Helga Schubert

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Helga Schubert ist das Pseudonym der deutschen Schriftstellerin und Psychologin Helga Helm (* 7. Januar 1940 in Berlin), die 2020 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde.[1]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Helga Schubert ist die Tochter einer Volkswirtin, die als Bibliothekarin tätig war, und eines Gerichtsassessors, der 1941 als Soldat im Zweiten Weltkrieg fiel. Sie wuchs in Ost-Berlin auf. Im Jahr 1957 legte sie ihre Reifeprüfung ab und arbeitete anschließend ein Jahr lang in einem Berliner Industriebetrieb am Band. Von 1958 bis 1963 studierte sie Psychologie an der Humboldt-Universität und erwarb den Grad einer Diplom-Psychologin. Sie war von 1963 bis 1977 im Hauptberuf und von 1977 bis 1987 nebenberuflich als klinische Psychologin tätig. Bis 1973 wirkte sie dabei in der Erwachsenen-Psychotherapie, von 1973 bis 1977 war sie wissenschaftlich – mit dem Ziel einer Promotion – an der Humboldt-Universität tätig. Diese Promotion wurde nicht vollendet. Von 1977 bis 1987 wirkte sie an der Ausbildung von Gesprächstherapeuten und in einer Eheberatungsstelle in Berlin mit.

Helga Schubert begann in den 1960er Jahren mit dem Schreiben. Sie veröffentlichte in der DDR neben einer Reihe von Kinderbüchern auch Prosatexte, in denen auf stilistisch ungewöhnlich präzise Art Schicksale aus dem DDR-Alltag geschildert werden. Daneben verfasste Helga Schubert Theaterstücke, Hörspiele, Fernsehspiele und Filmszenarien. Nach der Wende wurde sie vor allem durch ihr dokumentarisches Werk Judasfrauen bekannt, das auf der Grundlage von Aktenstudien das Thema „Denunziantinnen im Dritten Reich“ behandelt.

In der Zeit der Wende und friedlichen Revolution in der DDR war sie von Dezember 1989 bis März 1990 parteilose Pressesprecherin des Zentralen Runden Tisches in Ost-Berlin. In Vorbereitung auf die Bundestagswahl 1994 wurde sie als Parteilose von der CDU-Parteigruppe von Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg innerhalb eines Tages gebeten und auch gewählt, im Wahlkreis Mitte-Prenzlauer Berg gegen Stefan Heym (PDS) und Wolfgang Thierse (SPD) anzutreten. Sie zog diese Kandidatur nach drei Tagen aus persönlichen Gründen zurück.

Helga Schubert gehörte seit 1976 dem Schriftstellerverband der DDR und seit 1987 dem PEN-Zentrum der DDR an. Von 1987 bis 1990 war sie vier Jahre lang Mitglied der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises. Nach der deutschen Wiedervereinigung wechselte sie 1991 zum PEN-Zentrum der Bundesrepublik Deutschland über.

2021 erschienen ihre Erzählungen Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten.[2] Das Werk wurde im Jahr seiner Veröffentlichung für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik nominiert.[3]

Sie ist verheiratet mit dem Maler und früheren Professor für Klinische Psychologie, Johannes Helm, und lebt seit 2008 in Neu Meteln bei Schwerin[4] – auch bekannt als Künstlerkolonie Drispeth.

Ingeborg-Bachmann-Literaturwettbewerb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1980 wurde Schubert auf Vorschlag von Günter Kunert zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur nach Klagenfurt eingeladen, bei denen der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen wird. Sie erhielt jedoch keine Genehmigung zur Ausreise aus der DDR nach Österreich. Begründet wurde die Entscheidung unter anderem damit, dass es keine „deutsche Literatur“ gebe; das Unternehmen „Bachmannpreis“ sei nur dazu da, um dieses Phänomen der deutschen Literatur voranzutreiben. Zudem war Marcel Reich-Ranicki Juryvorsitzender; ihn sah die Stasi als „berüchtigten Antikommunisten“ an.

1987 und in den folgenden Jahren – Reich-Ranicki war nicht mehr Vorsitzender – gehörte sie der Jury an.

2020, im Alter von 80 Jahren, wurde sie auf Vorschlag von Insa Wilke erneut zur Teilnahme eingeladen und wurde damit zur ältesten Teilnehmerin des Wettbewerbs überhaupt,[5] den sie mit ihrem Text Vom Aufstehen auch für sich entschied.[4][6] Er sei eine Hommage an Ingeborg Bachmanns Erzählung Das dreißigste Jahr, die mit einer Reflexion über das Aufstehen beginnt und die den Protagonisten am Ende zum Aufstehen auffordert – Ich sage dir: Steh auf und geh! Es ist dir kein Knochen gebrochen –, sagte Schubert in ihrer Dankesrede, die sie live in einer Videoübertragung von zu Hause aus hielt. Ursprünglich hätte sie den Text, anspielend auf ihr eigenes Alter und Ingeborg Bachmanns Text, Das achtzigste Jahr nennen wollen, habe die Idee dann aber verworfen.[7]

Ehrungen und Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lauter Leben. Geschichten. Aufbau-Verlag, Berlin 1975.
  • Bimmi und das Hochhausgespenst. Kinderbuchverlag, Berlin 1980.
  • Bimmi und die Victoria A. Kinderbuchverlag, Berlin 1981 (zusammen mit Jutta Kirschner).
  • Die Beunruhigung. Filmszenarium. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1982.
  • Bimmi und der schwarze Tag. Kinderbuchverlag, Berlin 1982 (zus. mit Jutta Kirschner).
  • Das verbotene Zimmer. Geschichten. Hermann Luchterhand Verlag, Darmstadt 1982.
  • Das Märchen von den glücklichen traurigen Menschen.[10]
  • Bimmi und ihr Nachmittag. Kinderbuchverlag, Berlin 1984 (zus. mit Jutta Kirschner).
  • Blickwinkel. Geschichten. Aufbau-Verlag, Berlin 1984.
  • Anna kann Deutsch. Geschichten von Frauen. Luchterhand Literaturverlag, Darmstadt 1985.
  • Und morgen wieder …, Berlin 1985.
  • Schöne Reise. Geschichten. Aufbau-Verlag, Berlin 1988.
  • Über Gefühle reden? Berliner Verlag, Berlin 1988.
  • Gehen Frauen in die Knie? Zürich 1990 (zus. mit Rita Süssmuth).
  • Judasfrauen. Zehn Fallgeschichten weiblicher Denunziation im Dritten Reich. Luchterhand Literaturverlag, Frankfurt/Main 1990.
  • Bezahlen die Frauen die Wiedervereinigung? Piper Verlag, München 1992 (zus. mit Rita Süssmuth).
  • Bimmi vom hohen Haus. Kinderbuchverlag, Berlin 1992 (zus. mit Cleo-Petra Kurze).
  • Die Andersdenkende. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1994.
  • Das gesprungene Herz. Leben im Gegensatz. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1995.
  • Die Welt da drinnen. Eine deutsche Nervenklinik und der Wahn vom „unwerten Leben“. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2003.
  • Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2021, ISBN 978-3-423-28278-9.

Filmografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Brigitte Böttcher (Hrsg.): Bestandsaufnahme. Literarische Steckbriefe. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 1976, Helga Schubert, S. 92 f.
  • Alessandro Bigarelli: Ethik und Diskurs im weiblichen Schreiben am Beispiel von Helga Schuberts Geschichten. Peter Lang, Frankfurt 1998.
  • Siegmar Faust: Schubert, Helga. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 2. Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. „Ich musste 80 werden, um das schreiben zu können“, deutschlandfunkkultur.de, gesendet am 21. Juni 2020 (Moderation: Eckhard Roelcke), abgerufen am 22. Juni 2020.
  2. Renate Meinhof: Zu Besuch bei Helga Schubert. Abgerufen am 29. März 2021.
  3. Belletristik – Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021. In: preis-der-leipziger-buchmesse.de. Abgerufen am 13. April 2021.
  4. a b Helga Schubert gewinnt Bachmannpreis, sueddeutsche.de, erschienen und abgerufen am 21. Juni 2020.
  5. Leonore Lötsch: Mit 80 Jahren zum Bachmann-Wettbewerb. NDR.de, 17. Juni 2020, abgerufen am 17. Juni 2020.
  6. Helga Schubert gewinnt Bachmannpreis. Der Spiegel, 21. Juni 2020, abgerufen am 21. Juni 2020.
  7. Marie Schmidt: Den Preis gewinnen. Den Mann weiter pflegen. In: Süddeutsche Zeitung. 21. Juni 2020, abgerufen am 22. Juni 2020.
  8. Christiane Oelrich: Späte Würdigung für Helga Schubert. Berliner Morgenpost, 21. Juni 2020, abgerufen am 21. Juni 2020.
  9. Johanna Steiner: Lauter Leben, lauter Schmerz. In: Die Tageszeitung: taz. 27. Juni 2020, ISSN 0931-9085, S. 14 (taz.de [abgerufen am 27. Juni 2020]).
  10. Originalbeitrag in der Anthologie von Horst Heidtmann, Hg.: Die Verbesserung des Menschen. Märchen. Beitr. von Franz Fühmann u. a.- Luchterhand, Darmstadt 1982. S. 102–108. Die übrigen Beiträge in dieser Sammlung sind Auszüge aus größeren Werken der jeweiligen Autoren.