Michael Billington (Kritiker)

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Michael Billington (2010)

Michael Keith Billington OBE (* 16. November 1939 in Leamington Spa, Warwickshire, England) ist ein britischer Autor und Kunstkritiker.[1] Als Theaterkritiker ist er seit Oktober 1971 für The Guardian tätig und damit der dienstälteste Theaterkritiker Großbritanniens (Britain’s longest-serving theatre critic). Er ist außerdem der Autor verschiedener biografischer und kritischer Studien über das britische Theater und andere Kunstformen. Besonders bekannt sind seine Abhandlungen über den Dramatiker Harold Pinter (1930–2008), über den er als autorisierter Biograf mehrere offizielle Werke verfasst hat (am bekanntesten The Life and Work of Harold Pinter, 1996/2007).[2][3][4] Für sein kulturhistorisches Werk State of the Nation: British Theatre Since 1945 wurde Billington 2007 mit dem Theatre Book Prize ausgezeichnet. Größere Popularität erreichte zudem seine Dramenübersicht 101 Greatest Plays.

Leben und Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kindheit und Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Billington wurde 1939 in Leamington Spa im mittelenglischen Warwickshire geboren und besuchte später die dortige Warwick School, eine unabhängige Jungenschule in Warwick.[5][6][7] Nach seinem Schulabschluss erhielt er 1958 einen Studienplatz am St Catherine’s College der Oxford University, wo er 1961 sein Bachelor-Studium erfolgreich abschloss.[7][8]

Als Mitglied der Oxford University Dramatic Society (OUDS) spielte Billington 1959 den Priester in The Birds von Aristophanes – sein einziger Auftritt als Schauspieler.[9][10] 1960 führte er, ebenfalls mit der OUDS, erstmals die Regie bei einer Inszenierung von Eugène Ionescos The Bald Prima Donna. Die Aufführung wurde auch von Harold Hobson besucht, dem damaligen Theaterkritiker der Sunday Times.[8] Obwohl das Stück einen Oxford Theaterwettbewerb gewann und am National Student Drama Festival (NSDF 1960) teilnehmen durfte (gegründet 1956 u. a. durch Hobson), war Billingtons Regiedebüt bei dem Theaterfestival wenig erfolgreich. Dennoch schreibt Billington Hobson zu, sein „Leben verändert“ zu haben.[8] Nach der Festivalteilnahme entschloss er sich, doch keine Karriere als Theaterschaffender einzuschlagen und stattdessen als Theaterkritiker „in Hobsons Fußstapfen zu treten“. Fünf Jahre später wurden sie schließlich sogar Kollegen bei einem gemeinsamen Arbeitgeber, der Times.[8]

Tätigkeit als Kritiker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seinem Abschluss von der Oxford-Universität trat Billington 1961 seine erste Stelle als Kunstkritiker in Liverpool an, bei Liverpool Daily Post & Echo.[7] Zwischen 1962 und 1964 war er als Pressereferent und Regisseur am Lincoln Theatre Royal in Lincolnshire tätig.[6][11] Von 1965 bis 1971 rezensierte er Fernsehen, Kinofilme und Theaterstücke für die The Times; von 1968 bis 1978 war er zudem Filmrezensent für die Birmingham Post und von 1968 bis 1981 in dieser Funktion auch für The Illustrated London News tätig.[3][6] Im Oktober 1971 verließ er die Times für ihren größten Konkurrenten und wurde Theaterkritiker des Guardian.[2] Seit den Achtzigerjahren war Billington zudem Korrespondent der The New York Times für die Londoner Kunstszene.[12] 1988 kam eine Nebenbeschäftigung als Theaterkritiker für das Kulturmagazin Country Life hinzu.[3][6]

Billingtons Rundfunkkarriere begann 1965. Der zu diesem Zeitpunkt als BBC-Radioproduzent tätige Philip French bat ihn, zwei kurze Radiohörspiele des damals noch nahezu unbekannten Tom Stoppard zu beurteilen, bevor sie über das BBC Third Programme (heute BBC Radio 3) ausgestrahlt werden sollten.[13] Einige Zeit später wurde er Moderator (und Teilnehmer) des Critics Forum (BBC Radio 3, eingestellt 1990) und der Kunstsendung Kaleidoscope (Radio 4, 1973–1998). Auch für zahlreiche andere britische Radio- und Fernsehsendungen zu Themen aus Kunst und insbesondere Theater lieferte er regelmäßig Beiträge.[6]

Billington bloggte zudem für whatsonstage.com und guardian.co.uk, den Online-Auftritt des Guardian. Für dessen neue Online-Domain guardian.com schreibt er weiterhin regelmäßig Beiträge. Bei der überregionalen Tageszeitung hatte er über viele Jahre die Position des leitenden Theaterkritikers inne. Ende 2019 kündigte er seinen Abschied aus der Chefetage an, schreibt aber weiterhin für die Zeitung.[14]

Akademische Arbeit und Konferenzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Billington ist mindestens seit 1997 als Dozent für das Penn-in-London-Programm der University of Pennsylvania tätig und leitet zudem Theaterkurse am King’s College London, wo er 2002 erstmals eine Gastprofessur annahm und seither innehat.[3][15][16]

Im Dezember 2005 nahm er am Nobel-Bankett in Stockholm teil, anlässlich der Vergabe des Literaturnobelpreises an seinen Landes- und Altersgenossen Harold Pinter. Kurz darauf organisierte und besuchte Billington das internationale Symposium „Pinter: Passion, Poetry, Politics“, welches in Teilen zur Feier von Pinters Auszeichnung mit dem Europäischen Theaterpreis (März 2006 in Turin, Italien) ausgerichtet wurde.

Im April 2007 veröffentlichte Billington seinen Tagungsvortrag (Invited Paper) „Is British Theatre As Good As It Claims?“ Diesen hatte er auf Einladung der Yale University (New Haven, CT, USA) hin für deren Elizabethan Club vorbereitet. Im Anschluss moderierte er eine Podiumsdiskussion im Rahmen der Konferenz Artist and Citizen: 50 Years of Performing Pinter an der University of Leeds, wo er auch die Inszenierung des Belarus Free Theatre Being Harold Pinter besuchte und rezensierte.[17][18]

Biografische und wissenschaftliche Abhandlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben zahlreichen biografischen und wissenschaftlichen Abhandlungen aus seiner Feder zu Themen der britischen Theater- und Kunstszene, darunter auch Bücher über Peggy Ashcroft (1907–1991), Tom Stoppard (* 1937) und Alan Ayckbourn (* 1939), ist Billington auch der offizielle (autorisierte) Biograph des 2005 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichneten Dramatiker Harold Pinter (1930–2008), die umfassende Biografie erschien erstmals im Jahr 1996.

Im März 2007 publizierten Faber and Faber Billingtons Buch State of the Nation: British Theatre Since 1945, welches 2007 den Theatre Book Prize der Society for Theatre Research gewann. Die Auszeichnung wurde Billington am 1. April 2008 von Sir Donald Sinden überreicht.[19][2][5][20][21] Billington sprach seither in zahlreichen Einrichtungen über das Werk, darunter auch das Warwick Arts Centre der University of Warwick,[4] rezensierte über die Zeit seine eigenen Rezensionen.[22]

Nach Pinters Tod am 24. Dezember 2008 berichtete The Bookseller, bei Faber and Faber beeile man sich, eine überarbeitete Fassung von Billingtons biografischem Werk Harold Pinter an den Mann zu bringen, „welche auf die weltweite Reaktion auf Pinters Tod eingehen“ werde und „Ende Januar [2009] zuerst als E-Book erscheinen“ solle.[23]

Arbeit am Theater[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Regisseur verantwortete er unter anderem 1987 The Will von Marivaux am Barbican Conservatory in London mit dem Ensemble der Royal Shakespeare Company; 1997 Pinters The Lover und Strindbergs The Stronger am Battersea Arts Centre; und 2008 Pinters Dramen Party Time und Celebration am MacOwan Theatre in Kensington (London) mit Studenten der London Academy of Music and Dramatic Art.[24][25][26]

Persönliches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1978 heiratete Billington Jeanine Bradlaugh. Das Paar wohnt in London, wo es auch die gemeinsame Tochter Natasha Billington aufzog.[3] Billington ist Unterstützer der Labour Party.[27]

Öffentliche Wahrnehmung, Pop-Kultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Caroline Graham verwandte Billingtons Namen 1989 in ihrem Roman Death of a Hollow Man, dem zweiten Teil ihrer Tom-Barnaby-Reihe, die später als Fernsehserie Inspector Barnaby (OT Midsomer Murders) adaptiert wurde (das Drehbuch zur entsprechenden Folge 1.02 Death of a Hollow Man schrieb ebenfalls Caroline Graham, es war die einzige der bislang 123 Folgen, die die Romanautorin selbst adaptierte). Detectiv Chief Inspector (DCI) Tom Barnaby bringt in der Geschichte den örtlichen Regisseur und zweifachen Mörder Harold Winstanley dazu, ihm auf die Polizeiwache zu folgen, indem er ihm vorgaukelt, Michael Billington und weitere respektierte Journalisten verschiedener Zeitungen seinen angereist, um ihn zu seinem Werk zu befragen.[28] Seinen Status als Inbegriff der britischen Theaterkritik konnte er in den folgenden Jahrzehnten noch weiter festigen.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bibliographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher von Billington

Buchrezensionen über Billingtons Werke

Biografische Profile über Billington

Medienbeiträge und Clips über Billington

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Michael Billington – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Featured Alumni: Michael Billington: Author and Arts Critic, St Catherine's College. In: University of Oxford. alumni.ox.ac.uk. 29. Oktober 2007. Archiviert vom Original am 14. Mai 2008. Abgerufen am 8. Juni 2008.
  2. a b c Michael Billington: Profile. In: Theatre & Performing Arts: The Blog. blogs.guardian.co.uk, 3. Oktober 2007, abgerufen am 6. Juni 2008.
  3. a b c d e Elizabeth Sleeman: Billington, Michael. In: International Who’s Who of Authors and Writers 2004. Routledge, 2003, London, ISBN 1-85743-179-0, S. 55.
  4. a b Events: Michael Billington: 'State of the Nation'. Archiviert vom Original am 7. Februar 2008. Abgerufen am 8. Juni 2008.
  5. a b Paul Allen: Michael Billington, Stage Left. In: The Times Literary Supplement. timesonline.co.uk, Arts and Entertainment, 4. Juni 2008, abgerufen am 6. Juni 2008: „A new history of British theatre explores the relationship between theatre and politics.“ [Book rev.]
  6. a b c d e Michael Billington. In: Contemporary Writers in the UK. British Council (manuell durchsuchbare Datenbank, Copyright 2007), . Archiviert vom Original am 4. Juli 2007 (Abgerufen am 6. Juni 2008).
  7. a b c d Michael Billington. In: Who’s Who. A & C Black, Dezember 2010.
  8. a b c d Andrew Haydon: Critical Thinking. In: The Times. timesonline.co.uk, 1. August 2007, abgerufen am 6. Juni 2008: „'In my second year at Oxford, I couldn't decide what career to pursue: I wasn't sure whether I wanted to be a director or a critic.' By the end of the festival Billington had decided to follow in Hobson’s footsteps; in 1965 he started working at the Times as a theatre, film and television reviewer. In 1971 he became drama critic for the Guardian, where he has remained ever since. Of Hobson, Billington says simply, 'he changed my life'.“
  9. Michael Billington: Obituary: John McGrath. In: The Guardian. guardian.co.uk, 24. Januar 2002, abgerufen am 6. Juni 2008.
  10. Ian Senior: Strictly for The Birds: Michael Billington and Others. (Nicht mehr online verfügbar.) In: R Cubed News: A Review of Rotten Reviewers. 6. August 2004, archiviert vom Original am 30. Mai 2005; abgerufen am 6. Juni 2008.
  11. Michael Billington: Where Professionals Fear to Tread. In: Michael Billington Blog. guardian.co.uk, Culture Vulture, 5. Juni 2006, abgerufen am 8. Juni 2008: „When I worked at Lincoln Theatre Royal in the early 1960s....“
  12. Michael Billington: 'Voyage Round My Father' sails On. In: The New York Times. 15. April 1984, abgerufen am 6. Juni 2008.
  13. Michael Billington: Michael Billington on Philip French: A kind man with an encyclopedic memory. In: The Guardian. 28. Oktober 2015, abgerufen am 28. Oktober 2015.
  14. Chris Wiegand: Guardian theatre critic Michael Billington to step down. In: The Guardian. 5. November 2019, abgerufen am 5. November 2019.
  15. Penn English Program in London. In: Department of English London Program. english.upenn.edu. Abgerufen am 9. Juni 2008: „The centerpiece of the program is the Penn Theatre course (ENGL068). Participants study with the renowned Guardian theater critic, Michael Billington, and visit the theater weekly as part of this course.“
  16. Theatre Schedule: Spring 2008: With Critic Michael Billington. In: Department of English London Program. english.upenn.edu. Archiviert vom Original am 3. Juni 2008. Abgerufen am 9. Juni 2008: „Fall 2006“ [Schedules of past academic semesters listed in reverse chronological order].
  17. Michael Billington: The Importance of Being Pinter. In: Michael Billington Blog. guardian.co.uk, 16. April 2007, abgerufen am 8. Juni 2008.
  18. Michael Billington: Belarus Free Theatre Will Not Be Silenced. In: Michael Billington Blog. guardian.co.uk, 15. April 2008, abgerufen am 8. Juni 2008.
  19. Guardian’s Theatre Critic Scoops Book Prize. In: The Guardian. guardian.co.uk, 1. April 2008, abgerufen am 1. April 2008.
  20. Michael Billington Wins STR Theatre Book Prize with The State of the Nation. In: The Society for Theatre Research. str.org.uk (official website), 1. April 2008, abgerufen am 6. Juni 2008.
  21. Benedicte Page: Books: Michael Billington: Taking Centre Stage. (Nicht mehr online verfügbar.) In: The Bookseller. thebookseller.com, 20. September 2007, archiviert vom Original am 14. Oktober 2007; abgerufen am 8. Juni 2008.
  22. Michael Billington: The Reviewer Reviewed. In: Comment Is Free. guardian.co.uk (Blog), 6. November 2007, abgerufen am 8. Juni 2008: „We all love seeing our work praised, but I most relish the well-aimed critical arrows. Honest.“ (7 moderated comments, with “comments now closed.”)
  23. Felicity Wood: Faber Rushes Out Billington Ebook. (Nicht mehr online verfügbar.) In: thebookseller.com. The Bookseller, 7. Januar 2009, archiviert vom Original am 28. September 2011; abgerufen am 13. Januar 2009: „[Correction by Peter Scott:] Pinter was born in 1930, not 1939.“
  24. Julian Oddy: Marivaux (1688–1763) Adaptations/translations by Modern Playwrights (Web) In: The Playwrights' Database. doolee.com. Abgerufen am 22. Oktober 2008.
  25. Sheridan Morley: The Critics – Up For Review (Battersea Arts Centre) (Web) In: The Spectator. Findarticles.com. 19. April 1997.
  26. Party Time & Celebration. In: lamda.org.uk. London Academy of Music and Dramatic Art (LAMDA). Archiviert vom Original am 26. Oktober 2008.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.lamda.org.uk Abgerufen am 22. Oktober 2008.
  27. The Big Interview: Michael Billington - Interviews - The Stage. 3. Mai 2015. Abgerufen am 19. Juni 2017.
  28. Caroline Graham: Death of a Hollow Man. Hodder, London 2007, ISBN 0-7553-4216-X, S. 325.
  29. Peter Dunn, Tom Abbott: Honorary Degrees for Pensions Campaigner, World Trade Director and Theatre Critic. In: Warwick News and Events. University of Warwick. Abgerufen am 30. August 2009.
  30. London Gazette (Supplement). Nr. 60367, HMSO, London, 29. Dezember 2012, S. 9 (PDF, englisch).