KZ-Außenlager Kempten

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KZ-Außenlager Kempten: Die KZ-Häftlinge mussten im rauen alpinen Winter in dünner KZ-Häftlingskleidung das Gelände vom Schnee befreien. Im Hintergrund ist die Tierzuchthalle zu sehen, in welcher die Häftlinge von April 1944 bis zur Befreiung 1945 untergebracht waren. Diese und viele weitere Zeichnungen entstanden 1944/45 durch einen unbekannten Künstler, einen KZ-Häftling. Laut Historiker Markus Naumann haben Bildnisse, die in den Kriegsjahren entstanden und aus dem Alltag eines KZ-Außenlagers stammen, Seltenheitswert.

Das KZ-Außenlager Kempten war vom 15. September 1943 bis 25. April 1945 eines der 169 Außenlager des Konzentrationslagers Dachau. In ihm mussten mehr als 650 bis 850 männliche KZ-Häftlinge Zwangsarbeit leisten.[1] Zum Aufbau gezwungen wurden die KZ-Gefangenen durch die Schutzstaffel (SS), die auch den Betrieb sicherstellte. Die Inhaftierten in Kempten (Allgäu) wurden vor allem im Auftrag von BMW bei der Helmuth Sachse KG eingesetzt. Zusätzlich gab es im heutigen Kempten ein zweites KZ-Außenlager in Kottern-Weidach.

Entstehungshintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Doppelsternmotor BMW 801(D)

Mit Fortschreiten des Zweiten Weltkriegs wurden die Ballungsräume immer stärker durch Luftangriffe der Alliierten gefährdet. Daher wurde die Waffenproduktion in die Provinz verlagert, auch ins Allgäu, unter anderem nach Kempten. Der frühere BMW-Entwicklungsleiter Helmuth Sachse (* 24. April 1900; † 26. Dezember 1971 in Lindau)[2] hatte sich im April 1942 selbständig gemacht. Er richtete in der ein Jahr zuvor stillgelegten Textilfabrik Spinnerei und Weberei Kempten in der Keselstr. 14 eine Fabrik ein und arbeitete zunächst mit dem Münchner Unternehmen Uher zusammen.

Nachdem die BMW-Produktion in Milbertshofen durch Bomben zerstört worden war, bat BMW ihn zwischen Frühjahr und Sommer 1943, er möge langfristig einen Großteil der Kommandogerätefertigung für den 801-Motor für BMW übernehmen.[3] Dieser 14-zylindrige Doppelstern-Einspritzmotor wurde unter anderem im etablierten deutschen Jagdflugzeug Focke-Wulf Fw 190 eingesetzt. Die zu fertigenden Kommandogeräte[4] automatisierten die Motorfunktionen. Sobald der Pilot Ladedruck und Drehzahl gewählt hatte, konnte er sich somit ganz dem Luftkampf widmen. BMW übernahm einen guten Teil der Fabrikkosten und beteiligte sich auch direkt an der Helmuth Sachse KG Luftfahrt-Gerätebau, Kempten. Dort wurden auch Planetenradträger, Luftschraubenwellen, Lagergehäuse, Schwinghebel und andere Kleinteile für den BMW-801-Motor sowie Regelungen für das Strahltriebwerk BMW 003 produziert und zu BMW nach München geliefert.[3]

Errichtung und Betrieb des KZ-Außenlagers[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Personalbeschaffung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im August 1943 wurden die ersten 100 Häftlinge vom KZ Dachau zum Aufbau des Außenlagers Kempten für die Arbeit in der Helmuth Sachse KG überführt, weitere folgten.[5] Allein vom 27. Mai 1944 bis 13. April 1945 ließen die Nationalsozialisten laut Stärkemeldung des Außenkommandos KZ Dachau 14 Transporte von Häftlingen per Bahn und LKW vom Konzentrationslager Dachau nach Kempten durchführen.[6] Darunter war am 2. August 1944 auch der Bahntransport von 300 bis 350 Franzosen, unter ihnen der Journalist und Widerstandskämpfer Louis Terrenoire, der seine Erlebnisse später veröffentlichte.[7]

Organisation der Todesmaschinerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vom 26. Mai 1944 bis 13. April 1945 veranlassten die Nationalsozialisten laut Stärkemeldung des Außenkommandos des KZ Dachau insgesamt 40 Transporte per Bahn und LKW von Kempten in das Konzentrationslager Dachau.[6] Auf diese oft letzte Reise in den Tod wurden mindestens 146 Arbeitsunfähige, Kranke und Schwerstkranke geschickt.[3] Auch einige der Verstorbenen wurden dorthin transportiert. Nur relativ wenige Inhaftierte wurden direkt in Kempten umgebracht und bestattet. Das Geschäft des Todes betrieben die SS-Totenkopfverbände vor allem zentralisiert im KZ Dachau und anderen Konzentrationslagern. In Kempten wurde selektiert und zugearbeitet.

Zwangsarbeit der KZ-Häftlinge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Standort bis April 1944 – Sheddachhalle Spinnerei Weberei Kempten (2011)

Helmuth Sachse KG – im Auftrag von BMW[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ab Sommer 1943 ersten 100 Inhaftierten des KZ-Außenlagers mussten die Webstühle der ehemaligen Spinnerei und Weberei Kempten im Keller einlagern und diese Weberei zum Rüstungsbetrieb umbauen. Ein hoher Stacheldrahtzaun sowie Wachtürme umgaben das Gelände. Im März 1944 lief die Kommandogerätefertigung erfolgreich an,[8] ab Sommer mit ca. 1.000 Stück im Monat.[3] Im Herbst 1944 kamen weitere Fertigungszweige hinzu, u. a. Präzisionsteile für BMW-801-Motoren, d. h. Teile des Kurbelgehäuses, Zylinder und dergleichen. Zahnräder wurden unter dem Tarnnamen Allgäuer Vertriebsgesellschaft im Kasernengebäude am Ostbahnhof unter Einsatz von mehr als 750 Arbeitskräften hergestellt.[9] Ende 1944 arbeiteten etwa 2000 Beschäftigte bei Sachse, darunter etwa 500 KZ-Häftlinge sowie 800 bis 1000 Zwangsarbeiter. Die meisten stammten aus westlichen Staaten, v. a. Frankreich, weitere aus Polen, Russland und der Ukraine. Die KZ-Häftlinge waren am Arbeitsplatz ähnlichen Arbeitsbedingungen unterworfen wie die Zwangsarbeiter und die übrige Belegschaft, diejenigen aus Polen und Russland wurden jedoch in eigenen Arbeitsbereichen abgegrenzt. Die Schutzstaffel (SS) hatte die Kontrolle vor Ort.[3]

Sechs bis acht, zeitweise bis zu 40 Inhaftierte des KZ-Außenlagers bekamen andere Aufgaben und mussten unter anderem Sanitär- und Heizungsarbeiten für die ausländischen Arbeiterinnen und Arbeiter im Lager Kempten verrichten, unter ihnen auch der spätere Zeitzeuge Willi Rühle.[5]

Stadt Kempten – Oberbürgermeister Kempten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

18 Inhaftierte wurden ab Juni 1944 zu Aufräumarbeiten nach Bombardierungen gezwungen und im Stadtbauhof eingesetzt. Arbeitgeber war damit die Stadt Kempten, deren Oberbürgermeister damals der NSDAP-Funktionär Anton Brändle war. In der Auflistung des International Tracing Service (ITS) wird diese Gruppe als Oberbürgermeister-Subcamp aufgeführt – nach dortigen Angaben bestand diese Gruppe vom 18. Juni 1944 bis 1. Dezember 1944.[5]

Bau von Kasernen und andere Unternehmen in Kempten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Etwa 100 Inhaftierte des KZ-Außenlagers mussten beim von den Nationalsozialisten geplanten Bau der Scharnhorstkaserne am Ostbahnhof arbeiten.[2] Weitere Kemptener Unternehmen haben von der Arbeit der Inhaftierten des KZ-Außenlagers wie auch der Zwangsarbeiter profitiert.

Internierung im KZ-Außenlager Kempten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits morgens um fünf Uhr mussten die KZ-Inhaftierten aufstehen, nach dem Frühstück folgte der Zählappell. Im Anschluss folgte bis 19 Uhr die Tagesschicht, zum Abschluss meist wieder ein Zählappell, der sich über ein bis zwei Stunden hinziehen konnte, auch im Winter bei Eiseskälte. Alle 14 Tage gab es einen arbeitsfreien Sonntag zur Erholung, mit nahendem Kriegsende auch den nicht mehr.[10] Der französische Gefangene Louis Terrenoire, späterer Minister unter Charles de Gaulle, schrieb in seinem Buch „Sursitaires de la mort lente“ (Dem schleichenden Tod entkommen), dass er und seine Mitgefangenen im KZ-Außenlager Kempten Hunger litten. Ab Anfang 1945 sorgten Pakete des Roten Kreuzes für Besserung.[7]

1943 bis April 1944 in der Spinnerei und Weberei Kempten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Lagerkommandant Georg Deffner hatte die Führung der Schutzstaffel (SS) im Lager bei der Spinnerei Weberei[6] in der Keselstr. 18[2] inne. Er wurde von Überlebenden als sehr brutal beschrieben, danach habe er mehrere Morde auf dem Gewissen. Im August 1943 ließen die Nationalsozialisten die ersten hundert KZ-Häftlinge von Dachau ins KZ-Außenlager Kempten transportieren, v. a. aus Polen und Russland. Sie waren in einem eigenen Gebäude auf dem Gelände der Spinnerei und Weberei Kempten untergebracht. Dieses war mit Stacheldraht eingezäunt und Wachtürmen aus Holz versehen, bewacht wurden sie von etwa 50 Wachleuten der Luftwaffe, die der Lagerleitung der SS unterstellt waren. Im Laufe der Monate kamen weitere KZ-Inhaftierte hinzu, so wurden es schließlich etwa 200 Häftlinge. Im Frühjahr 1944 wurde mehr Personal vor Ort benötigt, denn die Sachse KG benötigte Platz für Zwangsarbeiter-Unterkünfte. Schließlich wurden die KZ-Häftlinge im April 1944 in die Tierzuchthalle verlegt.[3]

April 1944 bis 1945 in der Tierzuchthalle (heutige Allgäuhalle)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Standort ab April 1944 – Tierzuchthalle, heutige Allgäuhalle (2014)

Innenansicht Tierzuchthalle, heutige Allgäuhalle (2015)

Die TierzuchthalleKoordinaten: 47° 43′ 12,4″ N, 10° 19′ 4,9″ O war innen Tag und Nacht beleuchtet,[3] in der Arena standen dicht bei dicht Doppelstockbetten. Die Wachtposten unter dem neuen Kommandanten SS-Oberscharführer Emil Schmidt[2] patrouillierten auf den Rängen. Vor beiden Eingängen standen Wachposten, daher wurde das Gebäude nicht eingezäunt. Im April 1944 waren es 300 Inhaftierte, im August kamen 300–350 Franzosen hinzu. Die nun 500–600 gefangenen KZ-Zwangsarbeiter[3] kamen aus Frankreich, Polen, Russland, Italien, den Niederlanden und Deutschland; viele waren politische Gegner der Nationalsozialisten. Es wurde eine Krankenstation eingerichtet, in der minder schwere Fälle behandelt wurden. Wer schwerer krank wurde, wurde ins Konzentrationslager Dachau zurückgeschickt, für viele der sichere Tod. Die 50 SS-Wachmänner waren in einem Vorbau untergebracht.[8]

Räumung des KZ-Außenlagers[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende April 1945 wurde das KZ-Außenlager geräumt, die Kranken blieben zurück. Die anderen KZ-Häftlinge mussten zunächst Richtung Alpen marschieren, von wo aus der Krieg angeblich fortgesetzt werden würde. Nachdem in der Nähe von Pfronten in der Nacht eine gewaltige Explosion stattgefunden hatte, konnten die KZ-Gefangenen fliehen.[5]

Einsatz von Ost- und Zwangsarbeitern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits vor den im KZ-Außenlager Kempten inhaftierten Menschen wurde eine noch größere Anzahl an Zwangsarbeitern bzw. Ostarbeitern eingesetzt. Am 20. Februar 1940 kam der erste Sonderzug mit polnischen Zwangsarbeitern in Kempten an. 1943 waren 600 Zwangsarbeiter provisorisch im Hochhaus der S&W Kempten und in Einzelunterkünften der Stadt untergebracht. Ab Juli 1943 trat die Interessengemeinschaft Ostarbeiterlager Kempten als Bauherr für Unterkünfte auf, mit der Stadt Kempten als geschäftsführendem Gesellschafter. So ließen mehr als 40 Unternehmen ein Ostarbeiterlager an der Boleite 23 südlich der Tierzuchthalle errichten, in dem vor allem russische Zwangsarbeiter kaserniert wurden, Ende 1942 rund 400 Menschen.

Die Helmuth Sachse KG ging weit schärfer als in anderen BMW-Werken mit den Arbeitskräften um. Sie beauftragte SA-Oberführer Wilhelm Fichtl mit der Leitung der ca. 20 Mann starken Werkschutzmannschaft, rekrutiert z. T. aus Münchner BMW-Werken. Diese waren v. a. zuständig für die Zwangsarbeiter. Sie wurden von BMW bezahlt und traten brutal auf. Schläge und willkürliche Bestrafungen gehörten zur Tagesordnung, auch bei kleinsten Anlässen. So wurde der ukrainische Zwangsarbeiter Iwan Dubrow wegen eines unerlaubten Radiogerätes von der Gestapo verhaftet und mit vier Wochen Arbeitserziehungslager bestraft. Ein anderer musste wegen mangelnder Arbeitsleistung für zehn Tage in verschärfte Polizeihaft.[3] Die Zwangsarbeiter wurden zudem bei Kemper (Panzer & Kriegsfahrzeugbau) eingesetzt.[11] Die Behörden reagierten mit brutaler Gewalt auf relativ unbedeutende Vorfälle. So wurden zwei Polen wegen Diebstahls und Flucht am 12. August 1943 zum Tode verurteilt und in Kempten hingerichtet.[12] Im Landkreis wehrten sich polnische Arbeiter 1943 gegen ihren Dienstherren. Darauf hin ließ die SS alle Polen antreten, erhängte den Anführer und zwang die anderen, an ihm vorbeizumarschieren.[13]

Am 30. September 1944 meldete der Arbeitsamtsbezirk Kempten 13.594 ausländische Arbeiter, davon 5.864 Ostarbeiter.[14] Mindestens 4.000 dieser Zwangsarbeiter mussten 1944 in Kempten arbeiten, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden 9.000 gezählt.

Wenige Tage vor Kriegsende erklärte Helmuth Sachse den Vertretern „seiner“ Zwangsarbeiter, dass mit der Besetzung durch amerikanische Truppen zu rechnen sei. Sie könnten daher ihre Wohnlager wie die Stadt Kempten verlassen. Die Franzosen verließen das Lager, um über die Schweiz in die Heimat zurückzukehren. Die Misshandlung der Zwangsarbeiter blieb nicht völlig ungesühnt. Nach Kriegsende lynchten Zwangsarbeiter zwei der ehemaligen Werkschutzmänner von Sachse.[3] Juristisch wurden Ausbeutung und Misshandlungen der Zwangsarbeiter, soweit bekannt, auch in den Jahrzehnten nach dem Kriegsende nicht aufgearbeitet.

Weitere KZ-Außenlager in Kempten und Umgebung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im zweiten der beiden Außenlager auf dem heutigen Stadtgebiet der Stadt Kempten (Allgäu), dem KZ-Außenlager Kottern-Weidach des Konzentrationslagers Dachau, setzten die Nationalsozialisten die Häftlinge zur Zwangsarbeit bei der Messerschmitt AG ein.

Misshandlung und Ermordung der KZ-Inhaftierten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die KZ-Häftlinge wurden latent bedroht, im Falle einer Flucht oder Widerstandes ins KZ Dachau oder KZ-Außenlager Allach transportiert zu werden, und es blieb nicht bei Drohungen. Allein zwischen Mai 1944 und April 1945 wurden mindestens 146 Häftlinge – also 25 Prozent – wegen Krankheit oder Arbeitsunfähigkeit ins KZ Dachau abtransportiert, vermutlich starben viele von ihnen.[3] Die Arbeitszeit betrug täglich 12 Stunden, die KZ-Inhaftierten litten an Mangelernährung.[15] Die KZ-Häftlinge, z. T. auch andere Zwangsarbeiter, erlitten nach Augenzeugenberichten Schläge, Stockschläge, Tritte und andere Misshandlungen wie z. B. kalte Duschen im Winter.[8] Anfang 1945 gab es wohl vermehrt Fluchtversuche.[3] Am 20. April 1945 suchte der französische Gefangene Joseph Jean Passeron[2] während eines Luftangriffs gemeinsam mit anderen Häftlingen Lebensmittel beim Heeresverpflegungsamt in der Nähe des Ostbahnhofs Kempten. Walter Fischer, BMW-Ingenieur und Werksschützer der Sachse-Fabrik, ertappte ihn, feuerte einen Schuss ab und traf den Franzosen tödlich am Kopf.[3] Alle KZ-Häftlinge des Konzentrationslagers mussten zur Abschreckung an der Leiche vorbeimarschieren.[5]

Noch 1988 erinnerte sich eine Zeitzeugin: „Die KZ’ler ham furchtbar ausg’schaut. I hab mi immer g’wundert, wie die überhaupt no arbeiten können ham.“[2]

Fluchtversuche und Widerstand der KZ-Inhaftierten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Lager Kempten gab es Fluchtversuche. Russische Gefangene verbogen die Stangen der Fenstergitter und flohen, auch Italiener flohen mehrmals. Einige der Flüchtlinge wurden ergriffen und ins KZ Dachau gebracht. Ein Franzose wurde dabei ertappt, als er versuchte, ein Loch in die Wand der Tierzuchthalle zu brechen. Er wurde blutig geschlagen und ebenfalls in das KZ Dachau transportiert.[8] Der französische Gefangene Louis Terrenoire schreibt, dass die Gruppe der französischen Gefangenen trotz politischer und religiöser Unterschiede in ihrem Willen, in Würde zu überleben, geeint war. Sie hatten ihre eigenen Regeln und bestraften diejenigen, die diese nicht einhielten. Sie hielten ihren Stolz als Franzosen u. a. aufrecht, indem sie keine Zigarettenkippen aufsammelten, und gaben den Schwachen und Kranken etwas von ihrem Essen ab. Zudem versuchten sie, die Produktion so gut wie möglich zu sabotieren. Terrenoire schrieb: „Um sicherzustellen, dass der Mensch kein Wolf für den Menschen ist, mussten wir sicherstellen, dass die einzigen Wilden nicht unter uns waren, sondern bei den Wachleuten oder der SS.“[7]

Juristische Aufarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Helmuth Sachse wurde 1947/48 im Spruchkammerverfahren als „nicht betroffen“ entlastet.[2] Nur der SS-Lagerkommandant Georg Deffner wurde am 11. Februar 1947 noch vom amerikanischen Militärgericht verurteilt, zu drei Jahren Gefängnis.

Die deutsche Justiz ermittelte zwar in den 1950er Jahren, Kemptener Akten wurden vor Ablauf der Aufbewahrungsfrist vernichtet. Ein zweiter Ermittlungsansatz erfolgte in den 1970er Jahren in Kempten II (Js 7034/76). Neben Deffner wurden keine weiteren Täter ermittelt,[5] dafür gegen zwei Häftlinge Ermittlungen eingeleitet. Schließlich wurden alle Verfahren ohne Anklageerhebung eingestellt. In Kempten gab es bei Staatsanwaltschaft und Gericht etliche Kontinuitäten aus der NS-Zeit, u. a. die Staatsanwälte und Richter Michael Schwingenschlögl,[16] Dr. Leo Bujnoch, Dr. Maximilian Stransky und weitere.[17]

Erinnerung und Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tafeln an der Allgäuhalle. Erst nach Angebot der Kostenübernahme durch KZ-Opfer genehmigte die Stadt die Anbringung.

1990 noch – viele Jahre nach Erscheinen der ersten Bücher darüber – behauptete der damalige Oberbürgermeister Josef Höß, dass es in und um Kempten keine Zwangsarbeiter gegeben habe. Die Mitarbeiter des Stadtarchivs widersprachen zwar, dennoch wurden die Gedenktafeln an der Allgäuhalle nicht auf Initiative der Stadt angebracht. Erst nach dem Angebot der ehemaligen Lagerinsassen „Amicale des Anciens de Kempten-Kottern“, die Kosten zu übernehmen, gaben die Verantwortlichen der Stadt nach, erlaubten die Anbringung[18] und übernahmen dann auch die Kosten. Die Stadt Kempten erkannte im Jahre 1999 schließlich auch an, dass sie mit den Außenlagern des KZ Dachau Teil des nationalsozialistischen Kriegs- und Terrorregimes war.[19] Die vielen Todesopfer, die direkt in Kempten oder nach Abtransport von Häftlingen in das KZ Dachau verstarben, werden auf der Tafel hingegen mit keinem Wort erwähnt.

Zeichnungen von ehemaligem Häftling[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2017 erwarb die Stadt Kempten mit dem Heimatverein zwei illustrierte Hefte von einem KZ-Häftling: 31 Zeichnungen aus der Zeit von 1944/45 dokumentieren den Alltag im Außenlager. Überlieferungen unmittelbar aus der Zeit sind selten, meist wurden sie erst nach Kriegsende 1945 angefertigt. Der französische Häftling Paul Wernet aus Sarreguemines hatte die Zeichnungen 2011 zum Verkauf angeboten. Als Kämpfer der französischen Résistance kam er, nach kurzer Internierung in Dachau, im August 1944 ins Kemptener Außenlager in der Tierzuchthalle. Nach seinen Angaben zeichnete die Bilder ein namentlich nicht mehr bekannter Niederländer, der von einem Lagerführer beschuldigt war und dem eine Verlegung nach Dachau drohte. Wernet konnte dieses Problem mit seinen Deutschkenntnissen schlichten, sodass der Niederländer bleiben durfte. Wohl als Dank fertigte dieser die Zeichnungen für Wernet an.[20]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Augenzeugenberichte KZ-Außenlager Kempten

  • Louis Terrenoire, KZ-Häftling und späterer Minister von Charles de Gaulle: Sursitaires de la mort lente (Dem schleichenden Tod entkommen), Sprache: französisch, Éditions Seghers, Paris 1976, 163 S., ISBN 9782232141553, OCLC 3514393
  • Otto Kohlhofer in: Christa Willmitzer, Peter Willmitzer: Deckname "Betti Gerber" – Vom Widerstand in Neuhausen zur KZ-Gedenkstätte Dachau, Otto Kohlhofer 1915–1988, Allitera Verlag, München, 2006, 171 S., ISBN 3865201830

Zeichnungen aus dem KZ-Außenlager Kempten

  • Souvenirs de Souvenirs de captivité. Zeichnungen aus dem KZ-Außenlager Kempten. Eingeleitet und kommentiert von Markus Naumann. Kataloge und Schriften der Museen der Stadt Kempten (Allgäu) Band 27, Likias Verlag, Friedberg, 2020, 124 S., ISBN 978-3-9820130-6-0 (Leseprobe).

Gesamtdarstellungen KZ-Außenlager Kempten

Ergänzend zum KZ-Außenlager Kempten

Ergänzend zur NS-Zwangsarbeit in Kempten

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eintrag Kempten in Arolsen Archives International Center on Nazi Persecution (UNESCO-Weltdokumentenerbe) über International Tracing Service (ITS), Bad Arolsen, online unter collections.arolsen-archives.org. Abgerufen am 20. September 2020.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gleichzeitig 488 („Stärkemeldung“) bis 700 (Terrenoire), doch wurden allein ab Mai 1944 mind. 146 Kranke und Arbeitsunfähige mit 40 Transporten in das KZ Dachau abtransportiert und stets wieder „unverbrauchte“ KZ-Häftlinge aus Dachau zugeführt.
  2. a b c d e f g Markus Naumann in Allgäuer Geschichtsfreund Nr. 109: Im Land der Lager, die Außenlager Kempten und Kottern/Weidach des KZ Dachau, 2009, S. 117–154, ISBN 978-3-9810073-5-2, ISSN 0178-6199, hier: S. 121–129, 117–120, 138–154.
  3. a b c d e f g h i j k l m Constanze Werner: Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit bei BMW: Im Auftrag von MTU Aero Engines und BMW Group, Oldenbourg Verlag, München 2006, 447 Seiten, ISBN 978-3486577921, S. 298–306
  4. (5 Fotos & Beschreibung) Kommandogerät für Flugmotor BMW 801, online unter digital.deutsches-museum.de, Item Nr. 79817. Abgerufen am 20. September 2020.
  5. a b c d e f Gernot Römer: Kempten (Helmuth Sachse KG), in: Encyclopedia of camps and ghettos, 1933 - 1945 / 1,A : Early camps, youth camps, and concentration camps and subcamps under the SS-Business Administration Main Office (WVHA), part A, Indiana Univ. Press, Bloomington, 2009, 859 S., ISBN 9780253353283, ISBN 9780253354280, S. 490–493
  6. a b c Edith Raim: Kempten, in: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 2 Frühe Lager Dachau, Emslandlager, C.H. Beck, 2005, 607 Seiten, ISBN 3-406-52962-3, S. 373–375.
  7. a b c Louis Terrenoire, KZ-Häftling und späterer Minister von Charles de Gaulle: Sursitaires de la mort lente (Dem schleichenden Tod entkommen), Sprache: französisch, Éditions Seghers, Paris 1976, 163 S., ISBN 9782232141553, OCLC 3514393
  8. a b c d Gernot Römer: Für die Vergessenen, KZ Außenlager in Schwaben – Schwaben in Konzentrationslagern, Berichte, Dokumente, Zahlen und Bilder, Verlag Presse-Druck- und Verlags-GmbH, Augsburg 1984, 231 Seiten, ISBN 3896390473, ISBN 9783896390479, S. 136–146
  9. Constanze Werner: Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit bei BMW: Im Auftrag von MTU Aero Engines und BMW Group, Oldenbourg Verlag, München 2006, 447 Seiten, ISBN 978-3486577921, S. 310 & 330
  10. Schülerinnen und Schüler der Fachoberschule und Berufsoberschule Kempten in: Monika Franz, Werner Karg: Einsichten und Perspektiven Themenheft 1|08, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, 10/2008, S. 9–10.
  11. Romana Buchenberg & Markus Naumann in Allgäuer Geschichtsfreund Nr. 106: Zwangsarbeiter in Kempten im Zweiten Weltkrieg und ihr Schicksal nach Ende des Krieges, 2006, S. 125–172, ISBN 3-9810073-0-3, ISSN 0178-6199, hier: S. 125–140
  12. Gedenkstein für nichtjüdische Zwangsarbeiter im hinteren Teil des katholischen Friedhofs an der Memminger Straße/Ecke Adenauerring, zugänglich vom katholischen Friedhof, den Bodenplatten folgen
  13. Ralf Lienert in Allgäuer Zeitung, Kempten/Lokales: Zwangsarbeiter in fast jedem Betrieb, 28. Dezember 1999.
  14. Mark Spoerer: NS-Zwangsarbeiter im Deutschen Reich, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Institut für Zeitgeschichte, München-Berlin, Jahrgang 49 - Heft 4, München Oktober 2001, ISSN 0042-5702, S. 665–684, S. 682.
  15. Wolfgang Kučera in: Peter Fassl, Zwangsarbeiter und KZ-Außenlager in Schwaben, Das Kriegsende in Bayerisch-Schwaben 1945, Wißner-Verlag, Augsburg, ISBN 3-89639-552-1, S. 95–112, hier: S. 107
  16. Hannes Ludyga: Das Oberlandesgericht München zwischen 1933 und 1945, Hrsg. Präsident des Oberlandesgerichts München, Metropol Verlag Berlin 2012, 304 S., ISBN 9783863310769
  17. Braunbuch - Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und in Westberlin - Staat, Wirtschaft, Verwaltung, Armee, Justiz, Wissenschaft, Hrsg. Nationalrat der Nationalen Front des Demokratischen Deutschland, Dokumentationszentrum der Staatlichen Archivverwaltung der DDR. (3., überarb. und erw. Auflage), Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1968, 439 S., OCLC 216481423
  18. (Fotos Gedenkplatten Kempten), VVN Augsburg, online unter vvn-augsburg.de. Abgerufen am 7. September 2020.
  19. Michael Schropp in Kreisbote Kempten: Gedenkfeier - Ehemaliges KZ-Außenlager Kempten, 6. Mai 2015.
  20. Stadt und Heimatverein Kempten erwerben 31 Zeichnungen von ehemaligem Häftling In: kreisbote.de, 23. November 2017 (abgerufen am 27. Oktober 2020)