Geschichtsfälschung

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Bei einer Geschichtsfälschung (seltener auch: Pseudohistorie) wird vorsätzlich versucht, mit wissenschaftlich unlauteren Mitteln einen falschen Eindruck von historischen Ereignissen und ihrer Interpretation zu vermitteln.

Worum geht es?

„Erinnerungen, vor allem kollektive, sind oft macht- und interessengeleitet. Und wenn sie nicht kritisch betrachtet werden, wirken sie weiter – zusammen mit den Ideologien, mit denen sie verbunden waren.“

Rolf Cantzen[1]

Arten der Fälschung

Die „Eiserne Jungfrau“ (rechts im Bild), angeblich ein Folterinstrument des Mittelalters, ist ein Fantasieprodukt des 19. Jahrhunderts.

Auf dem langen Weg von den Quellen über die Sekundärliteratur bis zur verbreiteten Akzeptanz gibt es viele Möglichkeiten der Manipulation.

Falsche Behauptungen und Interpretationen

Die meisten Geschichtsfälschungen kommen durch eine willkürliche Interpretation des Quellenmaterials zustande, zum Beispiel durch das Weglassen bzw. Nichtbeachten unerwünschter oder das Betonen erwünschter Quellen, also eine einseitige Quellen-/Literaturauswahl.

Der Fall des Chefarchitekten, Reichsrüstungsministers und ergebenen Hitler-Vertrauten Albert Speer ist hinsichtlich Methode und Motivation ein besonders vielschichtiges Beispiel für diese Form der Geschichtsfälschung. Speer stellte sich sehr erfolgreich - unter anderem in seiner Bestseller-Autobiographie[2][3] - als unpolitischen Technokraten dar, der von den nationalsozialistischen Verbrechen angeblich nichts gewusst haben will, tatsächlich aber als einer der Haupttäter aktiv am Holocaust mitwirkte.[4] Seine schlau gefälschte Legende als „guter Nazi“ wurde in der Nachkriegszeit bereitwillig von vielen Deutschen als willkommener Beleg für ihr eigenes distanziertes Verhältnis zum Nationalsozialismus und ihr Nichtwissen vom Massenmord an den Juden übernommen.[5] Eine Nürnberger Ausstellung ab April 2017 präsentiert die Zusammenhänge.[6]

Quellenfälschung

Es handelt sich um materielle Fälschungen, also die Produktion von Objekten, die vom Fälscher oder seinen Auftraggebern als ursprüngliche Quelle ausgegeben werden. Bekannt ist die posthume Herstellung angeblich historischer Urkunden (wie bei der Konstantinischen Schenkung). Eine effektivere Variante der Quellenfälschung ist die Verfälschung einer echten Quelle (Interpolation), also etwa das Entfernen oder Hinzufügen von Textstellen in einer Urkunde oder sonstigen Dokumenten; dazu gehören unter anderem auch Änderungen des betroffenen Personenkreises oder des Bearbeitungszeitpunkts. Auch Autobiographien, wie bei Speer, sind häufig von Interessen geleitet und damit anfällig für Fälschungen. Im Wörterbuch Geschichte[7] werden neben der Urkundenfälschung auch die Münzfälschung und, als jüngeres Beispiel, die Hitlertagebücher von Konrad Kujau genannt. Ein wesentliches Kriterium der Geschichtsforschung ist deshalb immer auch eine ausführliche Quellenkritik. Skepsis und kritische Überprüfung vermeintlicher Erkenntnisse sind eine wesentliche Voraussetzung wissenschaftlichen Fortschritts; aber diese Haltung kritischer Wissenschaft wird auch von ihren Gegnern ausgenutzt, indem die Abwesenheit wissenschaftlich gesicherter Tatsachen betont wird.[8]

Ziele und Motive

Seite der angeblich mittelalterlichen „Königinhofer Handschrift“, 1817
Der Reichsapfel stellt die Weltkugel dar und widerlegt damit die im 19. Jahrhundert aufgestellte und heute noch verbreitete Behauptung, im Mittelalter hätte es eine Doktrin der flachen Erde gegeben.

Menschen ziehen einen wesentlichen Teil ihres Selbstverständnisses aus ihrer Vergangenheit. So spiegelt sich das Bewusstsein von Nationen, Religionsgemeinschaften, Bevölkerungsgruppen oder auch Familien in idealisierten oder mythologisierten Weltbildern wider. Selten stimmen diese Geschichtsbilder mit den historischen Fakten überein, die deshalb durch Weglassungen unbequemer oder Betonung willkommener Sachverhalte angepasst werden. Daraus resultierende Geschichtsfälschungen fallen bei unterschiedlichen Menschen in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation auf mehr oder weniger fruchtbaren Boden. Da Fälschungen oft in Schulbücher oder andere interessengesteuerte Medien eingehen, sind sie dann auch durch objektiven wissenschaftlichen Diskurs nur noch schwer aus der Welt zu schaffen. Fälscher werden von unterschiedlichen Motiven getrieben:

  • Politische Motive haben Fälscher die das Weltbild von Nationen oder Bevölkerungsgruppen beeinflussen wollen:
    • Rechtfertigung oder Verharmlosung von Diktaturen, Kriegsverbrechen und ähnlichem; die Kehrseite kann dann die Abwertung des politischen Gegners sein: Mit der Dolchstoßlegende versuchten deutsche Militärs nach dem Ersten Weltkrieg, die Verantwortung für die Niederlage politischen Parteien zuzuschieben.
    • Entfernung von unliebsam gewordenen Personen aus Dokumenten der Zeitgeschichte; so wurden etwa unter Stalin wiederholt in Ungnade gefallene Politiker aus Fotos herausretuschiert (siehe auch Fotomanipulation).
    • Zahlreiche verfälschende Aussagen enthielt auch der DDR-Geschichtsatlas, beispielsweise habe zum Beginn des Koreakriegs am 25. Juni 1950 Südkorea den Norden überfallen, statt wahrheitsgemäß der Norden den Süden.[9][10]
    • Aufwertung: Die gefälschte Königinhofer Handschrift wurde zur Grundlage eines romantisierenden tschechischen Geschichtsbilds.
    • Verächtlichmachung: Die „Protokolle der Weisen von Zion“ werden immer noch für antisemitische Hetze verwendet.
  • Mit reputationsorientierter Geschichtsfälschung verschafft sich eine Organisation, Firma, Gruppe oder Einzelperson einen ungerechtfertigten Wettbewerbsvorteil, indem sie ihre historischen Aktivitäten gezielt mit wahrheitswidrigen Behauptungen kommuniziert.
  • Rechtspositionen: Insbesondere die Urkundenfälschungen des Mittelalters, wie die Konstantinische Schenkung, wollten eine konkrete rechtliche Position verändern, wie den Besitz von Land.
    St. Jakobus war angeblich Helfer in der erfundenen Schlacht von Clavijo
    Eine Ramiro I., König von Asturien, zugeschriebene, aber von Geistlichen gefälschte Urkunde, die sich auf den angeblichen Sieg eines Christenheeres über die maurischen Machthaber in einer erfundenen Schlacht von Clavijo bezog, garantierte der Jakobskirche von Santiago de Compostela über Jahrhunderte eine jährliche Zahlung, dem Voto de Santiago. Mit dem vereinfachenden Kriegsschuldartikel im 1919 geschlossenen Vertrag von Versailles wurden auch die Reparationsforderungen gegenüber dem Deutschen Reich begründet. Rechtspositionen lassen sich demnach auch auf manipulierte Geschichtsbilder gründen.
  • Die Fälschung historischer Fakten und deren publizistisches Ausschlachten ist auch ein Geschäftsmodell von Verlagen mit rechtsextremistischen, geschichtsrevisionistischen und holocaustleugnenden Schriften, die von Neonazis als vermeintliche Argumentationshilfe in ihrem politischen Kampf Verwendung finden. Andere, harmlosere Beispiele sind die erwähnten Hitlertagebücher oder die Gesänge Ossians.
  • Manchen Fälschern geht es um Selbstbestätigung; sie wollen erproben, ob sie eine die Fachwelt zum Narren haltende Fälschung zustande bringen können. Die Angebliche Fahrradzeichnung Leonardo da Vincis könnte hierfür ein passendes Beispiel sein; ihre Herkunft wurde allerdings nie vollständig geklärt.[11]

Abgrenzung

Geschichtsfälschung liegt nur vor, wenn ein Geschichtsbild in betrügerischer Absicht manipuliert wurde. Keine Geschichtsfälschung ist daher

  • ein veralteter Forschungsstand auf Grund von neuentdeckten historischen Sachverhalten,
  • eine abweichende Meinung, die auf Grund anderer Vorgaben bei der Interpretation zustande kommt,
  • ein bloßer Irrtum.

Die Grenzen zwischen abweichender Meinung und Fälschung können fließend sein. In Ihrem Essay Wahrheit und Politik definierte Hanna Arendt das folgendermaßen:

„Tatsachen sind der Gegenstand von Meinungen, und Meinungen können sehr verschiedenen Interessen und Leidenschaften entstammen, weit voneinander abweichen und doch alle noch legitim sein, solange sie die Integrität der Tatbestände, auf die sie sich beziehen, respektieren.“

H. Arendt[12]

Generell beruht jede Theorie oder historische Gesamtdarstellung auf einer Vereinfachung der Realität, was zu fachlichen Streitigkeiten führen kann, wie beim Historikerstreit. Ein weiteres Beispiel ist die Chronologiekritik von Heribert Illig („Erfundenes Mittelalter“), die als Interpretation keine Fälschung ist, auch wenn die Fachwelt Illigs Theorien ablehnt.

Materielle Fälschungen, die zum Verkauf angeboten werden, sind keine Geschichtsfälschungen, da sie ohne Einfluss auf ein Geschichtsbild sind. Dazu gehören vor allem Kunstfälschungen und Briefmarkenfälschungen, also die unlautere Multiplizierung bereits vorhandener Werke. Streng genommen gilt dies auch für Kujaus Hitler-Tagebücher, da ihr eher trivialer Inhalt nur mäßigen wissenschaftlichen Wert hätte haben können.

Beim angeblichen Überfall auf den Sender Gleiwitz (1939) oder dem Tonkin-Zwischenfall wurde zwar propagandistisch versucht, ein Geschichtsbild zu prägen, vor allem aber, um gegenwärtig erwünschte Aktionen oder Auswirkungen zu rechtfertigen, nicht, um ein Bild der Vergangenheit zu fälschen. Die beabsichtigten Täuschungen waren außerdem zu durchsichtig und konnten durch Tatzeugen aufgeklärt werden.

Siehe auch: Falsche Flagge

Der Begriff Geschichtsfälschung bezieht sich in der Regel auf die Geschichte von Menschen, nicht auf Naturgeschichte; daher gehören der Piltdown-Mensch oder die Kreationismus-Debatte nicht in diese Kategorie.

Fiktionale Werke wie Romane und Spielfilme sind weitgehend frei in der Interpretation von bestimmten historischen Hintergründen (man vergleiche etwa Bounty mit Meuterei auf der Bounty (1935)). Trotzdem kann es sich um eine massive Geschichtsfälschung handeln, wie etwa im Fall des Propaganda-Spielfilms Jud Süß von 1940. In diesem Fall war die propagandistische Absicht eine hasserzeugende Darstellung der jüdischen Bevölkerung.

Erich von Dänikens Hypothesen von der Entstehung der menschlichen Kultur durch Eingreifen von Wesen aus dem Weltraum gehören ebenfalls in den fiktionalen Bereich. Er selbst beendet seine Vorträge übrigens mit der Aufforderung, ihm nichts zu glauben; er hat auch selbst eingestanden, manche seiner „Beweisstücke“ erfunden zu haben. Dabei geht es aber nicht mehr um objektive Wissenschaft, sondern um das Erreichen eines möglichst großen Publikums und den Verkauf seiner – kommerziell erfolgreichen – Bücher.

Geschichtsklitterung

Das Wort geht auf den Titel des 1575 erschienenen Buches Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung von Johann Fischart zurück.[13] Der Begriff wird auch synonym bzw. abwertend für eine absichtliche Geschichtsfälschung verwendet.

Siehe auch

Literatur

  • Richard J. Evans: Der Geschichtsfälscher. Holocaust und historische Wahrheit im David-Irving-Prozess. Campus, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-593-36770-X (über einen Gerichtsprozess, in dem Evans als Gutachter David Irving dessen Holocaustleugnung nachwies).
  • Ernst Haiger: Fälschungen zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs im britischen Nationalarchiv. In: Christian Müller-Straten (Hrsg.): Fälschungserkennung (= Wunderkammer. Bd. 10). Bd. 2. Müller-Straten, München 2015, ISBN 978-3-932704-85-7, S. 211–221.
  • Arnd Hoffmann: Klios „doppeltes Herz“. Zur Bedeutung von Lüge und Fälschung in der Geschichtswissenschaft. In: Tillmann Bendikowski, Arnd Hoffmann, Diethard Sawicki: Geschichtslügen. Vom Lügen und Fälschen im Umgang mit der Vergangenheit. 2. Auflage. Westfälisches Dampfboot, Münster 2003, ISBN 3-89691-499-5, S. 15–53.
  • Lars-Broder Keil, Sven Felix Kellerhoff: Gerüchte machen Geschichte. Folgenreiche Falschmeldungen im 20. Jahrhundert. Ch. Links, Berlin 2006, ISBN 978-3-86153-386-3
  • Hermann Weber: Ulbricht fälscht Geschichte. Ein Kommentar mit Dokumenten zum „Grundriß der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“. Neuer Deutscher Verlag, Köln 1964, DNB 455393796 (gemeint ist Walter Ulbricht, 1949–1971 der „erste Mann“ in der DDR).

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Rolf Cantzen, Kolonialmythen in Deutschland – SWR2-Wissen, Erstsendung 11. März 2016
  2. Albert Speer, Erinnerungen, Ullstein Buchverlage 2005 ISBN 978-3-548-36732-3
  3. Der Spiegel 26.9.1966 Fühlende Brust
  4. Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens, Die Zeit der Weltkriege 1914-1945, 3. Auflage 2016, S. 735 & 984, C.H.Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-59236-2
  5. Deutschlandfunk Kultur – Zeitfragen 23.11.2016, Jochen Stöckmann, Der Lügner und sein Publikum, Albert Speers bemerkenswerte Nachkriegskarriere
  6. Museen der Stadt Nürnberg, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Albert Speer in der Bundesrepublik, Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit
  7. Konrad Fuchs/ Heribert Rab (Hrsg.): Wörterbuch Geschichte, 13. Auflage, München: dtv, 2002, unter Fälschung.
  8. Susan Neiman, Widerstand der Vernunft, Ein Manifest in postfaktischen Zeiten. Ecowin Verlag Salzburg-München 2017 ISBN 978-3-7110-0154-2
  9. Atlas zur Geschichte, Band 2, 3. Auflage, Gotha: VEB Hermann Haack, 1982, S. 89.
  10. Gerhard Wettig: Rezension zu: Steininger, Rolf: Der vergessene Krieg. Korea 1950-1953 Olzog-Verlag, München 2006 , in: H-Soz-Kult, 23.11.2006
  11. Hans-Erhard Lessing: The Leonardo da Vinci Bicycle Hoax. In: Cycle Publishing, 1997.
  12. H. Arendt: Wahrheit und Politik. Berlin 2006, S. 23.
  13. Johann Fischart: Affentheuerlich Naupengeheurliche Geschichtsklitterung. Mit einem Auszug aus dem Gargantua des Rabelais, basierend auf der Texteinrichtung der von Ute Nyssen 1963 herausgegebenen Ausgabe, Eichborn (Die andere Bibliothek), 151, hrsg. v. Hans Magnus Enzensberger, Frankfurt M. 1997, ISBN 3-8218-4151-6.