Ludwig IV. (Hessen-Darmstadt)

Friedrich Wilhelm Ludwig IV. Karl von Hessen und bei Rhein (* 12. September 1837 in Bessungen; † 13. März 1892 in Darmstadt) war von 1877 bis 1892 Großherzog von Hessen und bei Rhein.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ludwig war der älteste Sohn von Karl von Hessen-Darmstadt und Elisabeth von Preußen, Tochter Wilhelms von Preußen. Ludwigs Vater war der jüngere Bruder von Großherzog Ludwig III. Da dieser ohne Nachkommen blieb, designierte er seinen Neffen zum Erben, nachdem Prinz Karl die Nachfolge aus gesundheitlichen Gründen abgelehnt hatte.
Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Heinrich begann er 1854 seine militärische Ausbildung und zwei Jahre später das Studium an den Universitäten in Göttingen und Gießen (ab Sommersemester 1858). Die Mutter entschied, dass ihre Söhne in preußischen Militärdienst traten, obwohl Ludwigs Onkel Alexander den österreichischen Militärdienst offerierte. Im preußischen Dienst lernte er seinen Cousin 2. Grades Kronprinz Friedrich Wilhelm (Ludwigs Mutter und Friedrich Wilhelms Vater waren Cousine und Vetter) wie auch dessen Gattin kennen. Das Kronprinzenpaar lud Ludwig nach England ein, wo sie ihm die Schwester der preußischen Kronprinzessin vorstellten.


Ludwig heiratete am 1. Juli 1862 in Osborne House auf der Isle of Wight Prinzessin Alice von Großbritannien und Irland, die zweitälteste Tochter von Königin Victoria. Alice war die Schwester der Prinzessin Victoria, wodurch Ludwig auch noch Schwager des Kronprinzen Friedrich Wilhelm (des späteren Deutschen Kaisers Friedrich III.) wurde, mit dem ihn seit seiner Jugendzeit und der gemeinsamen Zeit im preußischen Militär, eine Freundschaft verband.
Der Einfluss seiner Gemahlin liberalisierte den Darmstädter Hof. Mit englischen Mitteln wurde das Neue Palais in Darmstadt errichtet.
Aufgrund der Verfassung des Großherzogtums Hessen war Prinz Ludwig von 1863 bis 1877 Mitglied der ersten Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen.
In der Deutschen Frage tendierte Großherzog Ludwig III. mehr zum Kaisertum Österreich als zum Königreich Preußen. Das Großherzogtum nahm am Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 an der österreichischen Seite teil. Im Krieg kämpfte Ludwig als Kommandeur der 2. Hessischen Infanteriebrigade. Das Thronfolgerpaar forderte Mitte Juli einen Sonderfrieden zwischen Hessen und Preußen. Ministerpräsident Dalwigk lehnte ab und hoffte auf ein Eingreifen Frankreichs gegen Preußen. Am 31. Juli besetzten preußische Truppen Darmstadt kampflos.[1]
Nach dem Krieg bekannte Ludwig sich gegen Großherzog Ludwig III. und Dalwigk zu einer propreußischen Richtung. Ludwig drohte dabei mit dem Rücktritt vom Kommando der hessischen Armeedivision und setzte somit die militärische Neuordnung durch. Mit Kronprinz Friedrich Wilhelm unternahm er 1869 auch eine ausgedehnte Orientreise zur Eröffnung des Suezkanals. Auf dem Weg dahin machten sie einen Abstecher in die Heilige Stadt zu den Heiligen Stätten. Zudem hatte nach jahrelangen Verhandlungen Sultan Abdülaziz 1869 der preußischen Krone das Gelände des östlichen Muristans geschenkt,[2.1] wo die Geschichte des Johanniterordens ihren Anfang genommen hatte. Zur Entgegennahme des geschenkten Grundstücks stellten sich beide Prinzen und Gefolge ein.[2.2] Sie landeten am 3. November mit S.M.S. Hertha in Jaffa an, wo Kıbrıslı Kâmil Pascha, Mutesarrif von Jerusalem, sie begrüßte, bevor sie zwei Tage darauf nach Jerusalem ritten. Schon westlich weit vor der Stadt begrüßten Generalkonsul Georg von Alten, weitere Konsuln und kirchliche Würdenträger die Prinzen, um sie in die Stadt zu geleiten.[2.3]
Durchs Damaskustor erreichte der Zug die Altstadt, ritt vor bis zur Grabeskirche und nach einem intensiven langen Besuch dort kamen die Prinzen ins Muslimische Viertel von Jerusalem zum Norddeutschen Konsulat, wo Generalkonsul Alten sie zum Diner empfing und durch die verbundenen Gärten ins benachbarte Johanniterordens-Hospiz entließ, wo sie logierten.[2.4] Am Sonntag, den 7. November, nach dem Morgengottesdienst in der Christuskirche unterschrieben Friedrich Wilhelm, der Mutesarrif und Alten das Übergabeprotokoll an einem Tisch auf einem Trümmerhaufen des Muristans im Kreise illustrer Gäste.[2.5] Für das vom Onkel Friedrich Wilhelm IV. begonnene evangelische Werk in Jerusalem übernahm der Kronprinz das Gelände, auf dem dessen Sohn Wilhelm II. auf seiner Reise ins Heilige Land 1898 die Erlöserkirche einweihen sollte.
Nach Besuchen von Syrischem Waisenhaus und Talitha Kumi am Westrand Jerusalems begaben sich die Prinzen zur Eröffnungsfeier des Suezkanals, ein internationales Stelldichein royaler Familientreffen, wo die Prinzen ihren gemeinsamen Schwager Kronprinz Albert Eduard von Großbritannien und andere trafen.
Im Deutsch-Französischen Krieg kämpfte Ludwig bei Gravelotte, vor Metz und bei Orléans als Kommandeur der hessischen Division.

Nach dem Tod seines Onkels wurde Ludwig 1877 Großherzog von Hessen und bei Rhein. Großherzogin Alice starb im Jahr darauf und nur vier Wochen nach ihrer jüngsten Tochter Marie, ebenfalls an Diphtherie. Die Regierungsgeschäfte führten unter Ludwig IV. Julius Rinck von Starck und Jakob Finger als Ministerpräsidenten im Einklang mit den liberalen Grundsätzen des Großherzogs und auch der liberalen Landtagsmehrheit.
Am 30. April 1884 vermählte er sich in morganatischer Ehe mit Alexandrine von Hutten-Czapska (1854–1941), Tochter des Grafen Adam von Hutten-Czapski, die anlässlich der Vermählung zur Gräfin von Romrod erhoben wurde. Die Ehe wurde noch im selben Jahr, auf Druck der fürstlichen Verwandtschaft, wieder annulliert.
Die engen dynastischen Verbindungen mit Preußen, Großbritannien und Russland verliehen dem großherzoglichen Haus Hessen eine besondere Stellung, wirkten sich aber politisch kaum aus.
Ludwig IV. erlag am 13. März 1892 einem Schlaganfall.[3] 1910 wurden seine sterblichen Überreste in das kurz zuvor vollendete Neue Mausoleum der großherzoglichen Familie im Park Rosenhöhe in Darmstadt überführt.
Nachkommen
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- Viktoria (1863–1950)
- ⚭ 1884 Louis Mountbatten, 1. Marquess of Milford Haven (1854–1921)
- Elisabeth (1864–1918), später Jelisaweta Fjodorowna
- ⚭ 1884 Großfürst Sergei Alexandrowitsch Romanow (1857–1905)
- Irene (1866–1953)
- ⚭ 1888 Prinz Heinrich von Preußen (1862–1929)
- Ernst Ludwig (1868–1937), letzter Großherzog von Hessen und bei Rhein
- ⚭ 1. 1894–1901 Victoria Melita von Sachsen-Coburg und Gotha (1876–1936) (Ehe geschieden)
- ⚭ 2. 1905 Eleonore zu Solms-Hohensolms-Lich (1871–1937)
- Friedrich (1870–1873)
- Alix (1872–1918), später Alexandra Fjodorowna
- ⚭ 1894 Zar Nikolaus II. von Russland (1868–1918)
- Marie (1874–1878)
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Auf dem Ludwigsplatz in Worms wurde 1895 ein Denkmal zu Ehren Ludwigs in Form eines Obelisken errichtet, das von dem Stadtbaumeister Karl Hofmann entworfen wurde. Ein weiteres Denkmal Ludwigs steht in Bingen am Rhein. Ein 1898[4] errichtetes Reiterstandbild des Großherzogs steht auf dem Friedensplatz in Darmstadt. Es zeigt Ludwig als Kommandeur der hessischen Division im deutsch-französischen Krieg 1870–71.[5]
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Obelisk Ludwig IV. in Worms
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Reiterdenkmal von Ludwig IV. auf dem Friedensplatz in Darmstadt
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Bronzestatue von Ludwig IV. vor der „Alten Stadthalle“ in Bingen am Rhein von 1913.
Vorfahren
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]| Ludwig I. Großherzog von Hessen (1753–1830) | |||||||||||||
| Ludwig II. Großherzog von Hessen (1777–1848) | |||||||||||||
| Luise Henriette Karoline von Hessen-Darmstadt (1761–1829) | |||||||||||||
| Karl von Hessen-Darmstadt (1809–1877) | |||||||||||||
| Karl Ludwig von Baden (1755–1801) | |||||||||||||
| Wilhelmine von Baden (1788–1836) | |||||||||||||
| Amalie von Hessen-Darmstadt (1754–1832) | |||||||||||||
| Ludwig IV. Großherzog von Hessen | |||||||||||||
| Friedrich Wilhelm II. König von Preußen (1744–1797) | |||||||||||||
| Prinz Wilhelm von Preußen (1783–1851) | |||||||||||||
| Friederike Luise von Hessen-Darmstadt (1751–1805) | |||||||||||||
| Elisabeth von Preußen (1815–1885) | |||||||||||||
| Friedrich V. Landgraf von Hessen-Homburg (1748–1820) | |||||||||||||
| Maria Anna von Hessen-Homburg (1785–1846) | |||||||||||||
| Karoline von Hessen-Darmstadt (1746–1821) | |||||||||||||
Anmerkung: Auffällig in diesem Stammbaum ist die Tatsache, dass es bei seinen Großeltern und Ur-Großeltern viele interfamiliäre Heiraten gab. Daher ist das Haus Hessen-Darmstadt dort auch überproportional oft vertreten.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Thomas Aufleger: Many a tear of Heimweh after you I have already shed Die Nachkommen Großherzog Ludwigs IV. Hessische Familienbande zwischen den Höfen Europas. In: Fabergé. Geschenke der Zarenfamilie. Petersberg 2016, ISBN 978-3-7319-0406-9, S. 9–28.
- Hans-Joachim Böttcher: Prinz Alexander von Battenberg, 1857–1893, Im Strudel europäischer Politik und des Herzens. Gabriele Schäfer Verlag, Herne 2021, ISBN 978-3-944487-84-7.
- Adolf von Deitenhofen: Fremde Fürsten in Habsburgs Heer 1848–1898. Im Selbstverlage, 1898, S. 513–517.
- Eckhart G. Franz: Ludwig IV. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 15. Duncker & Humblot, Berlin 1987, ISBN 3-428-00196-6, S. 398–400 (deutsche-biographie.de).
- Eckhart G. Franz (Hrsg.): Haus Hessen. Biografisches Lexikon. Hessische Historische Kommission, Darmstadt 2012, ISBN 978-3-88443-411-6, Nr. HD 77, S. 355–357 (= Arbeiten der Hessischen Historischen Kommission. N.F., Band 34).
- Gustav von Glasenapp: Militärische Biographien des Offizier-Corps der Preussischen Armee. Berlin 1868, S. 245.
- Manfred Knodt: Die Regenten von Hessen-Darmstadt. Schlapp-Verlag, Darmstadt 1989, ISBN 3-87704-004-7.
- Jochen Lengemann: MdL Hessen. 1808–1996. Biographischer Index. Elwert, Marburg 1996, ISBN 3-7708-1071-6, S. 181 (= Politische und parlamentarische Geschichte des Landes Hessen. Band 14 = Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. Band 48, 7).
- Kurt von Priesdorff: Soldatisches Führertum. Band 7, Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg, o. O. [Hamburg], o. J. [1939], S. 434–437, Nr. 2389; DNB 367632829.
- Klaus-Dieter Rack, Bernd Vielsmeier: Hessische Abgeordnete 1820–1933. Biografische Nachweise für die Erste und Zweite Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen 1820–1918 und den Landtag des Volksstaats Hessen 1919–1933. Hessische Historische Kommission, Darmstadt 2008, ISBN 978-3-88443-052-1, Nr. 354 (= Politische und parlamentarische Geschichte des Landes Hessen, Band 19 = Arbeiten der Hessischen Historischen Kommission, NF, Band 29).
- Ludwig IV. [2]. In: Brockhaus’ Kleines Konversations-Lexikon. 5. Auflage. Band 2. Brockhaus, Leipzig 1911, S. 88 (Digitalisat. zeno.org).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Hessen und bei Rhein, Ludwig IV. Großherzog von. Hessische Biografie. (Stand: 13. März 2020). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
- Ludwig IV. Großherzog von Hessen und bei Rhein. Abgeordnete. In: Hessische Parlamentarismusgeschichte Online. HLGL & Uni Marburg, abgerufen am 2. Januar 2026 (Stand 12. September 2025).
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Franz, Fleck, Kallenberg: Großherzogtum Hessen. S. 840.
- ↑ Ejal Jakob Eisler (אֱיָל יַעֲקֹב אַיְזְלֶר), Das deutsche Johanniter-Hospiz in Jerusalem, Köln: Böhlau, 2013, Seitenzahl wie hinter der Fußnotenzahl angegeben. ISBN 978-3-412-20571-3.
- ↑ Adolf Kröner: Die Gartenlaube. Heft 7, bei Keil in Leipzig 1892, S. 225.
- ↑ Rainer Hein: Ende der Waschbeton-Kultur. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Rhein-Main. 19. Februar 2017, abgerufen am 26. März 2017.
- ↑ Begriff Friedensplatz. (PDF; 4,8 MB) dfg-vk-darmstadt.de
| Vorgänger | Amt | Nachfolger |
|---|---|---|
| Ludwig III. | Großherzog von Hessen 1877–1892 | Ernst Ludwig |
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Ludwig IV. |
| ALTERNATIVNAMEN | Friedrich Wilhelm Ludwig Karl von Hessen-Darmstadt |
| KURZBESCHREIBUNG | Großherzog von Hessen-Darmstadt |
| GEBURTSDATUM | 12. September 1837 |
| GEBURTSORT | Bessungen |
| STERBEDATUM | 13. März 1892 |
| STERBEORT | Darmstadt |
- Großherzog (Hessen)
- Generaloberst (Königreich Preußen)
- Generalleutnant (Hessen-Darmstadt)
- Person im Deutschen Krieg
- Person im Deutsch-Französischen Krieg
- Ritter des Schwarzen Adlerordens
- Träger des Pour le Mérite (Militärorden)
- Ritter des Hosenbandordens
- Träger des Elefanten-Ordens
- Mitglied der Ersten Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen
- Karl von Hessen-Darmstadt
- Ludwig IV. (Hessen-Darmstadt)
- Alice von Großbritannien und Irland
- Familienmitglied des Hauses Hessen (Linie Darmstadt)
- Geboren 1837
- Gestorben 1892
- Mann