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Katerina Poladjan

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Katerina Poladjan, 2025

Katerina Poladjan (* 1971 in Moskau) ist eine deutsche Schriftstellerin und ehemalige Schauspielerin. Sie erhielt 2025 den Großen Preis des Deutschen Literaturfonds und ist Trägerin des Rompreises Villa Massimo.

Katerina Poladjan wurde in der Sowjetunion geboren. Ihr Großvater war ein Überlebender des Völkermords an den Armeniern.[1] Ihr Vater Michael Poladjan ist ein international anerkannter Künstler, und ihre Mutter Irina Olegowna Vinizki, geborene Cheglowa, ist Kunsthistorikerin und Journalistin. Ende der 1970er Jahre kam sie nach Deutschland. Ihr Abitur legte sie am Edith-Stein-Gymnasium in München-Haidhausen ab; anschließend absolvierte sie an der Leuphana Universität Lüneburg ein Studium der Angewandten Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Philosophie und Kunst. In München studierte sie Darstellende Kunst.[2]

Katerina Poladjan erhielt 2003 ihr erstes Stipendium im Bereich der Literatur. Sie arbeitete aber zunächst als Schauspielerin, unter anderem am Schauspielhaus Hamburg sowie an der Schaubühne Berlin[3] und nahm in dieser Zeit bis 2016 auch Nebenrollen in Film- und Fernsehproduktionen an. Zu ihren ersten Arbeiten zählte eine kleinere Rolle in Oliver Hirschbiegels Kinospielfilm Der Untergang (2004). Im Film Tschick (2016) von Fatih Akin spielte sie eine Mathematiklehrerin.[4]

Im Jahr 2011 erschien Katerina Poladjans erster Roman In einer Nacht, woanders im Rowohlt Verlag Berlin.[5] Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb: „In atemlosem Stakkato, im suggestiven Präsens erzählt die Protagonistin ihre geisterhafte, bedrückende Reise in die russische Nacht und die eigene Herkunft“. Drei Jahre später erhielt sie das Alfred-Döblin-Stipendium der Berliner Akademie der Künste.[6] Der Roman Vielleicht Marseille folgte 2015. „Ein in den Details hyperrealistisches Traumspiel, das subkutan wirkt“, schrieb die Süddeutsche Zeitung sowie Die Welt: „Das Kunststück, in aller stilistischer Gelassenheit von auseinanderkrachenden Existenzen zu erzählen, ist Poladjan gelungen … Katerina Poladjan kann sehr viel, sie kann in wenigen Sätzen Geschichten erzählen, für die manche andere viele Seiten brauchen“. Der literarische Reisebericht Hinter Sibirien. Eine Reise nach Russisch-Fernost, den sie gemeinsam mit dem Autor und Regisseur Henning Fritsch schrieb, erschien 2016. Auf Einladung von Meike Feßmann nahm Poladjan am Ingeborg-Bachmann-Preis 2015 teil.[7]

Ihr Roman Hier sind Löwen folgte 2019. Er wurde mit dem Nelly-Sachs-Preis ausgezeichnet und für den Deutschen Buchpreis nominiert. „Katerina Poladjan reflektiert die Ungeheuerlichkeit des Völkermords und die Gegenwart eines Landes im Abseits klug und dezent, in einer poetisch-kantigen Sprache“, schrieb die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und Die Welt urteilte: „Am Ende dieses sehr klugen und bewegenden Romans gibt es beides: ein tragisches und ein glückliches Ende, gerecht verteilt auf die Realität und auf die Fiktion“. Mit ihrem Roman Zukunftsmusik war Poladjan 2022 für den Preis der Leipziger Buchmesse (Shortlist) nominiert.[8] Er wurde mit dem Rheingau Literatur Preis und dem Chamisso Preis ausgezeichnet. „Katerina Poladjan hat mit Zukunftsmusik einen der ganz großen deutschen Gegenwartsromane geschrieben, den man jetzt in Zeiten des Krieges anders liest als noch in der Zeit des Friedens“ so der Literaturkritiker Denis Scheck (WDR 2). „Der Roman ›Zukunftsmusik‹ ist ein Hoffnungs- und ein Trostbuch. Eine literarische Verteidigung der Menschlichkeit unter den besonderen Bedingungen der Macht“ schrieb Paul Jandl in der NZZ. „Katerina Poladjan gelingt ein kleines, schimmerndes Alphabet der Gefühle in der späten Sowjetunion“, schrieb die Süddeutsche Zeitung. Übersetzungen erschienen in dänischer, französischer, italienischer, niederländischer und türkischer Sprache; Hier sind Löwen wurde unter anderem ins Bulgarische, Französische und Niederländische übersetzt.[9]

Der Roman Goldstrand (2025) entfaltet in Form wöchentlicher Therapiesitzungen in Rom die Familiengeschichte des Filmregisseurs Elia Fontana, der seiner Analytikerin Episoden aus einem Jahrhundert erzählt; zentrale Schauplätze sind Rom und der bulgarische Badeort Goldstrand am Schwarzen Meer.[10] Die Erzählung verknüpft die Trauerarbeit des Vaters Lew, der seit dem Verschwinden seiner Tochter 1922 zwischen Odessa und Konstantinopel nach Spuren sucht, mit der Nachkriegsgeneration um den jungen Architekten Felix, der beim staatlichen Planungsinstitut „Glavprojekt“ an einer modernen Ferienarchitektur für die Arbeiterklasse mitarbeitet; 1958 endet die Lebensgeschichte des Vaters am Strand von Goldstrand.[10] Stilistisch kombiniert Poladjan dialogische Passagen, essayistische Reflexionen und cineastische Szenen mit mythischen Anspielungen. Der Kritiker Carsten Otte hob hervor, Poladjan „schick[e] … ein ganzes Jahrhundert auf die Couch“ und lege „wie eine Therapeutin die Risse und Brüche der europäischen Geschichte offen“; der Roman biete „Erkenntnis durch ästhetische Erfahrung“.[10]

Der Neue Berliner Kunstverein (n.b.k.) zeigte 2025 den ersten Essayfilm von Katerina Poladjan und Henning Fritsch, eine Überschreibung von Marguerite DurasIl dialogo di Roma (1982).[11] Das Maxim Gorki Theater in Berlin kündigte für Januar 2026 eine Adaption des Romans Zukunftsmusik unter der Regie von Nurkan Erpulat an.[12]

Katerina Poladjan lebt und arbeitet in Berlin. Sie ist Mitglied im PEN Berlin.

Beiträge zu Anthologien

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  • Die Bergsteigerin, in: Ziegel 10 – Hamburger Jahrbuch für Literatur 2006/2007. Verlag Dölling und Galitz, Hamburg 2006/2007, ISBN 978-3-937904-32-0.
  • Wir. Gestern. Heute. Hier. Texte zum Wandel unserer politischen Werte. Hrsg. Matthias Jügler, Verlag Piper, 2020, ISBN 978-3-492-07034-8.
  • Kafka gelesen. Eine Anthologie. Hrsg.: Sebastian Guggolz, S. Fischer Verlag, 2024, ISBN 978-3-10-397579-6.
  • Theo Breuer: Zwanzig Tage – Zwanzig Romane: Ein Buchspiel. In: Matrix. Zeitschrift für Literatur und Kunst, 58. Ausgabe, Pop Verlag, Ludwigsburg 2019, S. 7–167.
Commons: Katerina Poladjan – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Armenien: Das Grauen wiederholt sich jeden Tag. Die Zeit. 23. April 2015, abgerufen am 13. April 2019
  2. Katerina Poladjan, Kulturaustausch, abgerufen am 23. November 2025.
  3. Katerina Poladjan. texttage.nuernberg.de, abgerufen am 23. Juli 2025.
  4. Katerina Poladjan, Crew United, abgerufen am 23. November 2025.
  5. Katerina Poladjan. In: rowohlt.de. Abgerufen am 26. November 2017.
  6. Alfred-Döblin-Stipendien in Wewelsfleth 2014. In: adk.de. Akademie der Künste, Berlin, 17. März 2014, abgerufen am 26. November 2017.
  7. Katerina Poladjan, D/RUS - Bachmannpreis. In: bachmannpreis.orf.at. 28. Mai 2015, abgerufen am 26. November 2017.
  8. Katerina Poladjan. Ehemals im Original (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 15. März 2022.@1@2Vorlage:Toter Link/uat-www.preis-der-leipziger-buchmesse.de (Seite nicht mehr abrufbar. Suche in Webarchiven)
  9. Siehe Katalog der Deutschen Nationalbibliothek.
  10. a b c Carsten Otte: Roman von Katerina Poladjan – Ein Jahrhundert auf der Couch, Rezension zu: Katerina Poladjan: Goldstrand, S. Fischer, Frankfurt a. M. 2025, 4. September 2025.
  11. übertragen, Journalistensprache: Neuinterpretation besonders eines Theaterstücks, dwds.de, abgerufen am 13. Juli 2025
  12. Zukunftsmusik. Uraufführung 24. Januar 2026. www.gorki.de, abgerufen am 23. Juli 2025.
  13. Arbeits- und Recherchestipendien für 29 Berliner Autorinnen und Autoren vergeben (Memento des Originals vom 28. November 2019 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.buchmarkt.de, Meldung auf Buchmarkt.de vom 26. November 2019, abgerufen am 30. November 2019.
  14. Dresdner Chamisso-Literaturpreis an Katerina Poladjan. Die Zeit (dpa-Meldung), 25. Mai 2022, abgerufen am 25. Mai 2022.
  15. Katerina Poladjan doppelt ausgezeichnet, Börsenblatt vom 25. Mai 2022, abgerufen am 26. Mai 2022
  16. SWR2, SWR2: SWR Bestenliste April – Diskussion über vier Bücher. Abgerufen am 13. Juni 2022.
  17. Auszeichnungen: Katerina Poladjan erhält den „Großen Preis des Deutschen Literaturfonds“, buchmarkt.de vom 10. Juli 2025, abgerufen am 13. Juli 2025
  18. Katerina Poladjan: Goldstrand Platz 1. In: swr.de. Abgerufen am 25. Oktober 2025.