dem Briefwechsel mit ihrem Verleger heraus, ergänzt um Notizen zu ihrer Arbeit. Das Buch sollte dem Wunsch des Lesepublikums nach mehr Informationen entgegenkommen. 2016 erschien diese Sammlung in einer aktualisierten Fassung.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • L’amore molesto. 1992
    • Lästige Liebe. Übersetzung Stefan Wendt. Fischer, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-596-11832-8.
  • I giorni dell’abbandono, 2002
    • Tage des Verlassenwerdens. Übersetzung Anja Nattefort. List, München 2003, ISBN 3-548-68055-0.
  • La frantumaglia. 2003
  • La figlia oscura. 2006
    • Die Frau im Dunkeln. Übersetzung Anja Nattefort. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007, ISBN 978-3-421-04323-8.
  • La spiaggia di notte. 2007
  • L’amica geniale. 2011
  • Storia del nuovo cognome. L’amica geniale volume secondo. 2012
  • Cronache del mal d’amore. 2012
  • Storia di chi fugge e di chi resta. L’amica geniale volume terzo. 2013
  • Storia della bambina perduta. L’amica geniale volume quarto. 2014

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Giancarlo Lombardi: Scambi d’identità: il recupero del corpo materno ne L’Amore molesto. In: Romance Languages Annual 10, 1998, S. 288–291.
  • Stiliana Milkova: Mothers, Daughters, Dolls: On Disgust in Elena Ferrante’s La figlia oscura. In: Italian Culture 31.2, 2013, S. 91–109.
  • Christine Ott: Abjekte Fetische. Elena Ferrantes Schreiben im Zeichen des vréel. In: Italienisch. Zeitschrift für italienische Sprache und Literatur, 75, 2016, S. 32–59.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bestsellerautorin Ferrante. Die große Unbekannte der Weltliteratur. In: Der Spiegel vom 20. August 2016.
  2. Elena Ferrante: Interviews, The Paris Review, abgerufen am 20. Juni 2015 (englisch).
  3. Meghan O'Rourke: Elena Ferrante: the global literary sensation nobody knows, The Guardian, 31. Oktober 2014, abgerufen am 20. Juni 2015 (englisch).
  4. James Wood: Women on the Verge, The New Yorker, 21. Januar 2013, abgerufen am 20. Juni 2015 (englisch).
  5. Dirk Schümer: Die geheimste Autorin der Welt, in: Die literarische Welt, 7. Mai 2016, S. 1f.
  6. a b c Franz Haas: Italien rätselt über ein literarisches Pseudonym. Wer steckt hinter Elena Ferrante und ihren brillanten Romanen. In: Neue Zürcher Zeitung, 2. April 2016, S. 25, abgerufen am 1. April 2016
  7. Isabel Lucas: Elena Ferrante: este nome é um mistério, Público, 30. Januar 2015, abgerufen am 20. Juni 2015 (portugiesisch).
  8. Lizzy Davies: Who is the real Italian novelist writing as Elena Ferrante? The Guardian, 15. Oktober 2014, abgerufen am 20. Juni 2015 (englisch).
  9. a b Liz Jobey: Anonymous writer of literary fiction, Interview, in: Financial Times, 12. Dezember 2015, S. 20.
  10. Claudio Gatti: Wer ist Elena F.? In: FAS, 2. Oktober 2016, S. 41–42
  11. Claudio Gatti: Elena Ferrante: An Answer? und The Story Behind a Name in: New York Review of Books, 2. Oktober 2016
  12. Die Enttarnung von Elena Ferrante ist Sensationsjournalismus sueddeutsche.de vom 5. Oktober 2016, abgerufen am 5. Oktober 2016.
  13. Elena Ferrante: Nein heißt Nein ZeitOnline vom 5. Oktober 2016, abgerufen am 5. Oktober 2016.
  14. Beitrag von Deutschlandradio Kultur vom 2. Oktober 2016: Wunsch nach Anonymität wurde missachtet. Maike Albath im Gespräch mit Marietta Schwarz (Zum Hören des Radio-Beitrags auf die graue Schaltfläche „Beitrag hören“ klicken, die sich links unterhalb der Überschrift befindet.)
  15. James Wood: Women on the Verge. The fiction of Elena Ferrante, in: New Yorker, 21. Januar 2013
  16. Roberto Saviano: cara Ferrante ti candido al premio Strega, in: Repubblica, 21. Februar 2015.
  17. Elena Ferrante: “Accetto la candidatura allo Strega”, in: Repubblica, 24. Februar 2015, abgerufen am 20. Juni 2015 (italienisch).
  18. "Meine geniale Freundin": So liest sich der meistdiskutierte Roman der Saison. Spiegel Online, 27. August 2016
  19. Mitteilung des Suhrkamp Verlages, abgerufen am 7. Juli 2016