paläon

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Das paläon nach der Fertigstellung im Juli 2013

Das paläon, auch als paläon – Forschungs- und Erlebniszentrum Schöninger Speere bezeichnet, ist ein Besucherzentrum und Museum, das ausschließlich für die Ausstellung der acht Schöninger Speere und die Darbietung der Lebensverhältnisse zu deren Entstehungszeit errichtet wurde. Die im Jahr 2013 eröffnete Einrichtung befindet sich in Schöningen im Landkreis Helmstedt in unmittelbarer Nähe des Fundorts der Schöninger Speere.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konzept[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kernstück der Museumsausstellung sind die acht Schöninger Speere, die in einer Vitrine präsentiert werden. Die Konservierung der Speere erfolgte mittels wasserlöslichem Kunstharz, das das geschwächte Holz stabilisierte.[1] Zuvor lagerten sie jahrelang in lichtdichten Edelstahltanks mit destilliertem Wasser[2] und wurden während der Niedersächsischen Landesausstellung 2007 und 2008 in durchsichtigen Wasserbehältern gezeigt.

Neben dem Ausstellungsbereich widmet sich das paläon der interdisziplinären Erforschung der Schöninger Fundstellen sowie der pleistozänen Archäologie. Ein transparenter Forschungs- und Laborbereich sowie ein interaktives Besucherlabor nebst einer museumsdidaktischen Stelle verbinden dabei die Bereiche Forschung und Museum. Der Ort ist zudem als außerschulischer Lernort konzipiert. Die Konzeption und inhaltliche Planung des Projekts hatte das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege inne. Bauherr ist die Stadt Schöningen. Das paläon befindet sich am Rand des Braunkohlentagebaus Schöningen Süd des Helmstedter Braunkohlereviers, aus dem die Fundstücke stammen. Vom Gebäude aus bietet sich den Besuchern ein unmittelbarer Ausblick auf das Tagebauloch. Auf dem 34 Hektar großen Außengelände des paläon veranschaulichen eine Weide mit Wildpferden und typische Pflanzengesellschaften der Warmzeit die natürliche Umgebung vor rund 300.000 Jahren.

Gebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eingangshalle des paläon mit Bodenprofilen aus dem Braunkohlentagebau Schöningen

Am 5. Juli 2010 setzte sich das Züricher Architekturbüro Holzer Kobler Architekturen in einem Wettbewerb gegen 23 Mitbewerber durch. So erfolgte der erste Spatenstich am 28. November 2011.[3] Am 11. Juni 2012 fand das Richtfest statt.[4]

Am 25. April 2012 wurde nach einer öffentlichen Namensfindung die Bezeichnung des zukünftigen Zentrums auf paläon festgelegt.[5] Der Name bezieht sich auf das Paläolithikum als der Zeit, aus der die Schöninger Speere stammen. Am 24. Juni 2013 wurde das paläon eröffnet.

Im April 2016 wurde das Bauwerk in die engere Auswahl für den Niedersächsischen Staatspreis für Architektur aufgenommen, der seit 2002 alljährlich vergeben wird.[6]

Im August 2016 wurde bekannt, dass das paläon als neue Attraktion einen Aussichtsturm erhalten soll. Er soll an der Tagebaukante stehen und einen Blick auf das Ausgrabungsgelände sowie den Tagebau erlauben.[7]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Baustelle des paläon, April 2012

Ende der 1990er Jahre entstand in Schöningen unter dem Bürgermeister Jürgen Lübbe die Idee zur Einrichtung eines Museums an der Fundstelle der „Schöninger Speere“ am Rande des dortigen Braunkohlentagebaus. 1999 stellte die Stadt für die Planung den Archäologen und Geographen Stephan A. Lütgert als kommunalen Projektkoordinator ein, der von 2000 bis 2007 zugleich als Geschäftsführer des Fördervereins Schöninger Speere - Erbe der Menschheit e. V. unter dem Vorsitz von Utz Claassen wirkte. In Schöningen wurden in dieser Zeit u. a. mehrere Sonderausstellungen mit thematischem Bezug zu den Ausgrabungen gemeinsam mit dem Braunschweigischen Landesmuseum realisiert sowie die „Schöninger Archäologietage“ als jährlich wiederkehrende Veranstaltung etabliert.[8] Das Projekt „Forschungs- und Erlebniscenter Schöninger Speere“ war Teil der Kulturhauptstadtbewerbung „Braunschweig und die Region 2010“.[9]

Nachdem über viele Jahre das Engagement von Stadt und Förderverein auf Landesebene wenig Unterstützung erfahren hatte, sorgten veränderte politische Rahmenbedingungen im Jahr 2007 dafür, dass die langjährigen musealen Planungen konkretisiert und schließlich doch noch erfolgreich umgesetzt werden konnten. In diese Zeit fiel die Wahl von Wolf-Michael Schmid, Präsident der Industrie- und Handelskammer Braunschweig und gebürtiger Schöninger, zum neuen Vorsitzenden des Fördervereins Schöninger Speere - Erbe der Menschheit. Dieser forcierte zusammen mit dem neu gewählten Schöninger Bürgermeister Mathias Wunderling-Weilbier – unterstützt vom Landesarchäologen von Sachsen-Anhalt, Harald Meller, der die Speere zu den zehn wichtigsten archäologischen Funden zählt, – die Aktivitäten zur Präsentation der Speere vor Ort. Finanziert von der Stiftung Nord LB/Öffentliche entstand eine Machbarkeitsstudie für ein Museum oder eine Besucherstätte, die den Bau eines „Forschungs- und Erlebniszentrums“ empfahl. Damit wandte sich Schmid im Frühjahr 2008 erneut an den seinerzeitigen Ministerpräsidenten von Niedersachsen Christian Wulff, der das Vorhaben bereits in seiner Zeit als Oppositionsführer für förderungswürdig erklärt hatte, um Unterstützung. Doch erst Mittel aus dem zur Überwindung der Wirtschaftskrise bereitgestellten Konjunkturpaket II und ein dazugehöriges Ergänzungspaket ermöglichten die öffentliche Finanzierung des Bauprojekts.

Am 1. März 2009 stellte dementsprechend das Land Niedersachsen aus Aufstockungsmitteln zum Konjunkturpaket II 15 Millionen Euro für den Aufbau eines „Forschungs- und Erlebniszentrums“ zur Verfügung, die, im Gegensatz zu denen aus dem ursprünglichen Konjunkturpaket bereitgestellten Mitteln um 5 Millionen aufgestockt und terminlich weniger eng gebunden waren. Geschäftsführer des paläon ist seit Ende 2012 Florian Westphal.[10] Am 24. Juni 2013 wurde das paläon durch den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil eröffnet und der Öffentlichkeit übergeben.[11]

Bei Bekanntwerden des Neubauprojektes 2009 kam es zu Zweifeln an der Rentabilität und den zu erwartenden Besucherzahlen, auch wenn die Funde an sich von Forschern für die „Kronjuwelen niedersächsischer Archäologie“ gehalten werden.[12][13] Der Bund der Steuerzahler und einzelne Politiker kritisierten den Neubau als „Geldverschwendung“.

Die niedersächsische Landesregierung sah hingegen im paläon ein Leuchtturmprojekt,[14] das im Verbund mit anderen Museen der Umgegend zu sehen sei und die strukturschwache Region im östlichen Niedersachsen auch touristisch fördern solle. Daher ist das paläon Partner im kulturtouristischen „Netzwerk der ZeitOrte“[15] für die Epoche Steinzeit und anerkannter außerschulischer Lernort.

Im November 2014 wurde das paläon, nach dem Informationszentrum Königslutter, dem Museum Schloss Salder und dem Naturhistorischen Museum Braunschweig, das vierte Geopark-Informationszentrum im Braunschweiger Land. Das Geopark-Netzwerk soll ab 2016 als UNESCO-Kategorie neben dem Welterbe und den Biosphärenreservaten rangieren.[16]

2016 wurden wirtschaftliche Schwierigkeiten des paläon bekannt, obwohl es in den ersten drei Jahren rund 250.000 Besucher hatte. Für das Jahr 2016 wurde ein Defizit von etwa 300.000 Euro erwartet. Das Niedersächsische Wissenschaftsministerium stellte eine Summe von insgesamt einer Million Euro zur Verfügung [17], die bis zum Jahr 2018 ausgezahlt wird.[18] Der Bund der Steuerzahler kritisierte den Zuschuss und bezeichnete das paläon als „Subventionsgrab“. [19]

Im Januar 2017 erhielt das Museum mit dem Hauptgeschäftsführer des regionalen Arbeitgeberverbands Manfred Casper einen zweiten Geschäftsführer neben Florian Westphal. Er soll sich vorrangig um die „kaufmännischen Belange sowie um Marketing und Vertrieb kümmern. Dagegen solle der Schwerpunkt des promovierten Archäologen Westphal künftig auf den Bereichen Ausstellungen und Führungen liegen“.[20] Geplant sind Sonderausstellungen, wie zu den Säbelzahnkatzen, aber auch kulturelle Veranstaltungen allgemeinen Charakters, wie Konzerte, sowie eine stärkere Vernetzung der Wissenschaftsstandorte, um aus dem paläon einen „starken Wirtschaftsfaktor“ zu machen.[21]

Besucherzahlen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit der Eröffnung im Juni 2013 zählte man bis zum 8. Dezember 2013 50.000 Besucher,[22] und bis zum 31. August 2014 waren es 100.000.[23] Mit Ausstellungen wie der Lego-Zeitreise, bei der Legosteine die Menschheitsgeschichte näherbringen sollten, versuchte die Einrichtung 2016 weitere Interessentenkreise zu erschließen,[24] und tatsächlich stiegen diese um 20 %.[25] Diese Entwicklung schlägt sich auch in den Besucherzahlen Schöningens nieder, deren Zahl von 2015 bis 2016 von 16.000 auf 18.000 anstieg, und auch die Zahl der Gäste stieg von etwa 7300 auf 9022 Personen.[26]

Neue Funde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blick auf die Fundstelle 13/II auf einem vorspringenden Geländesockel, der vom Braunkohletagebau Schöningen ausgespart wurde

Im Grabungsgebiet auf einem Grabungssockel innerhalb des Braunkohlentagebaus Schöningen wurden 2015 Bruchstücke von Eierschalen entdeckt [27], die die Vorstellungen von der seinerzeitigen Ernährungsweise veränderten. Die Schalen stammen, wie mikroskopische Untersuchungen ergaben, wahrscheinlich von Eiern des Kranichs (Grus grus), der Stockente (Anas platyrhynchos) und des Singschwanes (Cygnus cygnus).[28]

Auch fanden sich an der Fundstelle Schöningen 13 II ein größeres Rippenfragment und der mehr als 2 m lange Stoßzahn eines Waldelefanten zusammen mit kleinen Knochenfragmenten. Auf den etwa 300.000 Jahre alten Knochen fanden sich Schnittspuren, die auf menschliche Tätigkeit zurückgehen. Sie belegen möglicherweise die Jagd auf diese Tierart. Der nächstjüngere Nachweis fand sich am Fundplatz Lehringen bei Verden, wo sich die Jagd vor 120.000 Jahren nachweisen ließ.[29]

Zudem konnten Kleiderläuse nachgewiesen werden, was der Prähistoriker Thomas Terberger als Hinweis auf Bekleidung deutet.[30]

Die Knochen der erbeuteten Pferde wurden zum Teil als Werkzeuge, ähnlich wie ein Hammer benutzt, wie Schlagspuren belegen. Mittels Rasterelektronenmikroskop konnte Thijs van Kolfschoten von der Universität Leiden feine Steinsplitter in einzelnen Knochen nachweisen. Bis dahin wurde die regelhafte Nutzung von derlei Knochenwerkzeugen erst für die Zeit vor etwa 40.000 Jahren angenommen.[31]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Henning Haßmann, Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.): paläon. Grabung und Architektur. Kleine Reihe zum paläon, Band 1 (deutsch/englisch). Nünnerich-Asmus Verlag, Mainz 2013, ISBN 978-3-943904-43-7.
  • Nicholas J. Conard, Christopher E. Miller, Jordi Serangeli, Thijs van Kolfschoten (Hrsg.): Excavations at Schöningen. New Insights into Middle Pleistocene Lifeways in Northern Europe. Journal of Human Evolution 89 (2015). (open access, freier Zugang)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Paläon – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikivoyage: Paläon – Reiseführer

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Angehende Archäologen besuchten das paläon bei paläon vom 14. November 2013
  2. Im nassen Element - die Dokumentation der Schöninger Speere in: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen 2/2008 (pdf)
  3. Erster Spatenstich für das Forschungs- und Erlebniszentrum Schöninger Speere am 28. November 2011. auf denkmalpflege.niedersachsen.de
  4. Das „paläon“: Speerspitze im Strukturwandel? bei N3 vom 12. Juni 2012 (Memento vom 25. Juni 2013 im Internet Archive) auf ndr.de
  5. Das Zuhause der archäologischen Weltsensation „Schöninger Speere“ bekommt den Namen „paläon“.
  6. Niedersächsischer Staatspreis für Architektur 2016.
  7. Jürgen Paxmann: Das Paläon bekommt einen Aussichtsturm in Helmstedter Nachrichten vom 11. August 2016
  8. Artikel Wunderwaffe der Steinzeit in der „Zeit“ v. 9. Juni 2004
  9. Bewerber-Website mit Artikel über die Speere
  10. „Schatzkammer Niedersachsen“: paläon eröffnet. In: ndr.de. 26. Juni 2013, archiviert vom Original am 26. Juni 2013, abgerufen am 26. Juni 2013.
  11. Thilo Jordan: Forschungs- und Erlebniszentrum Schöninger Speere eröffnet. In: archaeologie-online.de. archaeomedia, Freiburg, 28. Juni 2013, abgerufen am 29. Juni 2013.
  12. Steinzeit 
wird zum 
Standortfaktor. in: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 27. November 2011.
  13. Ein Zuschussgeschäft. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 27. November 2011.
  14. Das „paläon“: Speerspitze im Strukturwandel? bei N3 vom 12. Juni 2012 (Memento vom 25. Juni 2013 im Internet Archive) auf ndr.de
  15. Paläon auf zeitorte.de
  16. Paläon ab sofort Geopark-Informationszentrum, Website des paläon, 4. November 2014.
  17. Prestige-Projekt paläon braucht Unterstützung bei ndr.de vom 19. Oktober 2016.
  18. Lob für die projektbezogene Landesförderung des Paläon in: Helmstedter Nachrichten vom 19. Oktober 2016.
  19. Steuerzahlerbund kritisiert Zuschuss für paläon bei ndr.de vom 20. Oktober 2016.
  20. Speere-Zentrum „Paläon“ bekommt weiteren Geschäftsführer, in: Braunschweiger Zeitung, 2. Dezember 2016.
  21. Magdalena Sydow: Exklusiv: Neuer Geschäftsführer des Paläon im Interview, regionalHelmstedt.de, 15. Januar 2017 (Interview mit Manfred Casper).
  22. paläon begrüßte 50000sten Besucher.
  23. 100000ster Besucher der Paläon-Ausstellung begrüßt.
  24. Wolf-Hendrik Müllenberg: Lego-Mann schwingt Steinzeitkeule, NDR, 26. März 2016.
  25. Paläon-Geschäftsführer: Mehr Besucher in diesem Sommer, in: Helmstädter Nachrichten, 30. Juli 2016.
  26. Schöningen meldet Zuwächse im Tourismus, in: Helmstädter Nachrichten, 21. Februar 2017.
  27. Was 300.000 Jahre alte Eierschalen über die Umwelt der Altsteinzeit verraten Pressemitteilung des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege von April 2015
  28. Ein neuer Fund im paläon, in: Helmstedter Sonntag, 31. März 2015.
  29. Jens Lehmann, Jordi Serangeli, Thomas Terberger: Schöningen. Elefantenjagd vor 300.000 Jahren, in: Archäologie in Deutschland (2016) S. 5 f.
  30. Valentin Frimmer: Überleben in grauer Vorzeit, in: WeserKurier, 18. Januar 2016.
  31. Pferdeknochen vor 300.000 Jahren als Werkzeug benutzt, in: Hamburger Abendblatt, 6. Juli 2015.

Koordinaten: 52° 7′ 48″ N, 10° 59′ 31″ O