Georg Seidel

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Georg Seidel (* 28. September 1945 in Dessau; † 3. Juni 1990 in Berlin) war ein deutscher Dramatiker.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Georg Seidel absolvierte eine Ausbildung als Werkzeugmacher, machte das Abitur und anschließend ein einjähriges Katechetenjahr. 1967 war er zunächst Bühnenarbeiter am Dessauer Theater und begann dann an der Ingenieurschule Karl-Marx-Stadt (heute: Technische Universität Chemnitz) ein Maschinenbaustudium. Wegen seiner Verweigerung des Wehrdienstes mit der Waffe wurde er exmatrikuliert. Dies führte auch dazu, dass später eine bereits zugesagte Immatrikulation beim Deutschen Literaturinstitut Leipzig wieder zurückgezogen wurde. 1969/70 musste er als Bausoldat Dienst leisten und war anschließend erneut als Bühnenarbeiter in Dessau tätig. Ab 1973 war er in Berlin bei der DEFA und ab 1975 am Deutschen Theater Berlin als Beleuchter und dort von 1982 bis 1987 als dramaturgischer Mitarbeiter beschäftigt. Seit 1987 war er als freier Schriftsteller tätig. Georg Seidel „gilt […] als der neben Heiner Müller und Volker Braun wichtigste Dramatiker der Endphase der DDR“.[1] Er starb im Alter von 44 Jahren an Krebs.

Über das dramatische Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein wichtiges Werk Seidels ist das mit dem „Mülheimer Dramatikerpreis“ ausgezeichnete und 1991 postum uraufgeführte Stück Villa Jugend, in dem der Autor mit einer deutschen Familiengeschichte ein komplexes Abbild der damaligen politischen Umbruchsituation zeichnet. Das Lehrerehepaar Neitzel, dessen Villa einst Mittelpunkt des kulturellen Lebens eines kleinen Ortes war, will, um dem Gerede zu entgehen, in eine größere Stadt ziehen. Beim Abschiedsfest mit Freunden zeigt sich die ganze Brüchigkeit der Kleinstadtidylle. Das neue Leben in einer öden Neubauwohnung nahe einem Industriegebiet bringt aber keine Änderungen und endet in einer Katastrophe. „In Villa Jugend herrscht Endzeitstimmung. Einst bezogen mit hoffnungsvollen sozialistischen Menschheits-Utopien, ist die Villa längst zum kalten Mausoleum geworden. Seidels Szenen, die zum größten Teil noch vor der „Wende“ entstanden und an Tschechows Kirschgarten erinnern, sind ein Abgesang.“[2] Stefan Reinecke charakterisierte das Drama als „Endspiel eines Staates, mikroskopiert in prototypischen Familienszenen, das letzte Stück aus der DDR“.[3] Seidel hinterließ den Text als Fragment, das nach seinem Tod durch Textstellen, die man auf seinem Computer entdeckte, ergänzt wurde. Das Stück gilt als die „vielleicht letzte authentische Bestandsaufnahme des real existierenden Sozialismus der DDR“.[4]

Seidel zeigte in seinen Stücken den Alltag der untergehenden DDR: die Zerstörung der Menschen durch den Staat, die dadurch hervorgerufenen zwischenmenschlichen Entfremdungen und sozialen Probleme sowie die Perspektivlosigkeit der Jugend. Er stellte das nicht durch laute Empörung dar, sondern als „sanfter Anarchist“[5] durch Verknappung und Zuspitzung. Gegen das Stück Jochen Schanotta (1985) startete Margot Honeckers Ministerium für Volksbildung eine Kampagne, denn der aus der Norm brechende junge Protagonist entsprach überhaupt nicht dem sozialistischen Leitbild. Auch sein am häufigsten gespieltes Stück Carmen Kittel (ursprünglich: Das langsame Kind) mit einer ebenfalls jungen Hauptfigur wurde kritisiert, da es die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der DDR falsch und schädlich darstelle.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Textveröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Theater- und Hörspiel-Aufführungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur KLG
  2. Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – KLG
  3. Stefan Reinecke: Deutschland! Und dann? In: Freitag vom 7. Juni 1991.
  4. Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – KLG
  5. Maik Hamburger: Der sanfte Anarchist. In: Theater heute. 1990. H. 8

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]