Hans Asperger

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Johann „Hans“ Friedrich Karl Asperger (* 18. Februar 1906 in Wien; † 21. Oktober 1980 ebenda)[1] war ein österreichischer Kinderarzt und Heilpädagoge. Er gilt als Erstbeschreiber des später nach ihm benannten Asperger-Syndroms, einer Form des Autismus.[2]

Da Asperger seine Veröffentlichungen größtenteils in deutscher Sprache verfasste und sie kaum übersetzt wurden, waren seine Arbeiten zunächst international wenig bekannt. Erst in den 1990er-Jahren erlangte das Asperger-Syndrom internationale Bekanntheit in Fachkreisen. Die britische Psychologin Lorna Wing führte in den 1980er-Jahren die Forschungen Aspergers fort, definierte das Syndrom und benannte es nach seinem Erstbeschreiber.[3]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Asperger war der Älteste von drei Brüdern, der Mittlere starb kurz nach der Geburt, der Jüngste fiel 1942 in Russland. Über sein Elternhaus schrieb er: „Wie bin ich erzogen worden? Mit viel Liebe, ja Selbstentäußerung von meiner Mutter, mit großer Strenge von meinem Vater.“[4] Nach dem Besuch eines Humanistischen Gymnasiums absolvierte er in Wien ein Studium der Medizin. Nach seiner Promotion 1931 arbeitete Asperger als Assistent an der Kinderklinik der Universität Wien.

Seit 1932 leitete er die heilpädagogische Abteilung der Klinik. Eine seiner kleinen Patientinnen war die spätere Schriftstellerin Elfriede Jelinek, „die sich auf Aspergers Station einer heilpädagogischen Therapie unterziehen [musste]. Asperger war fast immer anwesend und las den Kindern vor.“[5] Asperger war Berater beim Wiener Hauptgesundheitsamt und Gutachter in Sonderschulen sowie bei „schwierigen, nervlich oder psychisch auffälligen Kindern“ in Normalschulen.[6]

Nach der Zeit des Nationalsozialismus war er von 1957 bis 1962 im Vorstand der Innsbrucker Kinderklinik. 1962 wurde er Professor für Pädiatrie und Leiter der Universitäts-Kinderklinik in Wien, was er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1977 blieb. 1967 wurde er zum Mitglied der Gelehrtenakademie Leopoldina gewählt.

Hans Asperger war seit 1935 mit Hanna Kalmon verheiratet. Das Ehepaar hatte fünf Kinder. Tochter Maria Asperger Felder ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, spezialisiert für die Diagnose von Autismus und in Zürich praktizierend.[7]

Asperger in der NS-Zeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Rolle während der NS-Zeit Österreichs wird heute anders bewertet als von seinen Anhängern. Asperger galt ihnen auf der Grundlage eigener Nachkriegs-Behauptungen lange Jahre als Gegner der Nationalsozialisten.[8]

Der Historiker Herwig Czech konnte bereits 2013/2014[9][10] durch die Auswertung älterer, bis dahin verschollen geglaubter Akten beweisen, dass Asperger im Rahmen der "Kinder-Euthanasie" in der "Jugendfürsorgeanstalt" Am Spiegelgrund auf dem Anstaltsgelände der "Heil- und Pflegeanstalt" „Am Steinhof“ auf der Baumgartner Höhe in Wien (heutiges Otto-Wagner-Spital) an der Ermordung von Kindern beteiligt war; 2018 publizierte Czech hierfür zusätzliche Belege:[11] So habe Asperger zwei behinderte Kinder direkt an die Wiener Anstalt überwiesen, in der etwa 800 Mädchen und Jungen ermordet wurden. Einen der Fälle hatte Czech bereits 2014 aufgedeckt:

„(Es ist ein Fall) dokumentiert, in dem Asperger persönlich die Überstellung eines Kindes aus der Universitäts-Kinderklinik auf den Spiegelgrund veranlasste. Es handelte sich um die knapp dreijährige Herta Schreiber, die am 27. Juni 1941 von Asperger untersucht wurde. Sein Befund lautete: „Schwere Persönlichkeitsstörung (postenzephalitisch?): schwerster motorischer Rückstand, erethische Idiotie, Fraisenanfälle. Das Kind muss zuhause für die Mutter, die noch für fünf gesunde Kinder zu sorgen hat, eine untragbare Belastung darstellen. Dauernde Unterbringung auf dem ‚Spiegelgrund‘ erscheint unbedingt nötig.“ Bereits am 2. September 1941 verstarb das Kind in der „Nervenklinik für Kinder“.“

[12]

Asperger war zudem als Gutachter in einer Kommission des Wiener Hauptgesundheitsamts, in der entschieden wurde, ob Kinder in Sonderschulen oder in eine "Jugendfürsorgeanstalt" gebracht werden sollten. [13] Czech hält das Narrativ von Asperger als Gegner des Nationalsozialismus und als Beschützer seiner Patienten gegen die Nazi-„Euthanasie“ und andere Rassenhygiene-Maßnahmen für falsch, das Gegenteil treffe zu.[11]

Ferner war Asperger als zuständiger Facharzt der Stadt Wien auch für die Begutachtung von Kindern zur Feststellung einer Schulpflicht in einer Kommission in der Niederösterreichischen Landesnervenklinik Gugging tätig, einer großen psychiatrischen Anstalt mit eigener "Kinderanstalt". Dort wurden schon sehr früh im Rahmen der "Aktion T4" mehr als hundert Kinder nach der Tötungsanstalt Hartheim verbracht und dort vergast. Anfang 1942 waren noch 220 Kinder in der Anstalt, die begutachtet werden sollten, um sie in "noch förderungswürdig" und "nicht mehr förderungswürdig" zu selektieren. Am 16. Februar 1942 wurden angeblich all diese Kinder untersucht. Czech vermutet dagegen, die Kommission verließ sich mehr auf die dokumentierten Krankengeschichten. Insgesamt wurden 160 Kinder begutachtet, 35 wurden als "bildungsunfähig" eingestuft. Es war im Auftrag der Kommission explizit die Rede davon, dass man die "nichtbildungsfähigen" der "Aktion Jekelius", also der Euthanasie, zuführen solle. Asperger war als Gutachter direkt in diesen, insgesamt gesehen natürlich vielstufigen und arbeitsteiligen Prozess der Selektion und letztlich Ermordung am Spiegelgrund involviert.[14]

„Im neuen Deutschland haben wir Ärzte zu unseren alten eine Fülle neuer Pflichten übernommen. So wie der Arzt bei der Behandlung des Einzelnen oft schmerzhafte Einschnitte machen muss, so müssen wir aus hoher Verantwortung Einschnitte am Volkskörper machen. Wir müssen dafür sorgen, dass das, was krank ist und diese Krankheit in fernere Generationen weitergeben würde, zu des Einzelnen und des Volkes Unheil, an der Weitergabe des kranken Erbguts gehindert wird.“

Asperger 1939: [15]

Arbeiten zu Autismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 3. Oktober 1938 hielt er in der Heilpädagogischen Abteilung der Universitätsklinik Wien einen Vortrag, in dem er anhand eines Fallbeispiels die Charakteristika der „autistischen Psychopathen“ darstellte.[16] 1943 reichte Asperger seine Habilitationsschrift ein, die ein Jahr später veröffentlicht wurde: 1944 veröffentlichte Asperger seine Beschreibung des später nach ihm benannten Asperger-Syndroms.[2]

Er selbst nannte die Störung „autistische Psychopathie“. Das Wort „autistisch“ entlieh er von Eugen Bleuler, der damit bestimmte Eigenschaften der Schizophrenie beschrieb, um „die Einengung der Person und ihrer Reaktionen auf sich selbst und die damit verbundene Beschränkung der Re-Aktionen auf die Reize der Umwelt“ zu verdeutlichen. Den Begriff „Psychopathie“ würde man heute am ehesten mit „Persönlichkeitsstörung“ übersetzen. Fast gleichzeitig mit Aspergers Publikation erschien Leo Kanners Arbeit zum frühkindlichen Autismus, welcher große Ähnlichkeiten mit dem „Asperger-Syndrom“ aufwies.

Aspergers Veröffentlichung enthielt die Beschreibung von vier Jungen (Fritz, Harro, Ernst und Hellmuth), die er als „autistische Psychopathen“ bezeichnete. Den Genannten war bei durchschnittlicher bis hoher Intelligenz gemeinsam:

Sie waren selbstbezogen, konnten sich nicht in andere Menschen versetzen und auf diese eingehen. In ihrem Gefühlsleben wirkten die Jungen disharmonisch und im oft angstvollen Verhalten fehlte ihnen die affektive Beteiligung.[17] Asperger nannte sie „kleine Professoren“, da sie über das Gebiet ihres Spezialinteresses detailliert sprechen konnten und oft ein erstaunliches Wissen ansammelten.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das psychisch abnorme Kind. In: Wiener klinische Wochenschrift. Bd. 51 (1938), H. 49, S. 1314–1317.
  • Die „Autistischen Psychopathen“ im Kindesalter. In: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Bd. 117 (1944), S. 73–136. doi:10.1007/bf01837709. (PDF-Datei).
  • Die medizinischen Grundlagen der Heilpädagogik. In: Monatsschrift für Kinderheilkunde. Band 99, Wien 1950, S. 105–107.
  • Heilpädagogik: Einführung in die Psychopathologie des Kindes für Ärzte, Lehrer, Psychologen und Fürsorgerinnen. Wien Springer 1952. ISBN 978-3-662-28619-7. (Digitalisat)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Maria Asperger-Felder: Zum Sehen geboren, Zum Schauen bestellt... Hans Asperger 1906–1980, Leben und Werk. In: Heilpädagogik, 49, H. 3, 2006, S. 2–11
  • Arnold Pollak (Hrsg.): Auf den Spuren Hans Aspergers. Fokus Asperger-Syndrom: Gestern, Heute, Morgen. Schattauer, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-7945-3122-6,
  • Tony Attwood: Das Asperger-Syndrom: Ein Ratgeber für Eltern. Trias/Thieme, Stuttgart 2000, ISBN 978-3-89373-592-1, S. 240
  • Manfred Berger: Hans Asperger. Sein Leben und Wirken. In: Heilpädagogik, H. 4, 2007, S. 29–32
  • Lorna Wing: Asperger’s syndrome: a clinical account. In: Psychl Mne. Bd. 11 (1981), S. 115–129, PMID 7208735.
  • Edith Sheffer: Asperger's Children: The Origins of Autism in Nazi Vienna. W.W. Norton & Company, 2018, ISBN 978-0-393-60964-6.
  • Uta Frith: Asperger and his syndrome. In Frith, Hg.: Autism and Asperger Syndrome. Cambridge University Press, 1991, online 2009 doi:10.1017/CBO9780511526770.001 S. 1–36

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Geburts- und Taufbuch. Pfarre Altlerchenfeld, Wien, 1906, Fol. 17, Reihe-Zahl 50 (Digitalisat, abgerufen am 15. Juli 2017).
  2. a b Hans Asperger: Die „Autistischen Psychopathen“ im Kindesalter. In: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Band 117, Nr. 1, 1944, S. 76–136, doi:10.1007/bf01837709 (autismus-biberach.com [PDF]).
  3. Lorna Wing: Asperger’s syndrome: a clinical account. In: Psychl Mne. Bd. 11 (1981), S. 115–129, PMID 7208735.
  4. Rolf Castell: Hundert Jahre Kinder- und Jugendpsychiatrie. Vandenhoeck & Ruprecht, 2009, ISBN 978-3-89971-658-0, S. 99 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. Verena Mayer, Roland Koberg: Elfriede Jelinek. Ein Porträt, Reinbek 2006, ISBN 978-3-498-03529-7. S. 32.
  6. Hans Weiss: Tatort Kinderheim. Ein Untersuchungsbericht. Deuticke, Wien 2012 ISBN 978-3-552-06198-9. S. 81ff.
  7. Peter Schneider: «Autisten fühlen sich ‹anders›» Interview in: Tages-Anzeiger vom 11. Juni 2013
  8. Kinderarzt und Heilpädagoge - Wie Hans Asperger in den Nationalsozialismus verstrickt war. In: Deutschlandfunk. (deutschlandfunk.de [abgerufen am 15. Juli 2018]).
  9. Christa Hager: Hans Asperger - "Er war Teil des Apparats". In: Autismus. Wiener Zeitung. (wienerzeitung.at [abgerufen am 20. April 2018]).
  10. Hans Asperger’s Nazi Past – Tablet Magazine. Abgerufen am 20. April 2018 (englisch).
  11. a b Herwig Czech: National Socialism, and “race hygiene” in Nazi-era Vienna. In: Molecular Autism. Band 9, 2018, S. 29 ff., doi:10.1186/s13229-018-0208-6. [1]; auf Deutsch ausführlich: Rebecca Masko: Todesurteil: bildungsunfähig, jungle world, 21, 24. Mai 2018, S. 16
  12. Czech: Der Spiegelgrund-Komplex. Kinderheilkunde, Heilpädagogik, Psychiatrie und Jugendfürsorge im Nationalsozialismus. Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaft - Austrian Journal of Historical Studies, ÖZG, Jg. 25, 2014, H. 1+2, Studienverlag ISSN 1016-765X S. 194–219. Online nur über Suchmaschine (individualisierter Open Access)
  13. Autismus: Asperger soll an NS-Verbrechen beteiligt gewesen sein. In: Die Zeit. 19. April 2018, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 20. April 2018]).
  14. Czech, Interview in Wiener Zeitung, 1. April 2014, S. 5 (von 5)
  15. Einführung in die Psychopathologie des Kindes für Ärƶte, Lehrer, Psychologen, Richter und Fürsorgerinnen Fünf Aufl. 1952 – 1968, diese öfters erg. und erw.; letzter Reprint der Ausg. 1968: Springer, Wien 2013. Das Zitat auch bei: Arnold Pollak, Fokus Asperger-Syndrom. Auf den Spuren Hans Aspergers. Gestern, Heute, Morgen. Schattauer, Stuttgart 2015, S. 36. Es war zunächst ein Vortrag von 1939. "Neues Deutschland" heißt hier Großdeutsches Reich, denn Asperger, Mitglied im Bund Neuland, dachte und schrieb völkisch.
  16. Autismus und NS-Rassengesetze in Österreich 1938: Hans Aspergers Verteidigung der »autistischen Psychopathen« gegen die NS-Eugenik. In: Die neue Sonderschule 47 (2002) 6, S. 460–464. Abgerufen am 26. Dezember 2010 (PDF; 128 kB).
  17. Ferdinand Klein, Gerhard Neuhäuser: Heilpädagogik als therapeutische Erziehung. München 2006. S. 36–37. ISBN 978-3-497-01863-5