Friedrich Pollock

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Friedrich Pollock (geboren 22. Mai 1894 in Freiburg im Breisgau; gestorben 16. Dezember 1970 in Montagnola, Tessin, Pseudonym teilweise Karl Baumann bzw. Kurt Baumann) war ein deutscher Soziologe und Ökonom. Er war Mitbegründer des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Friedrich Pollock wurde am 22. Mai 1894 als Sohn eines jüdischen Fabrikanten in Freiburg im Breisgau geboren. 1910 erfolgte der Umzug der Familie nach Stuttgart. Von 1911 bis 1915 erhielt er eine kaufmännische Ausbildung.Zu Beginn dieser Zeit lernte er Max Horkheimer kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Von 1916 und 1918 leistete er seinen Militärdienst ab, ohne an die Front zu müssen. Sein darauf folgendes Studium der Ökonomie, Soziologie und Philosophie in München, Freiburg, Frankfurt am Main schloss er 1923 in Frankfurt mit der Promotion bei Siegfried Budge über die Geldtheorie von Marx ab.[1]

Noch während des Studiums hatte Pollock Felix Weil kennengelernt, dem späteren Mäzen des Instituts für Sozialforschung, sie verband eine lebenslange Freundschaft. Über diesen lernte er Karl Korsch kennen. Am Pfingstwochenende 1923 nahm Pollock auch an der Marxistischen Arbeitswoche teil, die u. a. von Korsch und Weil organisiert wurde.[2]

Pollock war 1923 an der Gründung des Instituts für Sozialforschung beteiligt und wurde 1924 zusammen mit Felix Weil Geschäftsführer der Marx-Engels-Archivgesellschaft mbH zur Förderung der Herausgabe der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA). Er war ansonsten vor allem in administrativer Hinsicht in das Institut eingebunden.[3]

In den Jahren 1927/28 unternahm er anlässlich der Feier des 10. Jahrestages der Oktoberrevolution eine Reise in die Sowjetunion. Die Beobachtungen und Untersuchungen, die er auf seiner Reise anstellte, wurden die Grundlagen seiner Habilitationsschrift: Die planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion 1917–1927 von 1928, die als zweiter Band der Schriften des Instituts für Sozialforschung erschien. Im selben Jahr begann er seine Lehrtätigkeit als Privatdozent an der Universität Frankfurt und übernahm vertretungsweise die Leitung des Instituts für Sozialforschung für den erkrankten Carl Grünberg.[4]

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 ging Pollock gemeinsam mit Horkheimer über Genf und Paris nach New York ins Exil. Dort wurde er Seminarleiter und geschäftsführender Direktor des Institute for Social Research.

1950 kehrte er nach Frankfurt zurück, um im wiedereingerichteten Institut für Sozialforschung mitzuarbeiten. 1951 berief ihn die Universität zum außerplanmäßigen Professor und 1958 zum planmäßigen Professor für Volkswirtschaftslehre und Soziologie. Pollock zog 1959 gemeinsam mit Max Horkheimer in den Tessiner Ort Montagnola, behielt seine Professur in Frankfurt aber noch bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1963. Er starb am 16. Dezember 1970 in Montagnola. Begraben liegt er auf dem Jüdischen Friedhof Bern, wie sein Freund Max Horkheimer.

Theorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pollock ist insbesondere durch seine seit Anfang der 1930er Jahre entwickelten Studien zum Staatskapitalismus hervorgetreten (wiederabgedruckt in: Stadien des Kapitalismus, 1975). Durch planwirtschaftliche Eingriffe und staatliches Steuerungshandeln sah er das ökonomische Prinzip des Laissez-faire abgelöst und den Weg hin zu einem regulierbaren, prinzipiell krisenfreien Wirtschaftssystem gegeben. Da das sowjetische Experiment als ein Beleg für diese generelle Tendenz angesehen wurde, erschien die Ökonomie sowohl in kapitalistischer als auch in sozialistischer Variation in technologisches Verwaltungshandeln aufgelöst. Pollock unterschied zwischen einer autoritären (Faschismus sowie Staatssozialismus) und einer liberalen Variante (New Deal) des Staatskapitalismus: Beiden gemeinsam war die Ersetzung des Primats der Ökonomie durch das Primat der Politik.

Pollocks ökonomische Analysen leisteten einen maßgeblichen Beitrag zum Theoriebildungsprozess der philosophischen Hauptvertreter der „Frankfurter Schule“ und gaben einen wichtigen Impuls zur Formulierung der „Dialektik der Aufklärung“ durch Horkheimer und Adorno. Die beiden Autoren widmeten ihm dieses oft als Hauptwerk der "Kritischen Theorie" betrachtete Buch.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zur Geldtheorie von Karl Marx. Inauguraldissertation. Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Frankfurt am Main [Masch.] 1923, [Nachdruck: Frankfurt am Main 1971 sowie Freiburg/Wien 2018, S. 23–127.]
  • Sombarts „Widerlegung“ des Marxismus. Leipzig 1926 (= Carl Grünberg, Hrsg., Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, Beihefte, 3)
  • Die planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion 1917–1927. Habilitation 1928, [Leipzig 1929] (=Schriften des Instituts für Sozialforschung an der Universität Frankfurt am Main, Band 2). Nachdruck: Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main 1971.
  • Die gegenwärtige Lage des Kapitalismus und die Aussichten einer planwirtschaftlichen Neuordnung. In: Zeitschrift für Sozialforschung 1, 1932.
  • Sozialismus und Landwirtschaft. In: Festschrift für Carl Grünberg. Zum 70. Geburtstag, Leipzig 1932, S. 397–431.
  • Bemerkungen zur Wirtschaftskrise. Zeitschrift für Sozialforschung 2, 1933.
  • Staatskapitalismus. In: Dubiel, Helmut/Söller, Alfons (Hrsg.): Wirtschaft, Recht und Staat im Nationalsozialismus. Analysen des Instituts für Sozialforschung 1939–1942, Frankfurt am Main 1981.
  • Ist der Nationalsozialismus eine neue Ordnung? In: Dubiel, Helmut/Söller, Alfons (Hrsg.): Wirtschaft, Recht und Staat im Nationalsozialismus. Analysen des Instituts für Sozialforschung 1939–1942, Frankfurt am Main 1981.
  • (Bearbeiter) Gruppenexperiment. Ein Studienbericht. Frankfurt am Main 1955.
  • Automation. Materialien zur Beurteilung der ökonomischen und sozialen Folgen. Frankfurt am Main 1956 (Frankfurter Beiträge zur Soziologie, Bd. 5). Vollständig überarbeitete Neuausgabe, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 1964, 1966.
  • Stadien des Kapitalismus. Hrsg. u. eingel. von Helmut Dubiel. Beck, München 1975.
  • Gerhard Rein, Hrsg., Dienstagsgespräche mit Zeitgenossen, Stuttgart, 1977.

Gesammelte Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Marxistische Schriften. Gesammelte Schriften Band 1, Herausgegeben von Philipp Lenhard, ça ira-Verlag, Freiburg/Wien 2018, ISBN 978-3-86259-132-9.[5]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rolf Wiggershaus: Friedrich Pollock – der letzte Unbekannte der Frankfurter Schule. In: Die Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte. 8/1994. S. 750–756.
  • Carlo Campani: Pianificazione e teoria critica. L'opera di Friedrich Pollock dal 1923 al 1943. Neapel 1992.
  • Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge. Sonderband 2. Erfolgreiche Kooperation: Das Frankfurter Institut für Sozialforschung und das Moskauer Marx-Engels-Institut (1924–1928). Argument, Hamburg 2000, ISBN 3-88619-684-4.
  • Philipp Lenhard: "In den Marxschen Begriffen stimmt etwas nicht". Friedrich Pollock und der Anfang der Kritischen Theorie. In: Sans Phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik. 5/2014. S. 5–16.
  • Peter Kalmbach: Pollock, Friedrich. In: Harald Hagemann, Claus-Dieter Krohn (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen wirtschaftswissenschaftlichen Emigration nach 1933. Band 2: Leichter–Zweig. Saur, München 1999, ISBN 3-598-11284-X, S. 537–541.
  • Werner Röder; Herbert A. Strauss (Hrsg.): International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933-1945. Band 2,2. München : Saur, 1983 ISBN 3-598-10089-2, S. 918

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Philipp Lenhard: Friedrich Pollock und der >>westliche Marxismus<<. Einleitung zum ersten Band der Gesammelten Schriften. In: Marxistische Schriften. Gesammelte Schriften. Band 1. Ca ira, Freiburg/Wien, S. 8 ff.
  2. Philipp Lenhard: Friedrich Pollock und der >>westliche Marxismus<<. S. 10 f.
  3. Philipp Lenhard: Friedrich Pollock und der >>westliche Marxismus<<. S. 14.
  4. Philipp Lenhard: Friedrich Pollock und der >>westliche Marxismus<<. S. 15 f.
  5. Die Gesammelten Schriften sind auf sechs Bände angelegt. Der erste Band erschien 2018. Es sollen alle veröffentlichten Texte von Pollock in den Schriften versammelt werden, außerdem eine Briefauswahl, vgl. Philipp Lenhard: Friedrich Pollock und der >>westliche Marxismus<<, S. 17