Jan T. Gross

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Jan Tomasz Gross (* 1. August 1947 in Warschau) ist ein polnisch-amerikanischer Historiker und Soziologe.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gross wuchs in einer säkularen und politisch linksorientierten katholisch-jüdischen Familie auf. Er ist der Sohn von Hanna Gross geb. Szumańska (1919–1973), einer ehemaligen Angehörigen der Polnischen Heimatarmee, und Zygmunt Gross (1903–1995), einem ehemaligen Mitglied der Polnischen Sozialistischen Partei und Überlebenden des Holocaust, der von Polen versteckt und so gerettet wurde.[1]

Nach seinem Abitur studierte Gross zunächst Physik an der Universität Warschau und wurde infolge der März-Unruhen 1968 in Polen der Hochschule verwiesen sowie fünf Monate inhaftiert. Währenddessen kam es vor allem im Zuge des Sechstagekrieges zu einer, von der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei motivierten, antisemitischen Kampagne. Dies führte dazu, dass in den folgenden Jahren ein Großteil der in Polen noch lebenden Juden das Land verließ. Aufgrund der jüdischen Abstammung väterlicherseits durfte auch Gross ausreisen und siedelte 1969 in die Vereinigten Staaten über, deren Staatsbürgerschaft er später annahm.[2]

1975 erwarb Gross den PhD in Soziologie an der Yale University in New Haven, wo er anschließend bis 1984 als Assistenzprofessor für Social Studies and Soviet Studies lehrte. Anschließend war er 1984 bis 1992 Professor für Social Science an der Emory University bei Atlanta sowie 1992 bis 2003 Professor für Political Science and European Studies an der New York University. Seit 2003 ist er Professor für Geschichte an der Princeton University, wo er sich auf die Geschichte der Weltkriege spezialisierte. Darüber hinaus war Gross unter anderem Gastprofessor an der Harvard University, Stanford University, University of California in Berkeley und Columbia University sowie in Paris, Wien, Krakau und Tel-Aviv.[3]

1994 bis 1998 war Gross Chefredakteur der Zeitschrift East European Politics and Societies, später Mitbegründer der Vierteljahresschrift Aneks. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen zählen vor allem Arbeiten zur Geschichte Polens im Zweiten Weltkrieg.

Für Verdienste um die Verständigung zwischen Polen und anderen Nationen wurde ihm 1996 der Verdienstorden der Republik Polen[4] verliehen. Er war außerdem Senior Research Fellow im Fulbright-Programm sowie Fellow der John Simon Guggenheim Memorial Foundation und der Rockefeller Foundation.

Kontroversen in Polen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

International bekannt wurde Gross durch das Buch „Nachbarn“ aus dem Jahr 2001, in dem er erstmals die Ermordung der jüdischen Einwohner der Stadt Jedwabne durch ein Pogrom ihrer polnischen Mitbürger im Jahr 1941 beschreibt. Vor allem in Polen löste das Buch hitzige Debatten aus und führte zu einer teilweisen Veränderung des weitverbreiteten Geschichtsbildes, Polen seien während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg nur Opfer gewesen. Im Buch „Fear: Anti-Semitism in Poland after Auschwitz“ beschreibt er des Weiteren den polnischen Antisemitismus in den Jahren 1945 bis 1946. Er konzentriert sich auf das Pogrom von Kielce vom 4. Juli 1946, in dem 42 Personen ermordet wurden, beschreibt jedoch auch jene anderer Orte, an denen Juden in den Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeit getötet wurden; zum Beispiel beim Pogrom von Krakau.[5][6]

Teilweise unterscheiden sich die Titel und Inhalte der englischen Originalveröffentlichungen von den polnischen Übersetzungen. In Letzteren ließ Gross Inhalte aus, weil er von einem anderen Wissensstand der polnischen Leserschaft ausging. Am 8. Mai 2008 bedauerte Gross in einem Gespräch mit Deborah Lipstadt beim Yiddish Scientific Institute dies.

2006 regierte der Sejm, das Unterhaus des polnischen Parlaments, damals angeführt von der national-konservativen Partei Recht und Gerechtigkeit als stärkster Fraktion, mit der Verabschiedung der sogenannten Lex Gross. In dem erweiterten § 132a des Strafgesetzbuches wurden jedem bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe angedroht, der „öffentlich die polnische Nation der Teilnahme, Organisation oder Verantwortung für kommunistische oder nationalsozialistische Verbrechen bezichtigt“.[7] Am 19. September 2008 hat das polnische Verfassungsgericht das Gesetz jedoch als unvereinbar mit der polnischen Verfassung erklärt und aufgehoben.[8]

Sein 2011 in Polen erschienenes Buch „Golden Harvest“ (poln. „Złote żniwa“) löste erneut heftige Kontroversen aus. Am Beispiel der Bauern, die vor den deutschen Besatzern geflohene Juden ermordeten, um sie auszurauben, oder nach dem Krieg das Gelände von Treblinka nach Goldzähnen und Schmuck durchwühlten, stellte er die These auf, viele Polen hätten vom Holocaust profitiert.[9] Das Jüdische Historische Institut in Warschau warf ihm Polemik und die Manipulation seiner Leser durch unverhältnismäßige Darstellungen auf Basis reiner Schätzungen vor.[10]

Der polnische Botschafter in Deutschland, Jerzy Margański, warf Gross negative Stimmungsmache vor, nachdem dieser im September 2015 in einem Beitrag für Die Welt unter dem Titel Die Osteuropäer haben kein Schamgefühl[11] Vergleiche zwischen der Angst vor Flüchtlingen aus dem Nahen Osten und einem vermeintlich weit verbreiteten Antisemitismus in Ostmitteleuropa gezogen hatte.[12] In der Folge leitete der Warschauer Bezirksstaatsanwalt eine Untersuchung ein wegen Verdachts des Verstoßes gegen § 133 des polnischen Strafgesetz-Kodexes, der besagt, dass mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren zu rechnen hat, wer ... öffentlich das polnische Volk oder die polnische Republik herabwürdigt / Kto publicznie znieważa Naród lub Rzeczpospolitą Polską, podlega karze pozbawienia wolności do lat 3.[13] Die Kanzlei des Präsidenten Andrzej Duda richtete ein Ersuchen an das Außenministerium, die Möglichkeit einer Aberkennung des Verdienstordens der Republik Polen zu prüfen.[14] Dem Deutschlandfunk gegenüber erklärte Gross in einem Interview am 18. Februar, er sei zu einer Ordensrückgabe bereit und würde sich eine entsprechende Aufforderung rahmen lassen.[15]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jan T. Gross: Polish Society Under German Occupation - Generalgouvernement, 1939-1944. Princeton University Press, Princeton, NJ 1979.
  • Jan T. Gross: W czterdziestym nas matko na Sybir zesłali .... Aneks, London 1984.
  • Jan T. Gross: Revolution from Abroad. The Soviet Conquest of Poland’s Western Ukraine and Western Belorussia.. Princeton University Press, Princeton 1988, ISBN 0-691-09433-0.
    • dt.: Und wehe, du hoffst...: Die Sowjetisierung Ostpolens nach dem Hitler-Stalin-Pakt; 1939-1941, Freiburg/Br: Herder 1988 ISBN 3-451-08404-X
  • Jan T. Gross: Upiorna dekada, 1939-1948. Trzy eseje o stereotypach na temat Żydów, Polaków, Niemców i komunistów. Universitas, Kraków 1998.
  • Jan T. Gross: Studium zniewolenia. Universitas, Kraków 1999.
  • Lato 1941 w Jedwabnem. Przyczynek do badań nad udziałem społeczności lokalnych w eksterminacji narodu żydowskiego w latach II wojny światowej. in Non-provincial Europe, Krzysztof Jasiewicz ed., Warszawa - London: Rytm, ISP PAN, 1999, pp. 1097-1103
  • Jan T. Gross: The Politics of Retribution in Europe: World War II and Its Aftermath. Princeton University Press, Princeton, NJ 2000, ISBN 0-691-00953-8.
  • Jan T. Gross: Neighbors: The Destruction of the Jewish Community in Jedwabne, Poland. Princeton University Press, Princeton, NJ 2001, ISBN 0-691-08667-2.
  • Jan T. Gross: Wokół Sąsiadów. Polemiki i wyjaśnienia. Pogranicze, Sejny 2003, ISBN 83-86872-48-9.
  • Angst : Antisemitismus nach Auschwitz in Polen. Aus dem Poln. von Friedrich Griese unter Mitarb. von Ulrich Heiße. Berlin : Suhrkamp, 2012, ISBN 978-3-518-42303-5
    • Jan T. Gross: Fear: Anti-Semitism in Poland After Auschwitz. Random House, 2006, ISBN 0-375-50924-0.
    • poln.: Strach: Antysemityzm w Polsce tuż po wojnie. Historia moralnej zapaści. Kraków: Wydawn. Znak, 2008 ISBN 978-83-240-0876-6
  • Jan T. Gross: Golden Harvest. Oxford University Press, 2011, ISBN 978-0-199-73167-1.
    • poln.: Złote żniwa: Rzecz o tym, co się działo na obrzeżach zagłady Żydów. Kraków: Wydawn. Znak, 2011 ISBN 978-83-240-1523-8

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Oko w oko z tłuszczą, Rzeczpospolita, (polnisch)
  2. Seite zu Jan T. Gross bei der Princeton University
  3. Andrzej Kaczyński: „Jan Tomasz Gross“, culture.pl
  4. Bucerius Institute for Research of Contemporary German History and Society, University of Haifa, Israel
  5. Marta Kijowska: Schocktherapie statt Rekonvaleszenz. In Neue Zürcher Zeitung vom 26. Januar 2008
  6. Kollaboration durch Nichtstun. St. Galler Tagblatt, 25. Jan. 2008
  7. Alice Bota: Ganz ohne Scham. Ein Buch wirft Polen vor, nach Kriegsende 1500 Juden getötet zu haben., in: Die Zeit, Ausgabe Nr. 5 vom 24. Januar 2008, S. 9
  8. Polen: Strafe für Bezichtigung des Volkes der Verbrechen verfassungswidrig.
  9. Gerhard Gnauck: Zweiter Weltkrieg: Schnäppchenjagd in den Ruinen von Treblinka. WELT ONLINE. 25. Februar 2011. Abgerufen am 20. März 2012.
  10. August Grabski: Jednostronność Grossa. Abgerufen am 16. September 2015.
  11. Die Osteuropäer haben kein Schamgefühl, Die Welt vom 13. September 2015, abgerufen 18. Februar 2016
  12. Brief von Herrn Botschafter Jerzy Margański an den Chefredakteur der „Welt“. In: www.berlin.msz.gov.pl. Abgerufen am 17. September 2015.
  13. Jest śledztwo ws. słów Jana T. Grossa, onet.pl vom 15. Oktober 2015, abgerufen 18. Februar 2016
  14. Gross straci państwowe odznaczenie? Prezydent poprosił MSZ o opini, Wprost vom 9. Februar 2016, abgerufen 18. Februar 2016
  15. Die Polen und ihre Geschichte – "Es geht Richtung Autoritarismus", Deutschlandfunk vom 18. Februar 2016, abgerufen 18. Februar 2016