Karl Steinbuch

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Karl Steinbuch 1975 als Gastredner auf dem CSU-Parteitag

Karl W. Steinbuch (* 15. Juni 1917 in Stuttgart-Cannstatt; † 4. Juni 2005 in Ettlingen) war ein deutscher Kybernetiker, Nachrichtentechniker, Informationstheoretiker und Autor der Neuen Rechten.[1]

Steinbuch gilt als „Theoretiker der informierten bzw. falsch programmierten Gesellschaft“,[2] als Namensgeber[3] und als einer der Pioniere der deutschen Informatik, mit seiner Lernmatrix als Wegbereiter des maschinellen Lernens und der künstlichen neuronalen Netze, sowie als Mitbegründer der künstlichen Intelligenz und der Kybernetik. Die Begriffe „Informatik“ und „kybernetische Anthropologie“ sind seine Prägungen.

Ab dem Ende der 1960er Jahre begann seine politische Tätigkeit gegenüber seiner wissenschaftlichen an Bedeutung zu gewinnen.[4]

Wissenschaftliche Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Steinbuch promovierte an der Technischen Hochschule Stuttgart 1944 in Physik.[5] Er arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst als freiberuflicher Physiker, trat dann aber 1948 als Entwicklungsingenieur in die Stuttgarter Standard Elektrizitäts-Gesellschaft (SEG) ein. Bei der SEG und der nach Fusion mit C. Lorenz im Jahr 1958 aus ihr hervorgegangenen Standard Elektrik Lorenz (SEL) leitete er die Entwicklung des „ER 56“, des ersten volltransistorisierten Computersystems in Europa und ließ mehr als 70 informationstechnische Patente eintragen.[6] Er war Technischer Direktor und Leiter der Zentralen Forschung bei SEL, bevor er 1958 als Ordinarius und Institutsdirektor an die Technische Hochschule Karlsruhe (seit 2009 Karlsruher Institut für Technologie) berufen wurde, wo er bis zur Emeritierung 1980 Direktor des Instituts für Nachrichtenverarbeitung und -übertragung war. Seine Arbeiten auf dem Gebiet lernfähiger Maschinen gelten als Pionierleistungen.

Er war Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina (Halle/Saale) und der Europäischen Akademie für Umweltfragen.

In den 1960er und 1970er Jahren war Steinbuch als Zukunftsforscher aktiv. 1966 erschien sein Buch Die informierte Gesellschaft, welches bereits die Richtung seiner zukünftigen Themen zeigte. So war er beispielsweise im Jahr 1969 wissenschaftlicher Tagungsleiter bei einem mehrtägigen Kongress der Gesellschaft für Zukunftsfragen (GfZ), der in München stattfand.[7] Auch seine Bestseller Falsch Programmiert aus dem Jahr 1968 sowie Programm 2000 aus dem Jahr 1969 beschäftigten sich mit Zukunftsfragen.

Politische Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende der 1960er Jahre begann Steinbuch, zunehmend politisch aktiv zu sein. Inhaltlich beschäftigte er sich anfangs vor allem mit forschungs- und bildungspolitischen Fragen. Im Jahr 1968 kritisierte er, die „literarische Kultur“ würde statt der Naturwissenschaften die Bildungspolitik beherrschen.[8] In einer Anklageschrift an die Adresse der „Hinterwelt“, die er von Friedrich Nietzsche entlehnte[9], versuchte er, die Bildungspolitik der Bundespolitik zu beeinflussen. Mit Kollegen wie Jean Ziegler aus der Schweiz formulierte er den zu erwartenden Bildungsnotstand und die sich abzeichnende bürgerliche Lobbygesellschaft.

Steinbuch engagierte sich zunächst für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD): 1969 trat er beispielsweise als Redner auf einem SPD-Landesparteitag in Bayern auf und kritisierte die regierende Christlich-Soziale Union in Bayern (CSU) mit der Aussage: »Jahrzehnte konservativer Politik haben die Lösung wichtiger sozialer Fragen verhindert«.[10] 1971 war er beratend für die Arbeitsgruppe Forschungspolitik des Bildungspolitischen Ausschusses beim Parteivorstand der SPD tätig.[4]

In der Diskussion der 1970er Jahre um die Folgen des technischen Fortschritts wandte er sich in seinen Sachbüchern gegen die aufkommende ökologische Orientierung und gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen wegen seiner angeblich gefährlichen Informationspolitik. Ein privates Kabelfernsehen sollte dem entgegenwirken. Er forderte, einen „Technischen Gerichtshof“ einzurichten, dessen Aufgabe es sein sollte, Forschungs- und Anwendungsverbote auszusprechen. Dessen Richter sollten mit Fachexperten besetzt werden.

Steinbuch distanzierte sich bald von der SPD. Zwischen 1969 und 1972 führte er einen öffentlich geführten, kritischen Briefwechsel mit Bundeskanzler Willy Brandt. 1972 wechselte er zur Christlich Demokratischen Union Deutschlands (CDU).[4] Im selben Jahr wurde er im konservativen Bund Freiheit der Wissenschaft aktiv.[11][12] 1973 veröffentlichte er Kurskorrektur, einen weiteren Bestseller[13], in dem er die politische Linke angriff[4]. Insbesondere Heinrich Böll wurde Ziel von Steinbuchs Kritik.[14] 1974 war er Mitgründer des Freien Deutschen Autorenverbands.[15]

Im Jahr 1975 schrieb Steinbuch in Ja zur Wirklichkeit gegen die SPD-Regierung: „[Es] ereignete sich in unserem Lande noch nie eine solche hemmungslose Demontage christlicher Ethik, des Humanismus und der klassischen Philosophie wie unter der Verantwortung der SPD“. Weiter kritisierte er die politische Linke mit den Worten: „Meines Erachtens wurde noch nie – kaum zur Nazizeit – eine Kulturnation mit großer Tradition durch eine solche kleine Ideologie verwirrt wie gegenwärtig unser Volk durch die arrogante Bewegung, die mit dem Anspruch auftritt, das ,kritische Bewußtsein‘ zu verkörpern und ,progressiv‘ zu sein.“[16] Positiv äußert er sich über die Unionsparteien: „[Unser Staat und seine Wirtschaft] entstanden überwiegend aus den Grundsätzen und der Regierungspraxis der CDU/CSU“[10]. Im Wahlkampf 1976 wird ein Beitrag von Steinbuch in Union alternativ veröffentlicht, einem „Regierungsprogramm en detail“ der Union.[17]

Ende der 1970er Jahre begann Steinbuch, in rechtskonservativen und neurechten Vereinigungen und Institutionen tätig zu sein. Im Jahr 1979 war er bei der versuchten Gründung der Liberal-Konservativen Aktion[18] ebenso wie beim neuentstandenen Studienzentrum Weikersheim[19] beteiligt. 1981 war er im Schutzbund für das deutsche Volk (siehe Heidelberger Manifest) aktiv. Der Schutzbund vertrieb den von Steinbuch verfassten Artikel Die gefährdete Existenz unseres Volkes als Flugblatt.[20][21]

Am 17. September 1983 hielt er eine Rede unter dem Titel Über die Verantwortung für die Kriminalitätsopfer bei einer Mitgliederversammlung des Weißen Ringes in Heidelberg. In dieser Rede beschuldigte er liberale Intellektuelle und Publikationen, Schuld an zunehmender Kriminalität zu tragen. Weiter äußerte Steinbuch sich revisionistisch: „Ohne die Barbarei des Versailler Vertrages hätte es Hitlers Barbarei wohl nicht gegeben.“ Sein Vortrag richtete sich auch mit bevölkerungspolitischen Argumenten gegen die Gleichstellung der Geschlechter: „[…] verheerende Wirkung hat […] z. B. die Absicht, die ,Gleichberechtigung‘ der Frau in Politik und Wirtschaft herzustellen – und sie hierdurch ihren Kindern zu entziehen“.[22] Steinbuchs Rede veranlasste P.E.N. dazu, eine Erklärung gegen „versuchte oder tatsächliche Einschränkungen von Informations- und Meinungsvielfalt“ sowie „pauschale und persönliche Denunziation von Journalisten und Schriftstellern“ zu veröffentlichen.[23]

Im Jahr 1986 erschien in der rechtsextremen Zeitschrift Nation Europa Steinbuchs Artikel Die gefährdete Existenz unseres Volkes.[24] 1988 verfasste Steinbuch gemeinsam mit dem späteren NPD-Vorsitzenden Günter Deckert die Broschüre Asyl... Gestern und heute. Später stand Steinbuch der 1983 gegründeten rechten Kleinpartei Die Republikaner nahe. Er veröffentlichte Artikel in der Partei-eigenen Zeitschrift Der Republikaner[25] und bewarb die Partei im Kuratorium des Studienzentrum Weikersheim.[26] Er veröffentlichte regelmäßig Artikel in der Zeitschrift Criticón.[27][28]

Ehrungen und Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2004 wurde Steinbuch mit der Errichtung eines Stipendiums seines Namens geehrt. Mit dem Karl-Steinbuch-Stipendium fördert die MFG Stiftung Baden-Württemberg IT- und Medienprojekte. Pro Jahr werden 10 bis 20 Stipendien an besonders qualifizierte Studierende vergeben, die innovative Projekte im Themenbereich IT und Medien außerhalb ihres Studiums realisieren. Seit 2011 führt die MFG Stiftung zudem das Karl-Steinbuch-Forschungsprogramm durch, in dessen Rahmen Forschungsarbeiten zu IT- und Kreativbranche an baden-württembergischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften sowie an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg gefördert werden.
2009 wurde auch das Rechenzentrum des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) nach ihm benannt: Steinbuch Centre for Computing.[29]

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • „Das menschliche Gehirn ist nicht geschaffen, rationale Prozesse zu veranstalten, sondern das Überleben eines Organismus zu bewirken.“[9]
  • „Vor den gesellschaftlichen Nöten verhält sie sich [die Hinterwelt] wie ein Arzt, der mit den Kranken jammert, sich aber nicht um die Ursachen ihrer Krankheiten kümmert. Man fummelt an den Symptomen offensichtlicher Mißstände herum und verschafft sich durch menschenfreundliche Worte ein gutes Gewissen.“[9]
  • „Bei technischen Systemen ergibt sich optimale Wechselwirkung zwischen angepaßten Quellen und Empfängern: Im sozialen Bereich aber führt diese Überlegung zu der menschlich recht unwürdigen Vorstellung, optimal wäre das Verhalten des gut geschmierten Rädchens im Uhrwerk.“[9]
  • „[Das Problem der maschinellen Sprachübersetzung ist heute schon technisch lösbar], wenn nur die Sprachen nicht so unsystematisch aufgebaut wären. Eigentlich müßten erst einmal die Sprachen systematisch gemacht werden.“[30]
  • Es ergibt sich zwangsläufig aus dem gegenwärtigen Umgang mit der Information, der - ähnlich dem Umgang der Alchimisten mit ihren Elixieren - mit Verstand und Verantwortung wenig, mit Unverstand, Täuschung und Betrug aber viel zu tun hat. Wir werden zugleich informiert, verwirrt und betrogen, wir sehen kaum mehr die Wirklichkeit, fast nur noch Kulissen und Spiegelbilder. [31]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1961: Automat und Mensch. Über menschliche und maschinelle Intelligenz, Springer
  • 1962 (1967): Taschenbuch der Nachrichtenverarbeitung herausgegeben von Dr.-Ing. K. Steinbuch. Springer Verlag.
  • 1963: Learning matrices and their applications (zusammen mit Dr.-Ing. U. Piske) (erschienen in IEEE Transactions on Electronic Computers)
  • 1966 (1969): Die informierte Gesellschaft. Geschichte und Zukunft der Nachrichtentechnik
  • 1968: Falsch programmiert. Über das Versagen unserer Gesellschaft in der Gegenwart und vor der Zukunft und was eigentlich geschehen müßte. (Bestseller, gelistet in: DER SPIEGEL)
  • 1969: Programm 2000. (Bestseller, gelistet in: DER SPIEGEL)
  • 1971: Automat und Mensch. Auf dem Weg zu einer kybernetischen Anthropologie (4., überarb. Aufl.)
  • 1971: Mensch Technik Zukunft. Probleme von Morgen. (Ausgezeichnet mit dem deutschen Sachbuchpreis)
  • 1973: Kurskorrektur
  • 1975: Ja zur Wirklichkeit
  • 1978: Maßlos informiert. Die Enteignung unseres Denkens
  • 1981: Die rechte Zukunft. Gegen Fortschrittswahn und Pessimismus.
  • 1984: Unsere manipulierte Demokratie. Müssen wir mit der linken Lüge leben?
  • 1989: Die desinformierte Gesellschaft
  • 1992: Kollektive Dummheit: Streitschrift gegen den Zeitgeist
  • 1992: Die Irrtümer der Zeit in Warum so bedrückt? Deutschland hat Zukunft. Hrsg. Hellmut Diwald, Hohenrain-Verlag, Tübingen 1992, ISBN 3-89180-034-7.[32]
  • 1995: Zukunftsbewältigung: Deutschland auf der Suche nach seiner Identität

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Hilberg: Große Herausforderungen in der Informationstechnik - Vom Abenteuer der Forschung; 384 S., ISBN 3-928161-05-9.
  • Wolfgang Hilberg: Karl Steinbuch, ein zu Unrecht vergessener Pionier der künstlichen neuronalen Systeme. Frequenz 49 (1995) 1-2, S. 28-36.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Karl Steinbuch – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Richard Stöss: Die „neue Rechte“ in der Bundesrepublik. In Die Wiedergeburt des nationalistischen Denkens : Gefahr für die Demokratie ; eine Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung am 23./24. März 1995 in Potsdam. Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung, Abt. Arbeits- und Sozialforschung. Bonn, 1995. ISBN 3-86077-411-5
  2. Stefan Rieger: Kybernetische Anthropologie. Eine Geschichte der Virtualität. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-518-29280-3
  3. Karl Steinbuch: INFORMATIK: Automatische Informationsverarbeitung [Standard Elektrik Lorenz AG] SEG-Nachrichten Heft 4 (1957)
  4. a b c d Karlsruher Institut für Technologie: 27048 Nachlass Karl Steinbuch
  5. Karl Steinbuch – Informatiker der ersten Stunde, karl-steinbuch-stipendium.de, abgerufen am 27. Oktober 2010
  6. Bernhard Widrow, et al.: 1917 Karl Steinbuch 2005, pdf, abgerufen am 27. Oktober 2010
  7. Peter W. Tügel: Systems 69. In: Die Zeit, 28. November 1969
  8. Theo Löbsack: 45 000 Lehrer zuwenig. In: Die Zeit, 4. Oktober 1968
  9. a b c d Karl Steinbuch: Falsch programmiert. 1968, S. 20 ff.("Anklage gegen die Hinterwelt"), S. 26 (zitiert nach der Paginierung der dtv-Taschenbuchausgabe, 5. Aufl. 1970, http://d-nb.info/458223182)
  10. a b Die Zeit: Zeitspiegel, 19. September 1975
  11. http://www.bund-freiheit-der-wissenschaft.de/content/g_hpi.htm
  12. http://bund-freiheit-der-wissenschaft.de/content/g_moderator.htm
  13. Vater fehlt in Der Spiegel, 15/1973
  14. Frank Finley: On the Rationality of Poetry: Heinrich Böll's Aesthetic Thinking. Seite 8 1996
  15. http://www.fda-lv-bayern.de/fda/historie.html
  16. Christian Graf Krockow: Der vertuschte Klassenkampf. In: Die Zeit, 27. Februar 1981
  17. C.-C. K. Was die Union dem Volke bietet. In: Die Zeit, 1. Oktober 1976
  18. Falscher Fuß. In: Der Spiegel 6/1979
  19. Kreatives Kloster. In: Der Spiegel 44/1979
  20. http://www.apabiz.de/archiv/material/Profile/SDV.htm
  21. Hans Sarkowicz: Die alte Rechte auf neuen Wegen. In: Die Zeit, 9. Januar 1987
  22. Fritz J. Raddatz: Die Restauration marschiert. In: Die Zeit, 28. Oktober 1983
  23. Zeitmosaik. In: Die Zeit, 2. Dezember 1983
  24. S. 181 Christoph Butterwegge: Themen Der Rechten - Themen Der Mitte: "Zuwanderung, Demografischer Wandel Und Nationalbewusstsein"
  25. Bartholomäus Grill: Wahlverwandtschaften am rechten Rand. In: Die Zeit, 10. April 1992
  26. http://www.nadir.org/nadir/archiv/Antifaschismus/Themen/szw/seiten/szw.html
  27. http://www.apabiz.de/archiv/material/Profile/Criticon.htm
  28. Astrid Lange: Was die Rechten lesen. München 1993, ISBN 3-406-37404-2
  29. www.scc.kit.edu
  30. Aus Karl Steinbuch: Automat und Mensch. zitiert nach Hoimar von Ditfurth: Die Evolution der Automaten in Die Zeit, 3. Mai 1963, Nr. 18
  31. Aus Karl Steinbuch: Maßlos informiert - Die Enteignung unseres Denkens, Goldmann Sachbuch 11248, 11/1979
  32. http://www.buchdienst-hohenrain.de/Grabert-Hohenrain-Titel/Zeitgeschichte/Diwald-Hellmut-Hg-Warum-so-bedrueckt.html