Marienkirche (Danzig)

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Marienkirche von Süden (2014)
Grundriss

Die Kathedralbasilika der Himmelfahrt der Allerheiligsten Jungfrau Maria (poln. Bazylika konkatedralna Wniebowzięcia Najświętszej Maryi Panny, bis 1945 Oberpfarrkirche St. Marien) ist die Hauptpfarrkirche der Stadt Danzig in Polen. Sie wurde von 1343 bis 1502 im Stil der Gotik erbaut.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bauzeit 1343–1502[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf einem romanischen Vorgängerbau wurde am 28. März 1343 mit dem Bau einer neuen Hallenkirche begonnen. Baumeister war Heinrich Ungeradin.[1] 1466 wurde eine königliche Kapelle für den polnischen König errichtet. 1502 wurde der Bau der Marienkirche nach 159 Jahren beendet.

Evangelische Kirche 1525–1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inschrift vom Brandereignis von 1613

1525 wurde Michael Meurer kurzzeitig der erste lutherische Pfarrer, ab 1526 wurden die Messen wieder nach katholischen Ritus gehalten, obwohl sich Pankratius Klemme um evangelische Predigten bemühte. Ab 1557 konnten evangelische Gottesdienste offiziell gehalten werden.

Am 4. Mai 1613 wurde der S. Jakob-Turm vom Blitz getroffen und brannte bis auf das Mauerwerk ab. 1618 wurde der Turm wie vormals mit einem Kupferdach wieder aufgebaut.[2] (Die Inschrift am Turm weist auf dieses Ereignis hin.)

Bis 1945 war die Marienkirche das zweitgrößte evangelisch-lutherische Gotteshaus der Welt (nur das Ulmer Münster ist etwas größer).

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Marienkirche im März 1945 bei der Eroberung der Stadt durch die Rote Armee schwer beschädigt; vierzig Prozent der Kunstschätze wurden vernichtet. Der hölzerne Dachstuhl brannte aus, 14 der großen Gewölbebögen brachen zusammen, die Glasfenster wurden zerstört.

Katholische Kirche seit 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Wiederaufbau des Kirchengebäudes begann 1946, im August 1947 wurde das Dach, eine Stahlbetonkonstruktion, fertiggestellt. Wegen der Flucht und Vertreibung Deutscher aus Mittel- und Osteuropa 1945–1950 fand die Kirchweihe am 17. November 1955 im katholischen Ritus statt. 1965 wurde die Kirche zur Basilica minor erhoben, seit 1986 ist sie Konkathedrale der 1992 zum Erzbistum Danzig erhobenen Diözese Oliva.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Danziger Marienkirche ist eine der größten Hallenkirchen weltweit und eine der drei größten Backstein­kirchen nördlich der Alpen.[A 1]

Gegenüber den meisten anderen Werken der Backsteingotik im Bereich der südlichen Ostseeküste weist sie ein paar Besonderheiten auf:

Schiff, Querschiff und Chor haben keine Strebepfeiler, sondern der Seitenschub der Gewölbe wird durch Kapellenzeilen entlang der Außenwände abgefangen, die Trennwände zwischen den Kapellen dienen also als Strebepfeiler. Das haben in Norddeutschland und dem ehemaligen Ordensland nur wenige Kirchen, weit entfernt aber die Münchener Frauenkirche und die trotz ihrer Größe einschiffige Kathedrale von Albi, der bekannteste gotische Backsteinbau in Südfrankreich. Mit dem rechteckigen Chorabschluss unterscheidet sich die Danziger Marienkirche von der Lübecker (und von der Münchner Frauenkirche), nicht aber vom Königsberger Dom oder den gotischen Kirchen in Bremen.

Belfried von Dunkerque / Duinkerke / Dünkirchen

Die Bedachung zeigt ein kompliziertes System von Dachfirsten, bestehend aus jeweils drei parallelen Längsdächern über Langhaus und Chor, sowie quer dazu drei bzw. zwei Paralleldächern über den Querhausarmen. Derartige Paralleldächer, wenn auch ohne Querschiffsdächer, haben die meisten großen Kirchen in Danzig, im Umfeld des Weichseldeltas außerdem die Nikolaikirche in Elbląg (Elbing), wo beim Wiederaufbau nach Zweiten Weltkrieg versucht wurde, dem Zustand vor dem Brand von 1777 nahe zu kommen. In Norddeutschland ist diese Dächeranordnung extrem selten, in den Niederlanden und Flandern hingegen auf Hallenkirchen die häufigste.

Der Turm hat wuchtige gotische Strebepfeiler, während die meisten Kirchtürme an der südlichen Ostseeküste in der Nachfolge der Lübecker Marientürme zwar gotische Fenster und Blenden aufweisen, aber den einfachen rechteckigen Querschnitt romanischer Kirchtürme. Backsteintürme mit gotischen Strebepfeilern haben auch die Kathedralen von Gnesen, von Breslau und von Roskilde. Besonders ähnelt der Danziger Marienturm aber dem Belfried von Dünkirchen, einem der etwa fünfzig Bauwerke der Backsteingotik in Französisch-Flandern.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ausstattung der Marienkirche gehört heute zu den reichsten im Ostseeraum, mit zahlreichen Retabeln, Skulpturen, Wand- und Tafelmalereien.

Grabstätten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Kirche befinden sich zahlreiche Grabplatten von Bürgern und Geistlichen. Dazu zählen die des Barockdichters Martin Opitz von Boberfeld und des ehemaligen Sejmmarschalls Maciej Płażyński. Bei seinem Sarkophag erinnert ein Mahnmal an den Flugzeugabsturz bei Smolensk am 10. April 2010.

Am 19. Januar 2019 wurde der am 14. Januar 2019 ermordete Stadtpräsident Paweł Adamowicz im südlichen Querhaus der Kathedrale beigesetzt.[3]

Inventar an anderen Orten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Nationalmuseum (Danzig) befinden sich unter anderem

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 82 m hohen Turm hängen zwei Kirchenglocken, die 1970 von der Gießerei Felczyński in Przemyśl gegossen wurden. Die größere Glocke heißt Gratia Dei, wiegt 7.850 kg und erklingt im Ton fis0. Ave Maria ist der Name der kleineren Glocke mit 2.600 kg (Ton cis1).

Vom Vorkriegsgeläut, dessen größte Glocke die 1453 gegossene, 6.800 kg schwere Vorgängerin der Gratia Dei war, sind zwei Glocken erhalten und werden an anderen Orten geläutet: Die Osanna (b0) von 1632 (Guss: Ludwig Wichtendal d. J.) in St. Andreas zu Hildesheim, die Dominicalis (d1) von 1719 – unter dem Namen Osanna – in der Marienkirche (Lübeck).

Schmuckformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie in der Backsteingotik zu erwarten, weist das Bauwerk an mehreren Stellen Ornamente aus Formsteinen auf, etwa zahlreiche Blendgiebel zwischen den Pilastern der Giebel. Ein Meisterwerk der Formsteinkunst ist das Rechteckfries um das Westportal und das darüber liegende Fenster.

Es gibt aber auch Schmuck aus Werkstein; sämtliche Seitenportale, drei an der Südseite, zwei an der Nordseite und eines an der Ostseite, sind aus Steinmetzarbeiten aus Naturstein. Um das mittlere Fenster beider Giebelseiten des Querschiffs und um das westlichste Fenster des nördlichen Seitenschiffs gibt es schmale Rechtecksimse aus Werkstein. Das Maßwerk der Fenster, heute größtenteils aus Metall, war vor dem Zweiten Weltkrieg zumindest teilweise aus Werkstein.

Kirchenmusik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veranstaltungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1509 ließ die Kirchengemeinde von Orgelbaumeister Blasius Lehmann eine große Orgel mit 1926 Pfeifen für 3800 Mark erbauen. 1510 wurde ein kleineres Orgelwerk über der Allerheiligen-Kapelle angebracht, die hauptsächlich während der Wochengottesdienste zum Einsatz kam und den Beinamen verfluchte Orgel trug.[2] Schon 1523 musste sie von Blasius selbst ausgebessert werden und war ab 1546 außer Betrieb, wurde aber erst 1777 entfernt.[4]

Nach der Belagerung Danzigs 1520 durch ein Ordensheer unter der Leitung von Graf Wilhelm von Eisenberg und Wolf von Schönberg[5] wurden die bestehenden zwei Orgelwerke repariert und zwei weitere errichtet, 1522 über der Sakristei und 1524 über der Reinholdskapelle. Den opulenten Bau immer neuer Orgeln konnte sich Danzig aufgrund seiner reichen Bürgerschaft leisten; außerdem wurden sie auch aus den Erträgen zweier Ablassbriefe von Papst Leo X. mitfinanziert.[2]

Die ursprüngliche große Orgel des Orgelbauers Julius Anthoni ging in ihren ältesten Teilen auf das Jahr 1586 zurück und wurde 1945 vollständig zerstört. Als Ersatz wurde 1985 der erhalten gebliebene, deutlich kleinere Prospekt der Johanniskirchenorgel von 1629 eingebaut[6] und mit einer aus deutschen Spenden finanzierten Rekonstruktion des Orgelwerks durch die Gebrüder Hillebrand aus Altwarmbüchen ausgestattet.[7] Die 46 Register verteilen sich auf drei Manuale und Pedal, die Trakturen sind mechanisch.

Maße[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im linken Seitenschiff: Astronomische Uhr von Hans Düringer aus Nürnberg (15. Jahrh.), mit einer Cisiojanus-Anzeige
Gesamtlänge 105,5 m
Größte Breite
(die Länge des Querschiffs)
66,0 m
Breite des Langhauses 41 m
Breite des Presbyteriums 35 m
Größte Innenhöhe 29,0 m
Höhe der Jochbögen 27 m
Dachfläche 8.000 m²
Nutzfläche 5.000 m²
Gesamtvolumen 185.000 bis 190.000 m³[8]
Volumen ohne Dächer

155.000 m³[9]

Fenster 37
Größtes Fenster 127 m²
Höhe des Glockenturms 82 m
Stufen auf den Turm 409
Grundsteinlegung 25. März 1343
Fertigstellung 1502

Pfarrer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptaltar (1517)

Die Marienkirche hatte bis 1525 einen katholischen Pfarrherrn, der auch die Einnahmen erhielt. Dieser stellte Hilfspriester (Vikare) an, die meist für ihn die Messen abhielten. Im Herzogtum Preußen wurde 1525 mit Michael Meurer erstmals kurzzeitig ein lutherischer Pfarrer eingestellt. Die Pfarrer mussten ab 1526 wieder die katholische Messe feiern, durften aber evangelisch predigen. Ab 1557 durfte der Gottesdienst nach evangelischem Ritus mit dem Abendmahl in beiderlei Gestalt gefeiert werden.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schöne Madonna (Anfang 15. Jh.)
  • Willi Drost: Die Marienkirche in Danzig und ihre Kunstschätze (= Bau- und Kunstdenkmäler des Deutschen Ostens. Reihe A, Band 4), Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1963.
  • Karl Gruber, Erich Keyser: Die Marienkirche in Danzig. In: Die Baudenkmäler der freien Stadt Danzig. Band 1. Deutscher Kunstverlag, Berlin 1929.
  • Karl Gruber: Die Gestalt der Danziger Marienkirche vor dem Umbau zur Hallenkirche. In: Zeitschrift für Ostforschung. Jahrgang 10, 1961.
  • Theodor Hirsch: Die Ober-Pfarrkirche von St. Marien in Danzig: in ihren Denkmälern und in ihren Beziehungen zum kirchlichen Leben Danzigs überhaupt. Anhuth, Danzig 1843. (Digitalisat) ausführlichste historische Darstellung
  • Gerhard Weilandt: Transferkultur – Danzig im Spätmittelalter. In: Wolfgang Augustyn, Ulrich Söding (Hrsg.): Original – Kopie – Zitat. Kunstwerke des Mittelalters und der Frühen Neuzeit: Wege der Aneignung – Formen der Überlieferung (= Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München. 26), Passau 2010, S. 73–100.
  • Wolfgang Deurer: Danzig. Die Dokumentation 52 historischer Kirchen. Wesel 1996, ISBN 3-00-000978-7, S. 463–464.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Marienkirche (Danzig) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zum Vergleich:
    • Münchener Frauenkirche: ebenfalls 185.000 bis 190.000 m³ und ebenfalls eine gotische Hallenkirche aus Backstein
    • Ulmer Münster: 190.000 m³, ummauertes Kirchenschiff 140.000 m³ bis 160.000 m³ (größte evangelische Kirche, Basilika, zu erheblichen Teilen aus Backstein errichtet, der aber optisch hinter den üppig gestalteten Sandsteinteilen zurücktritt)
    • San Petronio in Bologna: an die 258.000 m³ (die wohl größte gotische Backsteinkirche)
  2. Müller war erst Gymnasiallehrer, dann Pfarrer in Bartenstein (1837). 1830/31 war er der erste Senior des Corps Masovia.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Deurer 1996, S. 463.
  2. a b c Theodor HIRSCH: Die Ober-Pfarrkirche von St. Marien in Danzig in ihren Denkmälern und in ihren Beziehungen zum kirchlichen Leben Danzigs überhaupt dargestellt von Dr T. Hirsch. Erster Theil. Anhut, Danzig 1843, S. 223 f., S. 359.
  3. Spiegel Online vom 19. Januar 2019
  4. Max Töppen, Theodor Hirsch, Ernst Strehlke: Die Geschichtsquellen der Preussischen Vorzeit bis zum Untergange der Ordensherrschaft. Band 5. Europäischer Geschichtsverlag, 2015, ISBN 978-3-7340-0436-0, S. 459.
  5. Karl Friedrich Friccius: Geschichte der Befestigungen und Belagerungen Danzigs: Mit besonderer Rücksicht auf die Ostpreußische Landwehr, welche in den Jahren 1813–1814 vor Danzig stand. Veit, Berlin 1854, S. 9.
  6. Informationen über die Orgel
  7. Heinz Lingenberg: Oliva – 800 Jahre. Abriß der Geschichte. Verlag UNSER DANZIG. Lübeck 1986, ISBN 3-926482-00-1, S. 354–358.
  8. Berechnung auf gebaut.eu
  9. structurae.de

Koordinaten: 54° 21′ 0″ N, 18° 39′ 12″ O