Erich Ganzenmüller
Erich Ganzenmüller (* 5. Januar 1914 in Stuttgart; † 24. August 1983 in Schwäbisch Gmünd) war ein deutscher Politiker der CDU.
Ausbildung und Beruf
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ganzenmüller entstammte einer kleinbürgerlichen katholischen Stuttgarter Familie und besuchte nach einem mittleren Schulabschluss von 1927 bis 1933 das Lehrerseminar. Als Student wurde er Mitglied der KStV Alamannia Tübingen im KV.[1] 1933 legte er das Volksschullehrerexamen ab. Er entschied sich jedoch in Anbetracht der hohen Lehrerarbeitslosigkeit dazu, nicht unmittelbar den Berufseinstieg zu suchen, sondern nahm ein Studium an der Hochschule für Musik Stuttgart auf. Parallel zu seinem Studium nahm er Aushilfstätigkeiten an verschiedenen Volksschulen wahr.
Einen Studienabschluss in Musik verhinderte seine Einberufung zum Wehrdienst 1936, den er bei der Flak ableistete. Nach dem Ende des Wehrdienstes entschied er sich gegen die Übernahme ins Offizierskorps und verrichtete erneut als Amtsverweser und Stellvertreter Aushilfstätigkeiten im Volks- und Berufsschuldienst. Von 1939 bis 1945 war er als Offizier in verschiedenen Dienststellungen eingesetzt. Er gehörte ab Nationalsozialistischen Lehrerbund und von 1934 bis 1936 der SA an. Im November 1938 trat er der NSDAP bei.
Nach kurzer Kriegsgefangenschaft kehrte Ganzenmüller im Sommer 1945 nach Stuttgart zurück. Anfang Oktober 1945 wurde er Lehrer an einer Volksschule in Stuttgart-Hedelfingen, wurde jedoch nur anderthalb Monate später von der amerikanischen Militärregierung wegen seiner politischen Vorbelastung als ehemaliges NSDAP-Mitglied entlassen. Im März 1947 wurde er in einem Spruchkammerverfahren in die Gruppe der Mitläufer eingeordnet. Im Juni 1947 wurde ihm eine Stelle an einer Volksschule in Wernau (Neckar) zugewiesen. Gleichzeitig wurde er an die Lehreroberschule Schwäbisch Gmünd zur Wahrnehmung eines Lehrauftrags in Musikerziehung abgeordnet. 1948 holte er die fehlende zweite Staatsprüfung für das Lehramt an Volksschulen nach. Die Lehreroberschule Schwäbisch Gmünd entwickelte sich schließlich zur Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, und Ganzenmüller wurde dort 1962 in das Amt eines Dozenten befördert.
Partei und Ämter
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem Krieg engagierte sich Ganzenmüller auch politisch und trat in die CDU ein. Ab 1950 lebte er in Schwäbisch Gmünd. Bald darauf erhielt er von 1956 bis 1976 ein Mandat im Gemeinderat der Stadt Schwäbisch Gmünd und im Kreistag des Landkreises Schwäbisch Gmünd. Von 1961 bis 1975 war er zudem Stellvertreter des Oberbürgermeisters. 1960 wurde er als Abgeordneter in den Landtag von Baden-Württemberg gewählt, wo er ab 1968 die CDU-Fraktion anführte. 1972 übernahm Lothar Späth die Leitung der CDU-Fraktion. Ganzenmüller wurde daraufhin zum Stellvertretenden Landtagspräsidenten gewählt und zugleich Vorsitzender des Kulturpolitischen Ausschusses. Nachdem Landtagspräsident Camill Wurz 1976 auf eine erneute Kandidatur verzichtete, wurde Ganzenmüller zum Landtagspräsidenten gewählt. Ende der Legislaturperiode verzichtete er dann auf eine neue Kandidatur bei den Landtagswahlen 1980. Der neugewählte Landtag wählte anschließend Lothar Gaa zu seinem neuen Präsidenten.
„Affäre Ganzenmüller“
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ganzenmüller machte öfters mit einer unglücklichen Wortwahl von sich reden. So bezeichnete er 1966 im Landtag die Novelle zum Finanzausgleichsgesetz als „Ermächtigungsgesetz“.[2]
1971/72 erregte die sogenannte „Affäre Ganzenmüller“ die Öffentlichkeit. Auf einer CDU-Versammlung in Bad Waldsee im Dezember 1971 berichtete Ganzenmüller über Informationen, die er von deutschen Diplomatenkreisen in Rom erhalten haben wollte. Demnach hätte Bundeskanzler Willy Brandt seinen Friedensnobelpreis in erster Linie lediglich seinen guten Beziehungen zu verdanken und hätte „seine Hände manipulierend im Spiel“ gehabt.[3] Zudem griff er Brandt und Wehner an, die Bundesrepublik mit Hilfe der Ostverträge „verdammt nahe an den anderen Block zu bringen“. Das Medienecho und die Empörung auf Seiten SPD und FDP waren groß. Seine Dementis wurden durch Tonbandaufnahmen widerlegt. Ganzenmüller distanzierte sich von seinen Äußerungen. Die CDU-Fraktion stellte sich schützend vor ihn, wählte jedoch 1972 Lothar Späth zum neuen Fraktionschef.[4][5]
1976 bezichtigte Ganzenmüller den Bundestag, „nicht demokratisch, sondern diktatorisch“ über die Reform des Abtreibungsparagraphen 218 vorgegangen zu sein, da die Krankenhausträger vor der Abstimmung nicht gehört worden seien. Auch hier distanzierte sich Ganzenmüller nach dem medialen Echo. So habe er lediglich als Privatmann von seinem Recht der freien Meinungsäußerung Gebrauch gemacht und er sei missverstanden worden.[6]
Ehrungen und Auszeichnungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ganzenmüller wurde auf zahlreiche Weise geehrt. So erhielt er 1972 zunächst das Bundesverdienstkreuz I. Klasse, 1976 das Große Bundesverdienstkreuz, 1979 das Große Verdienstkreuz mit Stern und 1980 das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband.
Das Land Baden-Württemberg ehrte ihn 1978 mit der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg.
1976 wurde Ganzenmüller der Ehrenring der Stadt Schwäbisch Gmünd verliehen.
Ferner wurde ihm 1977 die Ehrenbürgerwürde der Stadt Neresheim und 1981 der Stadt Schwäbisch Gmünd erteilt. Bereits 1979 verlieh ihm die Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd die Ehrenbürgerwürde.
Der Blasmusikverband Baden-Württemberg verleiht für besondere Verdienste um die Förderung oder die Tätigkeit um die Belange der Blas- und Spielleutemusik die Erich-Ganzenmüller-Medaille in drei Stufen.[7]
Hinzu kamen zahlreiche Auszeichnungen im Rahmen seiner ehrenamtlichen Tätigkeiten.
Ehrenämter
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Präsident der Bundesvereinigung deutscher Blas- und Volksmusikerverbände
- Vorsitzender des Kolpingbildungswerks Württemberg
- Vertreter der Bläserorganisationen in der Arbeitsgemeinschaft Musikerziehung und Musikpflege des Deutschen Musikrates
- Dirigent des Gesangsvereins Alpenrose, des Singchors der Kolpingsfamilie und des Liederkranzes Straßdorf
Familie und Privates
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Neben seiner politischen Tätigkeit widmete sich Ganzenmüller auch der Musik. In seiner Zeit als Lehrer leitete er mehrere Chöre. Er war Präsident des Bundesverbands Deutscher Blas- und Volksmusikverbände. Als Schüler und Student war er dazu noch ein begeisterter Handballspieler. Schon kurz nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik erkrankte Ganzenmüller und verstarb bereits drei Jahre später im Alter von nur 69 Jahren. Er wurde auf dem Gmünder Leonhardsfriedhof beigesetzt.
Er war verheiratet mit Anne und hatte vier Kinder.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ml: Professor Erich Ganzenmüller, der neue Landtagspräsident von Baden-Württemberg. In: einhorn Jahrbuch Schwäbisch Gmünd 1976. einhorn-Verlag, Schwäbisch Gmünd 1977, S. 18f.
- Johannes Riede: Ehrenbürger Professor Erich Ganzenmüller zum Gedächtnis. In: einhorn Jahrbuch Schwäbisch Gmünd 1983. Einhorn-Verlag, Schwäbisch Gmünd 1983, ISBN 3-921703-54-9, S. 92f.
- Ernst Lämmle: Vom Kaiserreich über die Zeit der Weltkriege bis zur demokratischen Republik. In: Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd. Hrsg. vom Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1984, ISBN 3-8062-0399-7.
- Leonie Beiersdorf und Frank Engehausen: Forschungsprojekt: NS-Vergangenheit südwestdeutscher Landtagsabgeordneter nach 1945. Teilprojekt: NS-Bezüge der im Landtag von Baden-Württemberg ausgestellten Kunstwerke, herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, S. 116–119 (online).
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Siegfried Koß, Wolfgang Löhr (Hrsg.): Biographisches Lexikon des KV. 2. Teil (= Revocatio historiae. Band 3). SH-Verlag, Schernfeld 1993, ISBN 3-923621-98-1, S. 36ff.
- ↑ Ein Schwabenstreich. Stuttgart streicht das Fahrgeld für Schüler km. In: Die Zeit, Nr. 15/1966.
- ↑ Ist schon allerhand. In: Der Spiegel. Nr. 50, 1971 (online).
- ↑ Lämmle, S. 518.
- ↑ Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart: Chronik der Woche Baden-Württemberg SDR 1 / 1971–1974; Dezember 1971. Bestand R 5/003 D711038/103, Titel: Verdankt Willy Brandt den Friedensnobelpreis Manipulationen und persönlichen Beziehungen? Äußerungen des baden-württembergischen CDU-Fraktionsvorsitzenden Erich Ganzenmüller belasten das Schicksal der großen Koalition. Sendung des SDR 1 vom 4. Dezember 1971; abgerufen am 21. Februar 2010.
- ↑ Personalien. In: Der Spiegel. Nr. 39, 1976 (online).
- ↑ Ehrungsordnung des BVBW (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Dezember 2024. Suche in Webarchiven) Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., abgerufen am 21. Februar 2010.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Ganzenmüller, Erich |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Politiker (CDU), MdL |
| GEBURTSDATUM | 5. Januar 1914 |
| GEBURTSORT | Stuttgart |
| STERBEDATUM | 24. August 1983 |
| STERBEORT | Schwäbisch Gmünd |
- Fraktionsvorsitzender (CDU Baden-Württemberg)
- Landtagspräsident (Baden-Württemberg)
- Stellvertretender Bürgermeister (Baden-Württemberg)
- Politiker (Schwäbisch Gmünd)
- Schullehrer
- Hochschullehrer (PH Schwäbisch Gmünd)
- NSDAP-Mitglied
- SA-Mitglied
- Korporierter im KV
- Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern und Schulterband
- Träger des Verdienstordens des Landes Baden-Württemberg
- Ehrenbürger von Schwäbisch Gmünd
- Ehrenringträger (Deutschland)
- Person (Neresheim)
- Ehrenbürger der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd
- Person (Kolpingwerk)
- Deutscher
- Geboren 1914
- Gestorben 1983
- Mann