Pseudo-Dionysius Areopagita

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Pseudo-Dionysius Areopagita oder Pseudo-Dionysius ist nach der westlichen Lehrmeinung ein unbekannter christlicher Autor des frühen sechsten Jahrhunderts und Kirchenvater. Er benutzt als Pseudonym den Namen „Dionysius Areopagita“ (nach Apostelgeschichte 17,34). Die orthodoxen Kirchen halten an der Identität dieses Autors mit Dionysius Areopagita fest.

Der Autor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der apokryphe (verborgene) Autor ist der Verfasser einer Sammlung von Schriften, die vorgeben, von dem in Apg 17,34 ELB erwähnten Dionysius Areopagita zu stammen. Dabei handelt es sich um eine frühchristliche Persönlichkeit, die durch den Apostel Paulus bekehrt worden ist (Rede auf dem Athener Areopag).

Die tatsächliche Identität des Verfassers ist der westlichen Forschung unbekannt. Sowohl die literarischen Abhängigkeiten seiner Schriften als auch Zitate in seinem Werk weisen auf den antiochenischen Raum als Herkunftsort. Auch sein auffällig umständliches Griechisch kann mit der damals dort praktizierten Zweisprachigkeit begründet werden. Vermutlich handelte es sich um einen syrischen Mönch. Eventuell stand er der theologisch-philosophischen Schule von Cäsarea nahe.

In seinen Werken deutet Pseudo-Dionysios Areopagita den damals als Heilslehre verbreiteten Neuplatonismus christlich um. Dabei sind insbesondere zahlreiche Spuren des Neuplatonikers Proklos nachweisbar. Zudem steht der Autor unter dem Einfluss des Clemens von Alexandria, der „drei Kappadokier“ und des Origenes.

Für die Abfassungszeit des Corpus Dionysiacum gilt nach Herrschender Meinung als frühester Zeitpunkt das Jahr 476, da Dionysius Elemente im Gottesdienst voraussetzt, die erst zu dieser Zeit von Petrus Fullo in die Liturgie aufgenommen wurden. Der späteste Zeitpunkt für die Entstehung der Werke ist die Zeit zwischen 518 und 528[1], für welche Zitate bei Severus von Antiochia nachgewiesen sind.

Dionysius der Areopagit als Bischof und einer der Siebzig Apostel, byzantinisches Mosaik vom Anfang des 11. Jahrhunderts, Kloster Hosios Lukas in Böotien, Mittelgriechenland

Die Orthodoxen Kirchen halten nach wie vor an einer Gleichsetzung von Pseudo-Dionysius Areopagita mit Dionysios Areopagita fest. Nach ihrer Tradition hatte Dionysios in der ägyptischen Stadt Heliopolis, dem Sitz eines frühchristlichen Bistums, Astronomie studiert und wurde von Hierotheos (55–60), dem von Paulus (10–64) eingesetzten ersten Bischof von Athen, mündlich in die göttlichen Mysterien eingeweiht. Nach dem Tod seines Bischofs und Lehrers Hierotheos folgte ihm Dionysios im Amt nach und schrieb die Unterweisungen auf. Im Jahre 96 wurde Dionysios unter Kaiser Domitian (81–96) im Alter von 90 Jahren in Athen zum Märtyrer.[2]

Die orthodoxe Tradition zählt Dionysios zu den Siebzig kleinen Aposteln.[3] Seine Schriften wurden von Theologen in verborgenen Manuskripten aufbewahrt, aber auch im Archiv von Alexandria. So war der Inhalt seiner Werke bekannt und wurde von Clemens von Alexandria (um 150–215), Origenes (Alexandriner, 185–254), Dionysius von Alexandria ( † 264/65), Gregor von Nazianz (329–390) und Kyrill von Alexandria (375/80–444) angewandt, von letzterem mit einem Verweis auf das Archiv der Bibliothek von Alexandria. Von Dionysius von Alexandria ist ein orthodoxer Kommentar zum Areopagitum bekannt. Im Jahre 451 zitierte nach orthodoxer Überlieferung Juvenal von Jerusalem, 422–451 Bischof von Aelia Capitolina (Jerusalem) und 451–458 erster Patriarch von Jerusalem, aus den Schriften des „großen Dionysios“ (Über die göttlichen Namen 3,2).[4]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pseudo-Dionysius, De ecclesiastica hierarchia in der 1307 geschriebenen Handschrift Mailand, Biblioteca Ambrosiana, Codex M 87 sup., fol. 28r

Die Schriften des Pseudo-Dionysius umfassen:

  • Peri mystikes theologias oder De mystica theologia („Die mystische Theologie“, abgekürzt MT),
  • Peri theion onomaton oder De divinis nominibus („Die göttlichen Namen“, kurz DN),
  • Peri tes ekklestiastikes hierarchias oder De ecclesiastica hierarchia („Die kirchliche Hierarchie“, kurz EH),
  • Peri tes ouranias hierarchias oder De caelesti hierarchia („Die himmlische Hierarchie“, kurz CH)
  • und zehn Briefe.

Die Schriften wurden mehrfach übersetzt, und zwar von Hilduin, Johannes Scotus Eriugena, Johannes Sarracenus, Robert Grosseteste im 13. Jahrhundert und Ambrogio Traversari im 15. Jahrhundert. Wichtige Kommentare stammen u. a. von Maximus Confessor, Johannes Scotus Eriugena, Albertus Magnus und Thomas von Aquin.

Echtheitsfrage und Wirkungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Echtheit der areopagitischen Schriften wurde von Bischof Hypatios von Ephesos (531–536) im Jahr 531[5] angezweifelt, weil sie der Tradition nicht bekannt waren.[6] Auf einer Synode von Befürwortern und Gegnern der Zwei-Naturen-Christologie des Konzils von Chalcedon (451) in Konstantinopel[7] führte er als Versammlungsleiter gegenüber den Severianern aus:

Wenn keiner der alten Schriftsteller jene erwähnt, so weiß ich nicht, wie ihr jetzt beweisen könnt, daß sie Dionysios gehören.[8]

Die Synode äußerte sich im Auftrag des einberufenden Kaisers Justinian I. (527–565) gegen die Theologie der Monophysiten. Als Severianer wurden im damaligen Disput die Anhänger von Severus von Antiochia bezeichnet, des ersten monophysitischen Patriarchen von Antiochia am Orontes (512–518). Dieser musste nach dem Tod Kaisers Anastasios I. (9./10. Juli 518) nach Ägypten fliehen, wo er mit den Areopagita in Berührung kam und am 8. Februar 538 in Xois im Nildelta, einer alten Residenzstadt des Mittleren Reiches, starb. 528 wurden seine im Exil in Griechisch entstandenen Schriften ins Syrische übertragen. Diese Übersetzung gilt in der westlichen Wissenschaft als der früheste Nachweis von Zitaten aus den Werken des Pseudo-Dionysios Areopagita.[9]

Zwischen 536 und 543/553 wurde das Corpus Dionysiacum von Bischof Johannes von Skythopolis oder von einem Gelehrtenkreis um ihn redigiert und herausgegeben. Diese Ausgabe mit einem Randkommentar (Scholien) und einem Prolog ist der Ausgangspunkt einer breiten Wirkungsgeschichte des Werkes. Danach kam man – vor allem im Westen des Mittelmeerraumes – schnell überein, die Echtheit anzuerkennen (so schon bei Gregor dem Großen [† 604]). Der erste Kommentar zu den Schriften stammt von Maximus Confessor († 662). Durch diese Auslegung wurde Dionysios Areopagita im Bereich der byzantinischen Kirche zur Autorität erhoben. In der folgenden Zeit galt das areopagitische Schrifttum wegen seiner angeblich frühchristlichen Herkunft nahezu als kanonisch und hatte auf die mittelalterliche Theologie sowohl der Ost- wie auch der Westkirche großen Einfluss. Es gibt Autoren, die Dionysius im Rückblick auf die letzten anderthalb Jahrtausende Theologiegeschichte für den einflussreichsten theologischen Autor nach den biblischen Schriften halten.

Ab dem 9. Jahrhundert wurde der Areopagit durch Abt Hilduins Post Beatam ac Salutiferam, auch bekannt als Areopagitica, dann sogar mit dem frühchristlichen Pariser Märtyrer St. Dionysius gleichgesetzt, nach dem die Abtei St. Denis bei Paris benannt ist. So wurde der griechischsprachige Theologe frankisiert, und eine lateinische Fassung der Texte fand weite Verbreitung. Vermutlich war die Abtei für die Verschmelzung der drei Namensträger, also des in der Bibel erwähnten Dionysius, des Märtyrers und eben des Autors der areopagitischen Schriften, verantwortlich.

Nach der Rückkehr nach St. Denis um 1121 bemerkte bereits Petrus Abaelardus bei seinen Studien zur Geschichte des Patrons die verschiedenen Personen des Namens „Dionysius“. Die Abtei besaß auch eine gute griechische Ausgabe der Werke des Pseudo-Dionysius, ein Geschenk Karls des Kahlen, die von Johannes Scotus Eriugena im 9. Jahrhundert ins Lateinische übersetzt worden war. Diese Übersetzung machte sowohl den Neuplatonismus als auch die Engellehre des Pseudo-Dionysius weit bekannt. Für das gesamte Mittelalter sollte der Entwurf aus Platonismus, Mystik, kosmischer Emanationslehre und (gemäßigtem) Monophysitismus zu einem System einzigartiger Faszination werden, wie besonders in der negativen Theologie des bedeutenden Mystikers Meister Eckhart und dessen Schüler Heinrich Seuse.

Nach einem Aufkommen von Kritik an der Echtheit der Schriften musste Petrus Abaelardus dann aber das Kloster verlassen, so dass sich Belege für die nächsten ernsten Zweifel erst wieder bei Laurentius Valla und bei Erasmus von Rotterdam im 15. und 16. Jahrhundert fanden. Der Beleg der Unechtheit konnte aber erst durch philologische Forschungen im 19. Jahrhundert durch Hugo Koch (1869–1940) und Joseph Stiglmayr (1851–1934) erbracht werden. Seitdem ist es westliche Lehrmeinung, dass der laut Apostelgeschichte von Paulus bekehrte Dionysius vom Areopag nicht der Verfasser der ihm zugeschriebenen Schriften sein kann.

Wirkungsgeschichtlich ist Dionysius als Theoretiker der kirchlichen Hierarchie von Bedeutung. Sowohl in der Theologie im engeren Sinne (Lehre von der Dreifaltigkeit) als auch in der Angelologie (Lehre von den Engeln) geht es ihm darum, die Heiligkeit der kirchlichen Macht und ihre weltliche Struktur der Seelenführung theologisch zu legitimieren. Aus diesem Grunde werden die „Himmlische Hierarchie“ und die „Kirchliche Hierarchie“ eng miteinander verknüpft: Durch seine Mystifizierung wird das kirchliche Amt sakralisiert.

Zudem bleibt seine Mystische Theologie mit den beiden Wegen der Gotteserkenntnis und die christliche Aneigung des Neuplatonismus im Corpus Dionysiacum grundlegend für die Theologie der kommenden Jahrhunderte.

Theologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Dionysius ist Gott Ursache, Anfang, Sein und Leben aller Dinge.[10] Gott ist das Eine und Vollkommene jenseits allen Seins (hyperousios), das nie erreicht wird,[11] sondern über-erkennbar (hyperagnostos) bleibt.[12] Die Erkenntnis Gottes führt auf dem Wege der Analogie zur Ursache von Allem,[13] ohne Gott jedoch seinem Wesen nach zu erkennen.[14] Gott Eigenschaften beizulegen (theologia positiva, kataphatike) muss von der biblischen Offenbarung Gottes ausgehen.[15] Gott Attribute abzusprechen (theologia negativa, apophatike) ist ein Versuch, die Unsagbarkeit Gottes kenntlich zu machen.[16] Über Reinigung (katharsis) und Erleuchtung (photismos) lässt sich eine Vollendung (teleiosis) erreichen in einer nicht im normalen Sinne erkennenden Erkenntnis.[17]

Textausgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dionysiaca: Recueil donnant l'ensemble des traductions latines des ouvrages attribués au Denys de l'Aréopage et synopse marquant la valeur de citations presque innombrables allant seules depuis trop longtemps remises enfin dans leur contexte au moyen d'une nome, Brügge: Desclée de Brouwer, 1937 (davon mehrere Nachdrucke).
  • Corpus Dionysiacum. Band 1: De divinis nominibus, Berlin / New York 1990.
  • Corpus Dionysiacum. Band 2: De coelesti hierarchia / De ecclesiastica hierarchia / De mystica theologia / Epistulae. Hg. Günter Heil, Berlin / New York 1991.

Moderne Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • [Pseudo-]Dionysius Areopagita: Über alles Licht erhaben. Mystische Theologie – Die Namen Gottes – Himmlische Hierarchie – Kirchliche Hierarchie, übersetzt von Edith Stein, Kevelaer 2015. (Topos-Taschenbuch 1009; ISBN 978-3-8367-1009-1, als PDF ISBN 978-3-8367-5012-7, als EPUB ISBN 978-3-8367-6012-6)
  • Dionysios Areopagita, Mystische Theologie. Übersetzt, mit Einleitung und Kommentar versehen von Walther Tritsch. München-Planegg. Barth: 1956 (Reihe: Weisheitsbücher der Menschheit).
  • Über die himmlische Hierarchie. Über die kirchliche Hierarchie. Eingeleitet, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Günter Heil, Stuttgart: Hiersemann, 1986 (Bibliothek der griechischen Literatur. Band 22: Abt. Patristik).
  • Die Namen Gottes; Areopagita Pseudo-Dionysius; übersetzt von Beate R Suchla; Stuttgart: Hiersemann, 1988 (Bibliothek der griechischen Literatur. Band 26: Abt. Patristik)
  • Über die mystische Theologie und Briefe. Eingeleitet, übers. und mit Anm. versehen von Adolf Martin Ritter, Stuttgart: Hiersemann, 1994 (Bibliothek der griechischen Literatur. Bd. 40: Abteilung Patristik).
  • Des heiligen Dionysus Areopagita angebliche Schriften. Aus dem Griechischen übersetzt von Josef Stiglmayr. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 2 sowie 2. Reihe, Band 2) München 1911/1931. (online)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Informationen zu Person und Werk
Werke

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lexikon für Theologie und Kirche. 3. Aufl., Band 3, Verlag Herder, Freiburg, Basel, Rom, Wien 1995, Sp. 242
  2. Das Synaxarion - die Leben der Heiligen der Orthodoxen Kirche. In 2 Bänden. Gestützt auf die 6-bändige Ausgabe des Hl. Klosters Simonos Petra. Erster Band. September bis Februar, Kloster des Hl. Johannes des Vorläufers, Chania (Kreta) 2006, ISBN 960-88698-0-3, S. 157–159
  3. Nikolaj Velimirović: Der Prolog von Ochrid. Verlag Johannes A. Wolf, Apelern 2009, ISBN 978-3-937912-04-2, S. 647
  4. Predigt des hl. Johannes von Damaskus zur Entschlafung der Gottesmutter. In: Die großen Feste. Homilien der heiligen Väter. Chania-Verlag, Kreta 2011, ISBN 978-960-98435-3-9
  5. nach anderen Quellen auch 532 oder 533
  6. Franz Schupp: Geschichte der Philosophie im Überblick. Band 2, Christliche Antike und Mittelalter. Meiner Verlag 2013, S. 44: „Anfang des 6. Jhd.s weist Bischof Hypatios von Ephesus (gest. nach 537/38) die Berufung auf sie zurück, mit dem Hinweis, daß sie, wären sie authentisch, auch der Tradition bekannt gewesen wären.“
  7. René Roques: Denys l'Aréopagite (Le Pseudo-). In: Dictionnaire de spiritualité ascétique et mystique. Doctrine et histoire. Band 3, Paris 1957, S. 244–286, hier S. 247
  8. zitiert nach Wolfgang Speyer: Die literarische Fälschung im heidnischen und christlichen Altertum. Ein Versuch ihrer Deutung. (= Handbuch der Altertumswissenschaft. Einleitende und Hilfsdisziplinen. Band I,2). Verlag C.H.Beck, München 1971, ISBN 978-3-406-03388-9, S. 198
  9. Wiebke-Maria Stock: Theurgisches Denken. Zur Kirchlichen Hierarchie des Dionysius Areopagita. (= Transformationen der Antike. Band 4). Verlag Walter de Gruyter, Berlin New York 2008, ISBN 978-3-11-020239-7, S. 4
  10. vgl. De divinis nominibus, kurz DN i, 3
  11. vgl. de mystica theologia, kurz MT i, 3
  12. vgl. MT i,1
  13. vgl. DN v, 9
  14. vgl. DN vii, 3
  15. vgl. MT iii
  16. vgl. z. B. MT iii; DN xiii
  17. vgl. de caelesti hierarchia, kurz CH, iii; MT ii