Gabriele Tergit

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Titelseite Der Weltspiegel, „Illustrierte Halbwochenchronik des Berliner Tagblatt“, Nr. 63, Jahrgang 1909, 8. August, „Berliner Damenrudern“, Mitarbeit 1910-1933 … zeitw.: Gabriele Tergit-Reifenberg

Gabriele Tergit (Pseudonym für Elise Reifenberg geb. Hirschmann; zeitweise Tergit-Reifenberg; weiteres Pseudonym Christian Thomasius) (* 4. März 1894 in Berlin; † 25. Juli 1982 in London) war eine deutsche Schriftstellerin und Journalistin. Bekannt wurde sie vor allem für ihre Gerichtsreportagen, bekannt und dauerhaft als Schriftstellerin wahrgenommen für ihren Roman Käsebier erobert den Kurfürstendamm.[1]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Elise Hirschmann war die Tochter von Siegfried Hirschmann, dem Gründer der Deutschen Kabelwerke und Frieda Hirschmann, geborene Ullmann. Ihre Familie stammte aus Bayern. Ungewöhnlich für eine „höhere Tochter“ ihrer Zeit, besuchte sie die Soziale Frauenschule von Alice Salomon in Berlin. Zeitgleich arbeitete sie in Kinderhorten und der Lehrstellenvermittlung. Nachdem sich im Laufe des Ersten Weltkriegs die Einstellungen zum Frauenstudium geändert hatte, holte sie das Abitur nach und studierte ab 1919 Geschichte, Soziologie und Philosophie in Berlin, München, Heidelberg und Frankfurt am Main, wo sie 1923 über den Paulskirchen-Abgeordneten Carl Vogt in Geschichte promovierte.[2] 1928 heiratete sie den Architekten Heinz Reifenberg; aus der Ehe ging ein Sohn hervor, Peter. Ihr Pseudonym Gabriele Tergit nahm Hirschmann in ihrer Studienzeit an. Gabriele ist ein Spitzname aus der Kindheit.[2]

Den ersten Artikel in einer Zeitung veröffentlichte Hirschmann 1915 in einer Beilage des Berliner Tageblatts zum Thema „Frauendienstjahr und Berufsbildung“. Während des Studiums veröffentlichte sie Feuilletons in der Vossischen Zeitung und dem Berliner Tageblatt (Mosse-Verlag). Nach dem Studium begann sie mit Gerichtsreportagen für Berliner Börsen-Courier.[2] Ihre erste feste Anstellung als Reporterin erhielt sie 1924 von Theodor Wolff, dem damaligen Chefredakteur des Berliner Tageblatts. Für einen Betrag von 500 Mark verpflichtete sie sich, neun Gerichtsreportagen im Monat abzuliefern. Ihrer Meinung nach zeigten Gerichtsverhandlungen die soziale Lage ihrer Zeit.[3]

Freiberuflich arbeitete sie bis 1933 als Journalistin für diverse andere Berliner Zeitungen und schrieb u. a. Gerichtsreportagen und Berichte für den Berliner Börsen-Courier, die Vossische Zeitung und die Kulturzeitschrift Die Weltbühne. Als Gerichtsreporterin nahm sie auch an mehreren politischen Prozessen teil, darunter einem Verfahren gegen die Fememörder der Schwarzen Reichswehr im Jahre 1927. Das Verfahren kennzeichnete sie in der Weltbühne unter anderem mit dem Satz: Unsichtbar steht ein großes Hakenkreuz vor dem Richtertisch. Eine kondensierte Erfahrung aus diesen Prozessen findet sich auch in ihrem späteren Roman Effingers.[3] Darüber hinaus schrieb sie Feuilletons, Reiseberichte, Glossen und Typenbeschreibungen, die als Berliner Existenzen im Tageblatt und im Prager Tagblatt erschienen.[2] Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte sie nur noch kurz ihre Reportagetätigkeit wieder aufzunehmen. Ihr erster Prozess im Kriminalgericht Moabit beschäftigte zehn Richter, Anwälte und Wachmänner mit dem Verbleib eines Goldrings mit Halbedelsteinen, und sie selber fragte sich nur drei Jahre nach den Greueln des Nazi-Regimes: Kann man eine Zivilisation so neu anfangen? Indem man weitermacht als wäre nichts geschehen? In Hamburg berichtete sie für die Neue Zeitung über den Veit-Harlan-Prozess, in dem dieser freigesprochen wurde, und stellte danach ihre Tätigkeit als Gerichtsreporterin ein.[2]

Bekannt wurde sie durch ihren Roman Käsebier erobert den Kurfürstendamm, der 1931 im Rowohlt Verlag erschien. Der Roman behandelt Aufstieg und Fall des Neuköllner Volkssängers Georg Käsebier, der von skrupellosen Geschäftsmachern mit Hilfe eines immensen Werberummels zum Star der Saison in den Theatern am Kurfürstendamm gemacht und nach einer Saison ebenso wieder fallen gelassen wird. Tergit selbst sah den Roman unter anderem als Bekenntnis gegen die Reklame. Im Rückblick sagte sie später, dass diese ihre perverseste Form in der Propaganda Joseph Goebbels' gefunden habe.[3] Die zeitgenössische Literaturkritik lobte den Käsebier wegen der Darstellung des universellen Phänomens „Großstadt“, einer „Zolaschen Prägnanz und Erbarmungslosigkeit“ und der Skepsis und der Moral des Buches. Seit 1977 wurde er mehrfach neu aufgelegt.

Ihr zweiter Roman Effingers, 1931 begonnen und erst 1951 erschienen, schildert das Schicksal einer jüdischen Familie in Berlin von 1878 bis 1948. Zur Zeit seines Erscheinens kam das Buch beim Publikum nicht an.[2]

Sie erlebte den ersten Prozess gegen Adolf Hitler im Kriminalgericht Moabit, der zusammen mit Goebbels wegen eines Pressevergehens angeklagt war. Die daraus folgende Reportage und andere Artikel über die völkische Bewegung und die Nazis veranlassten die Nazis, sie hoch auf ihre Gegnerliste zu setzen. Am 5. März 1933 um drei Uhr morgens überfiel die SA die Tergit-Reifenbergsche Wohnung in Siegmundshof in Berlin-Tiergarten. Die SA scheiterte an den frisch angebrachten Eisenbeschlägen, ein Kollege vom Berliner NSDAP-Blatt Angriff gab ihr den Tipp, sich an den neuen Polizeireferenten Hans Mittelbach[4] zu wenden, der ihr wiederum die noch sozialdemokratisch dominierte Schutzpolizei empfahl, die schließlich den Überfall abwenden konnte.[3]

Ihr Mann brachte Gabriele Tergit daraufhin nach Spindlermühle, den Rest ihres Lebens verbrachte sie im Exil. Er emigrierte nach Palästina, sie selbst floh nach Prag und folgte ihrem Mann im November 1933 nach. 1938 siedelte sie schließlich nach London über, wo sie schließlich im Stadtteil Putney lebte. Dort wählte sie 1957 das P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland zum Sekretär. Dieses Amt hatte sie bis 1981 inne.[2]

1977 wurde Tergit im Rahmen der „Berliner Festwochen 1977“ wiederentdeckt: Das Feuilleton feierte sie als Neuentdeckung des Jahres und ihre Romane wurden neu aufgelegt. Es gelang ihr, für mehrere alte Romanmanuskripte Verlage zu finden und sie schrieb ihre Autobiographie, die jedoch alle erst nach ihrem Tod 1982 erschienen.[2]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veröffentlicht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Käsebier erobert den Kurfürstendamm. Roman, Rowohlt 1932, Neuausgaben Krüger 1977, Arani 1988, diverse Taschenbuchausgaben, hrsg mit einem Nachwort Jens Brüning Das Neue Berlin, Berlin 2004, Berliner Verlag 2007. Neuausgabe 2016: Schöffling, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-89561-484-2 (eBook: ISBN 978-3-7317-6089-4)
  • mit Wilhelm Sternfeld : Autobiographien und Bibliographien. (Bibliographie unserer toten Mitglieder. Autobiographien unserer jetzigen Mitglieder). Hrsg. P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland. Expedite Duplicating Co.: London, 1959
  • Effingers. Roman. Hammerich & Lesser, Hamburg 1951. (2. Auflage. Wolfgang Krüger Verlag, Frankfurt am Main 1978)
  • Kleine Geschichte der Blumen: Kaiserkron' u. Päonien rot. Frankfurt am Main u. a. 1958
  • Das Büchlein vom Bett. Ullstein, München 1981
  • Erinnerungen. Etwas Seltenes überhaupt. Ullstein, Frankfurt 1983
  • Jens Brüning und Vorwort (Hrsg.): Blüten der Zwanziger Jahre. Rotation, Berlin 1984, ISBN 3-88384-011-4.
  • Atem einer anderen Welt: Berliner Reportagen. hrsg. und mit einem Nachwort vers. von Jens Brüning. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994.[5]
  • Im Schnellzug nach Haifa. mit Fotos aus dem Archiv Abraham Pisarek, hrsg. von Jens Brüning und mit einem Nachwort vers. von Joachim Schlör, Transit, Berlin 1996
  • Wer schießt aus Liebe? Gerichtsreportagen. hrsg. und mit einem Vorw. vers. von Jens Brüning. Das Neue Berlin, Berlin 1999
  • Der erste Zug nach Berlin Novelle, hrsg. und mit einem Nachw. vers. von Jens Brüning. Das Neue Berlin, Berlin 2000
  • Frauen und andere Ereignisse: Publizistik und Erzählungen von 1915 bis 1970. Hrsg. und mit einem Nachwort von Jens Brüning. Das Neue Berlin, Berlin 2001
  • Der alte Garten. Schöffling & Co., 2014, ISBN 978-3-89561-588-7
  • Der glückliche Gärtner. Wie vor, ISBN 978-3-89561-650-1

Unveröffentlicht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Entwürfe und einzelne Kapitel zu einem England-Buch, einem Palästina-Buch, Essays zur Exil-Situation
  • So war's eben.

Briefe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hilde Walter an G. T. 11. März 1941 (gek.): Brief an eine Freundin. In: Verbannung. Aufzeichnungen deutscher Schriftsteller im Exil. Christian Wegner, Hamburg 1964, S. 92–96

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Berlin-Tiergarten: Gabriele-Tergit-Promenade

Im ehemaligen Berliner Bezirk Tiergarten (heute zum Bezirk Mitte) ist eine „Promenade“ nach ihr benannt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jens Brüning: Nachwort. In: Gabriele Tergit: Atem einer anderen Welt Hrsg. von Jens Brüning. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-518-38780-4, S. 195–206
  • Jana Jürß: Ein Gänseblümchen oder Mariannes Himmelpforte. In: Maike Stein (Hrsg.); Autorinnenvereinigung e.V.: Dünn ist die Decke der Zivilisation – Begegnungen zwischen Schriftstellerinnen. Ulrike Helmer Verlag, Königstein 2007, ISBN 978-3-89741-244-6
  • Sylke Kirschnick: Republikanismus aus Alternativlosigkeit. Zum Demokratiedenken Gabriele Tergits. In: Matthias Weipert, Andreas Wirsching (Hrsg.): Vernunftrepublikanismus in der Weimarer Republik. Politik, Literatur, Wissenschaft. Steiner, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-515-09110-7, S. 311–321
  • Egon Larsen: Die Welt der Gabriele Tergit : aus dem Leben einer ewig jungen Berlinerin. München : Auerbach, 1987
  • Liane Schüller: Der Schmutz ist kein Blickpunkt zur Betrachtung der Welt. Anmerkungen zu Gabriele Tergits Reportagen der Weimarer Republik. In: Weibisch, frankophil und (nicht nur) von Männern gemacht. Denkbilder, Schmuck- und Fundstücke, Randständiges, Hauptsächliches, Amüsantes und Bedenkliches aus der Geschichte des Feuilletons im frühen 20. Jahrhundert. Hg. von W. Delabar u. W. Jung. Bielefeld: Aisthesis, 2016. S. 179–186, ISBN 978-3-8498-1157-0
    • Vom Ernst der Zerstreuung. Schreibende Frauen am Ende der Weimarer Republik: Marieluise Fleißer, Irmgard Keun und Gabriele Tergit. Aisthesis, Bielefeld 2005, ISBN 3-89528-506-4
  • Juliane Sucker: „Should the Government Elect a Different People?“ Gabriele Tergit and the business of postwar German literature and journalism. In: Jewish Voice from Germany, 05/2014.
    • „… auf Gedeih und Verderb mit Deutschland verbunden“? Gabriele Tergits literarische Spurensuche nach dem jüdischen Ich. In: Juliane Sucker, Lea Wohl v. Haselberg (Hrsg.): Bilder des Jüdischen. Selbst- und Fremdzuschreibungen im 20. und 21. Jahrhundert. (Europäisch-jüdische Studien Beiträge. Bd. 6). de Gruyter, Berlin/ Boston 2013, ISBN 978-3-11-027658-9, S. 159–178.
    • Heimatlos in Palästina. Zur Inszenierung von Entwurzelung und Fremdheitserlebnissen in Gabriele Tergits Texten. In: Exil: Forschung, Erkenntnisse, Ergebnisse. H. 1, 2010, S. 79–90
    • Gabriele Tergit. In: Wilhelm Kühlmann (Hrsg.): Killy Literaturlexikon. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin/ Boston 2011, ISBN 978-3-11-022040-7, S. 456–458
    • Unsichtbar steht ein großes Hakenkreuz vor dem Richtertisch. Zum Geburtstag der Schriftstellerin und Journalistin Gabriele Tergit. In: Jüdische Zeitung. Nr. 03 (43), März 2009, S. 20. (online) (Memento vom 6. September 2009 im Internet Archive)
  • Regina Stoetzel, 4. Dezember 2013, neues-deutschland.de: Gestohlenes halbes Leben. Hans Wagener schreibt über die fetten und die mageren Jahre der Gabriele Tergit
  • Christina Ujma: Heil und Sieg und fette Beute, Gabriele Tergits Roman Käsebier erobert den Kurfürstendamm in der Originalfassung. In: literaturkritik.de Nr. 4, April 2004. (online)
    • Neue Frauen, alte Männer, Gabriele Tergits „Frauen und andere Ereignisse“. In: literaturkritik.de Nr. 2, Februar 2002. (online)
    • Gabriele Tergit and Berlin – Women, urbanism and modernity. In: Christiane Schönfeld (Hrsg.): Practicing Modernity. Female Creativity in the Weimar Republic. Würzburg 2006, S. 257–272
    • Kesse Sicht auf Berlin In: Gabriele Tergit, Irmgard Keun: Verfemte Autorinnen der Weimarer Republik. Neues Deutschland, Sozialistische Tageszeitung, 4. Dezember 2013
  • Hans Wagener: Gabriele Tergit: gestohlene Jahre. V&R unipress, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8471-0114-7. Schriften des Erich-Maria-Remarque-Archivs Band 28

Weblinks und Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. deutschlandfunk.de, Büchermarkt, 29. Mai 2016, Maike Albath: Literarische Großstadtsinfonie (29. Mai 2016)
  2. a b c d e f g h Brüning S. 199–204.
  3. a b c d Brüning S. 195–199.
  4. Heiko Roskamp: Verfolgung und Widerstand - Tiergarten, Ein Bezirk im Spannungsfeld der Geschichte 1933 - 1945. Berlin 1985, S. 56.
  5. Rezension: Stefan Berkholz: Die Quasselstrippe. Zum 100. Geburtstag der Feuilletonistin Gabriele Tergit. In: Die Zeit. 4. März 1994.