Hubert Seipel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Hubert Seipel (2014)

Hubert Seipel (* 1950 in Wasserlos/Unterfranken) ist ein deutscher Journalist und Dokumentarfilmer. Er produzierte wiederholt Filme, Bücher und Interviews mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und erhielt hohe Summen aus dem Umfeld des Kremls, ohne diese offen zu legen.

Seipel studierte Politik- und Geschichtswissenschaft an der Philipps-Universität Marburg, außerdem Politikwissenschaft an der London School of Economics.

Er war für den Hessischen Rundfunk tätig. Für den Stern und den Spiegel arbeitete er unter anderem als Auslandskorrespondent. 1985 veröffentlichte er ein Sachbuch über die Flick-Affäre und den Steuerfahnder Klaus Förster, der den Parteispendenskandal aufgedeckt hatte.

Ab 1991 arbeitete er für das ZDF, den WDR und den NDR. Er dokumentierte die VW-Korruptionsaffäre (Die Macht, die Gier und der Größenwahn – Wie der Milliardär Ferdinand Piëch und der Schmied Klaus Volkert VW beherrschten), porträtierte den russischen Gaskonzern Gazprom (Gigant Gazprom – Die Deutschen und ihr Gas aus dem Osten)[1][2] und ging der Affäre um die Bankenholding Hypo Real Estate nach (Gier und Größenwahn).[3] Er führte das weltweit erste Fernsehinterview mit Edward Snowden nach den Snowden-Leaks, das die ARD am 26. Januar 2014 ausstrahlte.[4]

Publikationen über Wladimir Putin

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Porträts und Bücher

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2011 und 2012 begleitete Seipel den russischen Präsidenten Wladimir Putin über Monate für die Dokumentation Ich Putin – ein Porträt zur russischen Präsidentschaftswahl 2012,[5] die in der ARD ausgestrahlt wurde. Am 14. November 2014 führte er in Wladiwostok ein ausführliches Interview mit Putin, das die ARD-Talkshow Günther Jauch am 16. November 2014 sendete.[6] Das Interview wurde sehr kontrovers kommentiert.[7] Kritiken reichen von höchstem Lob für Seipels zurückgenommene Gesprächsführung und die anschließende Analyse durch die Jauch-Runde („Sternstunde des Ersten“, von Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar[8]) bis zum Vorwurf, journalistische Standards zu verletzen und mit einseitiger Gesprächsführung die russische Staatspropaganda unterstützt zu haben (Focus).[9] In einem Interview zu seinem Buch Putin. Innenansichten der Macht kritisierte Seipel 2015 den Begriff „Putinversteher“ in der politischen Debatte.[10] Seipel veröffentlichte 2015 und 2021 zwei Bücher über Putin. Götz Hamann urteilte 2024 in der Zeit, dass Seipels Bücher „dermaßen Putin-freundlich“ sind, dass sie von „politischem Lobbying nicht mehr zu unterscheiden“ sind. Kritik an Putin oder Missstände in Russland benennt Seipel danach keine.[11]

Seipel und Wladimir Putin bei Rossija Sewodnja mit der russischen Übersetzung seines Buchs Putin. Innenansichten der Macht (2016)

Geldflüsse aus Russland

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im November 2023 wurde ein geheim gehaltenener Sponsorenvertrag von 2018 zugunsten Seipels in Höhe von 600.000 Euro bekannt. Die Zahlung erfolgte durch einen Vertrauten Putins, den russischen Oligarchen Alexei Mordaschow.[12] Verdeckt über die Briefkastenfirma De Vere Worldwide Corporation mit Sitz auf den Britischen Jungferninseln wurde Seipel gefördert, um ein Buch „über die politische Landschaft in der Russischen Föderation“ zu schreiben. Eine handschriftliche Notiz auf Seipels Vertrag mit der De Vere Worldwide Corporation deutet auf einen ähnlichen Vertrag von 2013 für seine Putin-Biografie hin.[13] Gegenüber dem NDR räumte Seipel den Abschluss von zwei Verträgen in den Jahren 2013 und 2018 sowie den Erhalt von Geld von Mordaschow ein, bestritt aber eine Einflussnahme durch diesen.[14] Die Enthüllungen stehen im Zusammenhang mit der Recherche Cyprus Confidential internationaler Medien zum Einfluss Russlands auf westliche Staaten.[15][16][17][18]

Seipel hatte zuvor mehrmals abgestritten, Honorare aus Russland erhalten zu haben: 2014 im Gespräch mit Günther Jauch[19] und 2021 in der Radiosendung SWR1 Leute.[20][21]

Der NDR, für den Seipel die Dokumentation Ich Putin – ein Porträt gedreht hatte, gab an, von entsprechenden Zahlungen nichts gewusst zu haben. Er ließ verlauten, dass Seipel „eine etwaige Interessenkollision, wie […] eine Bezahlung“ hätte angeben müssen,[22][23] und setzte eine Untersuchungskommission ein. Man prüfe auch rechtliche Schritte.[24] Auch der Verlag Hoffmann und Campe kündigte eine Überprüfung an und stoppte den Vertrieb der beiden Bücher Seipels über Russland.[25] Das Grimme-Institut kündigte ebenfalls eine Prüfung an, ob man Seipel den Grimme-Preis wieder aberkennt.[26] Der Journalistenverein Netzwerk Recherche strebt einen Ausschluss Seipels an und legte ihm den Austritt nahe.[27] Markus Wehner schrieb anlässlich der Causa in der FAZ, dass deutsche Talkshows des öffentlich-rechtlichen FernsehensPutin-Versteher“ und „Kreml-Apologeten“ jahrelang hofiert hätten.[28] Laut Focus lagen dem WDR bereits 2012 Hinweise auf eine Einflussnahme aus dem Kreml vor.[29] Ende Januar 2024 gab das Grimme-Institut nach Rücksprache mit der Jury von 2009 bekannt, den Preis nicht abzuerkennen. Als Begründung wurde unter anderem angeführt, dass der ausgezeichnete Film keinen Russlandbezug habe.[30]

Ehrungen und Auszeichnungen

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • China – die neue Weltmacht (ARD, 2019)
  • Abgehört und abgenickt (ARD/NDR, 2017)[34]
  • Edward Snowden exclusiv – Das Interview (ARD/NDR 2014)[35]
  • Die Syrienfalle – Deutschland und der Krieg gegen Assad (ARD, 2013)[36]
  • Chaostage – Merkels Kampf um den Euro (ARD/NDR, 2012)[37]
  • Ich Putin – ein Porträt (ARD, NDR, MDR, rbb, Servus TV, 2012)[38]
  • Wohin marschiert die Armee? (ARD/NDR, 2011)
  • So teuer wie möglich – der letzte Kampf der Atomindustrie (ARD/NDR 2011)
  • Die Welt des Josef Ackermann – Wie die Deutsche Bank das Land umkrempelt (WDR/NDR, 2010)
  • Gier und Größenwahn – Wie die Politik bei der Banken-Rettung über den Tisch gezogen wurde (WDR TV-Dokumentation, 2010)
  • Leben und Sterben für Kabul – Wie Deutschland am Hindukusch die Freiheit verteidigt (NDR/WDR, 2009) / Adolf-Grimme-Preis 2009
  • Gigant Gazprom – Die Deutschen und Ihr Öl aus dem Osten (WDR, 2009)
  • Joschka – eine Karriere / Im schnellen Marsch durch die Institutionen (ZDF, 2008)
  • Die Macht, die Gier und der Größenwahn – Dokumentation zum VW-Korruptionsskandal (WDR/NDR, 2007)
  • Und du bist raus – Wie Investoren die Traditionsfirma Grohe auspressen (ARD/WDR TV-Dokumentation, 2006) / Helmut-Schmidt Preis 1. Platz
  • Der Poker um das schwarze Gold – Wie Spekulanten den Ölpreis hochtreiben (WDR, 2006)
  • Opel ist nur der Anfang – die Story (WDR, 2005)
  • Das Gehirn: Al Zawahirii – Stationen eines Glaubenskriegers (WDR, 2004)
  • Vom Niedergang der Genossen die Story (WDR, 2004)
  • Auge um Auge, Zahn um Zahn – das Feilschen der Agenten (ARD/WDR, 2004)
  • Herr, gib mir Geduld, aber sofort! Die Gratwanderung des Superministers Wolfgang Clement (WDR, 2004)
  • Operation Blindflug – das Versagen der US-Agenten (WDR/Arte, 2002)
  • Im Griff der roten Kaiser – fünf Jahrzehnte besetztes Tibet (ZDF, 2002)
  • Für uns oder gegen uns die Story (WDR, 2001)
  • Agent Mauss – das Ende des Schattenmannes (ZDF, 1999)
  • Chronik eines angekündigten Krieges (ZDF Dokumentation über den Kosovokrieg, 1999)
  • Der Kampf um’s Wasser – der gestohlene Euphrat (ZDF, 1998)
  • Im Griff der Generäle – wie das Militär in der Türkei mitregiert (ZDF, 1998)
  • Blut für Diamanten – Executive outcome (ZDF, 1997)
  • Brudermord im Namen Allahs (ZDF, 1996)
  • Die Faust des Propheten (ZDF, 1996)
  • Ein König auf der Kippe (ZDF, 1995)
  • Staatsterror aus Teheran (ZDF, 1994)

Hörbücher (Auswahl)

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Commons: Hubert Seipel – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. Susanne Amann: Porträt einer Männerfreundschaft auf Spiegel Online vom 22. Mai 2007.
  2. Susanne Amann: Hinter den Kulissen des Energiegiganten. Spiegel Online, 22. Februar 2009.
  3. Hendrik Feindt: Teure Rettung: Eine Doku über den Zusammenbruch der Hypo Real Estate. Der Tagesspiegel, 24. März 2010, abgerufen am 21. Dezember 2010.
  4. Snowden exklusiv – Das Interview (Memento vom 28. Januar 2014 im Internet Archive) auf NDR.de; abgerufen am 26. Januar 2014.
  5. Markus Brauck, Matthias Schepp: Der Straßenjunge. In: Der Spiegel. Nr. 8, 2012 (online).
  6. tagesschau.de (Memento vom 17. November 2014 im Internet Archive)
  7. Putin-Interview mit Kalkül (Memento vom 23. November 2014 im Internet Archive), Zapp (NDR), abgerufen am 20. November 2014.
  8. "Das tat der Sache gut, auch wenn Putins Argumente für einen Verstoß gegen das Völkerrecht durch die Annexion der Halbinsel Krim schwer erträglich sind."
  9. Kuschelkurs mit Putin: So verspielt die ARD jede Glaubwürdigkeit. auf Focus.de. Abgerufen am 17. November 2014.
  10. Britta Sandberg, Matthias Schepp: SPIEGEL-Gespräch Putin schwebt auf Wolke sieben. In: Der Spiegel. Nr. 41, 2015 (online).
  11. Götz Hamann: Das Bekenntnis. In: Die Zeit Nr. 5, 25. Januar 2024, S. 22–23 (online).
  12. Inna Hartwich: Der „gute Oligarch von nebenan“: Der Stahlmagnat Alexei Mordaschow galt einst als reichster Russe. Er soll den deutschen Journalisten Hubert Seipel mit 600.000 Euro geschmiert haben. In: Die Tageszeitung. 15. November 2023, abgerufen am 17. November 2023.
  13. Russische Geheimzahlung für deutschen Journalisten Seipel. In: zdf.de. 14. November 2023, abgerufen am 15. November 2023.
  14. Vorwürfe gegen Hubert Seipel: NDR prüft rechtliche Schritte. In: NDR. 14. November 2023, abgerufen am 15. November 2023.
  15. Susanne Amann, Sophia Baumann, Carina Huppertz, Frederik Obermaier, Bastian Obermayer, Timo Schober: Hubert Seipel: Deutscher Reporter erhielt Hunderttausende Euro aus Russland. In: Der Spiegel. 14. November 2023, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 14. November 2023]).
  16. Hans Koberstein, Frederik Obermaier, Bastian Obermayer, Timo Schober: Russische Geheimzahlung für deutschen Journalisten Seipel. In: ZDF. 14. November 2023, abgerufen am 14. November 2023.
  17. Frederik Obermaier, Bastian Obermayer, Timo Schober, Carina Huppertz, Sophia Baumann: Deutscher Journalist Hubert Seipel erhielt heimlich Geld aus Russland. In: Der Standard. 14. November 2023, abgerufen am 14. November 2023 (österreichisches Deutsch).
  18. Kate Connolly: Top German journalist received €600,000 from Putin ally, leak reveals. The Guardian vom 14. November 2023 (englisch).
  19. Johannes Kuhn: Snowden-Show mit Pannen. In: SZ.de, 27. Januar 2014.
  20. Ist ein Kenner der politischen Verhältnisse in Russland | Hubert Seipel | Filmemacher | SWR1 Leute. Abgerufen am 14. November 2023.
  21. Deutscher Journalist und Putin-Erklärer Hubert Seipel erhielt heimlich Geld aus Russland. In: Der Standard. Abgerufen am 14. November 2023 (österreichisches Deutsch).
  22. Michael Hanfeld: TV-Journalist Hubert Seipel erhielt Geld aus Russland. In: FAZ.NET. 14. November 2023, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 14. November 2023]).
  23. Putin-Biograf soll Geld von Russland erhalten haben. In: Tagesschau.de, 14. November 2023.
  24. Geheime Zahlungen aus Russland: NDR setzt im Fall Seipel Untersuchungskommission ein. In: spiegel.de. 14. November 2023, abgerufen am 14. November 2023.
  25. Joachim Huber: Verlag stoppt Buchverkauf: Putin-Biograf Seipel soll 600.000 Euro aus Russland erhalten haben. In: Der Tagesspiegel. ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 14. November 2023]).
  26. Grimme-Institut überprüft Auszeichnung von Putin-Erklärer Hubert Seipel. In: spiegel.de. 16. November 2023, abgerufen am 16. November 2023.
  27. Anton Rainer: Empörung über »Putin-PR«: Journalistenverein will Filmemacher Seipel ausschließen. In: Der Spiegel. 17. November 2023, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 21. November 2023]).
  28. Markus Wehner, Berlin: Fall Hubert Seipel: Wie deutsche Talk-Shows die Putin-Versteher hofierten. In: FAZ.NET. 16. November 2023, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 17. November 2023]).
  29. WDR-Mann bekam Geld aus Russland - und der Sender ignorierte alle Warnungen. In: Focus Magazin, 48/2023.
  30. Nach Prüfung durch die Jury: Hubert Seipel darf seinen Grimme-Preis behalten. In: spiegel.de. 31. Januar 2024, abgerufen am 31. Januar 2024.
  31. Preisträger 2006 (Memento vom 20. Oktober 2014 im Internet Archive)
  32. Preisträger und Inhaltsangabe von Leben und Sterben in Kabul sowie Jurybegründung beim Adolf-Grimme-Institut
  33. Preisträger. In: deutscher-fernsehpreis.de. Abgerufen am 3. Oktober 2014.
  34. ARD-Doku zur NSA-Affäre Ausspähen geht immer
  35. ardmediathek.de (Memento vom 22. Dezember 2015 im Internet Archive)
  36. ARD.de
  37. programm.ard.de
  38. Hubert Seipel: Ich, Putin (Image-Doku von 2012) auf YouTube
  39. Franziska Davies: Prügelknabe des Westens. In: Süddeutsche Zeitung. 20. Juni 2021, abgerufen am 22. November 2021.