MOSAiC-Expedition

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Wissenschaftler vor der Polarstern (September 2019)
Die Polarstern (Herbst 2019)
Eisbären untersuchen das Camp der Expedition (Oktober 2019)
Die Polarstern (Bildaufnahmedatum vor dem 25. September 2019)

Die MOSAiC-Expedition (Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate, „Multidiziplinäres Driftobservatorium zur Untersuchung des Arktisklimas“) war eine einjährige, internationale Expedition in die zentrale Arktis, angeleitet vom deutschen Alfred-Wegener-Institut (AWI).

Während der Jahre von 2019 bis 2020 wurde erstmals mit einem modernen Forschungseisbrecher die direkte Umgebung des Nordpols auch im Winter und Frühjahr erreicht. Gemessen an den logistischen Herausforderungen des Unternehmens, der Gesamtanzahl an Teilnehmern, der Anzahl der teilnehmenden Nationen und einem ursprünglich zur Verfügung stehenden Budget in Höhe von 140 Millionen Euro[1] ist MOSAiC die bisher größte Forschungsexpedition in die Arktis. 50 Prozent der Kosten wurden aus dem Etat des Bundesforschungsministeriums (BMBF) gedeckt.[2] Mehrkosten liefen durch die nicht geplante Rückfahrt der MS Polarstern wegen notwendig gewordener Maßnahmen zum COVID-19-Pandemieschutz auf.

Das zentrale Expeditionsschiff, der Forschungseisbrecher Polarstern des AWI, wurde dabei von Versorgungs- und Unterstützungsoperationen der russischen Akademik Fedorov und der Kapitan Dranitsyn, den beiden deutschen Forschungsschiffen Sonne und Maria S. Merian und der russischen Akademik Tryoshnikow unterstützt. Weiterhin waren Flugzeuge und Helikopter mit in den Einsatz inbegriffen. Insgesamt waren während der Expedition über mehrere Phasen verteilt mehr als 600 Personen in der zentralen Arktis tätig. Die internationale Expedition mit mehr als 80 teilnehmenden Institutionen aus 20 Nationen wurde vom AWI geführt und stand unter der Leitung des Physikers Markus Rex.[3] Das Ziel von MOSAiC war nach eigenen Angaben, die komplexen und nur unzureichend verstandenen Klimaprozesse der zentralen Arktis zu untersuchen, die Darstellung dieser Prozesse in globalen Klimamodellen zu verbessern und zu verlässlicheren Klimaprognosen beizutragen.

Missionshintergrund und Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Winterhalbjahr ist das arktische Meereis zu dick, um von Forschungseisbrechern durchbrochen werden zu können. Daten aus der Zentralarktis fehlen daher insbesondere im Winterhalbjahr nahezu vollständig. Das Vorbild der MOSAiC-Expedition zur Erreichung der Zentralarktis im Winter ist Fridtjof Nansens Expedition mit dem hölzernen Forschungsschiff Fram in den Jahren von 1893 bis 1896 (siehe Nansens Fram-Expedition). Diese hat die Möglichkeit aufgezeigt, ein Schiff, fest eingefroren in das Meereis der zentralen Arktis, über die Polarkalotte driften zu lassen, allein angetrieben durch die natürliche Bewegung des Eises in der Transpolardrift. Während Nansens Drift-Experiment mit der Fram gelang, waren die wissenschaftlichen Messungen der Fram-Expedition aus heutiger Sicht rudimentär. Die MOSAiC-Expedition begab sich erstmals mit einem modernen Forschungseisbrecher auf die Spuren der Fram, der mit umfangreichem wissenschaftlichem Instrumentarium zur Untersuchung komplexer Klimaprozesse ausgestattet ist.

Ähnliche Drift-Versuche fanden in der modernen Wissenschaft bereits statt, jedoch in wesentlich kleinerem Umfang. In den 1990er hatte sich der Eisbrecher Des Groseilliers der Royal Canadian Coast Guard im Meereeis einschließen lassen und die Forschungsstation SHEBA (Surface Heat Budget of the Arctic Ocean) errichtet. Der französische Segelschoner Tara wurde im Winter 2006/2007 von Meereis eingeschlossen und trieb aus der Ostsibirischen See bis in die Framstraße. 2015 unternahm die Lance des Norwegischen Polarinstituts ebenfalls eine solche Drift-Expedition.[4][5]

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Rückgrat der Arbeit der MOSAiC-Kampagne war die ganzjährige Drift der Polarstern durch die zentrale Arktis. Die Polarstern brach dazu am 20. September 2019 im norwegischen Hafen Tromsø zusammen mit der Akademik Fedorov auf. Sie fuhr entlang der sibirischen Küste nach Osten, nahm bei etwa 120° Ost Kurs auf Nord und suchte sich einen Weg in das zentrale arktische Meereis, was zu dieser Jahreszeit noch möglich war. Bei etwa 85° 4,582′ Nord und 134° 25,769′ West wurden die Maschinen der Polarstern am 6. Oktober in Leerlauf versetzt. Das Schiff ließ sich fest in das Meereis einfrieren und driftete rund 3400 Kilometer durch die Arktis. Ohne eigenen Antrieb kam die Expedition etwa 12 Kilometer am Tag voran (weit schneller als berechnet).[6] Neben dem Schiff wurde ein umfangreiches Forschungscamp auf dem Meereis errichtet. Die Akademik Fedorov brachte unterdessen in einem Abstand von bis zu 50 km ein Netzwerk von Beobachtungsstationen auf dem Eis aus. Dieses Stationsnetzwerk besteht aus autonomen und ferngesteuerten Instrumenten, die mit Hilfe von Helikoptern regelmäßig von der zentralen Polarstern aus angeflogen werden. Für Notfalloperationen waren Langstreckenhelikopter in Flügen über eigens ausgebrachte Treibstoffdepots auf den nördlichsten sibirischen Inseln phasenweise in der Lage, die Polarstern während der Expedition zu erreichen.

Nach einer letzten Übergabe von Treibstoff fuhr die Akademik Fedorov am 19. Oktober zurück nach Tromsø. Die Polarstern driftete nun mit der natürlichen Eisdrift mit dem umliegenden Netzwerk an Forschungsstationen über den Nordpolbereich, um weniger als ein Jahr später die Framstraße zu erreichen. Anfang Herbst 2020 verließ sie das Eis wieder. Anfänglich und dann wieder ab Sommer 2020 hatten die Eisbedingungen noch eine Versorgung und Austausch von Expeditionsteilnehmern durch die MOSAiC-Partnereisbrecher erlaubt. So erreichte der Eisbrecher Kapitan Dranitsyn am 16. Dezember 2019 die Polarstern für einen Austausch von rund 100 Mitarbeitern der an der Expedition beteiligten Personen, womit Fahrabschnitt 2 eingeleitet wurde. Während der Phase Mitte Februar bis Mitte Juni erlaubte das Meereis jedoch keinen Vorstoß von Versorgungseisbrechern.

Während des Zeitraums März und April 2020 sollten nach Expeditionsplanung die AWI-Forschungsflugzeuge Polar 5 und Polar 6 auf einer neben dem Schiff auf dem Meereis errichteten Landebahn landen und die Messungen der Expedition großräumig ergänzen. Weiterhin sollte die Meereislandebahn auch für den Austausch von Expeditionsteilnehmern genutzt werden. Da die Versorgungsflüge aber via Spitzbergen geplant waren und diese Inselgruppe aufgrund der COVID-19-Pandemie und der beschränkten medizinischen Einrichtung vor Ort abgeriegelt wurde,[7] mussten die geplanten Flüge abgesagt und verschoben werden.[8] Damit war eine Versorgung der Expedition aus der Luft via Spitzbergen nicht mehr möglich. In Zusammenarbeit des BMBFs, der Koordinierungsstelle der deutschen Forschungsschiffe und der DFG konnten kurzfristig die beiden deutschen Forschungsschiffe Sonne und Maria S. Merian am 18. Mai 2020 mit neuer Mannschaft, Proviant und Treibstoff und weiterem Material Bremerhaven verlassen und für den nächsten Austausch von Team und Fracht Kurs auf Spitzbergen nehmen. Die Polarstern unterbrach Mitte Mai 2020 ihre Drift im Meereis und fuhr zurück Richtung Spitzbergen. Dort traf sie die beiden deutschen Forschungsschiffe in den Adventfjorden bei Spitzbergen und tauschte Mannschaft und Material aus.[7][9] Während dieser Phase dokumentierten autonome Messgeräte, ausgebracht und zeitweise zurückgelassen auf der "MOSAiC-Eisscholle", weiterhin die Entwicklungen vor Ort.[10] Am 17. Juni 2020 war die Polarstern zurück an der Eisscholle, um ihre Drift mit dem Meereis fortzusetzen.[10] Stürme rissen die Scholle zwar immer wieder auseinander, doch ebenso schnell froren die Fragmente wieder zusammen. Ende Juli 2020 zerbröselte das Eisstück endgültig. Auswertungen zeigten, dass sich die Eisscholle im Dezember 2018 im Flachwasserbereich der russischen Schelfe gebildet hatte. Bei der Beweisführung halfen unter anderem Steine und Muscheln, die sich auf der Scholle fanden: Sie stammten aus Sedimenten russischer Flüsse.[6]

Trotz der Corona-bedingten Absagen der Forschungsflüge im April 2020 waren weitere Forschungsflüge für den Sommer 2020 geplant.[11] War die Polarstern während ihres Eisdrifts dem Nordpol Ende Februar mit ca. 150 Kilometer am nähesten gekommen, fuhr die Expedition im August (diesmal mit Motorkraft) innerhalb von sechs Tagen direkt zum Pol und erreichte diesen am 19. August um 12.45 Uhr deutscher Zeit. Da das Eis dort ungewöhnlich „weich und löchrig“ war, konnte die Expedition eine beschriftete Stahlplatte im Meer versenken.[6] Anschließend fuhr die Polarstern Richtung Sibirien, um dort im Meer den Jahreszyklus des Eises zu beobachten.[12] Am 20. September 2020 trat die Polarstern den Heimweg mit Ziel Bremerhaven an.[13] Am 12. Oktober 2020 kam sie dort an.[14] Die Auswertung der aus der Expedition gewonnenen Daten hatte schon zuvor begonnen.[6]

Während ihres Aufenthalts verbrachte die Expedition rund 150 Tage in Dämmerung und Dunkelheit, an 56 Tagen hatten sie mit Starkwind zu kämpfen. Insgesamt 58-mal wurden Eisbären in der Nähe des Schiffes gesichtet.[6]

Politischer Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Expedition fand im Kontext einer gesamtgesellschaftlichen Diskussion um Klimawandel und Klimaschutzmaßnahmen statt. Wissenschaftler und Geldgeber begründen ihre Notwendigkeiten unter anderem damit, dass durch sie neue Daten für künftig bessere politische Entscheidungen gewonnen würden. Deshalb seien laut Aussage von Bundeswissenschaftsministerin Anja Karliczek die Klimaforscher „die Helden unserer Zeit“. Sie verwies darauf, dass man mit mehr Daten über die Arktis im deutschen Klimaschutz aktiv werden könne: „Es ist also in unserem höchsten Interesse, die Arktis zu erforschen. Nur wenn wir wissen, wie sich das Klima in der Arktis entwickelt, sind wir in der Lage, auch bei uns in Deutschland Vorsorge gegen Klimaveränderungen zu treffen und effektiv dem Klimawandel entgegenzuwirken.“[15]

Vorbereitungs-Kampagne[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erfahrungen für die Kampagne wurden beim bislang längsten kontinuierlichen Betrieb einer Eisstation unter deutscher Leitung im Jahr 2017 gesammelt. Zwei Wochen lang machte der Forschungseisbrecher Polarstern an einer Eisscholle fest und ließ sich mit ihr durch die Arktis treiben. Aus dieser „kleinen Drift“ konnten wissenschaftliche und logistische Erfahrungen für die große einjährige Eisdriftkampagne MOSAiC gewonnen werden. Logistische Erfahrungen mit dem Zusammenspiel der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen Atmosphärenphysik, Biogeochemie, Ozeanographie, Umweltphysik und der organismischen Biologie wurden dabei gesammelt. Geleitet wurde die Kampagne von Andreas Macke vom Tropos Leibniz-Institut für Troposphärenforschung.[16]

Teilnehmer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der Expedition beteiligt waren 82 Forschungsinstitute und Staatsunternehmen aus 20 Ländern aus allen anrainenden Kontinenten.[3] Wissenschaftler der verschiedenen Institutionen arbeiteten zeitweise auf der Polarstern; etliche Institutionen führten eigene Versuche und Probenahmen durch.

Leiter von MOSAiC war Markus Rex, der die Expedition insgesamt auch gut sieben Monate während der Abschnitte eins, vier und fünf selbst leitete. Jeweils für etwa zwei Monate übernahmen Christian Haas (Abschnitt zwei) und Torsten Kanzow (Abschnitt drei) die Leitung vor Ort. Die Kapitäne waren für jeweils etwa sechs Monate Stefan Schwarze (Abschnitt eins bis drei) und Thomas Wunderlich (Abschnitte vier bis fünf).[17]

Rekord[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit 156 Kilometern Distanz kam die Polarstern dem Nordpol während des arktischen Winters näher als je ein Schiff zuvor.[7]

Forschungsschwerpunkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Hauptziel von MOSAiC ist es, ein besseres Verständnis der gekoppelten Klimaprozesse der zentralen Arktis zu entwickeln, um diese in regionalen und globalen Modellen genauer darstellen zu können. Die Erkenntnisse werden zu einer verbesserten Modellierung des globalen Klimas, des Wetters sowie der Vorhersagemöglichkeiten für arktisches Meereis beitragen.

Die Ergebnisse der MOSAiC-Mission werden helfen, das Verständnis für die regionalen und globalen Folgen des arktischen Klimawandels und des Meereisverlustes zu verbessern und die Wetter- und Klimavorhersagen zu verbessern. Damit wird sie zukünftige Meer- und Offshoreoperationen unterstützen, zu einer vertieften wissenschaftlichen Grundlage für die künftige Fischerei und den marinen Verkehr entlang der nördlichen Seeroute beitragen, die Widerstandsfähigkeit der Küstenbewohner erhöhen und wissenschaftlich fundierte Entscheidungen und politische Entwicklungen vorantreiben.

Atmosphäre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Atmosphärenmessungen während MOSAiC werden ein physikalisches Verständnis der lokalen und vertikalen Wechselwirkungen in der Atmosphäre liefern. Darüber hinaus wird die Charakterisierung von Wolken, der atmosphärischen Grenzschicht, der Oberflächenschicht und der Oberflächenenergieflüsse zu einem besseren Verständnis der unteren troposphärischen Prozesse führen, die mit der arktischen Oberfläche interagieren. Eine große Herausforderung wird es sein, diese Messungen über den gesamten Jahreszyklus des Meereises aufrechtzuerhalten, insbesondere zu Beginn der Gefrierperiode, um den Übergang vom offenen Ozean zu einer sehr dünnen Meereisschicht zu erfassen. Messungen in größeren Höhen werden Eigenschaften der mittleren und oberen Troposphäre liefern. Um das Verständnis der Aerosole über der zentralen Arktis insbesondere im Winter zu erweitern, werden Messungen zur Zusammensetzung der Partikel, ihrer physikalischen Eigenschaften, ihrer direkten und indirekten Strahlungswirkung und ihrer Wechselwirkungen mit Wolkeneigenschaften durchgeführt.[18] Routinemäßige Radiosondenbeobachtungen in Kombination mit Fesselballons liefern hochauflösende Profile von Atmosphärentemperatur und -feuchtigkeit. Darüber hinaus wird per Radarmessungen das vertikale Profil der Windgeschwindigkeit und -richtung bestimmt, um die Entwicklung der mesoskaligen Dynamik zu erfassen. Die wichtigsten thermodynamischen Parameter sowie die kinematischen Strukturen der Atmosphäre werden mit Hilfe von Mikrowellen- und Infrarotradiometern sowie Raman- oder Doppler-Lidar untersucht.[19]

Meereis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Beobachtungen erstreckten sich auf physikalische und mechanischen Eigenschaften, Morphologie, optische Eigenschaften und die Massenbilanz des arktischen Meereises. Der Schwerpunkt liegt auf der Charakterisierung der Eigenschaften der Schnee- und Eisbedeckung, sowie dem Verständnis der Prozesse, die diese Eigenschaften bestimmen. Schneegruben und Eisbohrkerne helfen den Wissenschaftler, diese Daten zu sammeln. Weitere Aspekte der Meereisbeobachtung sind die Bestimmung des Massenbudgets durch Messung der Schneehöhe und der Eisdicke, sowie die Messung der Verteilung von Sonneneinstrahlung im Eis, der spektralen Albedo, und der Transmission des Eises. Darüber hinaus werden verschiedene Eisarten im Laufe eines vollständigen Jahreszyklus untersucht, um die räumliche Variabilität und zeitliche Entwicklung der arktischen Eisbedeckung zu bestimmen.[19]

Ozean[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ozeanprozesse beeinflussen die Energiebilanz der Arktis sowie das Wachstum und die Schmelze des arktischen Meereises durch die Zufuhr von Wärme. Darüber hinaus spielen sie eine wichtige Rolle bei der biologischen Aktivität zur Bindung und zum potenziellen Export von CO2. Die durchgeführten Messungen an Wassersäulen werden helfen, die folgenden Schlüsselmechanismen zu verstehen: (1) Zufuhr von Wärme an die Schnittstelle zwischen Meereis und Ozean, (2) Absorption der Sonneneinstrahlung und die Verarbeitung entstehenden Wärme, (3) Einflüsse der Tiefsee, (4) Produktionen und Exporte aus der euphotischen Zone.

Da eines der Hauptziele der MOSAiC-Expedition das Verständnis für die Entwicklung des Meereises ist, bilden eisnahe Ozeanprozesse, wie die oberflächennahe Mischung, die Schwerpunkte der ozeanografischen Messungen. Dazu werden die Dynamik und die Thermodynamik der Ozeanmischschicht im Detail untersucht.[18] Dementsprechend wurden kontinuierliche Messungen turbulenter Flüsse direkt unter der Ozean-Eis-Grenzfläche durchgeführt, um die Geschwindigkeiten von Eis und Ozean, vertikale Wärme- und Impulsflüsse, Massendiffusion und andere Schlüsselprozesse zu verstehen. Darüber hinaus wurde der tiefere Ozean in größerem Kontext beobachtet, indem routinemäßige Profile von Geschwindigkeit, Temperatur, Salzgehalt und gelöstem Sauerstoff in den oberen hundert Metern des Arktischen Ozeans erstellt wurden, um seine Auswirkungen auf die obere Ozean-Eis-Grenzfläche zu verstehen.[19]

Ökosystem und Biogeochemie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Beobachtung der biologischen und biogeochemischen Transformation und Sukzession konzentrierte sich auf die Untersuchung von Eis-, Schnee- und Wasserproben. Gleichzeitig sollten Strömungsmessungen, sowohl an den Eis-/Wasser-, als auch an den Eis-/Luftgrenzschichten durchführt werden. Diese Messungen wurden über einen vollständigen und kontinuierlichen arktischen Jahreszyklus geführt, um die Biologie und Biogeochemie des Eismeer-Atmosphärensystems zu jeder Jahreszeit zu quantifizieren, insbesondere im untererforschten arktischen Winter. Es wurden zum Beispiel das jährliche Massenbudget an organischem und anorganischem Kohlenstoff beobachtet, einschließlich kristallographischer Messungen von Ikait in den Solekanälen.[19] Diese bezogen sich auf den durch die Biogeochemie des Meereises verursachten netto Luft-/Eis-Fluss von CO2, sowie auf das Potenzial für das Einfangen von organischem Kohlenstoff und die Respiration von CO2. Darüber hinaus war es ein Ziel, die Methanakkumulation, die Oxidation unter dem Meereis und die Luft-/Ozean-Flüsse nach dem Potenzial für große ozeanische Methan-Flüsse in die Atmosphäre zu quantifizieren. Ein drittes Schlüsselelement ist die Beobachtung des Zyklus biogener Gase wie N2O, O2, DMS (Dimethylsulfid) oder Bromoform im Schnee, im Meereis und -wasser, die zum Verständnis der zugrunde liegenden biogeochemischen Pfade beitragen.[19] Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Aufstellung einer Jahresmassenbilanz und eines Eis-/Wasser-Zykluses von Makro- und Mikronährstoffen, indem die vertikalen Nährstoffflüsse zwischen dem Meer, der euphotischen Zone, der gemischten, sowie der tiefen Schicht des Meeres in Kombination mit molekularen Werkzeugen zum Verständnis der Recyclingketten untersucht werden.

Modellierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine enge Vernetzung zwischen Modell- und Beobachtungskonzept spielte eine Schlüsselrolle bei der Definition und Planung der MOSAiC-Expedition. Um die Veränderungen des arktischen Klimasystems zu verstehen und zu erklären, werden Modelle zusammenwirkend mit den Beobachtungen und Messungen entwickelt und bestehende Modelle verbessert. Diese Beobachtungen spielen dann wiederum eine wichtige Rolle zur Verbesserung dieser und zur Entwicklung weiterer Modelle zur Wetter- und Meereisvorhersage sowie der Klimaprojektion. Des Weiteren werden Modelle den Blick auf Phänome ermöglichen, die nicht direkt beobachtbar sind. Die Beobachtungen der MOSAiC-Expedition werden neue Randbedingungen für Modelle vieler Größenordnungen liefern.[20] Beispielsweise werden hochauflösende Modelle für detaillierte Studien verwendet, die dann als Grundlage zur Verbesserung regionaler und globaler Klimamodelle dienen werden.

Zusätzlich werden regionale Arktismodelle verwendet, um wichtige Fragen bezüglich der Arktis als globale Energiesenke zu beantworten, in der Art und Weise, wie globale Verbindungsmuster von einem sich ändernden arktischen Eisvolumen beeinflusst werden, und die Auswirkungen dieser Veränderungen auf die Zirkulation und das Wetter in niedrigeren Breiten.[20] Die MOSAiC Modellierungs- und Beobachtungsaktivitäten arbeiten eng mit den internationalen Modellierungsbemühungen des World Weather Research Programmes und des World Climate Research Programmes zusammen.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: MOSAIC – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sonja Fröhlich: Ein Jahr auf der Eisscholle. In: Kölner Stadt-Anzeiger. Nr. 217/2019. Köln 18. September 2019, Thema des Tages, S. 2.
  2. "Polarstern" macht größte Arktisexpedition aller Zeiten – „Mosaic“-Expedition. Abgerufen am 21. September 2019.
  3. a b Liste der Partnerinstitutionen auf der Website der MOSAiC-Expedition. Abgerufen am 09. April 2020.
  4. Jonathan Amos: Scientists begin 'biggest ever' Arctic expedition. BBC News, 21. September 2019, abgerufen am 23. September 2019 (englisch).
  5. Tour of Norwegian Arctic science ship. BBC News, 5. Mai 2015, abgerufen am 23. September 2019 (englisch).
  6. a b c d e Christoph Seidler, DER SPIEGEL: Forscher der „Polarstern“ berichten: Unser Jahr in der Arktis – DER SPIEGEL – Wissenschaft. Abgerufen am 11. Oktober 2020.
  7. a b c Kai Strittmatter: "Das wilde Treiben am Nordpol". In: Tages-Anzeiger-online. Abgerufen am 25. Mai 2020.
  8. Alternativplan für Polarstern-Versorgung steht – AWI. Abgerufen am 12. Mai 2020.
  9. Rendezvous der Forschungsschiffe. Abgerufen am 7. Juli 2020.
  10. a b Polarstern zurück an der MOSAiC-Eisscholle. Alfred-Wegener-Institut, abgerufen am 7. Juli 2020.
  11. MOSAiC-Flugkampagnen zur Vermessung von Atmosphäre und Meereis finden vorerst nicht statt – AWI. Abgerufen am 12. Mai 2020.
  12. DER SPIEGEL: Forschungsschiff „Polarstern“ erreicht Nordpol schneller als gedacht – DER SPIEGEL – Wissenschaft. Abgerufen am 12. Oktober 2020.
  13. DER SPIEGEL: Nach einem Jahr in der Arktis: Die „Polarstern“ kehrt zurück – DER SPIEGEL – Wissenschaft. Abgerufen am 22. September 2020.
  14. NDR: Heimkehr aus dem ewigen Eis: „Polarstern“ kommt heute zurück. Abgerufen am 12. Oktober 2020.
  15. dpa: Ein Jahr im Packeis: Eisbrecher „Polarstern“ gestartet. 20. September 2019, abgerufen am 29. September 2019 (deutsch).
  16. BMBF-Internetredaktion: "Wir rücken in Regionen jenseits der Vorstellungskraft vor" – BMBF. Abgerufen am 21. September 2019.
  17. Alfred-Wegener-Institut: MOSAiC-Team. In: MOSAiC offizielle Webseite. Alfred-Wegener-Institut, 20. September 2019, abgerufen am 2. Januar 2020 (englisch).
  18. a b Alfred-Wegener-Institut: Science Plan, MOSAiC-Expedition. Hrsg.: Alfred-Wegener-Institute. 2016 (Online [PDF]).
  19. a b c d e Alfred-Wegener Institut: Implementation Plan, MOSAiC-Expedition. Hrsg.: Alfred-Wegener-Institut. 2018 (Online [PDF]).
  20. a b Alfred-Wegener Institut: The Expedition – MOSAIC. Alfred-Wegener-Institut, 22. August 2018, abgerufen am 27. März 2019 (englisch).