Justus Dahinden

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Justus Alois Dahinden (* 18. Mai 1925 in Zürich; † 11. April 2020 ebenda[1][2]) war ein Schweizer Architekt. Er war Professor der Technischen Universität Wien und einer der wichtigsten Vertreter der Nachkriegsarchitektur in der Schweiz.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zelthaus auf der Rigi (1955)
Kirche St. Paulus, Dielsdorf (1960–1962)
Trigondorf Zürich (1969)
Ferrohaus in Zürich (1970)
Tantris in München (1974)
Basilika der Märtyrer von Uganda, Wallfahrtsort Namugongo (1975)
Universitätsbibliothek der Technischen Universität Wien (1984)
Migros OM Supermarkt in Bern-Ostermundigen (1987)
Wohnpark Binzmühle Zürich (2005)

Justus Dahinden, Sohn des Schweizer Skipioniers, Schriftstellers und Filmemachers Josef Dahinden, studierte von 1945 bis 1949 an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich Architektur, wie auch seinerzeit Max Frisch, Alberto Camenzind und Hans Hofmann. Von 1949 bis 1952 war er Assistent am Lehrstuhl von William Dunkel, bei dem er nach dem Studium auch eine Anstellung fand.[3] Ab 1955 hatte Dahinden ein eigenes Atelier in Zürich. 1956 wurde er mit seiner Arbeit Standortbestimmung zur Gegenwartsarchitektur an der ETH promoviert. 1974 erhielt er einen Ruf als Ordinarius für Raumgestaltung und Entwerfen an die TU Wien. Er wurde gleichzeitig Vorstand des Institutes für Raumgestaltung und Entwerfen an der Technischen Universität Wien.

Er war Mitglied und Ehrenmitglied verschiedener internationaler Organisationen und Vereinigungen, wie beispielsweise der „Groupe International d’Architecture Prospective“ (GIAP) in Paris, der SIAC „Société Internationale d’Artistes Chrétiens“ und des „Colegio De Arquitectos Del Estado De Jalisco AC“ in Mexico, und wurde mit diesen Gremien bekannt. Internationale Beachtung fand das 1984 durchgeführte „Internationale Architektur Symposium ‚Mensch und Raum‘“ an der TU Wien, an dem beispielsweise Bruno Zevi, Dennis Sharp, Pierre Vago, Jorge Glusberg, Otto Kapfinger, Frei Otto, Paolo Soleri, Ernst Gisel, Ionel Schein und andere teilnahmen.

Justus Dahinden wurde im Jahre 1995 emeritiert, war aber gleichwohl noch Leiter der Forschungseinheit Mensch und Raum an der TU Wien. Über sein Wirken an der TU Wien hinaus war Justus Dahinden an verschiedenen Hochschulen und Universitäten in aller Welt als Lehrperson gefragt, wie als Professor an der Universidad de Buenos Aires, und der International Academy of Architecture (IAA) in Sofia / Bulgarien. 2009 wurde sein Büro als neues „IAA Center Zürich“ initiiert, um die International Academy of Architecture weltweit zu unterstützen.

Dahinden war ab 1950 verheiratet; aus der Ehe stammen drei Kinder. Mit seinem Sohn Ivo Dahinden, ebenfalls Architekt, arbeitete er die letzten Jahre zusammen. Für seine Familie und sich baute Justus Dahinden 1971 eine Villa in Zürich-Witikon. Dort lebte er bis 2017.[4] Im April 2020 starb er im Alter von 94 Jahren in einem Pflegeheim in Witikon.[5]

Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dahinden lieferte ein umfassendes Werk an Kirchen, Freizeitbauten und Büro- und Wohnanlagen und darüber hinaus rationalen, zugleich provokanten architektonischen und städteplanerischen Denkexperimenten und städtebaulichen Utopien.[6] Als Mitglied im 1957 gegründeten Bundes der Missionsarchitekten BMA baute er weltweit über 30 Kirchenbauten. Schon Ende der 1960er-Jahre beschäftigte er sich mit Systembauten, wie das im Trigon-Dorf in Zürich umgesetzte aus dreieckigen vorgefertigten Wohnbauten entwickelte Trigon-System. Es folgten weietre wie das Quadrivium-System und das Cubo-System sowie das Bubble-System, das er zusammen mit dem Schalenbauer Heinz Isler für den Iran entwickelte. Bekannt wurde er auch mit Bauten wie dem Restaurant Tantris in München und dem ebenfalls in Münchein entstandenen und nach sechs Jahren abgerissenen Schwabylon, einer „stufenpyramidenförmige Freizeitstadt, aussen mit einer aufgehenden Sonne bemalt und mit einer Diskothek in einem Haifischtank im Innern“.[6] Das Ferrohaus (heute Pyramide am See) in Zürich gilt als einer der Meilensteine seiner Architektur. Mit urbanen Stadtstrukturen für morgen entwickelte er die Freizeitwelten «Akro-Polis», «Radio City» und «Kiryat Ono» in Hügelstädten und modernen Pyramiden.[2][7]

Neben gesellschaftsrelevanten Projekten erforschte Justus Dahinden theoretische Grundlagen, aufbauend auf gestaltpsychologischen und philosophischen Erwägungen, verschiedenen Grundbegriffen wie dem „Gesetz der Drei“ (Synthese von Struktur, Gestalt und Geist), der Idee des „Kontextualismus in der Architektur“ (Einheit zwischen Bauwelt, Natur und Mensch) oder der „Philosophie der Schräge“.[8] Die Integration ökologischer (biogenetischer) Aspekte, in architektonische „Archetypen“, war Grundlage seiner Architekturentwürfe, beispielsweise in seinen Stadthügelprojekten. Dahinden hat sich darüber hinaus intensiv mit Archigram und den Metabolisten auseinandergesetzt.

Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, Forschungsarbeiten und Aufsätze über Architekturtheorie und Technik; in seinem 2005 erschienenen Buch „Mensch und Raum“ hat er die Begegnung des Menschen mit dem Raum zusammengefasst. Für seine Bauten und Entwürfe erhielt er zahlreiche internationale Anerkennungen sowie Preise in nationalen und internationalen Wettbewerben. 1981 wurde ihm der Grand prix d’architecture du Cercle d’études architecturales verliehen.

Teile seines Nachlasses befinden sich im Archiv des Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) an der ETH Zürich.[6]

Wichtige Bauten und Projekte (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1955 Zelthaus auf der Rigi für Josef Dahinden[9][10]
  • vor 1959: Mövenpick-Restaurant Dreikönig in Zürich[11]
  • 1959–1960 Handwerkerschule Taitung, Taiwan mit Kapelle[12]
  • 1960–1963 Schulhaus Weggis, Schweiz[13]
  • 1960–1962 Kirche St. Paulus (Dielsdorf), Schweiz
  • 1963–1965 Kirche Maria Krönung (Zürich-Witikon), Schweiz
  • 1964 Feriendorf Pro Juventute, Fornasette, Gemeinde Monteggio (TI)
  • 1964–1965 Kirche Herz Jesu Buchs SG, Schweiz
  • 1966 Katholische Kirche St. Franziskus (Hüttwilen)
  • 1969 Trigon-Dorf im Doldertal Zürich, Schweiz[14]
  • 1969 Restaurants im Swiss Centre, London
  • 1970–2005 über 30 Kirchenbauten in Afrika, Taiwan, Deutschland, Italien, Schweiz
  • 1970 Pfarrkirche St. Antonius in Wildegg, Schweiz
  • 1972 Hotel Aarauerhof, Aarau, Schweiz
  • 1972 Kathedrale Mityana Pilgrims’ Shrine in Mityana, Uganda
  • 1973 Basilika der Märtyrer von Uganda in Namugongo, Uganda[15]
  • 1970 Ferrohaus Zürich (heute: Klinik Pyramide am See, Zürich)[16][17]
  • 1971 Restaurant Tantris in München, Deutschland[18][19]
  • 1973 Schwabylon in München, Deutschland[20]
  • 1974 Pfarrei Bruder Klaus / Mehrzweck-Kirche in Spiez, Schweiz (seit 1994 unter Denkmalschutz)
  • 1976 La chiesa di San Giuseppe in Monza, Italien
  • 1979 Pfarrkirche St. Jakobus mit Pfarrzentrum, Pfarrhaus und städtischem Gemeinschaftshaus, Limburg-Lindenholzhausen, Deutschland.
  • 1980 Feriendorf Twannberg, Schweiz (Grand Prix d’Architecture 1981)
  • 1981 St. Pauluskirche Ingelheim am Rhein[21], Deutschland
  • 1982 Stierenhaus in Witikon, Schweiz (Die Skulpturen stammen vom Schweizer Künstler Bruno Weber)
  • 1983 Parkhotel Bad Mergentheim, Deutschland
  • 1984 Freizeitzentrum Tel Aviv, Israel
  • 1984 Universitätsbibliothek der Technischen Universität Wien (zusammen mit Gieselmann, Marchart, Moebius & Partner)
  • 1985 Kettenhaussiedlung „Gass“ in Gaggenau, Deutschland (zusammen mit Guido Krucker)
  • 1987 Migros OM Zentrum Ostermundigen, Schweiz (zusammen mit Ivo Dahinden, Christoph Wagener)
  • 1987 Gymnasium Derksen in München, Deutschland (zusammen mit Guido Krucker, Christoph Wagener)
  • 1989 Pier Pile Project New York, USA (zusammen mit Christoph Wagener)
  • 1992 La chiesa San Maximilian Kolbe in Varese, Italien (zusammen mit Ihab Morgan)
  • 2002 Basilika in St. Petersburg, Russland (zusammen mit Rudolf Plech)
  • 2003 Heilige Franziskus Kirche und Minoriten-Kloster, Bratislava (in Kooperation mit STUDIO FOR); Nominierung für den Mies van der Rohe Award for European Architecture 2003[22][23]
  • 2005 Binzmühle in Zürich, Schweiz (zusammen mit Ivo Dahinden)
  • 2005 „aquabasilea“ (Erlebniswelt Raurica Nova), Schweiz (zusammen mit Ivo Dahinden)[24]
  • 2007 Umbau Grand Hotel Kronenhof in Pontresina (zusammen mit Ivo Dahinden)

Ehrungen und Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wichtige Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gruppenausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paris (1967), Salzburg/München (1968), Moskau/London/St. Louis (1969), New York/Lyon (1973), Zürich (1974), Warschau (1975), Lausanne (1976), Moskau/ETH Zürich (1978), Museum of Modern Art New York MOMA (1979), Paris/ USA (1981), Mailand/Sofia/Tokio (1985), Buenos Aires (1986/1989), São Paulo/Belo Horizonte (1987), Rom/Moskau/Tiflis (1988), Bratislava, Prag (1991)

„The Fifty World’s Leading Architects“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Architektur-Triennale Belgrad (1985)

Wanderausstellung eigener Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1981 bis 1987 Paris, USA, Mailand, Sofia, Tokio, Buenos Aires, São Paulo, Belo Horizonte, Rom

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1956 Standortbestimmung der Gegenwartsarchitektur. Verlag Girsberger, Zürich
  • 1966 Bauen für die Kirche in der Welt. Echter-Verlag, Zürich
  • 1971 Stadtstrukturen für morgen. Verlag Gerd Hatje, Stuttgart, ISBN 3-7757-0011-0
  • 1971 Construire pour l’Eglise dans le monde. Verlag St. Paul, Fribourg
  • 1972 Urban Structures for the Future. Pall Mall Press, New York
  • 1973 Denken-Fühlen-Handeln. Verlag Karl Krämer, Stuttgart und A. Kraft, Lausanne, ISBN 3-7828-1423-1; Monographie
  • 1973 Neue Restaurants. mit Günther Kühne. Verlag Callwey, München, ISBN 3-7667-0292-0
  • 1974 Akro-Polis. Frei-Zeit-Stadt / Leisure City. Verlag Karl Krämer, Bern / Stuttgart, ISBN 3-7828-1018-X
  • 1974 Kunst und Kirche. Kunstverlag Linz
  • 1987 Architektur in Deutschland '87 / Deutscher Architekturpreis 1987. mit Christian Norberg-Schulz und Jürgen Joedicke. Verlag Karl Krämer, Stuttgart, ISBN 3-7828-1496-7
  • 1988 Justus Dahinden – Architektur – Architecture. Verlag Karl Krämer, Stuttgart, ISBN 3-7828-1601-3; Monographie
  • 1991 M… anders /autrement /different. Migros-Zentrum Ostermundigen. Verlag Karl Krämer, Stuttgart, ISBN 3-7828-1608-0
  • 1996: Bruno Webers phantastische Welt: von der Harmonie zwischen Phantasie und Natur; der Weinrebenpark als Gesamtkunstwerk. Weitbrecht, Stuttgart / Wien / Bern 1996, ISBN 3-522-72185-3 / ISBN 3-522-72155-1.
  • 2005 Mensch und Raum – Man and Space. ETH-Bibliothek Zürich (Hrsg.), Verlag Karl Krämer Stuttgart, ISBN 978-3-7828-1614-4 (deutsch/englisch)
  • 2014 Architektur – Form und Emotion. Verlag Karl Krämer Stuttgart, ISBN 978-3-7828-1617-5 (deutsch/englisch)

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Justus Dahinden – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Köbi Gantenbein: Der Pyramidenbauer ist nun im Himmel. In: Tages-Anzeiger. 20. April 2020, abgerufen am 20. April 2020.
  2. a b Sabine von Fischer: Architekt Justus Dahinden hat nicht nur die Pyramide neu erfunden. In: nzz.ch. Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 14. April 2020, abgerufen am 14. April 2020.
  3. Justus Dahinden (1925–2020), ETH Zürich. Aufgerufen am 6. Mai 2018
  4. Haus Dahinden. In: openhouse-zuerich.org, abgerufen am 20. April 2020.
  5. Urs Tremp: Nachruf: Justus Dahinden baute die Pyramide am See. In: NZZ am Sonntag, 18. April 2020.
  6. a b c Hella Schindel: Justus Dahinden 1935–2020. In: espazium.ch. espazium, 14. April 2020, abgerufen am 15. April 2020.
  7. Gregor Harbusch: Pyramidenbauer vom Zürichsee. Zum Tod von Justus Dahinden. In: baunetz.de. BauNetz, 14. April 2020, abgerufen am 15. April 2020.
  8. Schräger wohnen. In: Der Spiegel. Nr. 13, 1989, S. 218–223 (online).
  9. Architektur am Tourismusweg: Unterstette – Dahindens erstes Meisterwerk, 8. August 2013 (Memento vom 22. Dezember 2015 im Internet Archive)
  10. Ferienhaus auf dem Rigi, ETH Zürich, Auszug aus (Das) Werk, 43/1956
  11. Alexander Koch (Hrsg.): Cafes, Restaurants, Bars. Stuttgart, 1959
  12. Laurenz Schelbert: Kapelle der Handwerkerschule Taitung, Altar und Kreuzweg | Missionsgesellschaft Bethlehem. Abgerufen am 22. April 2020 (deutsch).
  13. Schulhausanlage Weggis, ETH Zürich, Auszug aus (Das) Werk, 51/1964 (PDF)
  14. Luftaufnahme Trigon-Dorf im Doldertal Zürich
  15. About Namugongo Shrine and Parish. Uganda Martyrs Namugongo Shrine
  16. Urs Willmann: Diese Liebe rostet nicht. In: Die Zeit, Nr. 20/1994
  17. Ralph Hofbauer: Das Dolder Grand unter Zürichs Spitälern. In: Tages-Anzeiger, 25. September 2009 (Archiv)
  18. Aufregende Restaurants in Deutschland: Tantris München. (Memento vom 17. Mai 2008 im Internet Archive) Die Welt, 20. April 2008
  19. Orgien in grellem Orange. (Memento vom 25. Mai 2010 im Internet Archive) (PDF) Die Tageszeitung, 12. November 2005
  20. „Schwabylon – Hommage an Justus Dahinden“, Bayerische Architektenkammer, Dezember 2005
  21. St. Paulus. Abgerufen am 10. Dezember 2019.
  22. Eintrag auf Mies-Arch, 3. August 2009
  23. „S. Francesco D’Assisi a Bratislava“, Chiesa Oggi 63, abgerufen am 3. August 2009
  24. „Grundsteinlegung: aquabasilea“, 27. November 2007 (Memento vom 29. Juni 2008 im Internet Archive)