Karl Stolte

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Karl Stolte, um 1947

Karl Marie August Stolte[1][2] (* 15. April 1881 in Straßburg/Elsaß; † 5. September 1951 in Heidelberg) war ein deutscher Internist, Kinderarzt und Diabetologe, der von 1916 bis zu seinem Tod als Direktor der Kinderkliniken der Universitäten Breslau, Greifswald beziehungsweise Rostock wirkte. Besondere Verdienste erwarb er sich um die Weiterentwicklung der Therapie des Typ-1-Diabetes im Kindesalter. Er postulierte in diesem Bereich grundlegende Prinzipien wie ein als „freie Diät“ bezeichnetes Konzept mit bedarfsgerechter Insulingabe, die jedoch erst nach seinem Tod breite Anwendung fanden und in der Gegenwart als Standard in der Behandlung des Typ-1-Diabetes mellitus gelten.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Stolte wurde als jüngerer Sohn des Oberschulrates Ludwig Stolte (1852–1906) und dessen Frau Caroline Stolte geb. Hardt (1856–1931) in Straßburg im Elsaß geboren und studierte von 1899 bis 1904 Medizin an der Universität seiner Heimatstadt, an der er 1904 mit einer Arbeit zum tierischen Stoffwechsel von Aminosäuren auch promoviert wurde.[3] Während seines Studiums wurde er Mitglied der Akademisch-Musikalischen Verbindung Alt-Straßburg Freiburg (im Sondershäuser Verband).[4] Nach dem Examen war er dort bis 1909 als Assistenzarzt beim Biochemiker Franz Hofmeister tätig. In der von Bernhard Naunyn geleiteten Klinik in Straßburg, an der zeitweise auch Oskar Minkowski wirkte, erlebte er erstmals das Schicksal von Diabetes-Patienten in der Zeit vor der Entdeckung des Insulins.

Als der in Breslau wirkende Kinderarzt Adalbert Czerny einen Assistenten mit biochemischer Erfahrung suchte, wechselte Karl Stolte zunächst an die Universität Breslau. Bereits 1910 folgte er Czerny, der als Direktor an die dort neu gegründete Kinderklinik der Universität Straßburg wechselte, und kehrte damit in seine Geburtsstadt zurück. Im Jahr 1913 wurde er mit einer Arbeit über Diätprinzipien bei Ernährungsstörungen im Neugeborenenalter habilitiert.[5] und wechselte zusammen mit Czerny nach Berlin an die Charité. 1916 wurde er zum Direktor der Kinderklinik der Universität Breslau ernannt. Nach dem Machtantritt der Hitler-Regierung waren viele von Stoltes ärztlichen Mitarbeitern der Verfolgung durch das NS-Regime ausgesetzt und erhielten Beschäftigungs- und Berufsverbot,[6] wodurch es in seiner Klinik zu Personalmangel kam.[7]

In den Jahren 1933/1934 war Karl Stolte Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde (DGfK). In dieser Funktion musste er am 14. Juli 1933 die vom NS-Regime geforderte Eingliederung der DGfK in die vom Innenministerium kontrollierte „Reichszentrale für Gesundheitsführung“ und die „Reichsarbeitsgemeinschaft für Mutter und Kind“ akzeptieren. Sein Stellvertreter Walther Freund (1874–1952) wurde vier Wochen später auf Intervention des Innenministeriums aus dem Vorstand und der DGfK gedrängt, seine Funktion übernahm Wilhelm Stoeltzner. In Verhandlungen mit dem Innenministerium konnte Karl Stolte zwar als Konzession erreichen, dass der Arierparagraph nicht in die Satzung der DGfK aufgenommen wurde – was er den Mitgliedern in einem Rundbrief vom 15. August 1933 mitteilte - die Vertreibung jüdischer Mitglieder aus der DGfK durch das NS-Regime wurde dadurch jedoch nicht verhindert.[8] Einzelheiten zu Stoltes Verhalten als Vorsitzender der DGfK sind der Dissertation von Martin Hofer (2006) zu entnehmen.[9]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und einer Flucht, die ihn über Altheide, Illertissen, Dresden und Freiberg zunächst nach Altentreptow zu seiner Familie geführt hatte,[10] übernahm Karl Stolte von September 1946 bis 1948 die Leitung der Kinderklinik der Universität Greifswald und von 1948 bis zu seinem Tod die gleiche Funktion als Ordinarius[11] an der Universität Rostock. Er starb 1951 an den Folgen eines Schlaganfalls, den er wenige Tage zuvor während der 51. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde 1951 in Heidelberg erlitten hatte, und wurde auf einer Familiengrabstelle auf dem Friedhof von Burg Stargard beigesetzt.

Wissenschaftliches und ärztliches Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während seiner Zeit an der Universität Breslau begann Karl Stolte ab 1929, ein Konzept für eine flexible Therapie des Diabetes mellitus im Kindesalter zu entwickeln, das er als „freie Diät“ bezeichnete und zum Beginn der 1930er Jahre in mehreren Fachartikeln vorstellte.[12] Es sieht statt einer festgelegten Essensvorschrift („Diät-Plan“) eine annähernd frei wählbare normale Kost vor („geregelte Normalkost“[13] mit gewissen Einschränkungen hinsichtlich Menge und Zusammensetzung der einzelnen Mahlzeiten), begleitet von einer darauf abgestimmten bedarfsgerechten „adäquaten“ Insulingabe. In einem Rückblick auf 20 Jahre Erfahrungen mit „freier Diät“ konstatierte Karl Stolte um 1949:

„Geblieben ist die freie Wahl der Nahrungszusammensetzung nach dem Appetit, allerdings seit den Kriegsjahren verbunden mit der Warnung vor reichlichem Fett (70–90 g max.).

Geblieben ist die rasche Auffüllung der schweren Gewichtsverluste im Beginn der Behandlung, dann aber bald Beschränkung auch der Kohlenhydrate auf etwa 300 bis höchstens 350 g, selten mehr Gramm täglich.

Geblieben ist ferner die Vermeidung aller Diabetikerersatzpräparate, wie Diabetikerbrot, Sionon, Salabrose, Saccharin.

Geblieben ist das Verbot mehr zu essen als gesunde Altersgenossen.

Geblieben ist die dreimalige Harn-Zuckerprobe und die dadurch bedingte tägliche Neueinstellung des Insulins.

Erlaubt ist dagegen nach wie vor Zucker und Schokolade die in vernünftiger Menge.

Erlaubt ist weitgehende Anpassung und Variation der Insulinpräparate (Altinsulin oder Depotinsulin, je nach Lebensgewohnheiten u. Einflüssen der verschiedenen Regulatoren.)

Erlaubt ist auch die Variation in der Zahl der Insulinspritzen.“

Karl Stolte [14]

Stoltes Konzept wurde in den 1960er Jahren von Kinderärzten befolgt, von Ärzten (Internisten) für Erwachsene jedoch abgelehnt.[15] Es wurde bei entsprechend geschulten Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes in den 1980er Jahren von Ernst-Adolf Chantelau und Mitarbeitern an der Universität Düsseldorf erstmals wissenschaftlich untersucht und begründet.[16][17] Ein bisher erforderlicher ärztlich vorgeschriebener Diät-Plan konnte entfallen, was von der Deutschen Diabetes Gesellschaft kritisiert wurde.[18] Die mahlzeitenbezogene Insulinzufuhr, in Insulineinheiten bemessen, orientiert sich an der Art und Menge der zu verzehrenden Kohlenhydrate, in Broteinheiten bemessen, und ihrem glykämischen Index, sowie der aktuell zu leistenden Muskelarbeit,[19] - als sogenannte „intensivierte Insulintherapie“. Die dadurch mögliche Befreiung von Diät-Vorschriften begrüßten die Patienten einhellig.[20]

Vor allem wegen fehlender Methoden zur einfachen, präzisen und ortsunabhängigen Blutzuckermessung – damals stand zur Stoffwechselkontrolle nur die Urinzuckermessung zur Verfügung – konnten sich Stoltes Ansichten seinerzeit nicht gegen die vorherrschende Lehrmeinung in der Diabetologie durchsetzen. Diese beruhte auf dem von dem Wiener Internisten Carl von Noorden und anderen Ärzten weltweit vertretenen Grundsatz, dass die Ernährung - im Sinne einer minutiös vorgeschriebenen Diät - auf die Wirkung der ärztlich festgelegten (Depot-)Insulin-Dosierung zu fixieren sei.[21]

Das Prinzip der gegenwärtig praktizierten Basis-Bolus-Therapie entspricht dem Ansatz von Karl Stolte, der damit als Pionier der heutzutage üblichen Intensivierten konventionellen Insulintherapie (ICT) bezeichnet werden kann.

Außer mit Diabetes mellitus hat Karl Stolte sich in über 100 Arbeiten wissenschaftlich mit verschiedenen Erkrankungen des Kindesalters und Problemen der Kinderheilkunde befasst, unter anderem dem sogenannten Mehlnährschaden (1913), Durchfallerkrankungen (1917), Herzbeutelverwachsungen (1919, 1926), Meningitis (1927), Nierenerkrankungen (1929) und der Krebsbekämpfung (1932). Seine von ihm angeleiteten Assistenten an der Breslauer Kinderklinik, unter anderen Siegfried Rosenbaum, Karl Franz Klinke, Bruno Leichtentritt und Hans Knauer, waren gleichfalls auf verschiedenen Gebieten der Kinderheilkunde wissenschaftlich tätig. Zu seinen "Schülern" zählten außerdem Joachim Wolff, Hans Aron, Leo Mendel, Herbert Hirsch-Kauffmann, Hans Opitz, H.W.Ocklitz,[22] H.H.Schmitz, Hermogenes Zische, Carl Wiener, Richard Gralka, Adalbert Ohr, Otto Bossert.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Stolte erhielt 1950 in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) den Ehrentitel Verdienter Arzt des Volkes und wurde ein Jahr später, wenige Tage vor seinem Tod, zum Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde ernannt.

Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Stolte war ab 1921 verheiratet und Vater einer Tochter sowie eines im Kleinkindalter verstorbenen Sohns. Seine Tochter Hermine Stolte studierte Medizin, wurde 1945 an der Universität Rostock von Karl Klinke promoviert und war anschließend als Assistentin ihres Vaters und als Kinderärztin tätig.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gerd Winfried Ratzmann, Klaus Jährig: Karl Stolte in seiner Zeit und für unsere Zeit. In: Kinderärztliche Praxis. 49. Jahrgang, Heft 12, Dezember 1981, ISSN 0023-1495, S. 617–627.
  • Michael Berger: Bedarfsgerechte Insulin-Therapie bei freier Kost. Der Beitrag von Karl Stolte zur klinischen Diabetologie. Kirchheim, Mainz 1999, ISBN 3-87-409299-2
  • Geschichte der Insulinbehandlung bei Kindern und Jugendlichen. In: Peter Hürter, Thomas Danne: Diabetes bei Kindern und Jugendlichen. Sechste Auflage. Springer, Berlin und Heidelberg 2005, ISBN 978-3-540-21186-0, S. 153–171
  • Udo Goecke: Leben und Werk Karl Stoltes in ihrer Bedeutung für die moderne Diabetologie. Medizinische Dissertation, Düsseldorf 1987
  • Albrecht Scholz, Thomas Barth, Anna-Sophia Pappai und Axel Wacker: Das Schicksal des Lehrkörpers der Medizinischen Fakultät Breslau nach der Vertreibung 1945/46. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 24, 2005, S. 497–533, hier: S. 514 und 529
  • Hans-Rudolf Wiedemann: The Pioneers of Pediatric Medicine: Karl Stolte (1881–1951). In: European Journal of Pediatrics. 152/1993. Springer-Verlag, S. 81, ISSN 0340-6199
  • Eduard Seidler: Kinderärzte 1933–1945 entrechtet-geflohen-ermordet. Bouvier, Bonn 2000.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Geburtsurkunde 1147/1881 Standesamt Strasbourg (Carl Marie August Stolte)
  2. In der Landesbibliographie MV als Karl Friedrich August Stolte
  3. Über das Schicksal der Monaminosaäuren im Tierkörper nach Einführung in die Blutbahn. Dissertationsschrift. Medizinische Fakultät der Universität Straßburg 1904
  4. Verband Alter SVer (VASV): Anschriftenbuch. Mitgliederverzeichnis sämtlicher Alten Herren. Stand vom 1. Oktober 1937. Hannover 1937, S. 67.
  5. Grundlinien der Ernährungstherapie bei akuten Ernährungsstörungen der Säuglinge. Habilitationsschrift. Medizinische Fakultät der Universität Straßburg 1913
  6. Eduard Seidler: Kinderärzte 1933-1945 entrechtet-geflohen-ermordet. Bouvier, Bonn 2000, S. 25, 31, 59, 125, 188, 191–195, 279.
  7. Joachim Wolff: Die Breslauer Universitäts-Kinderklinik. Geschichte und Einfluß auf die deutsche Kinderheilkunde. In: der kinderarzt. 15.(32.) Jahrgang, Nr. 1, 1984, S. 69–82.
  8. Eduard Seidler: Kinderärzte 1933-1945 entrechtet-geflohen-ermordet. Bouvier, Bonn 2000, S. 31–34,192.
  9. Martin Hofer: Hans Rietschel (1878-1970) – Direktor der Universitäts-Kinderklinik Würzburg von 1917–1946. Dissertation Bayerische Julius-Maximilians-Universität zu Würzburg. 2006, S. 79–142, abgerufen am 22. Februar 2017 (pdf).
  10. Albrecht Scholz, Thomas Barth, Anna-Sophia Pappai und Axel Wacker: Das Schicksal des Lehrkörpers der Medizinischen Fakultät Breslau nach der Vertreibung 1945/46. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 24, 2005, S. 497–533, hier: S. 529
  11. Albrecht Scholz, Thomas Barth, Anna-Sophia Pappai und Axel Wacker: Das Schicksal des Lehrkörpers der Medizinischen Fakultät Breslau nach der Vertreibung 1945/46. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 24, 2005, S. 497–533, hier: S. 514 und 529
  12. Karl Stolte, Herbert Hirsch-Kauffmann, Erika Schädrich: Freie Diät beim Diabetes. In: Medizinische Klinik. 27.Jahrgang. Urban und Schwarzenberg, Berlin 1931, S. 831–838.
  13. Joachim Wolff: Die Breslauer Universitäts-Kinderklinik. Geschichte und Einfluß auf die deutsche Kinderheilkunde. In: der kinderarzt. 15.(32.) Jahrgang, Nr. 1, 1984, S. 69–82.
  14. Vorlesungsmanuskript Rostock Wintersemester 1949/50
  15. Horst-Günther Krainick, Friedrich Ernst Struwe: Zur Situation des kindlichen Diabetes mellitus in Westdeutschland.Ergebnisse einer Umfrage im Auftrage des Deutschen Diabetes-Komitees. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. Band 85, 1960, S. 1632–1640.
  16. Ernst Adolf Chantelau, Gabriele Elisabeth Sonnenberg, Irene Stanitzek-Schmidt, Frank Best, Hildegard Altenähr, Michael Berger: Diet liberalization and metabolic control in type-1 diabetic outpatients treated by continuous subcutaneous insulin infusion. In: Diabetes Care. Band 5, 1982, S. 612–616 (englisch, researchgate.net [PDF; abgerufen am 26. Januar 2017]).
  17. Ernst Adolf Chantelau: Diät-Liberalisierung bei Typ-1 Diabetes mellitus: Ergebnisse intensivierter Insulintherapie. Urban Schwarzenberg, München-Wien-Baltimore 1988, DNB 880890878. Zugl. Habilitationsschrift. Medizinische Fakultät Universität Düsseldorf 1987.
  18. Diabetes-Diät: Warnung vor Liberalisierung der Kohlenhydrataufnahme. Stellungnahme des 'Ausschusses Ernährung' der Deutschen Diabetesgesellschaft. In: Deutsches Ärzteblatt, Ausgabe A. 82. Jahrgang, 1985, S. 1424–1425 (aerzteblatt.de [PDF; abgerufen am 26. Januar 2017]).
  19. Karl-Heinz Krumwiede: Kohlenhydrate richtig schätzen und einschätzen.Ernährung bei Diabetes mellitus. In: MMW-Fortschritte der Medizin. Originalien Nr. II. 149.Jahrgang, 2007, S. 91–96 (klinikum-nuernberg.de [PDF; abgerufen am 1. Februar 2017]).
  20. Bettina Haupt (dpa): Vor dem Frühstück kommt der Blutzucker-Test. In: Rheinische Post. Düsseldorf 17. August 1988.
  21. Detlef Oyen, Ernst-Adolf Chantelau, Michael Berger: Zur Geschichte der Diabetesdiät. Springer, Berlin-Heidelberg- New York-Tokio 1985.
  22. H.W.Ocklitz, H.H.Schmitz: Unserem Lehrer Karl Stolte zum 100. Geburtstag. In: Kinderärztliche Praxis. Band 49, 1981, S. 591–595.