Evangelisch-Lutherische Kirche Berlin

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Evangelisch-Lutherische Kirche Berlin

Die Evangelisch-Lutherische Kirche Berlin, Annenstraße 52/53, ist heute ein Gotteshaus der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) und befindet sich in der Luisenstadt im Berliner Ortsteil Mitte des gleichnamigen Bezirks. Es ist die erste Kirche der Evangelisch-Lutherischen (altlutherischen) Kirche der Stadt. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenbezirk Berlin-Brandenburg. Eine Besonderheit ist, dass sie seit Gründung keinen Namen besitzt. Im Volksmund wird sie – wegen ihrer Lage an der Annenstraße – auch Annenkirche genannt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kirche gehört zur 1830 entstandenen altlutherischen Kirche.

Zeitweise diente sie nach der preußischen Union 1817/1821 auch als Garnisonkirche für die sächsischen Soldaten, die Lutheraner waren. Bereits Friedrich Wilhelm III. setzte die Gemeinde in den Jahren 1817 und 1830 unter Druck, doch erst König Friedrich Wilhelm IV. untersagte der Gemeinde die weitere Nutzung der Garnisonskirche. Sie musste daraufhin eine eigene Kirche bauen. 17 Mitglieder der Gemeinde zeigten dem Konsistorium am 12. Mai 1835 an, dass sie von nun an selbstständig sind.

Unter erheblichem Einsatz wurde die Kirche in der Annenstraße nach den Plänen des späteren Stadtbaurates und Schinkelschülers Hermann Blankenstein gebaut und nach nur zweijähriger Bauzeit am 11. Oktober 1857 geweiht. Somit ist sie heute das zweitälteste Kirchgebäude in der Luisenstadt nach der in der Oranienstraße gelegenen evangelischen St.-Jacobi-Kirche (1844–1845). Einer der ersten Pfarrer der Gemeinde war Friedrich Lasius auf, der von 1838 bis 1884 maßgeblich am Aufbau der Kirche beteiligt war. Nach dem Ablauf der Liegefrist gelang es Mitgliedern der Gemeinde im Jahr 1984, den in West-Berlin befindlichen Grabstein nach Ost-Berlin zu transportieren und vor dem Gebäude aufzustellen. Bis 1908 gab es eine gemeindeeigene Schule. Das Schulhaus wurde 1945 völlig zerstört, während die Kirche Brand und Bombenschäden aufwies. Dabei kam der Sohn des Pastors, Martin Stier, bei Löscharbeiten am Gebäude nach einem Fliegerangriff am 4. Februar 1945 ums Leben. Die Rote Armee besetzte in der Nacht vom 23. auf den 24. April 1945 die Kellerräume der Kirche, vertrieb die Hausbewohner, und richtete dort eine Nachrichtenstation ein. Die Kirche wurde 1946 wiederhergestellt. Zum 100-jährigen Kirchweihjubiläum am 20. Oktober 1957 konnte der Festprediger, der Oberkirchenrat Walter Günther, den neu gestalteten Altar einweihen. 1967 schaffte die Gemeinde neue Abendmahlsgeräte an. In den Jahren 1956, 1975–1981 und 1989/1990 wurden Kirche, Pfarrhaus und Orgel renoviert bzw. erneuert. Heute finden ca. 1200 Personen darin Platz.

Zu den bekanntesten Gemeindegliedern zählte Reichskanzler Otto von Bismarck, der während seiner Berliner Zeit über die Kirchenzugehörigkeit seiner Ehefrau „eingemeindet“ wurde.

Das Jahr 1961 markiert durch den Bau der Berliner Mauer einen Einschnitt in die Gemeindegeschichte. Etliche der damals rund 2000 Gemeindeglieder waren von ihrer Kirche abgeschnitten, was zur Gründung einer neuen, bis heute bestehenden Filiale führte: der Paulusgemeinde in Neukölln. Weitere Tochtergemeinden dieser Kirchengemeinde bestehen in den Bezirken Spandau, Wilmersdorf, Wedding, Steglitz, Zehlendorf und Marzahn.

Am 12. und 13. Mai 2010 beging die Gemeinde Ihr 175-jähriges Bestehen mit einem Festakt und der Ausstellung von zeitgenössischen Dokumenten. Gehört wurden auch Zeitzeugen von der Zeit des Zweiten Weltkriegs bis hin zum Fall der Berliner Mauer 1989.

Kirchbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blick ins Kirchenschiff der Kirche mit Altar von Wilhelm Groß

Die Kirche ist ein Klinkerverblendbau. An den Seiten befinden sich je fünf Rundbogenfenster von Charles Crodel, die christliche Symbole aus buntem Glas zeigen. Im Altarbereich befinden sich noch einmal drei Rundbogenfenster, ebenfalls 1946 von Crodel entworfen, von denen das mittlere die Lutherrose darstellt. Da den Altlutheranern verboten war Kirchtürme zu bauen, wurde lediglich der Mittelteil zur Straßenfront leicht erhöht und das Kruzifix darauf angebracht. Im Inneren des dreischiffigen Baus befindet sich noch die Original-Kanzel. Der Altar wurde nach dem Krieg von Wilhelm Groß gestaltet.

Am 31. Oktober 1864 wurden das Pfarrhaus und das Schulgebäude eingeweiht, die links und rechts, in ähnlichem Stil, direkt an die Kirche angebaut wurden. Während das Schulgebäude im Krieg schwer beschädigt uns später abgerissen wurde, blieb das Pfarrhaus erhalten. 1888 wurde auf dem Hof hinter der Schule ein Lehrerhaus errichtet, welches heute als Mietshaus genutzt wird.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Orgel

Das erste Instrument baute Lang & Dinse 1857 mit 23 Stimmen auf zwei Manualen mit einem Pedal. Sie wurde in den folgenden Jahren mehrfach umgebaut. In den Jahren 1990 und 1990 entfernte die Potsdamer Orgelbaufirma Schuke das Instrument und ersetzte es durch einen mechanischen Neubau mit 30 Stimmen. Das originale Prospekt wurde restauriert und blieb erhalten. Eine Dokumentation der ursprünglich eingebauten Dinse-Orgel ist nicht mehr vorhanden. Aus noch vorhandenen Kostenvoranschlägen konnte jedoch die Disposition im Jahr 1912 rekonstruiert werden. Die Register 3, 15 und 16 wurden dabei bereits ersetzt:

I Hauptmanual C–f3

1. Bourdon 16′
2. Principal 08′
3. Salicional (*Gambe 8′) 08′
4. Gemshorn 08′
5. Gedackt 08′
6. Oktave 04′
7. Spitzflöte 04′
8. Octave 02′
9. Mixtur II–IV
10. Cornett IV (ab c1)
11. Trompete 08′
II Obermanual C–f3
12. Gedackt 16′
13. Geigenprincipal 08′
14. Rohrflöte 08′
15. Gambe (*Aeoline 8′) 08′
16. Progressio harmonica (*Concertflöte 8′) 08′
17. Octave 04′
18. Flauto dolce 04′
Pedal C–d1
19. Principal 16′
20. SubbaSMS 16′
21. Violon 08′
22. Octave 04′
23. Posaune 16′

In den 1910er Jahren stellt die Kirchengemeinde jedoch fest, dass das Instrument bereits einer umfangreicheren Sanierung bedarf. Die Verhandlungen mit Dinse führen jedoch zu keinem Abschluss. Der Erste Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise verzögern die Arbeiten weiter. Schließlich wird 1926 die Orgelbaufirma Sauer unter Oscar Walcker mit einem Umbau beauftragt. Er ändert die Disposition wie folgt:

I Hauptmanual C–g3

1. Bourdon 16′
2. Principal (Prospekt) 08′
3. Gambe 08′
4. Hohlflöte 08′
5. Gedackt 08′
6. Dulciana 08′
7. Oktave (Prospekt) 04′
8. Spitzflöte 04′
9. Oktave 02′
10. Cornett-Mixtur IV
11. Trompete 08′
II Obermanual C–g3
12. Lieblich Gedackt 16′
13. Geigenprincipal 08′
14. Concertflöte 08′
15. Quintatön 08′
16. Vox coelestis 08′
17. Äoline 08′
18. Fugara 04′
19. Flauto dolce 04′
20. Flautino 02′
21. Harmonia aetheria III
22. Oboe 08′
Pedal C–f1
23. Principal 16′
24. Subbass 16′
25. Zartbass 16′
26. Violon 08′
27. Bassflöte (= 18) 08′
28. Oktave 04′
29. Posaune 16′
  • Koppeln: II/I, I/P, II/P, Superoktavkoppel II und II P, Suboktavkoppel II

Als Spielhilfen baute er weiterhin Piano, Mezzoforte, Forte, Tutti und eine Freie Combination ein. Daneben erhält die Orgel Rohrschweller für das komplette Werk sowie Jalousieschweller für das zweite Manual.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Instrument leicht beschädigt und konnte vom Berliner Orgelbaumeister Fuchs mit geringen Mitteln wieder Instand gesetzt werden. Dennoch machten Witterungseinflüsse sowie eine starke Verschmutzung eine Überarbeitung erforderlich: In der Nachbarschaft der Kirche arbeiteten Steinmühlen, um die Trümmer zu beseitigen. Deren Staub lagerte sich auf der Orgel ab. In den Jahren 1955 und 1956 erfolgte daher ein weiterer Umbau, dieses Mal durch die Firma Hermann Eule Orgelbau Bautzen:

I Hauptmanual C–g3

1. Ged. Pomm 16′
2. Principal 08′
3. Holzflöte 08′
4. Oktave 08′
5. Spitzflöte 04′
6. Quinte 0223
7. Oktave 02′
8. Waldflöte 02′
9. Terz 0135
10. Mixtur IV
11. Trompete 08′
II Obermanual C–g3
12. Gedackt 16′
13. Quintatön 08′
14. Salicional 08′
15. Prinzipal 04′
16. Rohrflöte 04′
17. Nasat 0223
18. Spitzoktave 02′
19. Sifflöte 01′
20. Sesquialtera II
21. Zimbel III
22. Oboe 08′
Pedal C–f
23. Principal 16′
24. Subbass 16′
25. Oktavbass 08′
26. Bassflöte 08′
27. Oktave 04′
28. Rauschpfeife IV
29. Posaune 16′
  • Koppeln: II/I, I/P, II/P, Sub II, Super II, Super II/P (als Wippe und Tritte)

Der Umfang der Arbeiten sollte in zwei Bauabschnitten erfolgen: Zunächst war die Reinigung der Pfeifen vorgesehen, danach die Aufarbeitung und Umintonation von 19 Registern. Die pneumatische Röhrentraktur sollte ab 1958 instandgesetzt werden. Ebenfalls war geplant, dass der Windladen eine neue Membran und die Ventile ein Spezialleder erhalten sollten. Diese Arbeiten wurden nicht mehr ausgeführt und hatten eine zunehmende Instabilität des Instrumentes zur Folge. Da die erforderlichen Mittel fehlten, konnte die Orgel zunächst nicht repariert werden. Für den Gottesdienst kam daher ab 1980 eine kleine Schuke-Orgel zum Einsatz:

I Manual C–g3

1. Gedackt 8′
2. Rohrflöte 4′
3. Prinzipal 2′
4. Quinte 113
Pedal C–f

Die Kirchengemeinde wollte sich mit diesem Zustand jedoch nicht zufriedengeben, und rief zu Spenden auf. 1982 waren rund 17.000 Mark zusammengekommen. Erste Schätzungen gingen von einem Investitionsvolumen von rund 139.000 Mark aus. Die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion nach der politischen Wende machte die Sparbemühungen jedoch vorerst zunichte. Mit Hilfe eines Kredits gelang es dennoch, zu Sonderkonditionen eine weitere Schuke-Orgel im Jahr 1991 in Betrieb zu nehmen.

I Hauptmanual C–g3

1. Gedackt 16′
2. Principal 08′
3. Rohrflöte 08′
4. Gambe 08′
5. Oktave 04′
6. Spitzflöte 04′
7. Hohlquinte 0223
8. Gemshorn 02′
9. Mixtur IV–V 223′ + 135
10. Trompete 08′
II Unterwerk im Schweller C–g3
11. Gedackt 8′
12. Quintadena 8′
13. Salicional 8′
14. Prinzipal 4′
15. Nachthorn 4′
16. Nassat 223
17. Waldflöte 2′
18. Terz 135
20. Sifflöte 1′
21. Scharff III–IV 1′
21. Oboe 8′
Pedal C–f1
22. Principal 16′
23. Subbass 16′
24. Oktave 08′
25. Baßflöte 08′
26. Oktave 08′
27. Hintersatz IV 0223
28. Posaune 16′
29. Trompete 08′
30. Clairon 04′
  • Koppeln: II/I, I/P, II/P

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Johannes Stier: 100 Jahre Lutherische Kirche in Berlin. 1835–1935. Luth. Bücherverein, Breslau 1935.
  • Der Kirchenvorstand, Ewald Schlechter (Hrsg.): 1857–2007. 150 Jahre Evangelisch-Lutherische Kirche, Annenstraße, Berlin-Mitte. Herrnhut 2007.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Evangelisch-Lutherische Kirche Berlin (Berlin-Luisenstadt) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 52° 30′ 25″ N, 13° 24′ 56″ O